Save the Children und Plan International setzen sich für bundesweit einheitliche Standards für die Unterbringung geflüchteter Kinder ein. ©Plan International
Save the Children und Plan International setzen sich für bundesweit einheitliche Standards für die Unterbringung geflüchteter Kinder ein. ©Plan International
28.08.2020 - von Barbara Wessel

Belastungen für Kinder in Unterkünften wiegen schwerer als während der Flucht

Kinder brauchen besonderen Schutz: Save the Children und Plan International setzen sich für bundesweit einheitliche Kinderschutzstandards in Unterkünften für Geflüchtete ein. Mit einem gemeinsamen Gutachten machen beide Organisationen nun darauf aufmerksam, was es mit den Kindern und Jugendlichen macht, wenn ihre Bedürfnisse nicht angemessen berücksichtigt werden.

Deutschlands Aufnahmeeinrichtungen für geflüchtete Menschen werden die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen nicht ausreichend berücksichtigt. Dabei sind die Bedingungen, unter denen Kinder nach ihrer Flucht leben, ganz entscheidend für die Bewältigung belastender Erfahrungen. Das ist das Fazit einer - von Save the Children und Plan International in Auftrage gegebenen - Expertise zu den Kinderschutzstandards in Unterkünften hervor. Die Organisationen beraten mehrere Bundesländer bei der Verbesserung kindgerechter Strukturen in den Einrichtungen und geben praktische Handlungsempfehlungen, damit die Minderjährigen unmittelbar nach ihrer Flucht bestmöglich versorgt werden.

Stress in Unterkünften erschwert Kindern Aufarbeitung von Trauma
Obwohl die Aufnahmeeinrichtungen auf einen kurzen Verbleib ausgerichtet sind, bleiben sie häufig über Monate oder sogar Jahre der zentrale Lebensmittelpunkt für Kinder. Für Familien ist das Leben in einer solchen Unterkunft besonders belastend – bei den Kindern kann es sogar eine gesunde Entwicklung beeinträchtigen. Damit sich beispielsweise Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen nicht verstärken, muss die Versorgung genau auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmt sein. Ihr Umfeld sollte die Erholung und die Einkehr von Normalität fördern. 

„Die Belastungen nach der Flucht wiegen für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen noch schwerer als die Zeit vor und während der Flucht“, erklärt der Autor der Expertise, Dr. Thomas Meysen vom SOCLES Institut, der zahlreiche nationale und internationale Studien auswertete und mit den Rahmenbedingungen der bundesweiten Asyl-, Aufnahme- und Hilfesysteme abglich. 

Kinder sind diversen Formen von Benachteiligung ausgesetzt
„Diese Kinder haben ihr Zuhause verlassen, sie haben Krieg erlebt und oft auch Angehörige verloren. Dazu haben sie eine anstrengende Flucht hinter sich. Was sie bei uns brauchen, sind Ruhe und Geborgenheit sowie professionelle Hilfe, das Erlebte zu verarbeiten – und sie müssen in allen Bundesländern die gleichen Bedingungen vorfinden“, sagt Susanna Krüger, Vorstandsvorsitzende von Save the Children. 

„Einige Bundesländer setzen sich bereits mit den Kinderschutzstandards in ihren Aufnahmeeinrichtungen auseinander", sagt Maike Röttger, Vorsitzende der Geschäftsführung von Plan International Deutschland. „Das Gutachten zeigt aber auch, dass Mädchen und Jungen aufgrund ihres Aufenthaltsstatus immer noch diversen Formen von Benachteiligung ausgesetzt sind – dabei verbietet die UN-Kinderrechtskonvention jegliche Form der Diskriminierung. Die Behörden haben hier eine Verantwortung, jedes Kind hat das Recht auf bestmögliche Chancen für ein gesundes Aufwachsen." 

Handlungsempfehlungen zur Gestaltung kindgerechter Unterkünfte
Die Expertise gibt konkrete Handlungsempfehlungen, zum Beispiel zur Schaffung von Gestaltungsfreiräumen für ein selbstbestimmtes Familienleben sowie einer sicheren und anregenden Umgebung. Auch Angebote für Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen gehören dazu. Ein besonderes Augenmerk legt Meysen auf den Zugang zur Gesundheitsvorsorge und zur Kinder- und Jugendhilfe. In diesen Bereichen müsse man die individuellen Bedürfnisse geflüchteter Kinder und Familien endlich anerkennen und entsprechende Angebote entwickeln.

Die Wohnverhältnisse seien meist viel zu eng und es gebe kaum Rückzugsmöglichkeiten für Familien. Außerdem fehle es an Zugang zu Bildung, Förderung, Beratung und Therapien. Strenge Verwaltungsvorschriften und Reglementierungen sowie ein Mangel an Freizeitangeboten schränken die gesunde und altersgemäße Entwicklung der geflüchteten Kinder zusätzlich ein. 

Noch keine einheitlichen Standards für Kinderschutz in den Bundesländern

Da jedes Bundesland seine eigenen Regelungen hat, bestimmt der Ort der Unterbringung, wie es einem Kind nach seiner Ankunft in Deutschland ergeht. Save the Children und Plan International setzen sich für bundesweit einheitliche Standards für die Unterbringung geflüchteter Kinder ein. Dabei stehen ihr Wohl und die Bedürfnisse von Familien im Vordergrund.

In dem vom Bundesfamilienministerium geförderten Kooperationsprojekt „Kinder schützen – Strukturen stärken!“ begleiten und beraten Save the Children und Plan International die Regierungen der Länder Baden-Württemberg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein in der Schaffung einheitlicher Kinderschutzstandards. Im Fokus der Zusammenarbeit steht die Etablierung von Kinderschutzstrukturen innerhalb der Landesunterkünfte.  


Die Expertise zum Schutz geflüchteter Kinder steht als PDF zum Download bereit: 

https://www.savethechildren.de/fileadmin/user_upload/Downloads_Dokumente/2020/SOCLES_Schutz_begleitet_gefluechteter_Kinder_Expertise.pdf   


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