Eine junge Frau steht an einem Pult und ist im Gespräch mit drei Mitgliedern des Plan-Jugendbeirats über einen Bildschirm
Die Moderatorin des Live Summits im Gespräch mit drei Mitgliedern des Jugendbeirats. © Michelle Sager
25.11.2020 - von Bastian Borregaard

Plan fragt Mitglieder des Plan-Jugendbeirats

Wir haben mit drei Mitgliedern des Jugendbeirats, die am Girls Get Equal Live Summit 2020 zum Thema Girls Get Equal Freedom Online teilgenommen haben, ein Interview zu ihren eigenen Erfahrungen zur Online-Sicherheit bzw. zu dem Gipfeltreffen geführt. Außerdem haben wir gefragt, was Politiker:innen in Deutschland konkret tun können, um die Online-Sicherheit von Mädchen und jungen Frauen zu stärken.

Das Internet scheint unbegrenzte Möglichkeiten zu bieten: es gibt dem einzelnen mehr Zugang zu Informationen und Wissen, man kann sich engagieren oder sich mit anderen Menschen austauschen. Das alles ist in Zeiten der Corona-Pandemie noch wichtiger geworden. Aber: Vor allem Mädchen und Frauen weltweit haben keinen gleichberechtigten Zugang zum Internet. Warum sind Mädchen und Frauen besonders betroffen? Wie und wo macht sich das bemerkbar?

Mädchen und Frauen haben keinen gleichberechtigten Zugang zum Internet, da sie oft durch veraltete Geschlechterrollenbilder und gesellschaftliche Strukturen davon abgehalten werden. Hier spielen sowohl die Ansicht, Mädchen und Frauen hätten im Internet nichts zu suchen und kennen sich nicht damit aus, als auch die generelle Benachteiligung von Mädchen und Frauen in der Gesellschaft eine Rolle. Hierbei handelt es sich um einen Teufelskreis: Denn wenn Mädchen und Frauen keinen Zugang zum Internet haben, wird ihnen auch der Zugang zu Bildung, Information, Austausch und Community erschwert oder sogar verwehrt. Dadurch können sie sich weniger gut vernetzen, um auf verschiedenen Ebenen für ihre eigenen Rechte einzustehen und zu kämpfen. Außerdem sind durch den ungleichen Zugang zum Internet auch die Inhalte, Kommentare und Meinungen dort oft stark männerdominiert; die Sichtweisen und Perspektiven diverser Menschen fehlen.

Gegenüber engagierten Menschen ist die Stimmung im Netz bisweilen noch aggressiver als ohnehin. Wie schützt Ihr Euch als Frauen und als Aktivist:innen, wenn Ihr online geht? Habt Ihr einen Tipp für andere Mädchen und Frauen?

Persönlich versuchen wir Online-Kommentare nicht an uns herankommen zu lassen und uns Social-Media Pausen zu nehmen, wenn wir das Gefühl haben, dass wir die Distanz zu negativen Kommentaren nicht mehr wahren können. Es hilft, sich mit Freund:innen und anderen Aktivist:innen auszutauschen, damit man merkt, dass man nicht alleine ist.Generell versuchen wir keine persönlichen Daten zu teilen, auch keine Nachnamen, Pseudonyme zu verwenden soweit möglich und unsere Konten auf privat zu stellen. Du solltest dir klar machen, dass es vollkommen legitim ist, Gespräche o.ä. online jederzeit ohne Rechtfertigung zu beenden und unangenehme Situationen zu verlassen. Verschwende deine Energie nicht auf Leute, die nur probieren, dich runter zu ziehen. Höre auf deinen eigenen Körper und erkenne die Signale, wenn es zu viel wird. Suche dir (professionelle) Hilfe und Unterstützung, falls erforderlich.

Anfang Oktober fand virtuell der von Plan International Deutschland organisierte Girls Get Equal Live Summit 2020 statt, bei dem Teilnehmer:innen aus aller Welt die Frage diskutiert haben, wie Mädchen online die gleichen Rechte und Freiheiten haben können wie Jungen. Was habt Ihr von diesem Gipfel mitgenommen?

Vom Girls Get Equal Live Summit haben wir sowohl inhaltlich als auch persönlich viel mitgenommen. Zum einen war die Möglichkeit, Aktivist:innen aus aller Welt kennenzulernen und sich gemeinsam auszutauschen unglaublich inspirierend und bewegend. Zum anderen haben wir auch inhaltlich aus dem „Free to be Online?“ Report viel gelernt, die Problematik der Online Belästigung genauer verstanden und anhand von Zahlen und Fakten gesehen, wie viel noch zu tun ist und wie wichtig unsere Arbeit ist. In den Workshops haben wir außerdem durch den Austausch mit Aktivist:innen und Expert:innen Lösungsansätze erarbeitet, die uns in Zukunft helfen und bestärken werden. Zuletzt hat auch die Ankündigung von Instagram, sich zukünftig mit Mädchen und jungen Frauen austauschen und gemeinsam Lösungen finden zu wollen, für zusätzliche Motivation und Empowerment bzw. Stärkung gesorgt.

Was können Politiker:innen in Deutschland tun, um Mädchen und junge Frauen online besser zu schützen?

Die deutsche Bundesregierung sollte eine Datenerhebung in Deutschland durchführen, die genau darlegt wie das Problem in Deutschland aussieht und das Problem und die Folgen der online-Belästigung und Gewalt gegen Mädchen und Frauen als solches erkennen. Es müssen die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Bekämpfung von Online-Belästigung und Gewalt aktualisiert und reformiert werden. Zudem müssen auch innovative Gesetze zur strafrechtlichen Verfolgung der Täter:innen und der Social-Media-Plattformen verabschiedet werden, um diese zur Rechenschaft zu ziehen. Die Bekämpfung der Probleme darf sich nicht nur auf den deutschen Raum beziehen, sondern muss international und EU-weit stattfinden. Es darf nicht zur Straffreiheit aufgrund von internationaler Grenzen und Zuständigkeitsfragen kommen. Die Regierung muss in der Bevölkerung durch öffentliche Kampagnen ein Bewusstsein und Aufklärung über dieses Thema schaffen. Insbesondere die Bildungsabteilungen sollten sich hier den Hut aufsetzen und digitale Lehrpläne entwickeln, die die Vermittlung der Fähigkeiten zur Erkennung, Bekämpfung, Vermeidung und Verhinderung von Online-Belästigung und Gewalt gegen Mädchen und Frauen und der Möglichkeiten zu Melde- und Beratungsfunktionen beinhalten. Die Meldefunktionen müssen unbürokratischer und zusätzlich unabhängig von den Plattformen implementiert werden. Zudem sollten diese die Opfer automatisch über ihre Rechte aufklären und mögliche rechtliche Konsequenzen für die Täter:innen aufzeigen. An die verantwortungsvollen Verhaltensrichtlinien und rechtlichen Rahmenbedingungen sollte alle Nutzer:innen regelmäßig erinnert werden und diesen auch zustimmen müssen. Generell gilt, dass die deutsche Politik Mädchen und junge Frauen in alle Phasen dieses Prozesses partizipativ mit einbeziehen muss und auch enger mit den Social Media Plattformen zusammenarbeiten sollte.


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