Ricarda Lassek mit Patenkind Marta auf dem Arm, rechts Tochter Nora.
Ricarda Lassek mit Patenkind Marta auf dem Arm, rechts Tochter Nora.

Tanzen in Mosambik

Seit fünf Jahren arbeitet Plan International in Mosambik. Besuche von Paten in dem ostafrikanischen Land sind bislang sehr selten. Wie der von Ricarda Lassek aus Hamburg, die zusammen mit ihrer Tochter Nora ihr Patenkind Marta in Jangamo traf. Auch Patenkind Naima von Silke Reclam-Klinkhardt bekam Besuch von den beiden Hamburgerinnen. Lesen Sie nachfolgend ihren Bericht.

Patenbesuch bei Marta

Wohin nur mit den ganzen Geschenken? Ich meine nicht die paar Stifte, Malblöcke, Knete und Seifenblasen, die wir den Patenkindern mitgebracht haben, sondern den Kofferraum voll mit Maniok, Papaya, Kokosnüssen, Cashew-Kernen und Kürbissen, die wir Besucher von den Dorfgemeinden bekommen haben.  Schon fast beschämend, die Menge an frischen Ernteerträgen, die uns mitgegeben wurden, aber ablehnen kann man die Geschenke auch nicht, das würden die Gastgeber nicht gut heißen.

Noch großer Bedarf an Vorschulbildung

Auch wenn unsere Mitbringsel nicht gerade üppig sind, werden sie von Augustinho, dem Plan-Direktor der Provinz Inhambane an der Küste von Mosambik, für gut befunden. Man soll nicht übertreiben, um keinen Neid in der Dorfgemeinschaft zu erregen, und pädagogisch wertvoll wären sie ebenfalls. Da es nur sehr wenige Kindergärten gibt, können die vierjährige Naima und die fast sechsjährige Marta keinerlei Vorschulbildung erhalten. Auch wenn Marta schon mit in die erste Klasse geht und dafür den ca. einstündigen Schulweg auf sich nimmt, hat meine sechsjährige Tochter Nora bemerkt, dass  im Schulheft „nur Krikelkrakel“ zu finden ist und Marta ihren Namen noch nicht schreiben kann. Plan unterstützt die Bemühungen der Regierung, auch hier im Distrikt Jangamo mehr Kindergärten und andere Formen der Vorschulbildung einzurichten.

Großer Empfang für den Besuch aus der Ferne

Die Eindrücke sind vielfältig: Die Dörfer unter den Palmenhainen sind sauber und gepflegt, die Familie empfängt uns mit aller Etikette: Stühle für die Besucher, Matten für die Familie. Das wirkt auf uns sehr hierarchisch und man fühlt sich in dieser herausgehobenen Position nicht unbedingt wohl, aber so ist das bei Empfängen auf dem Dorf eben üblich. Nach den sehr förmlichen Ansprachen der Plan-Mitarbeiter, fortgesetzt von den älteren Männern der Familie, dürfen auch wir uns vorstellen und unserer Freude Ausdruck verleihen, unser Patenkind nun endlich kennenzulernen. Marta ist sehr schüchtern und traut sich kaum, die Geschenke anzunehmen, auch wenn sie von Kind zu Kind überreicht werden - ich hatte meine Tochter überredet, Marta die Präsente zu geben. Die Übergabe wird von wohlwollendem Lachen der Dorfgemeinschaft begleitet.

Seifenblasen und „Cheia“

Marta und auch Naima haben noch nie Besuch von Erwachsenen, geschweige denn aus Europa. Nachdem Nora Marta gezeigt hat, wie man Seifenblasen macht, lockert sich die Atmosphäre etwas. Dann gehe ich auf die Briefe von Marta ein, die von einer Plan-Mitarbeiterin verfasst wurden. Marta hatte geäußert, dass sie gerne  „Cheia“ spielt. Ich will nun wissen, was das ist, worauf die Plan-Mitarbeiter zur Freude der Dorfgemeinschaft uns das Spiel vorführen: Zwei Personen stehen sich gegenüber und versuchen, eine weitere Person in der Mitte mit einem Ball treffen, die gleichzeitig versucht, auszuweichen und eine Flasche mit Sand zu füllen. Dann müssen wir uns verabschieden. Wiederum leitet ein Plan-Mitarbeiter die Verabschiedungsworte ein, dann hat die Familie das Wort und am Schluss wir.

Tanz für alle

Wir fahren über hoppelige Wege durch die Palmenhaine zur Gemeinde von Naima. Naima sitzt hier hübsch herausgeputzt in einem weißen Kleid, ähnlich schüchtern wie Marta, am Ende jedoch wird sie etwas lebendiger und isst fleißig Maniok. Auch hier  das anfängliche und sehr formelle Prozedere, aber nach dem Überreichen der Geschenke fängt eine Frau mit sehr kräftiger Stimme an zu singen, alle anderen fallen  ein, klatschten dazu einen flotten Rhythmus und fangen an zu tanzen. Alte, Junge, Plan-Mitarbeiter, auch wir werden mitgerissen. Heißer, gekochter Maniok wird gereicht - und die leckeren, gerösteten Castanhas, sprich Cashewkerne. Alle begutachten das Foto von Frau Reclam-Klinkhardt. Als wir wieder sitzen, ist noch Raum für Fragen. Ich komme mit einer Tante von Naima, die gut Portugiesisch kann, ins Gespräch.

Fragen über Fragen

„Was macht Plan hier bei euch?“ ist eine meiner Fragen. „Wir haben Ziegen bekommen“, ist eine der Antworten. Ernährungssicherung ist eine der Komponenten von Plan, und sicher auch notwendig, wenn man die Kinder genauer ansieht. Sie sehen nicht unterernährt aus, aber als Nora mit Marta ihr Schulheft durchblättert, stellt sie fest: „Guck mal, die kleinen Hände!“ Gerade im Vergleich mit einem in Europa aufgewachsenen Kind fällt auf, dass die Kinder in den dörflichen Gemeinden sich langsamer entwickeln und dünnere Arme und Beine haben. Keine Hungerbäuche, aber die Ernährung ist sicher nicht so ausgewogen und regelmäßig wie bei uns.

Schulküche inklusive Ernährungsberatung

Es ist nicht immer nur der Mangel an Nahrung, der ausschlaggebend ist, sondern auch das Wissen um das Thema Ernährung. Deshalb investiert Plan auch in Bildung und den Bau von Schulen. Außerdem unterstützt Plan auch die Sekundarschulen. Da die Schulwege sehr weit sind, braucht eine ländliche Sekundarschule ein Internat, welches nun von Plan errichtet wird: zwei zweistöckige Häuser, eines für Jungen und eines für Mädchen.  Die Schüler sind dort regelmäßig zum Kochen in der Kantine eingeteilt und müssen auch andere Dienste leisten, damit alles funktioniert und sauber ist.

Suche nach Zugang zu sauberem Wasser

Augustinho führt uns zu weiteren Plan-Projekten: Wasserversorgung ist ein wichtiges Thema, welches gemeinsam mit der Wasserbehörde angegangen wird. Schon am Morgen hatten wir eine Brunnenbohr-Station in einer Gegend besucht, wo es gar keine natürlichen Bäche oder Flüsse gibt. Es wurden schon an mehreren Stellen tiefe Löcher gebohrt, aber die Wasserqualität ist noch nicht zufriedenstellend. Es muss also weitergesucht werden. Ich wundere mich, dass sich die Menschen in einer solchen dürren Gegend überhaupt ansiedeln. Es muss wohl an dem Bürgerkrieg liegen, der in Mosambik von 1977 bis 1992 wütete und die Menschen in unwirtliche Gegenden vertrieben hat.

Gebärhaus und Geburtenregistrierung in erreichbarer Nähe

Auch in dem Städtchen Jangamo hat Plan in unmittelbarer Nähe der Gesundheitsstation einen Tiefbrunnen gebohrt. Dieser funktioniert schon, das Wasser sprudelt mit Druck aus dem Wasserhahn und einen Wassertank gibt es auch. Ein Solarpanel erzeugt Strom für den Kühlschrank, in dem Medikamente gelagert werden. Zur Gesundheitsstation gehört auch ein von Plan errichtetes Gebärhaus, in dem Frauen ihre Kinder unter medizinisch besseren Bedingungen zur Welt bringen können. Mitten im „Busch“ gibt es ein weiteres Haus, in dem die Familien ihre Kinder registrieren können. Trotz Gebärhaus werden immer noch viele Kinder zu Hause geboren und nicht registriert, da der Weg in die Provinzhauptstadt Inhambane zu weit ist. Durch die Ausweitung der Registrierstellen haben noch mehr Kinder die Chance, eine Geburtsurkunden zu erhalten – und somit ihre Rechte als Staatsbürger wahrnehmen zu können.

Fortbildungen für Lehrer

Als ehemalige GTZ-(heute GIZ: Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) Mitarbeiterin im Bildungssektor war ich auch daran interessiert zu erfahren, wie es mit den Lehrerfortbildungsmaterialien steht, die wir damals  mit entwickelt und verbreitet haben. Auch hier unterstützt Plan bei der Organisation und Durchführung von Fortbildungen für Lehrer. Besonders freute mich zu hören, dass ein Modul zum schülerzentrierten Unterricht, das ich damals hauptamtlich mitentwickelt hatte, nun landesweit im Einsatz ist.

Mit den Augen einer Sechsjährigen

Als ich meine Tochter frage, was sie an den Besuchen am schönsten und was sie gar nicht gut fände, antwortet sie auf den zweiten Teil der Frage, dass ihr die Toiletten nicht gefallen. Fürs Pippimachen gibt es nur einen Verschlag aus Palmwänden, wohinter man sich verstecken kann. Nur für größere Angelegenheiten gibt es an einer anderen Stelle ein Loch, welches verschlossen wird, wenn es voll ist. Richtige Latrinen werden auch von Plan propagiert, aber der Ansatz liegt vor allem in der Hygieneerziehung: Fäkalien müssen immer weit weg von Orten der Essenszubereitung und -lagerung sein, denn sonst passiert das, was in den Fortbildungen demonstriert wird: Es kommen die Fliegen. Diese Beobachtung führt sicher und nachhaltig dazu, dass auf diesem Wege keine Krankheiten mehr übertragen werden.

Und was war am Schönsten? Die Geschenke für die Patenkinder, Cheia, Castanhas, Musik und das Tanzen!

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