Weibliche Beschneidung weltweit stoppen
Plan International setzt sich sowohl in den Herkunftsländern als auch in Deutschland für die Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung ein. © Plan

Gemeinsam gegen weibliche Genitalverstümmelung

UNICEF zufolge sind weltweit mehr als 200 Millionen Mädchen und Frauen von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen – die meisten von ihnen leben in Afrika und im Mittleren Osten sowie in Indonesien. Wenn der Trend sich nicht ändert, sind 30 Millionen Mädchen potentiell gefährdet, vor ihrem 15. Geburtstag beschnitten zu werden. Die Mehrheit der Mädchen und Frauen in praktizierenden Ländern sprechen sich aber für die Abschaffung der weiblichen Genitalverstümmelung aus.

Definition und gesellschaftlicher Kontext

Die weibliche Genitalverstümmelung (englisch: Female Genital Mutilation/ FGM) umfasst alle Verfahren, die die teilweise oder vollständige Entfernung der weiblichen äußeren Genitalien oder deren Verletzung zum Ziel haben, sei es aus kulturellen oder anderen nicht-therapeutischen Gründen.  Das Alter der Mädchen variiert stark. Die meisten sind zwischen sechs und 13 Jahren alt, die Alterspanne reicht jedoch von wenigen Monate alten Säuglingen bis hin zu erwachsenen Frauen.

Die Länder mit dem höchsten Anteil an 15- bis 49-jährigen Mädchen und Frauen, die beschnitten wurden, sind: Somalia (98%), Guinea (97%), Dschibuti (93%), Sierra Leone (90%), Mali (89%), Ägypten, Sudan (jeweils 87%), Eritrea (83%). In geringem Umfang kommt die Genitalverstümmlung auch in Asien vor. Aufgrund von Migration leben Betroffene und Gefährdete mittlerweile auch in der Europäischen Union, den USA, Kanada und anderen Einwanderungsländern.

Begriffsnutzung

Wir von Plan International  Deutschland benutzen sowohl den Begriff „weibliche Genitalverstümmelung“ als auch „weibliche Genitalbeschneidung“. Im Rahmen der Programmarbeit und in der Kommunikation mit den Betroffenen verwenden wir, sofern dies von den Mädchen, Frauen und Gemeinden gewünscht wird, den Begriff der "Beschneidung". Für uns stellt diese Praxis jedoch eine gravierende Menschenrechtsverletzung an Mädchen und Frauen dar, die konsequent bekämpft werden muss. Um das Schweigen über dieses gewaltsame Ritual zu brechen und auf politischer Ebene Unterstützung für die Beendigung dieser Praktik zu finden, sprechen wir in diesem Zusammenhang bewusst von „Verstümmelung“.

Gründe für weibliche Beschneidung

Die Gründe, die zur Rechtfertigung weiblicher Genitalverstümmelung angegeben werden, sind sehr zahlreich. Für viele praktizierende Gemeinden ist Genitalverstümmelung eine Tradition, die tief in ihrer Gesellschaft verankert ist und in manchen Regionen seit über 5.000 Jahren praktiziert wird. Sie symbolisiert häufig den Eintritt der Mädchen in das Erwachsenenalter und ist eng mit der gesellschaftlichen Anerkennung als erwachsene Frau verknüpft. Vielfach gilt nur eine beschnittene Frau als heiratsfähig. Weibliche Genitalverstümmelung ist eine kulturelle Tradition und keine religiöse Vorschrift. Weder im Koran noch in der Bibel finden sich Belege hierfür, sondern die Anhänger unterschiedlichster Relgionen (Christentum, Islam, lokale Religionen) praktizieren sie.

Folgen weiblicher Genitalverstümmelung

Auch wenn sich Verbreitung, Ausmaß und sozio-kulturelle Bedeutung der Praktik erheblich unterscheiden: Alle Formen sind irreversibel und sowohl unmittelbar als auch langfristig mit seelischen und körperlichen Beeinträchtigungen verbunden. Die weibliche Genitalverstümmelung wird in der Regel ohne Narkose durchgeführt.

Neben akuten Komplikationen wie Blutverlust, Kollaps, Infektionen und Schmerzen sind schwere Schädigungen der reproduktiven und sexuellen Organe, die erhöhte Gefahr einer HIV-Infektion, vermindertes sexuelles Empfinden und psychische Störungen als Langzeitfolgen bekannt. In extremen Fällen kann der Eingriff zum Tod führen.

Für Eltern ist der soziale Druck, ihre Töchter beschneiden zu lassen, oft immens groß. Nicht beschnittene Mädchen werden in den Gemeinden stark stigmatisiert. Sie gelten als unrein, werden häufig nicht geheiratet und manchmal sogar von der Gemeinschaft verstoßen. 

Die Mütter wissen zwar durch eigene leidvolle Erfahrung, welchen Qualen ihre Töchter ausgesetzt sein werden. Doch nehmen sie diese in Kauf, um ihre Töchter vor einer Stigmatisierung zu schützen. Viele Frauen sehen die Genitalverstümmelung auch als Initiationsritus, um die Mädchen auf das Leiden im Leben einer Frau vorzubereiten.

Die weibliche Genitalverstümmelung wird in der Regel von Frauen durchgeführt. In einigen Ländern wie Benin oder Ägypten gibt es jedoch auch männliche Beschneider. Die Beschneiderinnen sind zumeist ältere Frauen oder Hebammen. Sie geben seit Generationen ihr Wissen mündlich weiter. Dazu gehören auch Kenntnisse über heilende Kräuter oder überlieferte Geschichten und Mythen. Beschneiderinnen genießen meist ein hohes soziales Ansehen in ihrem Umfeld.
Als Beschneidungsinstrumente werden verschiedenste Utensilien wie Scheren, Skalpelle, Glasscherben, Rasierklingen, spezielle Messer oder Deckel von Konservendosen verwendet. Da die hygienischen Bedingungen, die Lichtverhältnisse und vor allem das medizinische Wissen der Beschneiderinnen vielfach schlecht sind, werden mittlerweile mehr als 18 Prozent aller Beschneidungen von Gesundheitspersonal durchgeführt.



Ja, ich möchte weibliche Genitalbeschneidung stoppen!



Rechtslage

Internationale Abkommen

FGM verletzt das Recht von Mädchen und Frauen auf körperliche Unversehrtheit, auf sexuelle Selbstbestimmung, auf Schutz vor Gewalt und Diskriminierung. Damit verstößt sie gegen verschiedene internationale Abkommen, die von den meisten Staaten unterschrieben wurden.

Im Zusatzprotokoll für Rechte von Frauen im Rahmen der „Afrikanischen Charta der Rechte der Menschen und Völker“ haben sich 37 von 54 Mitgliedsstaaten der Afrikanischen Union zur Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung bekannt.

Situation in Deutschland

Genaue Zahlen, wie viele von Genitalverstümmelung betroffene Mädchen und Frauen in Deutschland leben, liegen nicht vor. Terre des Femmes führt eine Dunkelzifferstatistik zu FGM in Deutschland. Demnach sind über 35.000 Mädchen und Frauen betroffen und weitere 6.000 gefährdet. Für Hamburg konnte eine von uns beauftragte Studie zeigen, dass mindestens 30 Prozent der Migrantinnen aus praktizierenden Ländern von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen sind. Es konnte nicht nachgewiesen werden, dass Mädchen in Hamburg beschnitten werden. Für einige von ihnen besteht jedoch die Gefahr, während eines Aufenthalts im Heimatland der Eltern dem Ritual ausgesetzt zu werden.

Typen weiblicher Genitalverstümmelung

  • Typ I: Partielle oder vollständige Entfernung der Klitoris und/ oder der Klitorisvorhaut (Klitoridektomie)
  • Typ II: Partielle oder vollständige Entfernung der Klitoris und der kleinen Schamlippen, mit oder ohne Entfernung der großen Schamlippen (Exzision)
  • Typ III: Verengung der Vaginalöffnung mit Herstellung eines bedeckenden, narbigen Hautverschlusses nach Entfernen der kleinen und/oder großen Schamlippen durch Zusammenheften oder -nähen der Wundränder, meistens mit Entfernung der Klitoris (Infibulation oder „Pharaonische Beschneidung“)
  • Typ IV: Alle anderen schädigenden Eingriffe, die die weiblichen Genitalien verletzen und keinem medizinischen Zweck dienen, zum Beispiel: Einstechen, Durchbohren, Einschneiden, Ausschaben, Ausbrennen oder Verätzen, Dehnen

Das macht Plan

Wir von Plan International setzen uns sowohl in den Herkunftsländern als auch in Deutschland für die Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung ein. 

Plan International Deutschland hat in den letzten acht Jahren Projekte gegen weibliche Genitalverstümmelung in Ägypten, Äthiopien, Burkina Faso, Guinea, Guinea-Bissau, Mali und Sierra Leone finanziert – dies teilweise auch mit Unterstützung der Europäischen Union. Alle Projekte gegen weibliche Genitalverstümmelung werden in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern durchgeführt, die die regionalen Besonderheiten kennen und ihre Methoden daran anpassen. Um nachhaltige Erfolge zu sichern, integrieren  wir von Plan International das Thema weibliche Genitalverstümmelung in umfassende Programme zu Gesundheit, Bildung, Familienplanung und Stärkung der Frauen.

Die Projekte führen wir in Partnerschaft mit den Gemeinden durch. Wir setzen in unserer Arbeit auf Aufklärung, Diskussionen und Weiterbildungen der Gemeinden über Menschen-, Frauen- und Kinderrechte. Zusammen mit lokalen Organisationen, Jugendclubs, Journalistinnen und Journalisten informieren wir in den Gemeinden über die schweren Folgen der weiblichen Genitalverstümmelung. In Schulungen erfahren Lehrkräfte, Hebammen, Gesundheitspersonal und Angehörige der Justiz, wie sie sich in ihren jeweiligen Arbeitsbereichen für die Abschaffung der Genitalverstümmelung einsetzen können. So entwickeln sie Aktionspläne, wie beispielsweise Lehrkräfte das Thema kindgerecht in den Unterricht integrieren oder Schwangere und Mütter im Rahmen ihrer Gesundheitsvorsorge aufgeklärt werden können. Weiterhin machen wir auf vorhandene Gesetze aufmerksam und setzen uns dafür ein, dass diese in der Praxis auch umgesetzt werden.

In Guinea setzen wir uns zum Beispiel seit 2007 für die Abschaffung der weiblichen Genitalverstümmelung ein. Aufklärungsarbeit, Dialogveranstaltungen und die Einführung alternativer Initiationsriten tragen dazu bei, dass mehr Mädchen vor der Verstümmelung geschützt werden und dass Gemeinden sich bereit erklären, mit diesem Ritus zu brechen. In Schulungen wird über die schweren gesundheitlichen und seelischen Folgen der Beschneidung informiert. Da es bisher im Projektgebiet kaum Beratungsangebote gibt, an die sich Mädchen und Frauen, die von FGM betroffen sind, wenden können, richten wir zusammen mit unseren Partnern Beratungsstellen in den Gemeinden ein. Radiobeiträge in unterschiedlichen Landessprachen informieren über die Praktik und ihre Folgen.

Von 2011 bis 2016 setzten wir deshalb das von der EU kofinanzierte Projekt "CHANGE" in Hamburg um. Hier wurden Schlüsselpersonen aus betroffenen afrikanischen Communities zu Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ausgebildet. Diese klärten anschließend die Mitglieder ihrer Communities über die rechtlichen, kulturellen, religiösen, sozialen und gesundheitlichen Dimensionen von FGM auf und setzten sich dafür ein, dass diejenigen, die FGM befürworten, ihre Einstellungen und ihr Verhalten ändern. Sie überzeugten Entscheidungsträgerinnen und -träger, wie religiöse Autoritäten, dass es sich lohnt, die Rechte der Mädchen und Frauen zu stärken. Über Netzwerkarbeit und den politischen Dialog verbesserten sie das thematische Verständnis und die Rahmenbedingungen, die Mädchen und Frauen nachhaltig vor weiblicher Genitalverstümmelung schützen.

Seit Januar 2016 läuft die zweite Phase des Projekts unter dem Namen „CHANGE Plus“. Bis 2018 soll das Multiplikatoren-System weiter gefestigt und in seiner Nachhaltigkeit gestärkt werden. Auf lokaler und nationaler Ebene wird verstärkt mit politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger gearbeitet. Zudem werden sich die CHANGE-Agents mit Teilnehmenden aus Projekten in Mali und Burkina Faso austauschen.

Wir von Plan International Deutschland engagieren uns zudem beim "Hamburger Runden Tisch gegen weibliche Genitalverstümmelung" und im bundesweiten Netzwerk gegen Genitalverstümmelung INTEGRA, dem über 30 Nichtregierungsorganisationen angehören.

Die Gesetzeslage

Wegen der Schwere der Rechtsverletzung wurde im September 2013 mit § 226a StGB ein Spezialstraftatbestand geschaffen, der die Verstümmelung weiblicher Genitalien als Verbrechen einstuft und mit Freiheitsstrafen zwischen ein und 15 Jahren ahndet. Betroffene Frauen können die Tat bis zu ihrem 41. Lebensjahr zur Anklage bringen, da die Verjährung nach § 78 StGB bei weiblicher Genitalverstümmelung erst ab dem 21. Lebensjahr der Betroffenen beginnt und 20 Jahre beträgt. Seit Anfang 2015 ist die Genitalverstümmelung auch strafbar, wenn das betroffene Mädchen im Ausland beschnitten wird, ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt aber in Deutschland hat (§5, Nr. 9a StGB). Nach dem Zuwanderungsgesetz von 2005 ist der Flüchtlingsschutz für Opfer geschlechtsspezifischer Verfolgung angepasst worden. Die Bedrohung einer Genitalverstümmelung ist im Asylverfahrensgesetz als Fluchtgrund anerkannt.

Durch die Aufnahme der vier FGM-Typen in den medizinischen Diagnoseschlüssel im Jahr 2014 können die Folgekosten von FGM mittlerweile bei den Krankenkassen abgerechnet werden. Für viele betroffene Frauen, die in Deutschland leben, bedeutet es aber eine große Überwindung zum Arzt zu gehen. Oft sind ihnen die Zusammenhänge zwischen den aktuellen Gesundheitsproblemen und der viele Jahre vorher erlittenen Genitalverstümmelung nicht bewusst. Sprachschwierigkeiten und Unkenntnis ihrer Rechte erschweren die Lage. Viele Ärztinnen und Ärzte haben zudem wenig bis gar keine medizinischen Fachinformationen über dieses Thema. Dies erschwert eine auf FGM abgestimmte Medikation und Behandlung.

Helfen Sie mit einer Patenschaft

Mit der Übernahme einer Patenschaft unterstützen Sie Plans Arbeit zur Umsetzung der Kinderrechte und für die Verbesserung der Lebensbedingungen von benachteiligten Mädchen und Jungen weltweit. Hierzu gehört auch der Schutz vor Gewalt und vor Kinderrechtsverletzungen wie die Genitalverstümmelung. Trotzdem kann Plan nicht garantieren, dass jedes Patenkind in vollem Umfang seine Rechte wahrnehmen kann. Da weiterhin die Eltern für ihre Kinder verantwortlich sind, können sie trotz Plans Aufklärung entsprechende Entscheidungen – wie eine Beschneidung – treffen.

Um die Würde und die Privatsphäre der Mädchen und Frauen zu wahren, werden Fragen zu einem möglichen Eingriff beim Patenkind nicht an die Familien weitergeleitet, und können daher auch nicht beantwortet werden.



Ja, ich möchte Kinder schützen!



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