Die von Plan organisierten Informationsveranstaltungen klären über effektive Hygienemaßnahmen auf. © Plan International/Keira Dempsey.
Die von Plan organisierten Informationsveranstaltungen klären über effektive Hygienemaßnahmen auf. © Plan International/Keira Dempsey.
07.05.2020 - von Verena Gresz

Wie COVID-19 das Leben von Mädchen im Flüchtlingscamp in Cox’s Bazar in Bangladesch verändert

Fünf junge Frauen im Kutupalong-Camp erzählen, welche Herausforderungen das Leben mit COVID-19 mit sich bringt und wie sie mit dem neuen Alltag in der Quarantäne umgehen.

Im Kutupalong-Camp im Distrikt Cox’s Bazar nimmt die Angst vor COVID-19 zu. Das Coronavirus ist inzwischen auch in Bangladesch angekommen und verbreitet sich schnell im ganzen Land. Die von der Regierung im April verkündeten Abschottungsmaßnahmen wirken sich auch auf die Versorgungslage der fast eine Million Geflüchteten aus, die fast alle der in Myanmar verfolgten Bevölkerungsgruppe der Rohingya angehören. Die Präventionsmaßnahmen sind im überfüllten Camp kaum umzusetzen, daher scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Krankheit auch hier ausbricht. Doch bereits jetzt bekommen besonders Mädchen und Frauen die Nebenwirkungen der Pandemie zu spüren.


Meghla, 16: “Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben!”

Für gewöhnlich kommt bei der sechzehnjährigen Meghla keine Langeweile auf. Nachdem sie um 05:00 Uhr ihr Morgengebet gesprochen und sich für die Schule fertig gemacht hat, beginnt auch schon bald der Unterricht am Vormittag. Nach Schulschluss besucht sie Freunde, nimmt an den von Plan organisierten Jugendgruppen teil oder leistet Freiwilligenarbeit für die Gemeinde.

Aber in den letzten Wochen hat sich diese Routine komplett verändert. „Seit die Regierung die Abschottungsmaßnahmen beschlossen hat, ist alles anders. Ich kann kaum noch schlafen, weil ich mir die ganze Zeit Gedanken mache, wie es weitergehen soll. Ich habe große Angst, dass das Virus jemanden aus meiner Familie treffen könnte,“ erzählt Meghla.

„Mir ist oft langweilig, gleichzeitig kann ich mich aber zu Hause nicht aufs Lernen konzentrieren. Die meiste Zeit verbringe ich in den sozialen Netzwerken, um nach neuen Informationen über die Entwicklung der Pandemie zu suchen. Bis jetzt gibt es hier in unserer Gemeinschaft noch keine Infektionen, aber inzwischen ist das ganze Land dem Risiko ausgesetzt und wir wissen einfach nicht, wen es wann treffen wird,“ sagt Meghla.

Meghla ist Mitglied des Plan Jugendbeirats in Bangladesh und engagiert sich seit 2018 außerdem für das Union Children’s Forum. Die zusätzliche Zeit, die sie jetzt zur Verfügung hat, nutzt Meghla um darüber nachzudenken, wie sie ihrer Gemeinschaft am besten helfen kann.

„Ich überlege mir, wie ich meinen Nachbarinnen und Nachbarn bestimmte Themen näherbringen kann. Vor der Pandemie habe ich mit ihnen häufig über Themen wie Kinderheirat und effektive Hygiene während der Menstruation gesprochen. Inzwischen versuche ich, gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Aktionsgruppen auch zur Bedeutung des richtigen Händewaschens und anderen Präventionsmaßnahmen aufzuklären. Da wir aber nun nicht mehr raus dürfen, versuchen wir die Leute über die sozialen Netzwerke zu erreichen oder wir rufen sie direkt an. Durch den Aufruf zum Social Distancing ist es deutlich schwieriger, zu den Menschen durchzudringen und dort Unterstützung zu leisten, wo sie gebraucht wird. Erst vor kurzem habe ich von einer neuen Kindesheirat gehört. Ich habe versucht, es zu verhindern und den Fall gemeldet. Aber wegen der Abschottungsmaßnahmen konnten die Behörden nicht rechtzeitig reagieren.

„Aber ich gebe die Hoffnung noch nicht auf. Zusammen mit anderen Mitgliedern des Union Children’s Forums wollen wir die Aufklärungsarbeit unbedingt weiterführen, wenn auch in einem kleineren Rahmen als vorher. Wir haben zum Beispiel angefangen, eine Liste mit den Familien zu führen, die wahrscheinlich am härtesten von einem Ausbruch betroffen wären. Auf diese Weise können wir mit ihnen in Kontakt bleiben und schnell reagieren, wenn es zu einer Notsituation kommt.“

Rebeka. “Wir wissen, wie wichtig das Händewaschen ist. Was uns fehlt, ist Seife.”

Auch Rebekas Schule ist seit dem 18. März geschlossen. In der vielen Zeit zu Hause konzentriert sie sich so gut es geht auf ihre Hausaufgaben und hilft ihrer Mutter bei den täglichen Erledigungen.

 

„Für mich ist es nicht einfach, alleine zu lernen. Besonders in Fächern wie Mathe, Physik oder Chemie habe ich oft Fragen und mir fehlt der persönliche Austausch mit den Lehrenden. Deshalb mache ich mir große Sorgen um meine Ausbildung. Ich kann auch nicht raus, um mit meinen Mitschülerinnen und Mitschülern zu lernen. Ich habe gehört, dass die Regierung Fernunterricht angeordnet hat, der über das Fernsehen übertragen werden soll. Aber die meisten meiner Freunde wissen davon gar nichts,“ erzählt Rebeka.  

 

“Eine andere Herausforderung ist die tägliche Hygiene. Für uns Mädchen ist es momentan schwierig, an Hygieneprodukte zu kommen. Oft müssen wir improvisieren und alte Kleidungsstücke als Binden verwenden. Auch die Gesundheitszentren bieten keine Sprechstunden mehr an.”

 

Rebeka gehört zum Jungendforum in ihrer Gemeinschaft: „Ich rede ständig mit meiner Familie, meinen Freunden und auch Nachbarn darüber, wie wichtig es ist, jetzt zu Hause zu bleiben, Masken zu tragen und sich regelmäßig die Hände mit Seife zu waschen. Wir alle verstehen die Bedeutung der Maßnahmen. Woran es uns jedoch fehlt, sind Masken, Binden und Seife.“

 

Rujina, 19: “Wann geht das normale Leben wieder los?”

Die neunzehnjährige Rujina ist seit ein paar Monaten verheiratet und erwartet nun ihr erstes Kind. Ihr Ehemann hat durch den Lockdown seine Arbeit verloren und weiß nicht, wie er seine Familie in der Zukunft ernähren kann.

Rujina hörte von der COVID-19-Pandemie zuerst von ihren Nachbarn. Der ganzen Familie bereitet die Situation große Sorgen. In der Schwangerschaft bräuchte Rujina eigentlich besonders nährstoffreiche Nahrung und müsste regelmäßig zum Arzt, der aber vorerst keine Sprechstunden anbietet. Auch Hausbesuche sind momentan nicht möglich. 

Die Isolation bedeutet auch, dass Rujina nicht wie gewöhnlich das Gespräch mit ihren Nachbarn suchen kann. Auch wenn ihr Mann und ihre Schwiegermutter ihr im Haushalt helfen, werden die Tage zu Hause oft lang. 

“Wir hatten etwas Geld gespart. Davon leben wir jetzt. Lange wird es nicht reichen. Ich weiß nicht, was wir dann machen sollen. Wir haben Essensvorräte für ein paar Tage, mehr nicht. Seit ein paar Wochen ernähren wir uns von selbst angebautem Gemüse in unserem Garten. Wir hoffen darauf, dass die Regierung die Reispreise in unserer Gemeinschaft senkt, damit wir etwas länger über die Runden kommen,” erzählt Rujina.

In den ersten Vorsorgeuntersuchungen habe ich gelernt, dass es schwangeren Frauen guttut, wenn sie Stress und unnötige Anstrengung bis zur Geburt vermeiden. Aber jetzt bin ich zu Hause eingesperrt und lebe in ständiger Angst. Ich weiß nicht, wann die Krise vorbei sein wird. Wann geht das normale Leben wieder los?“, fragt Rujina.

Kawsara, 15: “Wir müssen alle umdenken, um uns zu schützen”

Die fünfzehnjährige Kawsara hat zum ersten Mal in einer von Plan International organisierten Informationsveranstaltung zum Thema Hygiene von dem Coronavirus und seiner globalen Ausbreitung gehört. „Ich habe gelernt, wie ich durch richtiges Händewaschen und Social Distancing das Risiko einer Ansteckung klein halten kann. Außerdem habe ich Tipps zum Umgang mit Kindern in der Krise bekommen, die mir helfen, besser auf meinen kleinen Bruder aufzupassen.“

“Das Leben im Camp war schon vorher nicht gerade aufregend. Aber jetzt müssen wir den ganzen Tag in unseren Zelten bleiben. Wir dürfen nicht einmal in die Nähe der benachbarten Menschen kommen.”

“Mit den richtigen Hygienepraktiken wie dem Händewaschen kennen wir uns inzwischen gut aus. Aber wir brauchen dringend Seife, Gesichtsmasken und saubere Handtücher, um uns tatsächlich schützen zu können. Wo bekommen wir die her? Auch der Aufruf zum Social Distancing ist in unseren dicht bewohnten Gemeinschaften kaum umzusetzen.”

Kawsara gehört zu einem von Plan International organisierten Jugendclubs – dem Mixed Rainbow Club. Normalerweise würde sie regelmäßig an Treffen teilnehmen. Doch trotz der Ausgangssperre überlegt Kawsara, wie sie und die anderen Mitglieder ihren Gemeinschaften helfen können.

„Auch wenn wir uns gerade nicht treffen dürfen, versuchen wir, uns zu organisieren und zum Beispiel Informationen zu effektiven Hygienemaßnahmen weiter zu verbreiten. Wir tauschen uns aus, wie wir die Maßnahmen verbessern können. Wir alle müssen umdenken, um uns schützen zu können.“

Habiba, 24; “Im Camp gehen falsche Gerüchte um”

Normalerweise bietet Habiba (24) als Mitglied im Jugendclub von Plan International regelmäßig Trainingsstunden an. Doch auch wenn der Club schließen musste, hat Habiba alle Hände voll zu tun. Sie kümmert sich um Familienmitglieder, die in der Krise Unterstützung brauchen und engagiert sich weiter für ihre Gemeinschaft.

Sie hat bemerkt, dass das Coronavirus ihre Mitmenschen beunruhigt. „Das Problem ist, dass viele keinen Zugang zu den allgemeinen Medien, Internet oder anderen Informationsquellen haben. Sie können sich nicht richtig über die COVID-19-Pandemie informieren und glauben schnell Gerüchten, die sich im Camp verbreiten. Solche Gerüchte verbreiten Unsicherheit und haben einen negativen Effekt auf das alltägliche Leben.“

Jetzt wo Habibas Jugendclub geschlossen hat, steht ihr viel Zeit zur Verfügung, die sie nutzt, um Freiwillige zu motivieren, mit ihr zusammen psychologische Unterstützung und offizielle COVID-19-Informationsveranstaltungen anzubieten. 

„Jeden Tag stehe ich ein paar Stunden für Fragen zur Verfügung. Während dieser Sprechzeiten leiste ich seelische Unterstützung und kläre über die aktuelle Lage auf. Ich bekomme die Informationen direkt von Plan International und ihren Partnerorganisationen telefonisch oder als Textnachricht.“

Habiba macht in ihrer Gemeinschaft Hausbesuche, um über die Bedeutung von effektiven Hygienemaßnahmen wie dem Händewaschen und dem Tragen von Masken aufzuklären. „Die Informationen helfen den Menschen. Sie sind jetzt weniger verunsichert, weil sie mehr über das Virus wissen. Dennoch brauchen wir dringend eine bessere Versorgung mit Produkten wie Seife und Masken, um unser Wissen auch umsetzen zu können,“ erzählt Habiba.

Habiba macht sich außerdem Sorgen um den Schutz von Mädchen und jungen Frauen im Camp und versucht, auch für sie eine Ansprechpartnerin bei Problemen zu sein. „Bis jetzt habe ich noch von keiner Gewalt gegen Mädchen und Frauen oder einer Kinderheirat in unserer Gemeinde gehört,“ sagt sie. „Es ist aber wichtig, dass es jemanden gibt, zu dem Betroffene Kontakt suchen können, wenn ein solcher Fall eintritt“


Interessant? Weitersagen: