Karen Richardson und Werner Scheibling mit Patenkind Gladys.
Karen Richardson und Werner Scheibling mit Patenkind Gladys.

Ein großer Tag für alle

Schnell rückt ihre geplante viertägige Safari durch drei kenianische Nationalparks auf Platz zwei, als Karen Richardson und Werner Scheibling aus Göppingen die Nachricht der Plan-Mitarbeiter erreicht, dass einem Besuch bei ihrem Patenkind nichts entgegensteht. Hier ihr Bericht von der Begegnung mit der achtjährigen Gladys in Kilif:

Patenbesuch bei Gladys

Im Büro in Kilifi wurden wir sehr herzlich vom den dortigen Mitarbeitern begrüßt, tranken zusammen eine schnelle Tasse Tee und besuchten auch noch einmal die Toilette - denn eine solche würde es, bis zum Ende des Tages nicht mehr geben. Dann ging es los, in Begleitung von George und David, mit Kenneth am Steuer, der sich später als ausgesprochen routinierter Off-Road-Fahrer entpuppte. Zunächst stoppten wir noch am örtlichen Supermarkt, um Lebensmittelvorräte und kleine Geschenke für die Familie zu kaufen, wo wir Dinge einkaufen, die dringend benötigt werden. Die Lebensmittelpreise in Kenia unterscheiden sich kaum von denen in  Deutschland - obwohl der Großteil der Bevölkerung von weniger als einem US-Dollar am Tag über die Runden kommen muss.

Mit Landcruiser über Buckelpiste

Beladen mit Maismehl, Reis, Bohnen und Hygieneartikeln, wie Kernseife und Zahnpasta, aber auch bescheidenem Luxus, wie Bonbons, Keksen und einem richtigen Lederfußball, verließen wir die Kleinstadt Kilifi. Nach wenigen Minuten auf der asphaltierten Landstraße bogen wir in Richtung 'Hinterland' ab, wie es von George genannt wurde. Und dorthin führte nur eine ziemlich derbe Staubpiste, die immer wieder von ausgetrockneten Bachläufen unterbrochen wurde. Schnell wurde uns klar, warum wir in einem geländetauglichen 'Landcruiser' unterwegs waren, der von einem gut ausgebildeten Fahrer gelenkt wurde. Mit einem konventionellen Pkw wären wir wohl nie in Gladys' Dorf angekommen. Im Laufe dieser gut einstündigen Fahrt sahen wir auch zum ersten Mal einige der Projekte, die von Plan International betreut werden.

Projekte mit nachhaltiger Wirkung

Man zeigte uns zwei Zapfstellen für sauberes Trinkwasser, welche über kilometerlange Leitungen an die Hauptwasserleitung angeschlossen wurden. Wir kamen an ein oder zwei Dorfschulen mit neu gebauten Unterrichtsräumen vorbei und wir sahen Ackerland, auf dem spezielle, dürrebeständige Nutzpflanzen gediehen. Zwar hatten wir darüber schon in den jährlichen Fortschrittsberichten gelesen; aber diese Dinge mit eigenen Augen zu sehen, ist schon eine ganz besondere Erfahrung. George nutzte auch die Gelegenheit, uns von den Unterrichts- und Aufklärungsprogrammen zu berichten, die Plan International im Projektgebiet initiiert. So erzählte er uns z.B. wie die Kinder schon sehr früh über ihre Rechte aufgeklärt werden und dass sie es keinesfalls zu dulden hätten, ausgebeutet oder gar missbraucht zu werden. In einem Land, in dem geschätzte 40 Prozent der Bevölkerung HIV-positiv sind, Teenager-Schwangerschaften die Norm darstellen und weibliche Genitalverstümmelung immer noch bei manchen Stämmen praktiziert wird, sind diese Aufklärungsprojekte genau so brennend nötig, wie jene, die helfen, eine erfolgreiche Ernte zu erzielen.

Farbiges Meer aus Schuluniformen

Unser Allradfahrzeug bog schließlich auf den Vorplatz von Gladys' Schule ein und war sofort von einem wogenden Meer aus Gelb und Blau umschlossen. So sehen in Kilifi die Schuluniformen aus. Die Grundschule umfasst in Kenia die Klassen eins bis acht und ist für alle Kinder grundsätzlich gebührenfrei. Schulbücher und Schreibzeug müssen aber, genau so wie die Schuluniformen, von den Eltern gekauft werden. Nur etwa drei Viertel der Kinder trugen daher blau und gelb, aber alle brannten darauf, uns endlich aussteigen zu sehen. Für manche war es sicherlich das erste Mal, einen M'zungu, also einen 'weißen Mann', zu sehen und folglich standen wir im Fokus großen Interesses und eines gewissen Maßes an höflichem Amüsement.

Wir wurden vom Schulleiter empfangen, der uns erzählte, dass hier über dreihundert Kinder in den Klassen eins bis acht und zusätzlich 250 Kinder im Kindergartenalter in der Vorschule betreut würden. Wir hatten das Gefühl, als ob wirklich alle zusammen erschienen waren, um uns zu treffen!

Großer Empfang in der Schule

Dann wurden wir in ein Klassenzimmer geführt, wo wir schließlich, nach ein paar einführenden Worten, zum ersten Mal Gladys ganz persönlich sehen konnten. Was für ein bewegender Moment für uns alle! Gladys hatte einen kurzen Begrüßungssatz auf Englisch für uns vorbereitet, war aber so überwältigt, dass sich ihr leises Flüstern im großen Klassenzimmer verlor. Als Geschenk für die Schule hatten wir einen kindgerechten Weltatlas in englischer Sprache und mindestens sechzig Kugelschreiber im Gepäck, die einem in Deutschland als kostenloses Werbegeschenk nachgeworfen werden, in Kenia aber einen sehr begehrten Besitz darstellen. Dann durfte Gladys mit uns im Plan-Jeep zurück zu ihrer häuslichen Ansiedlung („Homestead“) auf dem weitläufigen Gelände der Dorfgemeinde Makalangeni fahren.

Sauberes Trinkwasser auf dem Schulhof

Bevor wir aber abfuhren, zeigte uns der Schulleiter noch stolz die Entnahmestelle für sauberes Leitungswasser, die Plan International in seinem Schulhof eingerichtet hatte. Nachdem er sich überaus herzlich bei uns, die wir ja auch hierzu beigetragen hatten, bedankte, wurde es zum ersten Mal für uns greifbar, wie (nicht nur) Gladys direkt von unseren monatlichen Patenschaftsbeiträgen profitierte. Leider konnte Gladys' Vater nicht während unseres Besuchs anwesend sein, da er unter der Woche als Tagelöhner in der Nähe von Mombasa arbeitet. Aber alle anderen Mitglieder der Großfamilie erwarteten uns schon! Wir verließen uns ganz auf George und David von Plan, die geduldig alle Gespräche von Swahili oder gar der Stammessprache ins Englische und umgekehrt übersetzten.

Großfamilie mit 13 Kindern

Nachdem wir zunächst Gladys‘ Mutter Joyce und ihren übrigen sechs Kindern vorgestellt wurden, lernten wir auch die erste Frau von Gladys‘ Vater namens Nyevu kennen. Mit Nyevu hat Charles sechs weitere Kinder. Obwohl es nicht den üblichen Gebräuchen des Stammes entspricht, leben beide Frauen mit all ihren Kindern in einem einfachen Haus mit Charles zusammen. Dieses Haus verfügt über drei Zimmer und einen „sitting room“ und ist in traditioneller Bauweise (Holzständerkonstruktion mit Wänden aus Astflechtwerk, welches mit Lehm verstrichen wird, gestampfter Lehmboden) errichtet. Als einzigen Luxus besitzt es jedoch einfache Glasfenster und ein hinterlüftetes Wellblechdach anstatt der üblichen Palmblattdeckung. Das war’s aber auch schon, kein Wasser, kein Licht und gekocht wird auf Holzfeuer in einem extra Küchenhäuschen.

So sieht also Schnee aus!

George schlug vor, dass jetzt die richtige Zeit gekommen wäre, Luftballons und Bonbons an die Kinder zu verteilen. Damit war das Eis gebrochen! Auf einen Schlag war die kleine Siedlung mit Fröhlichkeit und Lachen erfüllt. Da Gladys in diesem Moment nicht mehr von allen Anderen intensiv beobachtet wurde, konnten wir ihr ein hübsches T-Shirt, eine Kinderzeitschrift und ein paar Spielzeugfigürchen schenken - Dinge, die wir aus Deutschland speziell für sie mitgebracht hatten.

Nachdem nun auch wir selbst etwas entspannter waren, gab es auf George’s Empfehlung noch eine Runde Kekse für alle. Dann zeigten wir Fotos, die wir aus Deutschland mitgebracht hatten, was auf allergrößte Neugier stieß. Wirklich alle wollten den Schneemann in unserem Garten und andere winterliche Szenen aus unserer Heimat sehen. Die Fotos machten noch eine zweite und dritte Runde, da niemand außer uns jemals eine schneebeckte Landschaft gesehen hatte.

Selbstgebastelte Fußbälle aus Plastik und zerknülltem Papier

Der Fußball kam ungeheuer gut bei Gladys‘ Brüdern und den anderen Jungs an, die sofort barfuß zu spielen begannen. Wir waren überrascht, mit welcher Ballbeherrschung und welchem Trickreichtum hier gekickt wurde. George versicherte uns, dass die Jungs zuvor noch nie mit einem Lederfußball, sondern nur mit selbst gebastelten Bällen aus Plastikfolie und zerknülltem Papier gespielt hatten.

Trotz aller schönen Geschenke entpuppen sich manchmal kleine Dinge am Rande als der eigentliche Renner. Wir merkten schnell, dass die Kinder außerordentlich von ihren eigenen Bildern amüsiert und fasziniert waren, die ich ihnen auf dem Display meiner digitalen Kamera zeigte.

Ein großer Tag für alle Beteiligten

Ein Besuch wie dieser ist nicht nur für uns Paten ein unvergesslicher Tag, sondern auch für das Patenkind und dessen Familie. Gastfreundschaft und Geselligkeit genießen in der kenianischen Kultur einen hohen Stellenwert, weshalb wir zur Mittagszeit ganz selbstverständlich als Ehrengäste behandelt wurden. Beim Nachbarn wurde flugs ein kleiner Tisch ausgeliehen, ein anderer Nachbar steuerte zwei Löffel bei, ein paar Plastikstühle wurden organisiert und so konnten wir bequem auf der kleinen Veranda Platz nehmen. Gladys, die wichtigste Person des heutigen Tages, durfte mit uns am Tisch essen und kicherte leise vor sich hin, als sie uns dabei beobachtete, wie wir versuchten Ugali, Kale und Huhn in Kokosnussbrühe mit nur einer, und zwar der rechten, Hand zu essen. Sie zeigte uns, wie’s geht und wir konnten die Löffel beiseitelegen.

Nach dem Mittagessen wurden wir durchs Haus geführt und da wurde uns erst richtig bewusst, wie arm die Menschen im Dorf wirklich sind. In den drei Zimmern befindet sich je ein Bettgestell ohne Matratze; diese Betten teilen sich drei Erwachsene und dreizehn Kinder. Außer den Betten besitzt die Familie noch ein paar Palmblattmatten, die die Lattenroste während der Nacht bedecken, eine Wäscheleine, die quer durch den Raum gespannt als Schrankersatz für die wenigen Kleider dient, und ein paar Schüsseln und Teller aus Kunststoff. Das ist neben wenigen Hühnern und Enten (die nie Wasser sehen werden) und zwei kleinen Hunden wirklich alles.

Am Rande des Nationalparks

Als wir uns darüber unterhielten, mit welchen Herausforderungen die Familie sonst noch zu kämpfen hat, fanden wir heraus, dass wir uns ganz am Rande des Tsavo East-Nationalparks aufhielten. Erst eine Woche zuvor waren wir dort auf Fotosafari gewesen, was uns aber mangels Orientierung so nicht bewusst war. George erklärte uns, dass immer wieder einmal Elefanten aus dem Nationalpark ins Dorf herüber streunen und dabei alle Bewohner in Angst und Schrecken versetzen. Meist zertrampeln sie die auch von Gladys‘ Mutter mühsam und liebevoll gehegten Maisfelder und vertilgen alles, was eigentlich die Jahresernte hätte werden sollen. Auch Giftschlangen (die berüchtigte schwarze Mamba lebt in diesem Gebiet) stellen eine dauernde Bedrohung dar, insbesondere wenn man die Sandalen mit seiner Schwester teilen muss… Daher waren wir sehr erleichtert, als wir hörten, dass ein Teil der Patenschaftsbeiträge bereit gehalten wird, falls je ein Kind eine medizinische Notfallbehandlung benötigen sollte.

Zeit zum Aufbruch und Gedanken am Rande

Nur zu bald war es wieder Zeit, aufzubrechen. Man hatte uns dringend angeraten, möglichst bis zum Einbruch der Dunkelheit wieder im Hotel zu sein. Es hört sich wahrscheinlich sehr klischeehaft, wenn wir sagen, dass diese Erfahrung unser Leben zumindest zum Teil verändert hat. Eine Woche später besuchte ich (Karen) wieder einmal mein bevorzugtes Kaufhaus in Stuttgart und konnte mehrere Damen beobachten, die sich um einen Tisch drängten, wo Designer-Handtaschen zu reduzierten Preisen angeboten wurden. Der einzige Gedanke, der mir durch den Kopf schoss war: "Für den Preis einer dieser Handtaschen könnte man ein Plan-Patenkind zehn Jahre lang finanzieren."

Korrespondenz als große Bereicherung

Falls Sie bereits ein Patenkind haben, können wir Sie nur ermuntern, ihm regelmäßig zu schreiben. Ihr Patenkind samt Familie möchte wissen, dass es Sie wirklich gibt und nicht alles nur eine Erfindung von Plan ist. Wir konnten selbst erleben, welche Freude Sie ihrem Patenkind und seiner Familie bereiten, wenn immer wieder einmal ein Brief mit Fotos und vielleicht ein paar kleinen Geschenken aus einem fernen Land eintrifft. Falls Sie noch kein Kind in Kenia oder einem der anderen 49 Plan-Projektländer unterstützen, dann können wir Sie nur bitten, sich diesen Schritt ernsthaft zu überlegen. Während Ihr Geld dort eingesetzt wird, wo es am dringendsten gebraucht wird, erschließen Sie sich neue Horizonte, gewinnen neue Freunde und bereichern mit ziemlicher Sicherheit ihr Leben auf eine Weise, die Sie sich so noch nicht vorgestellt haben.

Letzter Blick auf Gladys

Wir kamen mit einer riesigen Menge an Fotos von unserem Besuch bei Gladys zurück nach Hause. Auf vielen dieser Fotos sieht sie sehr ernst aus, obwohl 'überwältigt' wohl das treffendere Wort wäre. Glücklicherweise haben sich noch weitere Eindrücke unauslöschlich in unserer Erinnerung eingebrannt. Für mich, Karen, ist dies ein kurzer letzter Blick aus dem Auto hinüber zu Gladys, die mir in diesem Moment ein rares, unbeschreiblich schönes und von Herzen kommendes Lächeln schenkte, als sie uns an diesem sonnigen Januartag vor ihrem Haus stehend zum Abschied zuwinkte.

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