Education – Not For Sale Übergabe mit Bundesminister Müller
12.06.2020 - von Expert:innengruppe wirtschaftliche Teilhabe des Plan-Jugendbeirats

Internationaler Tag gegen Kinderarbeit - 12. Juni 2020

Ein Jahr ist es schon her, als wir uns im Bundestag mit Bundesminister Müller getroffen haben, um mehr Engagement gegen Kinderarbeit einzufordern und ihm die mehr als 2.500 Petitionskarten übergeben haben, die wir im Rahmen unserer Kampagne „Education Not For Sale“ sammelten. Mit der Kampagne haben wir darauf aufmerksam gemacht, dass Kinderarbeit dazu führt, dass viele Kinder ihr Recht auf Bildung entweder gar nicht oder nur eingeschränkt wahrnehmen können. Dafür haben wir an vielen Veranstaltungen teilgenommen, sind mit Menschen ins Gespräch gekommen, haben Artikel verfasst… und vieles mehr.

Unsere zentrale Forderungen an die Bundesregierung: Kinderrechtsschutz muss endlich verbindlich werden für Unternehmen! Es kann nicht sein, dass die Einhaltung von Kinderrechten auf der Freiwilligkeit derer beruht, die aus niedrigen Löhnen Profite schlagen. Außerdem muss die Bundesregierung sich stärker für Bildung und Armutsbekämpfung einsetzen, um die Chancen der Kinder auf ein gesundes Aufwachsen zu erhöhen.

Damals hieß es: „Ich finde das großartig – ihr gebt mir Rückenwind. Alle Länder der Welt haben sich dazu verpflichtet, Kinderarbeit zu stoppen und jetzt muss das endlich umgesetzt werden. Jedes Unternehmen kann und muss seine Lieferkette so gestalten, dass Kinderarbeit ausgeschlossen ist.“

Ein Jahr später ziehen wir anlässlich des Internationalen Tag gegen Kinderarbeit Bilanz. Aber von Anfang an. Was genau meinen wir, wenn wir von Kinderarbeit sprechen?

Weltweit arbeitet jedes zehnte Kind - das sind 218 Millionen Kinder. Das heißt allerdings nicht, dass auch alle Kinder, die arbeiten, von Kinderarbeit betroffen sind. Von Kinderarbeit sprechen wir nach der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation ILO dann, wenn Kinder Tätigkeiten ausüben, die gegen rechtliche Normen verstoßen (z.B. Altersbeschränkungen und Höchstgrenzen der Arbeitsdauer) und somit die seelische, geistige und körperliche Entwicklung des Kindes beeinträchtigen können. Das betrifft 152 Millionen der arbeitenden Kinder im Alter von 5 - 17 Jahren. Fast die Hälfte der Kinder, die von Kinderarbeit betroffen sind, sind zwischen 5 - 11 Jahren alt.

Wenn also ein Kind seinen Eltern nachmittags auf der eigenen Farm hilft, ist das nicht unbedingt Kinderarbeit. Aber wenn das Kind Arbeiten verrichten muss, die körperlich zu hart sind, ihm eine zu große Verantwortung auferlegt wird oder das Kind nicht zur Schule gehen kann- dann wird diese Tätigkeit als Kinderarbeit definiert.

Fast die Hälfte der 152 Millionen Kinder, die von Kinderarbeit betroffen sind, 73 Millionen Kinder, verrichten Arbeiten, die als zu gefährlicher oder anderweitig schlimmer Kinderarbeit gezählt werden. Auch das ist ein von der ILO definierter Begriff. Gefährliche oder anderweitig schlimme Kinderarbeit meint alle Formen der Arbeit, die eine akute Gefahr für die Gesundheit, Sicherheit oder Moral des Kindes darstellen. Dazu zählen beispielsweise alle Formen der Sklaverei wie der Einsatz als Kindersoldat*innen, Kinderhandel, Kinderheirat und Schuldknechtschaft, Prostitution und der Einsatz von Kindern in kriminellen Tätigkeiten wie dem Drogenhandel. 10 Millionen Kinder waren 2017 Opfer moderner Sklaverei.

Die Auswirkungen der Kinderarbeit, besonders der schlimmsten Formen von Kinderarbeit, können fatal sein für die betroffenen Kinder. Schwere körperliche Tätigkeiten, wie der Einsatz von Kindern in Minen oder in der Landwirtschaft, können zu schweren Arbeitsunfällen mit entsprechenden Verletzungen und chronischen Krankheiten (wie z.B. Asthma) führen. Auch die physische Gesundheit vieler Kinder leidet, durch das, was sie auf der Arbeit erleben und/oder die unverhältnismäßig große Verantwortung, die ihnen zukommt, wenn sie mit ihrer Arbeit ihre Familie ernähren müssen.

Der Bereich, in dem Kinder am häufigsten (71%)  arbeiten, ist die Landwirtschaft, wie beispielsweise Feld- und Waldarbeit, Fischerei, Herden hüten. Danach folgen Dienstleistungen (17%) und Industrie (12%), inklusive der Arbeit in Minen.

Ein Arbeitsbereich, der dabei oft aus dem Blick gerät, ist die Haus- und Pflegearbeit. Hier vermutet die ILO, dass diese vor allem von Mädchen verrichtet werden, die aus den Statistiken fallen. Offiziell arbeiten 88 Millionen Jungen und 64 Millionen Mädchen, für nicht-binäre Kinder wurden keine Zahlen erhoben. Doch vermutlich, so die ILO, gibt es eine Dunkelziffer der Kinder (vor allem) Mädchen, die - häufig unbezahlt - im Haushalt arbeiten oder Angehörige pflegen. Laut ILO-Berechnungen würde unbezahlte Haus- und Pflegearbeit 9% bzw. 11 Billionen US-$ des globalen Bruttoinlandsprodukts ausmachen, wenn sie in die Berechnungen miteinbezogen würden.

Vor der Corona-Pandemie schien die Zahl der Kinder, die von Kinderarbeit betroffen waren, zum Glück abzunehmen. Im Zeitraum von 2012 - 2016 haben 9,7% oder 16 Millionen Kinder weniger Kinderarbeit verrichten müssen. Das ist gut - aber die Geschwindigkeit, mit der Kinder sich aus der Kinderarbeit befreien konnten, hat sich im Vergleich zu den Jahren zuvor verringert. Dies hat vor allem mit den Folgen des Klimawandels, Naturkatastrophen und bewaffneten Konflikten zu tun. Niemand schickt sein Kind freiwillig auf eine Arbeit, die ihm nicht gut tut - aber in Krisenzeiten haben Familien häufig keine andere Wahl. Wenn Familien durch Dürren ihre Ernte verlieren, eine Naturkatastrophe die Existenz der Familie vernichtet oder gar ein oder beide Elternteile sterben, wenn Krieg Menschen dazu zwingt, alles zurückzulassen und zu fliehen und rechtliche Ordnungen außer Kraft setzt - dann steigt das Risiko von Kindern, von Kinderarbeit betroffen zu werden. Insgesamt war die Entwicklung also schon vor der Corona-Krise zu langsam, um das Ziel zu erreichen, dass sich die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen selbst gegeben haben: In der Agenda 2030 Ziel 8.7 haben sie sich dazu verpflichtet, zumindest die schlimmsten Formen von Kinderarbeit bis 2025 abzuschaffen.

Und nun kommt auch noch Corona dazu. Die ILO befürchtet, dass durch die Pandemie mehr Kinder Kinderarbeit verrichten werden müssen. Denn durch Corona wurde die Bildung von 1,5 Milliarden Kinder unterbrochen und wir wissen noch nicht, ob sie alle wieder in die Schule zurückkehren werden. Gerade bei den fast 743 Millionen Mädchen unter ihnen ist es ungewiss, ob sie nach der Corona-Krise ihre Bildung wieder aufnehmen werden können, gerade wenn es um weiterführende Bildung geht. Außerdem haben Familien ihr Einkommen verloren und es gab Krankheitsfälle in den Familien. Daher befürchtet die ILO, dass Millionen von Kindern Kinderarbeit verrichten werden müssen, um ihre Familien zu unterstützen. Dabei ist die Gefahr vor allem auch, dass immer mehr Kinder gefährliche und versteckte Formen der Kinderarbeit übernehmen und längere Arbeitszeiten haben. Besonders bei Mädchen besteht aktuell die Gefahr, dass sie zusätzliche Haus- und Pflegearbeit verrichten und physischer und sexueller Ausbeutung ausgesetzt sind und dass viele Mädchen nach der Krise nicht in die Schule zurückkehren werden. Denn, die schlimmsten Formen von Kinderarbeit, darunter sexuelle Ausbeutung nehmen zu, wenn Familieneinkommen und Arbeitsmöglichkeiten zurückgehen. Auch Kinder im Flucht- und Migrationskontext sind besonders betroffen. Ungleichheit, soziale Ausgrenzung und Diskriminierung werden während der Krise verstärkt. Dies betrifft v.a. auch indigene Bevölkerung, Minderheiten, Binnenvertriebene, Menschen mit Behinderung, alleinerziehende Haushalte und Waisenkinder.

Was also kann getan werden? Wir können das doch nicht einfach so hinnehmen!

Um das zu beantworten, sollten wir die betroffenen Kinder selbst fragen, denn schließlich geht es um ihre Rechte. Und es mag durchaus überraschend klingen auf den ersten Blick, aber Kinder, die sich in Kindergewerkschaften organisieren, fordern ihre Recht auf Arbeit ein! Ein reines Verbot von Kinderarbeit hilft den betroffenen Kinder oft nicht. Denn an den Ursachen, warum sie arbeiten, also zum Beispiel an der wirtschaftlichen Situation ihrer Familien, ändert sich ja dadurch nichts. Im Gegenteil - ein Verbot kann die Gefahr für Kinder sogar noch erhöhen, weil Kinder dann nicht mehr offiziell arbeiten. Das heißt sie müssen sich illegale Beschäftigung suchen, laufen in die Gefahr, dass sie oder ihre Eltern kriminalisiert werden und tauchen auf keiner Lohnliste mehr auf, was Ausbeutung leichter möglich macht. Ein Verbot reicht also nicht, es muss bei den Ursachen angesetzt werden. Dazu gehören der mangelnde Zugang zu Bildung, der es jungen Menschen erschwert, später einen besser bezahlten Job zu erlangen. 600 Millionen junge Menschen besuchten vor Corona weder eine Schule, noch machten sie eine Ausbildung, noch gingen sie einem Beruf nach. Jedes zusätzliche abgeschlossene Schuljahr kann das Wirtschaftswachstum um 0,37% steigern und die Hälfte des OECD Wirtschaftswachstums in den vergangenen 50 Jahren kann auf den besseren Zugang zu Bildung von Mädchen und Frauen zurückgeführt werden!

Schlechte Bezahlung, die einfach nicht zum Leben ausreicht, und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, führen neben den mangelnden Bildungschancen dazu, dass Eltern keine andere Wahl haben, als auch ihre Kinder zur Arbeit zu schicken, die dann häufig auch unter schlechten Arbeitsbedingungen leiden. Deshalb muss der Zugang zu menschenwürdiger Arbeit mit fairer Bezahlung verbesserten werden!

17% junger Menschen, die in Ländern des globalen Südens arbeiten, befinden sich - obwohl sie einen Job haben - in extremer Armut, das bedeutet, sie verdienen weniger als 1,90 US-$ pro Tag. Und 89% der Arbeitsmöglichkeiten für junge Menschen befinden sich im informellen Sektor: Das bedeutet oft kein Arbeitsvertrag, kein Zugang zu Recht und sozialer Absicherung. Hier setzt sich ein Teufelskreis immer weiter fort.

Deshalb haben wir bereits vor einem Jahr gefordert und fordern weiterhin: Die Bundesregierung muss die UN Leitlinien zu Wirtschaft und Menschen von 2011 (!) endlich richtig umsetzen und verbindliche Regelungen für Unternehmen verabschieden, damit diese Menschenrechte in ihren Lieferketten schützen müssen! In 13 anderen Ländern gibt es bereits eine solche Initiative. Hier in Deutschland haben Bundesentwicklungsminister Müller und Bundesarbeitsminister Heil ein solches Gesetz im März dann auch tatsächlich angekündigt. Nur leider kam sowohl von der Regierung als auch von Wirtschafts- und Industrieverbänden enormer Gegenwind. Man wolle keine zusätzlichen Einschränkungen in der Corona-Krise - die Begründung klingt in unseren Ohren zynisch. Hier geht es um grundlegende Menschenrechte! die Organisation shift hat ausgerechnet, dass das Leben von 340 – 450 Millionen Menschen verbessert werden würde, wenn Unternehmen das Recht auf existenzsichernde Löhne in ihrem eigenen Geschäftsbereich und in ihrer Lieferkette umsetzen würden. Wenn bei diesen Berechnungen auch die Familienmitglieder würden, wären es sogar rund zwei Milliarden Menschen. Existenzsichernde Löhne könnten so das Leben von rund einem Viertel der Weltbevölkerung im Sinne der Sustainable Development Goals verbessern!

Die Bundesregierung muss jetzt liefern. Auch in Zeiten von Corona gibt es einer Verpflichtung sich für die Menschenrechte einzusetzen. In ihrem Koalitionsvertrag hat die Bundesregierung sich verpflichtet, ein nationales Gesetz zum Schutz der Menschenrechte zu erlassen und sich für eine Regelung auf EU Ebene einzusetzen, wenn ein Monitoring des Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte (sprich: die bisherige Umsetzung der UN-Leitlinie Wirtschaft und Menschenrechte im deutschen Recht, die aber nur freiwillige Selbstverpflichtungen vorsah) ergeben sollte, dass die Unternehmen die Menschenrechte nicht freiwillige hielten. Im Februar 2020 wurden nun die Ergebnisse des zweiten Zwischenberichts dieses Monitorings veröffentlicht: Obwohl die Teilnahme an der Befragung für Unternehmen nur freiwillig war, ergab das Monitoring das weniger als ein Fünftel der Unternehmen ihre menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten erfüllten. Höchste Zeit also für einen verbindliches Gesetz! 

Wir nehmen Sie also beim Wort, liebe Bundesregierung: In der zweiten Hälfte von 2020 übernimmt Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft. Deutschland muss dies als Chance nutzen, um eine EU-weite Regelung zum Schutz von Menschenrechten in Lieferketten vorantreiben, die verbindlich für Unternehmen ist. Und am besten mit guten Beispiel vorangehen und im eigenen Land endlich ein Lieferkettengesetz erlassen. Damit dieses Menschenrechte wirklich effektiv schützt, müssen Aspekte wie Gender und Alter berücksichtigt werden, um Kinderarbeit und geschlechtsspezifische Diskriminierung und Gewalt zu bekämpfen.

 

Die UN hat 2021 als internationales Jahr zur Beendigung von Kinderarbeit erklärt - Packen wir es an!

 

Quellen: https://www.plan.de/presse/pressemitteilungen/detail/corona-krise-bedroht-die-zukunft-von-millionen-maedchen.html, https://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/---ed_norm/---ipec/documents/publication/wcms_745904.pdf , https://www.ilo.org/global/topics/child-labour/lang--en/index.htm , https://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/---dgreports/---dcomm/---publ/documents/publication/wcms_598669.pdf, https://www.kinder-und-jugendrechte.de/im-fokus/kinder-in-beschaeftigung, https://www.plan.de/fileadmin/website/05._Ueber_uns/Positionspapiere/Plan_Position_Wirtschaftliche_Staerkung.pdf#Wirtschaftliche-St%C3%A4rkung , https://verfassungsblog.de/ein-lieferkettengesetz-wichtiger-denn-je/ , https://verfassungsblog.de/voelkerrechtliche-verpflichtung-der-bundesrepublik-zum-erlass-eines-lieferkettengesetzes/ , https://humanrights.ch/de/internationale-menschenrechte/nachrichten/initiativen/moderne-formen-sklaverei


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