18 Jahre zuhören: Was wir von Mädchen lernen
Die verwendeten Bilder zeigen nicht die Mädchen aus der „Real Choices, Real Lives“-Studie. Auch die Namen der Mädchen wurden geändert, um ihre Privatsphäre zu schützen.
„Ich hoffe, die Welt wird zu einem bessern Ort, einem Ort voller Möglichkeiten für meine Tochter.“
Diesen Satz sagte 2012 die Mutter von Juliana, einer der Teilnehmerinnen der Langzeitstudie „Real Choices, Real Lives“ von Plan International. Damals war ihre Tochter sechs Jahre alt. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass es weltweit tatsächlich Fortschritte für Mädchen gibt, dass sich ihre Chancen im Leben verbessert haben – insbesondere durch bessere Bildung. Doch sie macht auch deutlich: Diese Fortschritte sind keinesfalls gesichert, im Gegenteil: Sie sind bereits bedroht.
Über 18 Jahre hinweg begleitete Plan International mit „Real Choices, Real Lives“ die Leben von 142 Mädchen – in Benin, Brasilien, der Dominikanischen Republik, El Salvador, Kambodscha, den Philippinen, Togo, Uganda und Vietnam. Weltweit gibt es kaum eine Studie, die dieselbe Gruppe von Kindern so lange untersucht hat – und keine andere konzentriert sich ausschließlich auf das Aufwachsen von Mädchen. Jahr für Jahr erzählten zunächst ihre Eltern, dann auch die Studienteilnehmerinnen selbst den Forschenden von ihrem Alltag, ihren Herausforderungen und ihren Träumen. Nun ist die Studie beendet.
Vom Wunsch zur Wirklichkeit: Bildung verändert Leben
„Sie sagen, wenn man ein Mädchen bildet, dann bildet man eine ganze Nation. Ich stimme dem zu. Wenn ich mehr Schulbildung gehabt hätte, wäre ich heute eine Fachkraft. Ich hoffe, dass meine Tochter ihre Ausbildung abschließen kann – auch für mich – und so diese Herausforderungen überwindet“, sagte 2010 die Mutter von Catherine aus Benin. 2024 – zum Ende der Studie – war Catherine in ihrem vorletzten Jahr der Sekundarschule, mit dem nächsten Ziel, Buchhaltung zu studieren. So wie Catherine haben viele Mädchen von „Real Choices, Real Lives” das erreicht, was in der Generation ihrer Mütter noch selten war: 65 Prozent waren 2024 noch in der Schule oder hatten ihre Sekundarschulbildung abgeschlossen, einige studierten bereits.
Der Wunsch von Catherines Mutter spiegelt eine häufige Perspektive der Eltern in der Studie wider: Viele Mütter und auch einige Väter sehen Bildung für ihre Töchter als Chance auf ein besseres Leben und als Möglichkeit, Ziele zu erreichen, die ihnen selbst verwehrt geblieben sind.
„Katerins einzige Chance ist Bildung. Das ist das Einzige, was ihr ermöglichen wird, ihre Lebensumstände zu verbessern“, betonte die Mutter von Katerin aus der Dominikanischen Republik bereits 2009. Auch die Mädchen selbst sehen Bildung als Chance. Essohana aus Togo formuliert es so: „Mädchen haben das Recht, zu lernen und später eine Arbeit zu finden.“
Doch der Weg dorthin ist selten einfach.
Im Verlauf der Studie sind die globalen Abschlussquoten von Mädchen in der Primar- und Sekundarschulbildung gestiegen und haben sich denen von Jungen angeglichen. Doch die Erfahrungen der Mädchen aus „Real Choices, Real Lives“ zeigen, dass ihr Zugang zu Bildung und der Abschluss – trotz der Wünsche ihrer Eltern – weiterhin durch fehlende Ressourcen und durch Geschlechternormen bedroht sind.
Wendepunkt Pubertät
Ein zentraler Wendepunkt im Leben der Mädchen ist die Pubertät. Oft wird ihnen ab diesem Zeitpunkt der Weg zu gleichen Chancen versperrt. Viele Studienteilnehmerinnen berichten, dass sich ihr Alltag in dieser Zeit spürbar verändert. Plötzlich gelten neue Regeln: Ihre Freiheiten werden eingeschränkt, ihre Verantwortung im Haushalt wächst und gleichzeitig steigen Risiken wie Gewalt oder frühe Schwangerschaft, die ihre Zukunftschancen bedrohen.
Ein besonders alarmierendes Ergebnis der Studie: 91 Prozent der Mädchen berichteten, bereits vor ihrem elften Geburtstag Gewalt erlebt zu haben. Diese Erfahrungen prägen, wie Mädchen ihren Alltag erleben – in der Schule, auf dem Weg dorthin oder in ihrer eigenen Nachbarschaft. Viele lernen früh, ihr Verhalten anzupassen, um Risiken zu vermeiden.
Wenn der Alltag über die Zukunft entscheidet
Für viele beginnt nach der Schule ein zweiter Arbeitstag. Kochen, Wasser holen, Geschwister betreuen oder auf dem Feld helfen – 95 Prozent der Mädchen erledigen regelmäßig unbezahlte Care‑Arbeit, im Durchschnitt mehr als fünf Stunden täglich. Diese Aufgaben lassen wenig Zeit zum Lernen, für Freizeit oder zum Ausruhen.
„Ich habe keine Freunde mehr. Ich habe nicht genug Zeit, um Freundschaften zu schließen.“
Layla aus Benin sagte dies im Interview 2024. Margaret, ebenfalls aus Benin, erklärt, warum sie die Schule verlassen musste: „Wenn ich von der Schule nach Hause kam, gab mir meine Tante zu viel Hausarbeit.“
Bildung ist der stärkste Motor für Veränderungen, weil sich dadurch neue Lebensperspektiven eröffnen, sie Selbstbestimmung und Ambitionen stärkt, kritisches Denken fördert und Mädchen vor strukturellen Risiken wie etwa früher Heirat, früher Schwangerschaft oder wirtschaftlicher Abhängigkeit schützt. Gleichzeitig stellt die Langzeitstudie jedoch fest: Bildung allein reicht nicht aus, weil Faktoren wie unbezahlte Care Arbeit, Armut und Gewalt weiterhin dazu führen, dass Mädchen ihre Ausbildung abbrechen müssen.
„Ich kann mir die Bildung meiner Kinder nicht leisten, da ich kein zusätzliches Einkommen habe. Ich arbeite auf dem Feld. Wenn wir kein Geld haben, bitte ich sie, die Schule zu schwänzen“, erklärt die Mutter von Nakry aus Kambodscha 2014.
Ladi aus Togo erzählt 2013 mit sieben Jahren:
„Der Lehrer schlägt mich manchmal und das macht mich krank.“
Mädchen fangen an, Regeln zu hinterfragen
Während die Mädchen älter werden, beginnen viele von ihnen, die Unterscheide zwischen Mädchen und Jungen bewusster wahrzunehmen – und sie zunehmend infrage zu stellen. Manche sprechen offen darüber, dass Aufgaben im Haushalt ungleich verteilt sind oder dass Jungen mehr Freiheiten haben. „Jungs müssen keine Hausarbeit machen. Sie gehen raus und spielen. […] Ich bin müde und ich finde es unfair“, sagt Ly aus Vietnam 2014 im alter von acht Jahren. Andere hinterfragen Erwartungen darüber, wie Mädchen sich verhalten oder welche Zukunft für sie vorgesehen ist. Jasmine aus den Philippinen sagt 2024 im Alter von 18 Jahren:
„Frauen scheinen bei Entscheidungen nicht involviert zu sein. Die meisten Führungspersonen sind Männer. Das ist nicht fair.“
Klimakrise verändert den Alltag
Die Herausforderungen der Mädchen entstehen nicht nur im familiären oder gesellschaftlichen Umfeld. Während sie aufwachsen, verändert sich auch ihre Umwelt spürbar. In vielen Regionen berichten Mädchen zunehmend von den Folgen des Klimawandels – von Dürren, Überschwemmungen, zerstörten Ernten. Diese Entwicklungen betreffen nicht nur die Familien, sondern auch den Schulalltag und die Zukunftsperspektiven der Mädchen.
Träume von einer anderen Zukunft
Trotz aller Herausforderungen haben die Mädchen klare Vorstellungen von ihrer Zukunft: Gabriela aus El Salvador träumt davon, internationale Beziehungen zu studieren und später als Übersetzerin zu arbeiten. Bianca aus Brasilien möchte als Psychologin Menschen helfen, die Ängste und wenig Selbstvertrauen haben. Dolores aus den Philippinen möchte Feuerwehrfrau werden. Andere wollen Geschäftsfrauen werden oder Wirtschaft studieren. 39 Prozent der Mädchen haben Ambitionen, Karriere im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu machen.
Fortschritte – und was noch vor uns liegt
Die Ergebnisse von „Real Choices, Real Lives” zeigen, wie viel sich in einer Generation verändert hat. Viele Mädchen konnten länger zur Schule gehen als ihre Mütter, haben größere Träume und beginnen, Erwartungen infrage zu stellen. Gleichzeitig macht die Studie deutlich, wie fragil dieser Fortschritt bleibt und dass die Pubertät ein zentraler Wendepunkt ist auf dem Weg zu gleichen Chancen. Armut, Gewalt, Klimakrise und tief verwurzelte Geschlechternormen prägen die Lebenswege vieler Mädchen. Die Stimmen der 142 Teilnehmerinnen zeigen deshalb nicht nur, was Mädchen bereits erreicht haben – sondern auch, was sie brauchen: Bildung, Schutz und echte Chancen, ihre Zukunft selbst zu gestalten.
„Wir haben das Recht, unsere Stimme zu erheben – und wir haben allen Grund dazu.“