Gegessen wird im Schneidersitz auf Strohmatten. Zum Glück konnte Ehepaar Welle gut mit Stäbchen umgehen, denn Besteck gibt es nicht.

Faszination Langnasen

Auf nach Vietnam! Seit elf Jahren unterstützt Traudl Welle Plan International, Huyen ist bereits ihr zweites Patenkind. Gemeinsam mit ihrem Mann machte sich die Berlinerin Ende letzten Jahres auf den Weg, das südostasiatische Land und die siebenjährige Huyen zu besuchen. Das Paar erlebte einen Tag voller Gastfreundschaft, von dem sie hier berichten:

Patenbesuch bei Huyen

Morgens um sieben werden wir vom Fahrer abgeholt, eine Dolmetscherin sitzt auch im Auto. Es ist Dezember, wir befinden uns in Vietnam, 90 Kilometer nordöstlich von der Hauptstadt Hanoi. Wir wollen meine siebenjährige Patentochter Huyen besuchen. Zweieinhalb Stunden mühsame Autofahrt in die Provinz Bac Giang liegen vor uns. Es geht vorbei an Wasserbüffeln, auf schwer beladenen Mopeds und Fahrrädern. Die Vietnamesen sind Transportkünstler auf zwei Rädern. Auf einem Moped kann alles transportiert werden: Schränke, Fernseher, Kühlschränke, Schweine, Hühner, Enten, ja sogar lebende Wasserbüffel!

Zwischenstopp im Plan-Büro

Erster Halt im örtlichen Büro von Plan und Begrüßung durch zwei nette Mitarbeiter: Frau Do Thi Anh Cham und Herr Le Ngoc Long. Wir bekommen heißes Wasser zu trinken und unterschreiben einen Katalog mit wichtigen Verhaltensregeln zum Schutz der besuchten Familien und Projekte. Wir verschenken einen Kalender mit großen Bildern aus Deutschland - zur großen Freude der Mitarbeiter. Plan unterstützt in dieser sehr armen Region zehn Gemeinden mit etwa 6.600 Einwohnern, darunter 1.700 Kinder. Die Schwerpunkte liegen in der Frauen- und Mütterarbeit sowie in der Zusammenarbeit mit dem Gesundheitszentrum, für das Plan bereits ein Ultraschallgerät erworben hat. Bildung ist ein weiterer wichtiger Arbeitsansatz, denn die öffentlichen Schulen sind zum Teil nur mangelhaft ausgestattet. Plan unterstützt sie bei der Anschaffung von Schulmaterial.

Über Schlaglöcher und schlechte Straßen

Die Menschen hier leben überwiegend von landwirtschaftlicher Selbstversorgung und verfügen über kaum Geld. Arbeit ist schwer zu finden. Unsere Familie hat Felder, die jedoch drei Kilometer entfernt sind. In manchen Zeiten ist die Familie gezwungen, dort in einer provisorischen Hütte zu übernachten. Die Kinder müssen dann alleine nach Hause laufen, Nachbarschaft und Verwandte helfen, wo sie können. Der Vater ist immer auf der Suche nach  Arbeit.

Im Dorfladen kaufen wir noch Öl und Zucker, dazu Waschpulver und für die ganze Familie eine riesige Tüte voller Bonbons - zum Verteilen in der Schule und im Kindergarten. Dann geht es los, über unbeschreiblich schlechte Straßen, eine wilde Ansammlung von Schlaglöchern und Bodenwellen aus Sand und Lehm. Elf Kilometer sind es bis in die Gemeinde, wo unser Patenkind lebt. Die Straßen sind in so schlechtem Zustand, dass die Einheimischen teilweise noch nicht mal ihre Fahrräder benutzen können.

Kein Familienbesuch ohne Volkskomitee!

Es geht zum Büro vor Ort. Willkommensgruß: Uns wird der in Vietnam beliebte  grüne Tee in winzigen Porzellantässchen angeboten. Neugierig werden wir gefragt, wie viele Kinder wir haben. Der stellvertretende Vorsitzende des Volkskomitees hat eine besonders brennende Frage an uns: Wie lange wir zusammengelebt hätten, bevor wir heirateten? Wir sind amüsiert! Er ist etwas beschämt, erzählt uns nur leise, dass er vier Kinder hätte. Inzwischen gilt in Vietnam ja die Empfehlung zur Zwei-Kind-Familie. Anschließend gibt es eine lebhafte Diskussion über die unterschiedlichen Lebensentwürfe im Westen und in Vietnam. Dann steigen wir zu siebt in das Auto: Der Fahrer, die Übersetzerin, der Plan-Mitarbeiter, die beiden Vertreter des Volkskomitees und natürlich mein Mann und ich.

Geschenke für die Gastfamilie

Die Familie wohnt abseits und ist ohne Ortskundige nicht auffindbar. Sie erwartet uns schon, gemeinsam mit ihren Nachbarn und Verwandten. Huyen ist lange Zeit sehr schüchtern. Wir müssen ihr Zeit lassen. Und wieder trinken wir grünen Tee aus Puppentassen und essen getrocknete Litschis. Damit Huyen auftaut, packen wir die Geschenke aus. Huyen ist sechs Jahre alt und hat noch einen vier Jahre älteren Bruder namens Son. Natürlich haben wir für beide Kinder Geschenke mitgebracht: Feldermäppchen lösen bewundernde Ah- und Oh-Rufe aus. Bei der Babypuppe für Huyen reagieren die Frauen ganz entzückt.

Betrachten von Bildern aus Deutschland

Gemeinsam sehen wir unsere Fotos von Zuhause an. Die Familien- und Schneefotos vom Winter stoßen auf großen Anklang. Großes Interesse gilt auch dem Deutschland-Kalender. Dann holt die Mutter eine Plastiktüte hervor und zeigt mir die Briefe und Postkarten, die sie von mir bekommen hat. An der Wand hängt eine Postkarte von mir. Huyen ist eine ausgesprochen gute Schülerin. Alle sind stolz auf sie. Die Mutter erzählt fröhlich, dass Huyen mir bald selbst Briefe schreiben könne.

Überraschungsgeschenk

Es wird viel gelacht, alle sind neugierig und interessiert. Dann werden wir in das Haus zum Essen gebeten. Zuvor möchte man uns noch ein Gastgeschenk überreichen. Wir sind sehr gerührt, aber auch etwas erschrocken ob der Größe. Ein riesiger Karton, gefüllt mit getrockneten Litschis aus dem Garten. Dazu Klebereisrollen, groß wie 1-Liter-Getränkeflaschen, gefüllt mit Schweinefleisch und eingepackt in Bananenblätter. Mit diesen Geschenken drückt die Familie ihre Dankbarkeit uns gegenüber aus. Stundenlang hatte die Muttor zuvor gekocht – auch für das anschließende Festmahl im Nachbarhaus.

Gemeinsames Mahl

Gäste und Freunde speisen gemeinsam. Das gehört zur Gastfreundschaft. Im Haus der Omas sind auf dem Fußboden zwei große Strohmatten ausgebreitet, in der Mitte stehen die gekochten Speisen. Man isst im Schneidersitz. Da es kein Besteck gibt, sind alle erleichtert, dass es uns nicht schwer fiel mit Stäbchen zu essen. Der Vater öffnet den selbst hergestellten, mit Litchis versetzten Reisschnaps. Immer wieder wird das Wort an uns gerichtet und mit Reisschnaps angestoßen. Das geht so eineinhalb Stunden lang. Ich trinke nur noch Tropfen, da ich die Folgen des Alkohols befürchtete. Mal erhebt der Vater oder der Bruder das Wort, mal die Oma, dann mal wir und mal der Plan-Mitarbeiter und der Vorsitzende vom Volkskomitee gleich mehrere Male. Er bedankt sich immer wieder für unsere Unterstützung. Am Ende gibt es wieder grüner Tee in Puppentassen.

Faszination Langnasen

Es kommen immer mehr Leute aus der Nachbarschaft und wollen uns kennenlernen. Wir lachen viel und ein kleiner eineinhalbjähriger Junge erzeugt die beste Stimmung und lässt alle eventuell noch vorhandenen Hemmungsschranken fallen. Er starrt uns Langnasen fasziniert an, begutachtet meinen Fotoapparat mit Blitzlicht und tippt wenig später auf meine lange Nase. Als wir auf der Haustreppe sitzen, streichelt plötzlich eine Frau meinem Mann sanft und neugierig über seine Glatze. Wir erfahren, dass vietnamesische Männer keine Glatzen bekommen. Dann verabschieden wir uns von der Familie, die immer wieder ihre Freude über unseren Besuch äußert und sich herzlich bedankt.

Zum Abschied ein Schulbesuch

Im Anschluss besuchen wir noch die Grundschule, einen Kindergarten und das medizinische Zentrum, das auf uns eher spartanisch wirkt, aber für dortige Verhältnisse schon ein Fortschritt ist.  

Zwischendurch gibt es immer wieder grüner Tee! Egal, wo wir hinkommen. In der Schule und im Kindergarten verteilten wir die Bonbons und Luftballons an die Kinder und für die Schule gibt es zwei Frisbeescheiben. Der Schulunterricht findet mangels Raum in zwei Etappen statt. Die einen gehen vormittags in die Schule, die anderen nachmittags. Über den Haupteingängen der Schul- und Kindergartengebäude prankt jeweils ein großes Foto von Ho Chi Minh mit einem Kind auf dem Arm. Plan sorgt hier dafür, dass alle Kinder in dieser Region die Schule besuchen können.

Wir sind alle ziemlich erschöpft, als wir am Abend wieder in Hanoi ankommen. Es war anstrengend, aber ungeheuer berührend und aufklärend. Die Menschen dort sind sehr dankbar für die Unterstützung, so dass wir gerne auch weiterhin Plan-Projekte unterstützen. Diese Erfahrung haben wir schon bei unserem Besuch in Indien gemacht. Die Menschen aus diesen Regionen freuen sich, wenn sie erleben, dass man sie nicht vergisst.

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