Ein Mädchen steht mit den Händen in die Hüften gestemmt vor einem Rathaus.
04.10.2022 - von Sascha Balasko

Welt-Mädchenbericht 2022 von Plan International: Mädchen brauchen mehr Chancen in der Politik

Kinderrechtsorganisation befragt 29.000 Mädchen in 29 Ländern

In Deutschland klafft eine große Lücke zwischen der hohen Bedeutung, die politischem Engagement zugeschrieben wird, und dem tatsächlichen Wunsch, selbst in der Politik aktiv zu sein. Das zeigt der aktuelle Welt-Mädchenbericht „Equal Power Now", für den 29.000 Mädchen und junge Frauen in 29 Ländern zu politischer Teilhabe befragt wurden – darunter auch 1.000 Teilnehmerinnen aus Deutschland. Danach sagten zwar 95 Prozent der Befragten in Deutschland, sie hielten es für wichtig, sich politisch zu engagieren. Dagegen können es sich nur 14 Prozent vorstellen, selbst Politikerin zu werden. Noch geringer fällt das Interesse aus, das Amt einer Regierungschefin zu übernehmen: Nur für sieben Prozent kommt das überhaupt in Frage.

Damit liegt Deutschland unter dem internationalen Durchschnitt der aktuellen Befragung von Plan International, die sich mit der Frage beschäftigt, welche Möglichkeiten der politischen Teilhabe Mädchen und junge Frauen weltweit haben. Weltweit haben 20 Prozent der befragten Mädchen und jungen Frauen angegeben, Regierungschefin auf Länder- bzw. Regionalebene werden zu wollen. Immerhin fast ein Viertel kann sich vorstellen, sich in ein Parlament wählen zu lassen – zehn Prozentpunkte mehr als in Deutschland.

Einen großen Unterschied gibt es auch beim zivilgesellschaftlichen Engagement in einer Gruppe oder Organisation: Während international 63 Prozent entsprechende Aktivitäten angeben, sind es in Deutschland nicht einmal die Hälfte der Befragten. Dazu passt auch, dass nur etwas mehr als die Hälfte aller Befragten der Ansicht ist, Frauen würden in führenden politischen Positionen akzeptiert. Darüber hinaus sagen 21 Prozent der befragten Mädchen in Deutschland, sie glaubten, nicht genug von Politik zu verstehen. Dies halte sie davon ab, sich zu engagieren. Global sind es nahezu 30 Prozent.

Kathrin Hartkopf, Sprecherin der Geschäftsführung von Plan International Deutschland: „Mädchen und junge Frauen werden unterbewertet und unterschätzt. Sie werden von den Entscheidungen ausgeschlossen, die sie zu Hause, in der Schule, in der Gemeinde und in der Politik betreffen. Dabei ist es wichtig, dass sie jede Unterstützung bekommen, die sie brauchen, um sich zu organisieren, andere zu mobilisieren und sicherzustellen, dass sie und ihre Organisationen die Zukunft ihrer Gemeinden und Länder mitgestalten können.“

Sie fordert politische Entscheidungsträger:innen auf, deren Beteiligung sehr viel stärker voranzutreiben: „Es ist unumgänglich, dass die Stimmen von Mädchen und jungen Frauen in ihrer ganzen Vielfalt gehört werden, denn sie wissen selbst am besten, was sie brauchen. Sie haben dieselben Grundrechte, sind wichtig für die Gestaltung der Politik und der Entscheidungen, die ihr Leben bestimmen. Damit sind sie essenziell für die Verwirklichung der Gleichstellung der Geschlechter.“ So sagen etwa zwei Drittel der Befragten in Deutschland und global, dass Frauen in die Politik gehen sollten, um die Situation von Mädchen und Frauen zu verbessern.

Der Report zeigt auch, dass sich Mädchen und junge Frauen nicht ausreichend repräsentiert fühlen. Nur zehn Prozent der Befragten in Deutschland sagen, dass sie zufrieden mit den Entscheidungen von Politiker:innen zu Themen sind, die sie bewegen. Das sind vor allem Krieg und Konflikte, Gewalt, Klimawandel und Armut. Rund die Hälfte aller Befragten gibt an, das Vertrauen in Politiker:innen verloren zu haben. Offenbar führt das nicht nur zu einer geringen Beteiligungsquote, sondern auch zu einer Abkehr von der Politik bei denjenigen, die sich engagieren. So gibt hierzulande jede Fünfte an, dass sie aufgehört habe, sich zu engagieren. Global ist es sogar bereits jede Dritte.

„Die Befragung hat gezeigt, dass Mädchen aufgrund ihres Alters und ihres Geschlechts davon abgehalten werden, sich an der Politik zu beteiligen“, sagt Kathrin Hartkopf. „Als junge Menschen werden sie als zu unreif abgetan. Und als Mädchen oder Frauen werden sie durch Geschlechterstereotypen und herrschende Ungleichheiten zurückgehalten. Ihnen fehlen laut der Umfrage auch passende Vorbilder.“ Gleichzeitig geben etwa 40 Prozent aller Befragten an, dass das Handeln von Politiker:innen Stress, Angst und Sorge verursache. Zudem machten politische Geschehnisse traurig und mutlos. Das sagten 43 Prozent der Mädchen in Deutschland und immerhin noch gut ein Drittel global.

Die Zusammenfassung des Welt-Mädchenberichts „Equal Power Now“ mit den wichtigsten Ergebnissen finden Sie hier.


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