Die freiwillige Plan-Gemeindehelferin Ngachower Etcho (56) verteilt Zusatznahrung. © Plan International
Die freiwillige Plan-Gemeindehelferin Ngachower Etcho (56) verteilt Zusatznahrung. © Plan International
26.05.2021 - von Marc Tornow

Auf der Spur der Unterernährten

Jedes Mal, wenn ein Kind in ihrer Nachbarschaft erkrankt, wird Ngachower Etcho tätig. Sie ist freiwillige Plan-Gemeindehelferin in Pibor, einer von Konflikten und Überschwemmungen betroffenen Region in Südsudan.


Seit fast zehn Jahren ist Südsudan ein unabhängiger Staat und fast genauso lange schwelen dort bewaffnete Konflikte. Die Kämpfe sowie Naturkatastrophen sind ursächlich für eine Nahrungsmittelkrise, die das Leben zehntausender Menschen bedroht. Besonders akut ist der Hunger im Osten des Landes, in Pibor, dort gibt es auch die höchste Rate an unterernährten Kindern. Ngachower kümmert sich als freiwillige Helferin beim Ernährungsprogramm von Plan International um die Kleinsten. 2019 hat sie sich dafür gemeldet.

„Es war eines der Aufklärungsprogramme von Plan, das mich dazu gebracht hat“, sagt die 56-Jährige. Dabei hat Ngachower selbst nie eine Schule besucht und glaubte, dass sie ungeeignet für diesen Job wäre – bis die Südsudanesin an Plan-Workshops teilnahm. „Das Training hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, sich um das Wohl von Kindern und Frauen zu kümmern; wir haben gelernt, wie man mit ihnen umgeht, mit Kindern spricht, Messungen vornimmt und schwere medizinische Fälle überweist“, sagt Ngachower.

50 Schützlinge

Ihr Tag beginnt damit, dass sie durch den Busch und an Flussufern entlangläuft. Im Frühjahr gab es hier Überschwemmungen, die nicht nur weite Gebiete unpassierbar gemacht haben, sondern auch die Ernten und damit die Versorgungslage weiter gefährdeten. Hier trifft sie Familien und prüft, ob ihre Kinder an Unterernährung leiden. Insgesamt 50 Mädchen und Jungen sind es, die Ngachower regelmäßig besucht und bei denen sie den Umfang der Oberarme misst, um Defiziten auf die Spur zu kommen. Denn Mangel- oder Unterernährung kann gravierende Folgen bei der Entwicklung betroffener Kinder haben.

Vor einem Monat brachte Ngachower beispielsweise eine junge Mutter und ihre schwer unterernährte Tochter Elnor* in eines der Ernährungszentren von Plan International – was gar nicht leicht war. Denn die Familie des Mädchens musste erst davon überzeugt werden, dass Unterernährung gefährlich ist, dass die Situation ihrer Tochter gefährlich ist und dass sich dies nicht von selbst normalisieren würde.

Die Krise verschärft die Ungleichheit

Die Kombination aus Kämpfen und Überschwemmungen hat Millionen von Menschen in Südsudan in eine wirtschaftliche und Ernährungskrise gestürzt. Etwa 60 Prozent der Bevölkerung werden in diesem Jahr mit akuter Nahrungsmittelknappheit konfrontiert sein. Rebeca ist eine von ihnen, die 18-Jährige hat während des langjährigen Konflikts alles verloren. Rebeca sagt: „Aus Angst vor bewaffneten Übergriffen hat niemand eine Schule besucht. Die Leute haben keine Arbeit, sodass sie keine Kleidung kaufen können. Die meisten Mädchen verlassen die Schule nach der fünften Klasse und werden verheiratet. Das ist eine gängige Praxis, weil Mädchen als Einkommensquelle für ihre Familien angesehen werden. Die Familie des Jungen gibt der Familie des Mädchens Kühe zur Hochzeit. Kühe sind hier der Reichtum. Meine Familie hat das auch getan, sie hat vor zwei Jahren sechzig Kühe im Austausch für meine Heirat erhalten.“

Besserung in Sicht

Während sie Kinder auf Unterernährung untersucht, erklärt Ngachower den Eltern auch, wie sie besonders nahrhaftes Essen zubereiten können. Und sie unterstützt die Familien dabei, den Wert von guter Hygiene zu verstehen. „Hätte ich das Training von Plan nicht gehabt, könnte ich jetzt den Müttern nicht beistehen“, sagt Ngachower. „Viel Vieh wurde von bewaffneten Gruppen geplündert, unser Hab und Gut von den Fluten weggeschwemmt – wir sind auf Hilfe angewiesen.“ Etwa auf die Lebensmittel, die von Plan International in 21 Dörfern verteilt und mit Mitteln des Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) beschafft werden. Die Ernährungszentren in der Region Pibor bieten zusätzliche Dienstleistungen für die am meisten gefährdeten Kinder, schwangere und stillende Frauen.

Und über eine weitere positive Nachricht freut sich Ngachower: Einen Monat nach Elnors* Überweisung in ein Ernährungszentrum hat das Mädchen Fortschritte gemacht. „Wir müssen das Mädchen in Zukunft weiter kontrollieren, um sicherzustellen, dass es nicht wieder unterernährt wird“, sagt die Plan-Gemeindehelferin.

 

* Name zum Schutz des Kindes geändert.



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