© May Evers
19.06.2019 - von May Evers

Verdammt harte Arbeit für die grundlegendsten Dinge des Lebens

Plan-Mitarbeiterin May hat unser Wasser-Projekt in Ghana besucht und dort so einiges erlebt. Ihre Eindrücke von der Reise schreibt sie in diesem Blog.

 

Meine erste Reise nach Ghana führt mich in ein kleines Dorf der Provinz Eastern zu einem Plan-Projekt für sauberes Wasser und Sanitäranlagen.


Ein Filmteam soll eine Dokumentation über das Projekt drehen und ich muss darauf achten, dass der Drehplan eingehalten wird, Motive diskutieren, Interviews führen, Hühner und Ziegen verjagen und einiges mehr. Wir haben einen straffen Zeitplan, aber ein bisschen Zeit, um mit den Menschen unserer Projekt-Gemeinde zu sprechen, bleibt mir trotzdem.

In Ghana ist gerade Trockenzeit, also die heißeste Zeit im Jahr: 32 Grad im Schatten, 98 Prozent Luftfeuchtigkeit. Für uns schwer auszuhalten, aber die Menschen in Ghana sagen uns, dass wir Glück hätten - es sei außergewöhnlich kühl für diese Jahreszeit. Also - wie so Vieles - eine Frage der Perspektive.

So beispielsweise auch der Transport von Dingen: Frauen tragen alles, was schwer oder sperrig ist, auf dem Kopf: Riesige Aluminium-Schüsseln, randvoll mit Wasser, Türme von Gebäck, die Ernte vom Feld, eine Nähmaschine. Aber auch sonst gibt es viel zu bestaunen: Tollende Kinder, die Frau der Elektrizitätsgesellschaft, die auf einem Hocker im Schatten eines Baumes sitzt und die Stromrechnungen einsammelt. Überall wird Musik gespielt. Und wo Musik ist, wird mindestens mit dem Fuß gewippt.

Bei näherem Hinschauen kommt der tägliche Kampf mit der Armut zutage. Ich spreche mit einer Frau, alleinerziehend, mit drei Kindern im Alter von fünf bis 12 Jahren. Sie baut auf ihrem kleinen Feld Cassava - eine Kartoffel-ähnliche Knolle - und Mais an und verkauft die Ernte einmal in der Woche auf dem Markt im nächstgrößeren Ort. Wenn der Ertrag für den Markt nicht ausreicht, kauft sie noch etwas in ihrem Dorf dazu. Ihr Gewinn? An guten Tagen 50 Ghanaische Cedi (8 Euro),an schlechten Tagen nur 20 Cedi (3 Euro). Das muss für den Rest der Woche reichen. Ich schaue im kleinen Dorfladen nach Preisen: Eine kleine Tüte Waschmittel, die gerade für eine Ladung Wäsche reicht, kostet 1,30 Cedi. Ein Kaffee 0,30 Cedi und ein Döschen Kakaobutter für die Haarpflege ganze 45 Cedi. Dafür muss sie lange sparen - und das ist kaum möglich. Ein Grund mehr, ihre Kinder zur Schule zu schicken, denn durch die knappen Finanzen gibt es hier in der Regel nur zwei Mahlzeiten am Tag. In der Schule gibt es zusätzlich Mittagessen: Reis, Gemüse und Soße. Doch trotz Schulpflicht, die in Ghana herrscht, müssen viele Kinder ihre Familien unterstützen und auf dem Feld mithelfen. In unserer Projekt-Gemeinde gehen aber fast alle Kinder zur Schule.

 

Außerdem lerne ich eine sehr alte Dame kennen. Sie ist schlank und groß, sitzt aufrecht auf einer Bank und blättert in der Bibel. Der Schalk blitzt aus ihren Augen, als sie mir die Hand gibt. Ich erwähne, dass ich aus Deutschland bin. Sie lacht und sagt, sie hätte deutsche Vorfahren. Das sei aber lange her - sie wedelt mit den Armen, um zu zeigen, wie lange das her ist und kippt fast von der Bank. Ihre Enkelin, die bei der Übersetzung hilft, fängt ihre Großmutter lachend auf. Später frage ich meinen Plan-Kollegen aus der Gemeinde, ob das sein kann. Klar, sagt er, die Familie stammt aus der Volta-Region, einer ehemaligen deutschen Kolonie.

Bevor es zurück ins Hotel geht, werden noch letzte Aufnahmen am Brunnen gemacht. Eine Frau lässt 15 Liter Wasser in eine große silberne Schüssel laufen. Es braucht zwei weitere Frauen, um ihr die volle Schüssel auf den Kopf zu hieven. Nachdenklich beobachte ich das Geschehen. Das ist verdammt harte Arbeit für die grundlegendsten Dinge des Lebens. Das Filmteam lässt eine Drohne steigen, um Aufnahmen aus der Höhe zu machen. Damit ist der nachdenkliche Moment vorbei, denn sofort sind die Kinder zur Stelle und rennen laut rufend hinter ihr her. Mit ihren nackten Füßen wirbeln sie jede Menge Staub auf. Ob sich das Filmteam das so gewünscht hat? Aber es ist auf jeden Fall schön authentisch, denke ich und freue mich an dem glücklichen Kindergeschrei.


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