Zukunftsplanung im ländlichen Tansania
Sümpfe, Wälder, Strauchland und Seen prägen den Westen von Tansania. In der abgelegenen Region Katavi haben es viele Mädchen schwer. Statt die schöne Natur genießen zu können, sorgen sie sich um ihre Zukunft. „Ich konnte die weiterführende Schule nicht abschließen, weil meine Eltern sich das Schulgeld nicht leisten konnten“, erzählt zum Beispiel Sara.
Wie die heute 20-Jährige stehen viele Mädchen schon lange vor dem Erwachsenwerden vor massiven Hürden: Kinderheirat, frühe Schwangerschaft und ein begrenzter Zugang zu medizinischer Versorgung begleiten sie auf ihrem Lebensweg. In Katavi werden rund 45 Prozent der Mädchen im Teenageralter schwanger, und etwa 84 Prozent der Frauen haben keinen verlässlichen Zugang zu Gesundheitsdiensten. Armut und fehlende Alternativen engen die Lebensentscheidungen vieler junger Frauen ein. Das galt auch für Sara.
45 Prozent der Mädchen in Katavi haben eine Teenager-Schwangerschaft
Doch allmählich setzt hier in der Region Katavi ein Wandel ein, der bei den Jugendlichen ankommt, weil er auch von ihnen mitgetragen wird. Die jungen Leute und ihre Gemeinden sind mittlerweile entschlossen, die Zukunft der jungen Generation nicht aufs Spiel zu setzen. Eine neue Perspektive schafft dabei ein Plan-Projekt zu Familienplanung und wirtschaftlicher Stärkung. Einerseits sollen Kinderheirat und frühe Schwangerschaft reduziert, andererseits berufliche Alternativen und damit Chancen insbesondere für Frauen geschaffen werden.
Ein Leben mit begrenzten Chancen
Für dieses Ziel vermitteln die Plan-Teams grundlegende Gesundheitsinformationen, klären über individuelle Rechte auf, unterstützen den Zugang zu Gesundheitsangeboten und binden Familien sowie Gemeindemitglieder ein, damit aus den Träumen der Mädchen Chancen für ein selbstbestimmtes Leben werden. Bis 2029 sollen mehr als 147.000 Personen direkt erreicht und vor missbräuchlichen Erfahrungen wie häusliche Gewalt, Früh- und Zwangsehe geschützt werden. Weitere 714.000 Menschen sollen dahingehend beeinflusst werden, dass die Rechte der Kinder und Jugendlichen besser berücksichtigt sind.
„Ich dachte immer, Familienplanung sei allein die Aufgabe der Frau.“
Ein Anfang ist gemacht – auch bei Sara, deren Blick auf den eigenen Körper sich mit jeder Stunde im Plan-Projekt verändert hat. „Ich dachte immer, Familienplanung sei allein die Aufgabe der Frau“, berichtet sie. „Im Projekt habe ich gelernt, dass Männer und Frauen dafür gemeinsam Verantwortung tragen.“
Sexualität und Reproduktion neu verstehen
Mit Aufklärungsaktionen und altersgerechten Gesundheitsangeboten etwa an Schulen und in Jugendclubs lernen Mädchen und Jungen, informierte Entscheidungen über ihren Körper zu treffen. Umfassende Sexualaufklärung vermittelt Wissen über Körper, Pubertät, Beziehungen, Verhütung und die damit verbundenen persönlichen Rechte.
„Schädliche Normen werden von den Gemeindemitgliedern hinterfragt.“
Es sind entscheidende Schritte, damit Kinder länger in der Schule bleiben und die eigene Zukunft aktiv gestalten.
„Wir wollen, dass Mädchen ihre reproduktive Gesundheit und ihre Rechte kennen; dann können sie sichere Entscheidungen treffen“, sagt Henry Bendara, Programmleiter bei Plan International Tansania. „Wir sehen bereits, dass schädliche Normen und Traditionen von den Gemeindemitgliedern zunehmend hinterfragt werden.“
Neben der laufenden Aufklärungsarbeit tragen auch neu geschaffene wirtschaftliche Perspektiven dazu bei, die Zukunftschancen der Mädchen von Katavi zu verbessern. Zum Beispiel unterstützt Plan International die Gründung von Spargruppen speziell für junge Erwachsene sowie deren Schulung im Geschäfts- und Finanzwesen. Viele junge Mütter in der ländlichen Region profitieren davon – darunter auch Sara. Sie ist inzwischen Unternehmerin, verkauft Reis und andere Grundnahrungsmittel.
Wirtschaftliche Stärke als Schutzfaktor
„Früher wusste ich nichts über Sparen oder Kredite“, sagt Sara. „Durch das Projekt habe ich Fachkenntnisse erworben. Ich verkaufe jetzt mehr als früher und gewinne täglich neue Kundschaft.“
„Wenn jemand zum Familieneinkommen beitragen kann, wächst der gegenseitige Respekt“, ergänzt Plan-Programmleiter Bendara. „Das trägt auch dazu bei, dass häusliche Gewalt abnimmt.“
Gegen Kinderheirat und Gewalt
Parallel dazu stärken Plan International und seine örtlichen Projektpartner staatliche und regionale Strukturen, damit Mädchen auch in der abgelegenen Gegend im Westen von Tansania besser vor Gewalt und Kinderheirat geschützt aufwachsen können. Zum Beispiel haben sich die Gesundheitszentren in den Dörfern verändert. Diese waren früher für junge Menschen eher abschreckend. „Monatelang kam kein einziger Jugendlicher wegen Verhütungsmitteln zu uns“, erinnert sich Sozialarbeiterin Sophia Yesaya. „Die Atmosphäre war dort nicht sehr einladend.“ Durch Schulungen im Rahmen des Projekts hat sich das gewandelt. „Heute wissen die medizinischen Fachkräfte, dass junge Menschen ein Recht auf diese Angebote haben. Sie kommen frei zu uns und fühlen sich hier ernst genommen.“
Eine Herausforderung bei der Gemeindeentwicklung bleibt indes bestehen: Viele Familien leben in informellen Siedlungen ohne ausreichende Infrastruktur und inmitten der von Strauchland und Seen geprägten Region Katavi. Wilson Kennedy, regionaler Beauftragter für Gemeindeentwicklung, ist dennoch optimistisch: „Katavi hatte früher die höchste Kinderheiratsrate in Tansania. Sie ist immer noch hoch, aber sie sinkt. Die Ehen werden oft von Ältesten arrangiert – das ist die größte Hürde. Doch das Bewusstsein für die Unterdrückung von Frauen und die Folgen wächst. Wir ermutigen Gemeindemitglieder dazu, Gewalt zu melden und Frauen und Kinder zu schützen.“
Für Sara hat die Teilnahme an dem Programm schon für eine Verbesserung gesorgt. „Früher war ich unsicher, heute sehe ich mich als mutige Frau“, sagt sie. „Das Projekt hat mir Selbstvertrauen gegeben. Mein Traum ist es, Lehrerin zu werden.“ Dann will sie umso mehr andere Mädchen dazu ermutigen, ihre eigenen Träume zu verfolgen: „Sie können Nein zu Kinderheirat sagen, Nein zum Schulabbruch.“
Die Geschichte wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Tansania erstellt.