In Guinea sind 97 Prozent aller Frauen von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen. Diese Mädchen aus einem Plan-Projekt im Süden Guineas sind nicht beschnitten und tragen T-Shirts mit der Botschaft “An uncut girl is pure and complete". © Plan International /Johanna de Tessières
In Guinea sind 97 Prozent aller Frauen von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen. Diese Mädchen aus einem Plan-Projekt im Süden Guineas sind nicht beschnitten und tragen T-Shirts mit der Botschaft “An uncut girl is pure and complete". © Plan International /Johanna de Tessières
01.02.2019 - von Plan Redaktion

Mit Plan gegen weibliche Genitalverstümmelung

Mehr als 15.000 Mädchen und junge Frauen in Deutschland gefährdet

Auch in Deutschland sind Mädchen und Frauen von weiblicher Genitalverstümmelung bedroht. Darauf macht die Kinderhilfsorganisation Plan International zum UN-Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung am 6. Februar aufmerksam. Gemeinsam mit der Stadt Hamburg stellt Plan einen Schutzbrief zur Verhinderung der menschenrechtsverletzenden Praktik vor.

Mit der globalen Migration ist diese menschenrechtsverletzende Tradition  auch in Europa angekommen. Deutschland zählt zu den europäischen Ländern mit einer besonders hohen Anzahl an Mädchen und Frauen aus den praktizierenden Herkunftsländern in Afrika und dem Nahen Osten. Mittlerweile leben in Deutschland  nach Schätzungen von Terre des Femmes rund 65.000 betroffene Mädchen und Frauen, weitere 15.500 gelten als gefährdet. Das sind fast doppelt so viele Betroffene wie noch vor vier Jahren, die Zahl der als gefährdet eingestuften Mädchen hat sich in diesem Zeitraum sogar fast verdreifacht.

Um gefährdete Mädchen vor einer möglichen Beschneidung zu schützen und von Genitalverstümmelung betroffene Mädchen und Frauen zu unterstützen, führt Plan International in Hamburg das Projekt „Let’s CHANGE“ durch. Das Projekt wird von der EU-Kommission und der Stiftung Hilfe mit Plan gefördert. In speziellen Trainings werden sogenannte Change-Agents ausgebildet, die als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren die Aufklärung über die lebensbedrohliche Praktik in ihren jeweiligen Communities vorantreiben. Die betroffenen Familien erfahren, welche Folgen die Genitalbeschneidung für die Mädchen und Frauen hat, wie sie ihre Töchter davor schützen können und welche medizinische Hilfe und rechtlichen Aspekte es gibt.

So verstößt weibliche Genitalverstümmelung gegen deutsches und internationales Recht und wird bestraft, auch wenn die Mädchen im Ausland beschnitten werden. Darauf weist der Schutzbrief hin, der nun erstmals in Deutschland verfügbar ist. Betroffene Familien können, wenn sie mit ihren Kindern auf Heimatbesuch sind, diesen Schutzbrief vorzeigen. Um die Genitalverstümmelung ihrer Töchter zu verhindern, soll Eltern durch den Hinweis auf die rechtlichen Folgen ermöglicht werden, sich dem sozialen Druck im Heimatland zu entziehen.

An der Erstellung des Schutzbriefes haben sich in Hamburg neben Initiatorin und Plan-Projektleiterin Gwladys Awo die Sozial-,  Gesundheits-, Justiz- und Innenbehörde beteiligt. Gemeinsam mit den zuständigen Senatorinnen und Senatoren stellte Gwladys Awo das Dokument gestern in Hamburg vor.  Der Schutzbrief steht ab dem 6. Februar als Download unter www.hamburg.de/opferschutz zur Verfügung.

„Genitalverstümmelung ist in vielen betroffenen Familien ein Tabuthema“, sagt Plan-Projektkoordinatorin Gwladys Awo. „Um das Schweigen zu brechen und Männer wie Frauen zu einer nachhaltigen Abkehr von dieser Tradition zu bewegen, müssen wir sehr umsichtig und behutsam vorgehen. Gerade Menschen, die aus Ländern kommen, in denen Mädchen beschnitten werden, stehen bei uns vor großen Herausforderungen. Viele beherrschen die deutsche Sprache kaum, finden keine Arbeit und haben keinen sicheren Aufenthaltsstatus. Dieser Schwebezustand erschwert einen offenen Austausch zusätzlich. Umso wichtiger ist es, den sozialen Druck für die betroffenen Familien herauszunehmen und Vertrauen aufzubauen.“

Bei der Umsetzung von „Let’s CHANGE“ greifen Gwladys Awo und ihr Team auf konkrete Erfahrungen und Erkenntnisse aus bereits umgesetzten Plan-Projekten in Deutschland und mehreren afrikanischen Ländern zurück. So war Plan International bis vor kurzem auch in Hamburger Flüchtlingsunterkünften tätig, um Fachkräfte und Mitarbeitende aus diesem Bereich sowie anderen sozialen Einrichtungen zum Umgang mit weiblicher Genitalverstümmelung zu schulen und betroffene Familien zu beraten.

Sozialwissenschaftlerin Gwladys Awo, in Benin geboren, treibt Plans Arbeit gegen weibliche Genitalverstümmelung in Deutschlang bereits seit 2013 mit großem Erfolg voran. Ihre Expertise im Umgang mit den betroffenen Communities ist auch in das Handbuch „Weibliche Genitalverstümmelung im Flüchtlingskontext" eingeflossen, das Plan International zum 6. Februar 2019 veröffentlichen wird. Ein solches Nachschlagwerk gibt es bisher noch nicht. Mit der Sach- und Informationsbroschüre richtet sich Plan International an Berufsgruppen wie Angestellte von Sozialbehörden, medizinisches Personal und Mitarbeitende in Flüchtlingsunterkünften und beschreibt Herausforderungen und Handlungsempfehlungen. „Unser Anliegen“, so Awo, „ist es, auch erst seit Kurzem in Deutschland lebende Familien für das Thema zu sensibilisieren - und sie so besser zu integrieren. Das geht nur, wenn wir alle Beteiligten mit in unsere Arbeit gegen die weibliche Genitalverstümmelung einbeziehen.“

 


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