Corona: Auswirkungen auf Mädchen und Frauen

COVID-19: Was Mädchen und Frauen erwartet

Die Corona-Pandemie und die Maßnahmen, die getroffen werden, um die Ausbreitung zu bremsen, betreffen nahezu alle Menschen auf der ganzen Welt. Am stärksten sind jedoch aufgrund ihres Alters und Geschlechts Mädchen und vor allem junge Frauen betroffen. Nicht nur, weil Frauen häufiger Tätigkeiten ausüben, bei denen sie einem höheren Risiko ausgesetzt sind, sich mit COVID-19 zu infizieren – zum Beispiel im Pflegebereich und Gesundheitswesen. Auch und besonders, weil sich in Krisensituationen ohnehin schon Ungleichheiten und bedrohliche Verhältnisse verschärfen.

Mädchen und junge Frauen sind daher in Krisen einem erhöhten Risiko ausgesetzt, sexualisierte Gewalt zu erleben, gegen ihren Willen verheiratet zu werden und dauerhaft die Schule verlassen müssen. Damit wird ihre Chance auf ein selbstbestimmtes Leben minimiert. Expertinnen und Experten befürchten, dass die Auswirkungen der Pandemie lokal und global die bisher erlangten Fortschritte auf dem Weg zur Gleichberechtigung zum Scheitern bringen. Das ist tragisch, denn Gleichberechtigung ist einer der wirksamsten Faktoren, um Armut nachhaltig zu bekämpfen.

So sind Mädchen und Frauen nicht nur von den akuten Auswirkungen der Corona-Krise am meisten bedroht, sondern werden auch langfristig am meisten unter den Folgen der Pandemie leiden.

"Mädchen sind in einer solchen Ausnahmesituation einem besonders hohen Risiko ausgesetzt, Opfer von Ausbeutung, häuslicher Gewalt und Missbrauch zu werden.“

(Maike Röttger, Vorsitzende der Geschäftsführung, Plan International Deutschland e.V.)

Aufgrund unserer Erfahrungen mit der Ebola-Epidemie in Westafrika in den Jahren 2014 bis 2016 gehen wir davon aus, dass die Corona-Pandemie kurz- und langfristig erhebliche soziale und wirtschaftliche Auswirkungen auf das Leben von Frauen und Mädchen haben wird. Es wird für Frauen und Mädchen schwerer sein, ihre Rechte einzufordern.

Durch die nationalen Lockdowns und die sozialen Kontaktbeschränkungen sind viele Instrumente, die eigenen Rechte einzufordern, derzeit nicht verfügbar: Beispielsweise können keine persönlichen Treffen mit Verantwortlichen, etwa in der Politik, stattfinden, um Forderungen zu adressieren. Veranstaltungen, Kundgebungen und Demonstrationen gibt es derzeit nicht. Ein Austausch mit Gleichgesinnten und die Organisation des eigenen Engagements kann nur online passieren. Gleichzeitig hat sich die allgemeine Aufmerksamkeit der Gesellschaft, Politik und Verwaltung für Themen, die nicht unmittelbar mit der Corona-Krise zu tun haben, extrem reduziert – ebenso wie die Bereitschaft und Kapazitäten von Verantwortlichen, sich für etwas anderes einzusetzen.

Wie viele andere Krisen, wird sich auch die Corona-Krise auf die verschiedenen Geschlechter ganz unterschiedlich auswirken. Eine Behinderung oder die ethnische Zugehörigkeit kann die individuelle Situation noch zusätzlich verschärfen.

COVID-19 und Bildung

In fast allen Ländern der Welt wurden die Schulen aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen. Aktuell gehen rund 1,5 Milliarden Kinder und Jugendliche nicht in die Schule oder die Universität - darunter rund 743 Millionen Mädchen. Während der Schulschließungen ist es für viele Kinder schwer, weiterhin für die Schule zu lernen. Online-Unterricht ist in vielen Regionen nicht möglich, weil es vor allem in ländlichen Gebieten keinen oder nur sehr eingeschränkten Zugang zum Internet gibt. Eltern, die selbst keine Schule besucht haben, fehlt oft das Verständnis für die Wichtigkeit von Schulaufgaben. Insbesondere Mädchen werden daher häufig aufgefordert, zum Einkommen beizutragen oder im Haushalt zu helfen und auf ihre Geschwister aufzupassen, anstatt für die Schule zu lernen. Grund dafür ist das noch in fast allen Ländern vorherrschende traditionelle Rollenverständnis, dass Hausarbeit und Kinderbetreuung Frauensache sei.

Je länger die Schulen geschlossen bleiben, desto höher ist auch das Risiko dass Mädchen minderjährig und gegen ihren Willen verheiratet werden. In einigen Fällen, wenn das Mädchen bereits das Teenageralter erreicht hat, wollen die Eltern dadurch verhindern, dass sie außerehelich schwanger wird und der Familie Schande bereitet.

Doch auch wirtschaftliche Gründe spielen eine wichtige Rolle: Geraten Familien in Not und können selbst nicht mehr alle ihre Kinder ernähren, verheiraten sie die Mädchen, weil sie hoffen, dass diese vom Ehemann besser versorgt werden als zu Hause.  

Eine Schulbildung oder eine Rückkehr in die Schule bleibt diesen Mädchen dann meist verwehrt, weil sie infolge der Heirat oftmals schwanger werden und sich dann um den Haushalt und die Kinder kümmern müssen. Dadurch haben sie kaum noch eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben, denn sie sind von ihrem Ehemann und seiner Familie finanziell abhängig. In den von Ebola stark betroffenen Regionen in Sierra Leona gab es etwa 65 Prozent mehr Schwangerschaften bei Jugendlichen.

COVID-19 und Gewalt

In Krisenzeiten nehmen alle Formen von geschlechtsspezifischer Gewalt zu, dazu gehört aktuell insbesondere die häusliche Gewalt. Denn die gebotenen Schutzmaßnahmen, um die weitere Ausbreitung der COVID-19-Krankheit zu bremsen – insbesondere das „zu Hause bleiben“ und das Vermeiden sozialer Kontakte außerhalb der eigenen Familie beziehungsweise Wohngemeinschaft – isolieren Betroffene zusätzlich und bedeuten verheerende Folgen: Zu Hause können sie sich (und andere) zwar effektiv vor einer Ansteckung schützen, nicht aber vor gewalttägigen Übergriffen innerhalb der Familie. Das gilt auch für Mädchen und Frauen, die solche Erfahrungen bislang nicht machen mussten, denn Ausgangssperren verschärfen nicht nur die Häufigkeit von häuslicher Gewalt, sondern erhöhen auch das Risiko, ein solches Gewaltpotential erst hervorzubringen.

Hinzu kommt, dass die Isolation den Ausstieg aus solchen gewalttätigen Zuständen erschwert, wenn nicht gar verhindert. Der ist in der Regel nur möglich, wenn die Betroffenen Außenstehende auf ihre Situation aufmerksam machen können – zum Beispiel in der Schule, bei Hausbesuchen ausgebildeter Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter oder während organisierter Freizeitaktivitäten. Diese Chancen haben sich aber aufgrund der Kontaktbeschränkungen extrem reduziert.

In Zeiten wirtschaftlicher Not steigt aber auch die Gefahr, dass Mädchen und Frauen sich prostituieren oder anderweitig missbrauchen und ausbeuten lassen (müssen), um überhaupt über die Runden zu kommen.

Video: Welchen Einfluss hat Covid-19 auf Mädchen und Frauen?

COVID-19 und die Verteilung der Arbeit

Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Wirtschaft eines Landes stellen insbesondere benachteiligte Mädchen und Frauen auf eine besonders harte Belastungsprobe.

Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) leisten Frauen weltweit drei Viertel der gesamten unbezahlten Pflegearbeit.

In vielen Ländern herrscht das traditionelle Rollenbild, dass Frauen und Mädchen verantwortlich sind für die Hausarbeit, wie putzen und kochen, sowie für die Betreuung der Kinder und Alten und die Pflege von Kranken. Jetzt, da Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen auf unbestimmte Zeit geschlossen wurden, ist die Arbeitsbelastung um ein Vielfaches erhöht. Die unbezahlte häusliche Pflegearbeit wird stark ansteigen.

Frauen, die in der Grundversorgung eines Landes arbeiten, vor allem im Gesundheitswesen, stehen dabei unter besonders hohem Druck, da in diesem Sektor die Arbeitsbelastung ebenfalls zunimmt.

COVID-19 und die wirtschaftlichen Auswirkungen

Die Wirtschaftskrise, die als Folge der nationalen Lockdowns bevorsteht, wird deutliche Auswirkungen auf die in Armut lebenden Bevölkerungsgruppen haben, insbesondere auf jene Mädchen und Frauen, die bereits in informeller und ungeschützter Arbeit beschäftigt sind oder als Selbstständige arbeiten. Durch die zu erwartende Rezession und die steigende Arbeitslosigkeit werden weltweit mehr Menschen in Armut leben. Dadurch werden Millionen Mädchen und Frauen in Kinderheirat, Menschenhandel und Prostitution getrieben.

Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen auf Frauen während der Ebola-Epidemie in Westafrika in den Jahren 2014 bis 2016 waren unverhältnismäßig stark. Alleinerziehende Frauen waren häufig selbstständig tätig. Viele von ihnen verkauften selbst hergestellte oder erzeugte Waren. Aufgrund der Ausgangssperren in der Ebola-Krise verloren diese Frauen ihre wichtigste Einkommensquelle. Für diejenigen, die ihre Waren in Nachbarländern verkauften, führten die Grenzschließungen zu erheblichen Einkommensverlusten.

Da im Zusammenhang mit COVID-19 ähnliche Maßnahmen wie damals in der Ebola-Krise ergriffen worden sind, können wir davon ausgehen, dass die jetzige Pandemie ähnliche Folgen haben wird. Sind Familien von Armut bedroht, können sie ihre Kinder nicht mehr gesund und ausreichend ernähren. Dieser Mangel an Nahrung kann zu einer dauerhaften körperlichen und geistigen Beeinträchtigung führen. Davon sind insbesondere Mädchen bedroht, da sie zu Hause häufig gegenüber den Jungen stärker benachteiligt werden und beispielsweise nur die übrig gebliebenen Nahrungsmittel zu essen bekommen, nachdem Brüder und Väter gegessen haben. Diese prekäre Ernährungslage wird noch dadurch verschärft, dass viele Kinder und Jugendliche die einzige nahrhafte Mahlzeit des Tages in der Schule erhalten haben, die nun aufgrund der Schulschließungen ebenfalls wegfällt.

Weil nicht nur Schulen und Universitäten, sondern auch Betriebe und Unterneh-men schließen mussten, werden viele junge Menschen ihre Ausbildung nicht ab-schließen können und / oder ihren Arbeitsplatz verlieren. Wenn Arbeitsplätze knapp werden, haben jugendliche Mädchen und Frauen geringere Chancen, eine bezahlte Arbeit zu finden und werden dazu gedrängt, im Haushalt zu arbeiten. Weiter steigt das Risiko, dass sich viele von ihnen in schlecht bezahlten Jobs ausbeuten lassen.

COVID-19 und das Gesundheitswesen

Patriarchalisch geprägte Strukturen und traditionelle Rollenerwartungen schränken in vielen Ländern die Entscheidungs- und Bewegungsfreiheit von Mädchen und Frauen ein – auch in Gesundheitsfragen. Sie haben weniger Zugang zu Sexualaufklärung, Verhütungsmitteln sowie zu Informationen zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit. Häufig werden diese Themen tabuisiert und nicht oder nicht ausreichend in der Schule behandelt. Mädchen und Frauen haben vor allem im ländlichen Raum einen geringeren Alphabetisierungs- oder Bildungsstand im Vergleich zu Männern und Jungen, oft auch einen schlechteren Zugang zum Internet. Deshalb haben sie es oft schwer, sich diese wichtigen Informationen selbst zu beschaffen. Der eingeschränkte Zugang zu Aufklärung und Verhütungsmitteln erhöht auch das Risiko einer HIV-Infektion, von frühen Schwangerschaften und unsachgemäßen Abtreibungen.

Mit dem Fortschreiten der Pandemie wird sich diese Situation noch weiter verschärfen. Die vorherrschenden ungleichen Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern wirken sich während der Krise verstärkt auf die Situation von Frauen und Mädchen aus. Wir rechnen damit, dass sich die medizinische Versorgungslage von Mädchen und Frauen verschlechtern wird. Sie sind in der Regel schlechter ernährt als Männer und deswegen anfälliger für Krankheiten.

Ohnehin schwach ausgestattete Gesundheitssysteme werden zusätzlich mit COVID-19-Erkrankten belastet. Dies erschwert einerseits die gesundheitliche Versorgung aller, die medizinische Betreuung von Schwangeren und Neugeborenen aber im Besonderen. Dadurch besteht die Gefahr, dass sich sowohl die Mütter- als auch die Kindersterblichkeit erhöht. Bei Mädchen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren gehören Schwangerschaften bereits jetzt weltweit zu den häufigsten Todesursachen.

"Mädchen und Frauen in den einkommensschwachen Ländern sind in Gefahr, zu den Leidtragenden der Corona-Krise zu werden – vor allem wenn ungewollte Schwangerschaften und Kinderehen massiv zunehmen.“

(Maike Röttger, Vorsitzende der Geschäftsführung, Plan International Deutschland e.V.)

Was muss passieren?

Besonders wichtig bei der Vermeidung einer schnellen Ausbreitung von COVID-19 ist, dass Frauen und Mädchen, Männer und Jungen an der Entwicklung von Maßnahmen beteiligt werden. So können ihre jeweiligen Bedürfnisse berücksichtigt werden.

Im Bereich Bildung muss beispielsweise die Lernumgebung der Kinder zu Hause berücksichtigt und entsprechend Unterricht zum Beispiel per Radio angeboten werden.

Jugendliche wie Erwachsene müssen Zugang zu Sexualaufklärung und zu Verhütungsmitteln haben. Wichtig ist eine Ausweitung dieser Schutzmaßnahmen, insbesondere der Aufklärung, so dass auch bereits 10 bis 14-jährige Kinder ausreichend informiert und aufgeklärt sind. Dazu sollten zusätzlich elektronische Kommunikationsmittel wie Radio, Fernsehen, Internet und Smartphones genutzt werden.

Die Gesundheitsversorgung mit Angeboten für Schwangere und junge Mütter muss weiterhin gesichert werden.

Bereits laufende Förderprojekte müssen weiterfinanziert werden. Zudem müssen diese Förderprojekte jetzt an die Besonderheiten der Corona-Krise angepasst werden. Dazu gehört auch, dass Finanzierungsvereinbarungen mit öffentlichen Ge-bern flexibilisiert und vereinfacht werden.

Die Zeit nach der Krise darf für Mädchen und Frauen nicht in einer Rückkehr zum vorherigen Status Quo münden – denn dieser bedeutete fehlende Gleichstellung und damit Diskriminierung und Ausgrenzung. Auch wenn die Zukunft für alle ungewiss ist, liegt es an Politik und Gesellschaft, die Welt nach Corona für Mädchen und Frauen gleichberechtigter zu machen: mehr Beteiligung, mehr Einflussmöglichkeiten, mehr Freiheiten, mehr zeitgemäße Rollenbilder.

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