Erinnerungsfoto: Plan-Patin Ildiko Maas (hinten) zu Besuch bei der Familie ihres Patenkindes Nira-maya (ganz links) in Nepal.

Fast am Ende der Welt

Familie Maas aus Tuttlingen war nicht zum ersten Mal in Nepal. Schon mehrere Plan-Patenkinder hat sie dort besucht. Doch diesmal ist die Anreise beschwerlicher, das Haus der Familie von Patenkind Nira-maya ist so abgelegen wie keines zuvor. Lesen Sie hier den Bericht von Ildiko Maas aus Nepal, wo sie und ihre Familie sich fast wie am Ende der Welt angekommen fühlten.

Patenbesuch bei Nira-maya

Ganz oben am Berg stehen drei winzige Gestalten. Regungslos blicken sie hinunter auf die kleine Schar, die sich schwitzend und schnaufend dem Grat nähert, der die Grenze zum Horizont markiert. Eine Viertelstunde trennt uns noch vom lange erwarteten Augenblick …

Einige Höhenmeter später ist es dann soweit. Aus den drei Gestalten waren erst fünf geworden, dann zehn, die uns nun mit Khatas (den weißseidenen Glücksschals), Blumenketten und einer respektvollen Tika, dem roten Punkt auf die Stirn, begrüßen. Ganz genau muss ich die Gesichter anschauen, um Nira-maya, unser „neues“ Patenkind, zwischen ihren vier Schwestern zu erkennen. Herausgeputzt hat sich die ganze Familie, Nira-maya allen voran - in der sicherlich nagelneuen royalblauen Khurta fällt sie sofort auf. Sie ist die Hauptperson des Tages, was ihr offensichtlich nicht so gut gefällt.

Zweieinhalb Stunden Adrenalinabenteuer

Nicht zum ersten Mal sind wir in Nepal, auch mehrere Plan-Patenkinder haben wir schon besucht. Diesmal ist das Hinkommen allerdings etwas beschwerlicher. Von Kathmandu nach Hetauda (Distrikthauptstadt und Sitz von Plan-Makwanpur) hatten wir tags zuvor eine Mitfahrgelegenheit – in einem Plan-Wagen, der sowieso unterwegs war auf der kurvigen Strecke.

Am nächsten Morgen sehr früh Abholung durch Anil, den örtlichen Mitarbeiter. Zweieinhalb Stunden Jeepfahrt auf Pisten, die jede Begegnung mit örtlichem Verkehr zum Adrenalinabenteuer werden lassen.  Der Fahrer meistert auch die atemberaubendsten Engstellen mit souveräner Gelassenheit, kein einziges Mal unterbricht er seine intensiven Handytelefonate. Zu guter Letzt die eingangs erwähnte Stunde Aufstieg, der Angstschweiß verwandelt sich in bewegungsbedingten. Wir sind froh um jedes Päuschen, derer gibt es viele, Anil kennt hier jede Familie, wird freudig begrüßt, hat zu erzählen.

Dreigangmenü aus Popcorn, Curry und Sojabohnen

Auf allen Bildern, die wir bisher von ihr bekamen, sieht sie sehr scheu, sehr ernst, fast ein wenig traurig aus. Dass sie schüchtern ist, das erleben wir sofort, die Begrüßungszeremonie führen ihre beiden großen Schwestern durch. Der traurige Zug um den Mund, der ist allerdings ein Merkmal ihrer Physiognomie und kein Ausdruck ihres Gemütszustandes, das dürfen wir  zum Glück auch recht schnell erleben.

Was wir in Nira-mayas Haus, das so abgelegen ist wie keines zuvor, als Gastmahl aufgetischt bekommen, das schlägt alle Rekorde. Der Vater (Bauer und Gelegenheitsjobber, heute selbstverständlich anwesend) sorgt für das Wohl der Gäste, brät und brutzelt im Lehmofen. Eine neugeborene Ziege räkelt sich vor der offenen Feuerstelle. Man heißt uns Platz zu nehmen gegenüber der Kochstelle, also am Allerheiligsten.

Der Raum, der einzige des Hauses, füllt sich schlagartig mit allen Kindern der Nachbarschaft – zusätzlich zu den acht eigenen beobachten sie jeden Bissen, den wir nehmen. Popcorn aus Buchweizen, weiße Bohnen in Currysauce, geröstete Sojabohnen – ein ausgesprochen schmackhaftes und auch für unsere zimperlichen Mägen gut zu vertragendes Dreigangmenü. Nachdem wir nicht mal mehr aus Höflichkeit weiteressen können, verteilen wir das Popcorn an die Kids, die Stimmung steigt.

Fragen über Fragen

Wie immer haben wir Fotoalben gemacht: So sieht es in Deutschland aus, das Meer, die Berge, (dezente) Bilder von unserem Leben daheim, die Schule, ein Kindergarten, und immer wieder der Renner sind die Bilder vom Wochenmarkt. Spätestens jetzt tauen die Frauen auf, scharen sich um das Album, diskutieren unser Warenangebot. Und fragen! Fragen uns nach den Gemüsearten, dem Obst und Fleisch. Diese Alben sind jedes Mal Gold wert, um ins Gespräch zu kommen.

Man kommt sich näher, die frecheren Kinder schon lange, Nira-maya taut nun auch auf. Redet zwar kaum, aber lächelt. Freut sich über die kleinen Mitbringsel, kümmert sich zwischendurch um die kleine Schwester, lässt uns nicht aus den Augen. Zeigt uns den Stall, die kleinen Ochsen, die die schwere Arbeit auf den Terrassenfeldern machen, die Ziegen. So viel gibt es zu fragen. Anil ist da eine große Hilfe. Kennt beide Seiten, erklärt, wo uns die Worte fehlen. Die Zeit verrinnt, schon ist es soweit, das große Abschiedsfoto muss noch gemacht werden. Die Familie stellt sich in Position, ich muss dazu …

Sammelbecken für Regenwasser - ein nachhaltiges Plan-Projekt

Vom Grat vor dem Haus sehen wir tief unten das in den Berg geschlagene Band, das hier die Straße ist. Eine Stunde Abstieg steht uns bevor und zweieinhalb Stunden Geschüttel im Plan-Jeep. Wie angesehen die Organisation hier ist, erleben wir mehrfach. An sogenannten Mautstellen, Überbleibsel der maoistischen Revolutionssteuer-Stationen aus der Bürgerkriegszeit, werden wir unbehelligt durchgewinkt. Sämtliche Anwesen in der Gegend haben Regenwassersammelbecken am Haus. Wie große weiße Pilze stehen sie in den Vorgärten. Das Wasser wird in Dachrinnen aufgefangen, gefiltert und gespeichert. „Rainwater Harvesting“ heißt das hier. Wer teilhaben will, muss eine Latrine bauen und einen Hygienekurs belegen, dann hilft Plan beim Bau. Ein vielschichtig gutes und weitsichtiges Projekt.

Genauso wie die geballte Frauenpower, auf die wir auf dem Heimweg noch treffen werden. Auch diese Kooperative ist ein von Plan angestoßenes Projekt, das Wirkung in viele Richtungen hat.

Aber jetzt müssen wir erst mal Abschied nehmen. Wehmütig, traurig, und auch glücklich, das hier gesehen und erlebt zu haben. Langsam steigen wir den steilen Berg hinunter und noch lange sehen wir die schmalen Gestalten oben am Grat stehen, wenn wir uns umdrehen.

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