Antonia Kerschbaumer, umringt von der Familie ihres Patenkindes Rael Ngina
Antonia Kerschbaumer, umringt von der Familie ihres Patenkindes Rael Ngina.

Meine zweite Familie

Als Antonia Kerschbaumer im Januar dieses Jahres in Rael’s Heimatdorf im Süden Kenias ankam, war die Anspannung groß. Doch ihre Erwartungen wurden noch übertroffen.

Patenbesuch bei Rael Ngina in Kenia

Am Morgen des großen Tages wurden wir von einer Mitarbeiterin des Plan-Büros vom Hotel abgeholt und die Reise ins Inland begann. Unser erster Stop war ein örtlicher Supermarkt, in dem wir für die Familie Lebensmittel und Hygieneartikel einkauften. Ein erstes Highlight war, dass wir Hygieneprodukte der Marke fanden, für die ich in Deutschland im Marketing verantwortlich bin – so konnte ich Rael und ihrer Familie später auch direkt erklären, was ich beruflich mache. 

Abenteuerliche Reise

Die asphaltierten Straßen ließen wir dann sehr schnell hinter uns und die Strecke wurde immer abenteuerlicher. Ich war wahrlich beeindruckt, wie gekonnt unser Fahrer den Jeep über die Buckelpiste lenkte. Ich sah die gesamte Fahrt aus dem Fenster. Es war toll Kenia abseits der touristischen Safari Parks zu sehen, die Landschaft ist wunderschön! Nach etwa einer Stunde Fahrt kamen wir in Rael’s Schule an, wo wir herzlich von den freiwilligen Helfern der Gemeinschaft empfangen wurden. Meine Aufregung stieg.

Kinder brauchen Schutz

Als erstes wurde ich in das Projekt-Büro in der Schule geführt und durfte die Akte meines Patenkindes Rael einsehen. Die freiwilligen Helfer informierten mich über ihren Arbeitsschwerpunkt der Aufklärung zu den Rechten der Kinder. Außerdem lernte ich, dass in dieser Gemeinde durch die Unterstützung von Plan International ein funktionierendes System aufgebaut werden konnte, indem Missbrauch gemeldet wird. Familiäre Gewalt und sexueller Missbrauch sind in Kenia weit verbreitet und werden nur in seltenen Fällen zur Anzeige gebracht. Plan International stärkt die Kinderschutzmechanismen in den Gemeinden und Schulen. Sie klären Eltern, Lehrkräfte und freiwillige Helfer über konkrete Maßnahmen auf, wie sie die Kinder vor Gewalt und Missbrauch schützen können.  Auch setzt sich Plan International für die konsequente Umsetzung der Kinderschutzgesetzte und strafrechtlichen Verfolgung jeglicher Vorfälle ein. Kooperationen mit der Regierung sind sehr wichtig, um die aufgebauten Mechanismen nachhaltig zu etablieren.

Ich konnte in Gael’s Gemeinde erleben, wie stark das Vertrauen zwischen den Kindern und den freiwilligen Helfern ist, was mich tief beeindruckt hat.  Eine Vertrauensperson, die ihre Probleme ernst nimmt. Das ist wichtig für die Kinder, besonders bei sensiblen Themen.

Meine Paten"schafft"

Der Direktor der Schule hat mir den Ablauf im Schulalltag erklärt und gezeigt, welche Projekte von Plan International umgesetzt werden. Da wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, was mit meiner Patenschaft alles bewirkt wird. Abgesehen von vielen Schulbänken wurden vier ganze Klassenzimmer finanziert und eröffnet. Der Bau von Räumlichkeiten und die Schulung von Lehrkräften sind wichtige Aspekte der Arbeit von Plan International in Kenia, denn durchschnittlich kommen 80 Schulkinder auf eine Lehrkraft. Das führt zur Überfüllung der Klassenräume und mangelnder Unterrichtsqualität. 

Der große Moment

Dann kam endlich der große Moment. Wir haben uns auf den Weg zu Rael’s Klasse gemacht. Die Kinder waren erst sehr scheu aber auch neugierig – die meisten von ihnen hatten noch nie zuvor hellhäutige Menschen gesehen! Aber die mitgebrachten Süßigkeiten ließen die anfängliche Angst schnell schwinden. Ob ich Rael denn erkennen würde? Na klar,  aufgrund der bereits ausgetauschten Fotos konnte ich sie schnell ausmachen. Sie war genauso sehr überwältigt wie ich, ist aber schnell aufgetaut und ich konnte ein erstes scheues Lächeln aus ihr herauslocken.

Ich hatte einen kindgerechten Atlas als Poster mitgebracht und konnte den Kindern erklären wo meine Heimat ist und wie lange ich von Deutschland aus nach Kenia gebraucht hatte – unvorstellbar für sie. Große Freude gab es auch über die Hefte, Stifte und Malsachen die ich mitgebracht hatte, welche feierlich an die Klassenlehrerin übergeben wurden. Danach wurde für mich gesungen und getanzt – am Ende konnte ich sogar ein paar Zeilen mitsingen! 

Empfang im Dorf

Nach einer rührenden Verabschiedung durfte Rael dann mit uns die Klasse verlassen und im Auto zurück zu ihrem Dorf fahren. Der Weg war sehr beschwerlich, dennoch muss sie ihn jeden Tag zu Fuß in Flip Flops zurücklegen. Die Großfamilie erwartete uns bereits. Und welch Empfang das war! Mir kamen das erste Mal die Tränen als Rael’s Grossmutter auf mich zugelaufen kam, mich umarmte und herzlich willkommen hieß! Nachdem wir allen vorgestellt wurden und eine erste Runde Schokolade verteilt hatten, durften wir uns alle setzen und aus unserem Leben erzählen. Ich hatte eine Schneekugel und viele Ansichtskarten mit Sommer- und Winterlandschaften mitgebracht, was für große Augen gesorgt hat! Schnee und Kälte fanden sie schlichtweg unbegreifbar. Nun wurde mir stolz die Farm gezeigt. Hinter zwei kleinen Lehmhütten gab es verschiedene Bäume, Sträucher und Beete, die normalerweise die Familie versorgen. Ich durfte sogar selber eine spezielle Wurzel ausgraben und Kokosnuss Öl produzieren – meine Ausführung hat natürlich für großes Gelächter gesorgt – auf beiden Seiten! 

Dann war es Zeit für Geschenke! Abgesehen von den Einkäufen, die wir auf dem  Hinweg noch getätigt hatten, hatte ich noch Kleidung, Ballons, weitere Stifte und Spielsachen mitgebracht, die an Rael und ihre Geschwister verteilt wurden. Das absolute Highlight für die Kinder waren definitiv die Luftballons – und auch unsere Handys, die sofort für Selfie Wahnsinn gesorgt haben! Die Plan-Mitarbeiter vor Ort hatten uns zuvor erklärt, dass ein großes Problem für die Kinder ist, dass die Hütten nicht mit Strom versorgt sind. Dadurch, dass alle Familienmitglieder auf der Farm mithelfen müssen, bleibt oft keine Zeit für Hausaufgaben bis zum Abend – allerdings ist dies dann oft unmöglich nach Einbruch der Dunkelheit. Wir haben daher eine kleine Solarlampe mitgebracht, die für große Freude gesorgt hat. Es hat mich tief beeindruckt mit welch kleinen Dingen, die für uns in Deutschland so selbstverständlich sind, man wirklich etwas verändern und bewirken kann. In Kenia gibt es kein funktionierendes Müllsystem, weshalb einfach alles auf den Boden geworfen wird. Dies war auch der Fall mit dem Papier in dem die Schokolade eingewickelt war, die wir an die Kinder verteilt hatten. Nachdem ich einige davon aufgehoben hatte war ich sehr stolz dass Rael nach kurzem Überlegen ihren Müll auch aufgehoben hat und mir in die Hand gedrückt hat. Es ist ein Anfang.

Viel zu früh war es dann auch schon wieder Zeit aufzubrechen, allerdings nicht ohne eine Rede vom Dorfältesten und den Großmüttern, die mich herzlich in die Familie aufgenommen haben. Als Teil ihrer Familie bin ich jederzeit im Dorf willkommen, sollte das Leben in Europa mal nicht so einfach sein. Ich war den Tränen nahe! 

Zeit zum Aufbruch

Nach vielen herzlichen Umarmungen und einem letzten Blick auf die kleine Rael ging es dann wieder zurück ins Hotel. Während der Fahrt versuchten wir, die vielen Eindrücke zu sammeln und zu verarbeiten, was aber wirklich schwer war und noch Tage gedauert hat. Ich wusste nicht wirklich was mich erwarten würde, aber ich kann jetzt mit gutem Gewissen sagen, dass dieser Tag mein Leben verändert hat. Die Herzlichkeit und die Fröhlichkeit, die mir diese Familie entgegen gebracht hat, sind unvorstellbar und man kann nicht anders, als gewisse Aspekte oder „Probleme“ im eigenen Leben zu überdenken. 

Die Projektarbeit, die ich vor Ort sehen durfte, hat mich tief beeindruckt und darin bestärkt, dass Plan International die richtige Organisation für mich ist. Diese Patenschaft wird so lange bestehen wie es geht und ich werde mein Bestes tun, dieses kleine Mädchen und ihre Familie so gut zu unterstützen wie möglich. Falls Sie diesen Bericht lesen und darüber nachdenken eine Patenschaft abzuschließen, kann ich Ihnen nur ans Herz legen es zu tun. Es ist mehr als eine monatliche Spende, es ist eine Bereicherung auf beiden Seiten. Vielen Dank für die Organisation an das Team von Plan, sowohl in Deutschland als auch vor Ort in Kenia – es war ein unvergesslicher Tag für mich!

Ja, ich möchte in Kenia helfen!

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