NORMA Clean Water Brasilien
© Plan International
21.11.2019 - von Marion Mitchell

Reisebericht - Projektbesuch bei „NORMA Clean Water“ in Brasilien

Seit über fünf Jahren engagiert sich die NORMA Group gemeinsam mit Plan International für eine bessere Trinkwasser- und Sanitärversorgung in Asien und Lateinamerika. Im Rahmen von „NORMA Clean Water“ will das Unternehmen eine gesicherte Wasserversorgung für 400 Familien in Brasilien erreichen. NORMA-Mitarbeiterin Marion Mitchell reiste im Juli 2019 in die Projektregion im Nordosten des Landes. In ihrem anschaulichen Reisebericht erzählt sie von einprägsamen Begegnungen und ihren ganz persönlichen Eindrücken von Plans Arbeit vor Ort.


Bem Vindo ao Brasil!

Willkommen in Brasilien - Es sind schwüle 30 Grad, als ich und ein Mitarbeiter von Plan International Deutschland nach 20-stündigem Flug nachts am Flughafen von Teresina im Nordosten Brasiliens ankommen. Am ersten Tag lerne ich bei einem typisch brasilianischen Essen zunächst die Plan-Kollegen vor Ort kennen. Es gibt Reis, Bohnen und Fleisch. Die Länderdirektorin von Plan Brasilien und einer ihrer Mitarbeiter werden mich die nächsten Tage auf meiner Reise in die Projektregion begleiten.

Aufbruch nach Norden

Am nächsten Morgen werden wir von einem Geländewagen abgeholt, der uns in die Projektregion Codó bringen soll. Knapp 180 Kilometer müssen wir auf der holprigen Straße zurücklegen. Je weiter wir fahren, desto trockener wird die Landschaft um uns herum. Die sechsmonatige Trockenzeit hat gerade erst begonnen, erzählt ein Plan-Mitarbeiter. Die Regenzeit sei in diesem Jahr jedoch deutlich trockener ausgefallen als üblich – für die Natur eine absolute Stresssituation.

Warmherziger Empfang

Das ganze Team der Projekteinheit erwartet uns bereits im Plan-Büro in Codó. Ein Mitarbeiter erklärt, dass das Projekt in Brasilien „Água, Saúde e Vida“ („Wasser, Gesundheit und Leben“) heißt. Plötzlich beginnt das Team auf Portugiesisch für uns zu singen:

"Wir werden einen Weg finden, Wasser zu bekommen. 
Sieh unsere Freude, schon bald ist es so weit.
Das Wasser ist da! Zu unserem Glück.
Es ist so gut für unsere Gemeinschaft.
Du wirst den Unterschied sehen, denn Wasser ist Überleben.“

Den Liedtext hatte ein junges Mädchen aus einer der Projektgemeinden für uns geschrieben. Auch abends denke ich noch lange an die Zeilen des Liedes, die mich sehr berührt haben.

Feierliche Brunneneröffnung

Am nächsten Tag fahren wir nach Independência. In der Gemeinde soll heute die Eröffnung eines Brunnens gefeiert werden. Rund 100 Menschen haben sich bereits im Gemeindezentrum versammelt.

Als die Feier losgeht, kommen einige Gemeindemitglieder auf die Bühne und berichten, was die neue Trinkwasserversorgung für sie und die Gemeinden bedeutet. Die 55-jährige Eunice erzählt: „Wir hatten zwar einen Brunnen, aber das Wasser daraus war nicht trinkbar, da es versalzen war. Wir nutzten es, weil uns nichts anderes übrig blieb. Ich bin so froh, dass wir jetzt eine neue Wasserversorgung bekommen.“

Nach der Feier kommen viele Menschen auf mich zu, um sich für das Projekt zu bedanken, einige weinen sogar. Schließlich brechen wir alle gemeinsam zu Fuß auf, um die neue Wasserpumpe im Ort einzuweihen. Auf unserem Weg durch Independência kommen zahlreiche Kinder aus den Häusern gelaufen und begleiten uns. Als wir den Wasserhahn des Brunnens aufdrehen, können die Kinder ihr Glück kaum fassen und bespritzen sich fröhlich mit dem kalten Wasser.

Reise in die Vergangenheit

Der zweite Teil des Tages führt uns in die kleine Gemeinde Eira dos Coqueiros. Die Gemeindevorsteherin empfängt uns mit einem leckeren Essen bei sich zu Hause. Der Empfang ist unglaublich warmherzig. Ich spüre die tiefe Verbundenheit zwischen den Menschen in dem Ort und den Plan-Kolleginnen und -Kollegen, die hier arbeiten. 

Die Gemeinde Eira dos Coqueiros ist von der vergangenen Sklaverei geprägt. Die Bewohner des Dorfes sind direkte Abkommen der afrikanischen Sklaven, die millionenfach nach Brasilien verschleppt wurden. Die Rolle der Sklaverei in der Geschichte Brasiliens gehört zu den dunklen Kapiteln des Landes. 1888 schaffte Brasilien als letztes Land in Amerika die Sklaverei ab. Aber auch heute noch ist das Leben der Nachkommen der Sklaven von Ungleichheit und Diskriminierung geprägt, häufig werden ihre Rechte ignoriert.

Die Bewohner von Eira dos Coqueiros versuchen, mit dem Verkauf von Babassu-Öl ihren Lebensunterhalt aufzustocken. Das Öl wird aus der Babassu-Palme gewonnen, die in der Region wächst. Der Geschmack des Öls ist nussig und erinnert an Kokosnuss. Die Frauen dort haben gemeinsam mit anderen Gemeinden eine Frauenkooperative gegründet, um das Öl besser verkaufen zu können.

Ernährungssicherung durch Gemüsegärten

Der nächste Tag führt uns ins 20 Kilometer entfernte Axixá. Auch hier haben wir die Gelegenheit, mit Gemeindemitgliedern zu sprechen. Axixá war eine der ersten Gemeinden, die durch NORMAs Unterstützung einen Wasseranschluss erhalten haben.

Im Rahmen des NORMA Clean Water-Projektes soll in Axixá ein Gemüsegarten angelegt werden. Die Bewohner erzählen, dass sie schon seit Wochen auf den Bagger warten, den die Stadt versprochen hatte, um die Fläche von Gestrüpp und Bäumen zu befreien. Plötzlich rollt ein Bagger an uns vorbei und kommt vor dem Gemeindezentrum zum Stehen. Es macht den Anschein, als hätte unser Besuch den Vorgang beschleunigt. Ich vermute, dass sich die lokale Regierung von ihrer besten Seite zeigen wollte. Die Bewohner versprechen mir, dass wir bei meinem nächsten Besuch schon gemeinsam von der Ernte des Gemüsegartens essen können.

Gefährliches Wasserholen

In São Benedito dos Colocados besuchen wir die 16-jährige Raniely, um einen Einblick zu erhalten, vor welchen Herausforderungen sie als junges Mädchen steht und wie der beschwerliche Zugang zu Wasser ihren Alltag beeinflusst. Raniely erzählt, dass sie in der Familie für das Wasserholen zuständig ist. Noch haben die Bewohner der Gemeinde nämlich keinen Wasseranschluss.

Raniely will uns die Wasserstelle zeigen und führt uns einen sandigen Weg hinunter zum Fluss. Wir biegen auf einen schmalen Pfad ab, der hinter Büschen und Bäumen versteckt ist. Die Erde ist matschig und ich muss aufpassen, nicht auszurutschen, da es bergab geht. Als wir schließlich am Fluss ankommen, bin ich überrascht. Es gibt hier fast keine Strömung, das Wasser ist verschmutzt und gleicht einem Tümpel. Raniely erzählt, dass der Fluss gleich mehrere Funktionen erfüllt: viele Bewohnerinnen und Bewohner kommen hierher, um sich zu baden, Wäsche zu waschen und Trinkwasser zu holen. Insbesondere für Mädchen und junge Frauen sei es jedoch gefährlich, sich hier zu waschen, da es keine geschützten Bereiche für Männer und Frauen und somit auch keine Privatsphäre gibt.

Fünf Mal täglich läuft Raniely den kleinen Weg hinunter, um Wasser zu holen. Viel lieber würde sie diese Zeit nutzen, um für die Schule zu lernen oder sich mit Freundinnen zu treffen. Raniely hat große Ambitionen – sie will Anwältin werden und sich für die Menschenrechte einsetzen. Ich freue mich, das zu hören, da viele Mädchen in ihrem Alter bereits verheiratet und schwanger sind. Dass Raniely überhaupt eine andere Perspektive und Vision hat, fühlt sich in diesem Moment wie ein kleiner Erfolg an.

Bleibende Erinnerung

Nach vier Tagen heißt es bereits Abschied nehmen. Die Reise nach Brasilien hat mich nachhaltig beeindruckt und ich habe sehr wertvolle Momente erlebt. Es war sehr bewegend, zu sehen, wie Plans Arbeit das Leben der Menschen und besonders das der jungen Frauen in den brasilianischen Gemeinden verbessert hat und wie wichtig der Zugang zu sauberem Wasser ist. 


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