Ein afrikanisches Mädchen mit leuchtend blauem Kopftuch steht vor einer halbhohen Mauer aus Lehm und Stein, im Hintergrund sieht man einige Hütten aus ihrem Dorf.
Über 800 heranwachsende Mädchen in Mali und Burkina Faso wurden für den neuen "Mädchen in Krisenregionen"-Bericht zu ihrer Lebenssituation befragt. © Plan International/ Ilvy Njiokiktjien
18.06.2020 - von Claudia Ulferts

Neuer Plan-Bericht zur Situation von Mädchen in der Sahel-Krisenregion

„Eine ganze Frauengeneration wird ihrer Zukunft beraubt“

Flucht, Armut und Diskriminierung lassen heranwachsende Mädchen in Mali und Burkina Faso zu lebenslangen Verliererinnen werden. Das ist das Ergebnis des neuen Berichtes „Heranwachsende Mädchen in Krisenregionen: Stimmen aus der Sahelzone“, den die Kinderrechtsorganisation Plan International am 20. Juni 2020 veröffentlicht. Über 800 heranwachsende Mädchen in beiden westafrikanischen Ländern wurden zu ihrer Lebenssituation befragt. Sie erzählen von tief sitzender Angst vor Gewalt und Terror, Sehnsucht nach Frieden und der Sorge, aufgrund von Armut von ihren Vätern frühverheiratet zu werden. Ihr größter Wunsch ist, wieder die Schule besuchen zu dürfen.

„Ein Drittel der interviewten Mädchen in Mali und Burkina Faso hat nicht länger als ein Jahr oder sogar niemals eine Schule besucht“, sagt Maike Röttger, Vorsitzende der Geschäftsführung von Plan International Deutschland. „Durch die exzessive Zunahme von Vertreibung, Gewalt und Terror – vor allem auch gegen Bildungseinrichtungen – wurden in den letzten Jahren Tausende Schulen geschlossen oder sind von bewaffneten Kräften besetzt. Eltern halten ihre Töchter auch aus Angst um deren physische Sicherheit zuhause, statt sie zur Schule zu schicken. Durch die Covid-19-Pandemie können in der Sahelzone vier Millionen weitere Mädchen nicht zur Schule gehen. Das ist eine Katastrophe, denn Schulen sind wichtige Schutzräume, in denen Mädchen neben Bildung erfahren, wie sie Zugang zu modernen Verhütungsmitteln bekommen. Sie können sich dort auch vernetzen und bekommen Unterstützung, wenn ihnen zum Beispiel Frühverheiratung droht. Eine ganze junge Frauengeneration wird gerade ihrer Zukunft beraubt.“

Die Befragung der Mädchen ergab, dass alle Lebensbereiche – von der Frage, wen sie heiraten, über den Schulbesuch bis hin zum Zugang zu Diensten der sexuellen und reproduktiven Gesundheit – von den Vätern oder den Gemeindevorständen kontrolliert werden. Das ist vor allem im krisengeschüttelten Mali der Fall. Das Land hat eine der weltweit höchsten Frühverheiratungsraten. Jedes zweite Mädchen heiratet minderjährig, knapp jedes fünfte ist bei Beginn der Ehe noch keine 15 Jahre alt. Das führt dazu, dass auch die Mütter- und Kindersterblichkeit zu den höchsten der Welt zählt. Als Grund für Frühverheiratung gaben Erwachsene wie Mädchen an, dass es die Familienehre gefährden könne, wenn Mädchen vor der Ehe sexuell aktiv würden.

Maike Röttger: „Durch vorherrschende Geschlechternormen und Machtverhältnisse werden Mädchen und Frauen in der Sahel-Region traditionell diskriminiert. Die zunehmende Gewalt in der Region sowie die Folgen der Covid-19-Pandemie drängen sie nun noch weiter an den Rand der Gesellschaft, berauben sie grundlegender Menschenrechte. Die Bundesregierung muss Mädchen und Frauen in den Fokus ihres humanitären Engagements in der Sahelzone rücken und hierfür sowie für die gesamte vergessene Krise in der Region ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung stellen. Auch müssen Mädchen und Frauen bei der Erstellung, Umsetzung und Evaluierung von Maßnahmen und Prozessen beteiligt werden.“

Der Konflikt in der Sahelzone ist langanhaltend und komplex. Hauptgründe sind islamistischer Terror, ethnische Spannungen, anhaltende Dürre, politische Instabilität sowie zuletzt die Folgen der Covid-19-Pandemie. In den letzten zwölf Monaten ist die Zahl der Vertriebenen in Burkina Faso auf 848.329 Personen gestiegen und hat sich damit verzehnfacht. In Mali selbst gibt es über 239.000 Vertriebene. Zudem sind 3,7 Millionen Menschen in der Region von Ernährungsunsicherheit bedroht. Viele leiden an Hunger. Deutschland hat 2019 nur 1,2 Prozent seiner humanitären Gelder für diese vergessene Krise bereitgestellt.

Plan International veröffentlicht seit Jahren Berichte zur Situation von Mädchen in Krisenregionen, zum Beispiel in der Tschadsee-Region, in Südsudan oder im libanesischen Beirut. In den „Girls in Crisis“-Reports berichten Mädchen ausführlich über ihre Lebenssituation. Die Kinderrechtsorganisation hat den Schutz von Mädchen in Krisenregionen zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit gemacht. Ein Teil der Nothilfemaßnahmen in Krisenregionen ist speziell auf die Bedürfnisse von Mädchen ausgerichtet, zum Beispiel psychosoziale Betreuung, die Schaffung sicherer Waschgelegenheiten und Aufklärungsarbeit zu häuslicher Gewalt oder sexueller Gesundheit. Am 20. Juni ist Welt-Flüchtlingstag.


Den (englischsprachigen) Bericht „Adolescent Girls in Crisis: Voices from Sahel“ und Fotos finden Sie in unserem Pressebereich "Mädchen in Krisenregionen"

Pressekontakt

Plan International Deutschland e.V., Kommunikation, Bramfelder Str. 70, 22305 Hamburg
• Alexandra Tschacher, Leiterin des Presseteams, Tel. 040 607716-278
• Claudia Ulferts, Pressereferentin, Tel. 040 607716-267, presse@plan.de

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