Entspannte Begegnung: Volker Freund und sein Patenkind Ristana.

Großer Tag für Ristana und ihren Gast

Volker Freund aus Rüde reiste vergangenen Oktober nach Bangladesch, um sein sechsjähriges Patenkind Ristana und ihre Familie zu besuchen. Nicht der Vater, wie sonst bei fast allen feierlichen Anlässen üblich, sondern die kleine Tochter stand an diesem Tag im Mittelpunkt - und natürlich der Gast aus Deutschland. Der pensionierte Lehrer aus Schleswig-Holstein berichtet:

Patenbesuch bei Ristana

Zusammen mit einem alten Freund aus Indien, der dieselbe Sprache spricht, wie sie auch in Bangladesch gesprochen wird (Bengali), flog ich von Kolkata in die Hauptstadt Dakha und suchte dort das Plan-Länderbüro auf. Von Dakha aus ging es sieben Stunden mit dem Bus in abenteuerlich schneller Fahrt nach Norden. Gegen elf Uhr abends erreichten wir Rangpur. In einer etwa einstündigen Fahrt mit einem „Plan-Wagen“ brachte man uns zum Gästehaus in Saidpur. Am nächsten Morgen um acht Uhr begrüßte uns ein freundlicher Plan-Mitarbeiter mit dem erstaunlichen Vornamen Plan-Wagen „Mathias“. Ich freute mich, dass Mathias uns den ganzen Tag begleiten würde. Doch zunächst erhielten wir ein Dokument mit der Bitte, es sorgfältig zu lesen und zu unterschreiben. Es enthielt die Richtlinien, die für alle Gäste und Mitarbeiter verpflichtend sind. Sie sollen die Kinder vor jeglicher Art von Missbrauch und Gefahren schützen. Dann fuhren wir in das „Chirir Bandar Program Unit Office“. Dort hatten sich alle Mitarbeiter vor dem gepflegten Haus versammelt, um uns zu begrüßen. Im Haus erhielten wir dann umfangreiche Informationen über die vielen Projekte und Aktivitäten. Ich war erstaunt, wie durchdacht und strategisch klug hier vorgegangen wurde. Mir wurde klar, dass hier eine ganze Region betreut und entwickelt wurde. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit der Kommune und mit anderen Organisationen.

Volles Programm

Es werden Programme zur Gesundheitsfürsorge durchgeführt: ein Gesundheitsprogramm für die Kinder, ein von der Schule gestütztes für Jugendliche, ein Gesundheitsprogramm für Behinderte, Tuberkulose-Kontrolluntersuchungen, ein gynäkologisches Krankenhaus, Arztpraxen (allopathisch, homöopathisch, und Kräutermedizin), ein Hygiene-Programm. Plan erreichte eine hundertprozentige Registrierung der Neugeborenen. Die Häuser verfügen über eigene Brunnen mit Handpumpen, um sauberes Trinkwasser zu gewährleisten. Auch im Erziehungsbereich wird Großes geleistet: Verfügbar sind drei Grundschulen, zwei weiterführende Schulen, drei Vorschulen, eine religiöse Schule, Kindergärten, 13 Zentren für Säuglingsfürsorge sowie die Ausbildung von Lehrkräften. Plan organisiert Kinder-Treffen, Schulsport, Wettbewerbe, Volksliedersingen. Außerdem klärt Plan über Kinderrechte und die Rechte der Frauen auf. Und obwohl hier herkömmliche Sitten und Gebräuche in Frage gestellt und verändert werden, scheint die Bevölkerung diese Entwicklung mitzutragen, so wurde mir erzählt.

Traumhaft schöne Landschaft

So viele beeindruckende Informationen! Mir schwirrte der Kopf und ich freute mich, nach all der Theorie auch die Praxis kennenzulernen. Wir fuhren los – durch eine traumhaft schöne Landschaft, üppiges Grün überall, viel Wasser, fruchtbare Lehmböden. Schöne, grüne Felder (hier wird viel Reis angebaut), im Schatten hoher Palmen und  Bananen- und Mango-Bäumen stehen verstreut die hübschen, flachen Lehm-Häuser, mit Schilf gedeckt. Und überall die schönen, meist auffällig schlanken Menschen, Frauen in farbenfrohen Saris in ihrer königlichen Haltung, freundliche, neugierige Kinder, dazwischen Hühner, Enten, Gänse, Ziegen, Hunde und Katzen. Eine wirkliche Idylle! Aber die Menschen hier sind bitterarm.

Lernen ohne Angst

Wir fuhren über lange Lehmwege, besuchten eine Vorschule, eine Grundschule und einen Kindergarten. Nun bin ich 40 Jahre lang Lehrer gewesen und betrachtete alles mit kritischem Blick. Was ich sah, beeindruckte mich: lachende, fröhliche, motivierte, angstfreie Kinder! Dennoch sehr diszipliniert. Freundliche, aber auch sehr bestimmte Anweisungen der Lehrer, die gutwillig befolgt wurden. Ein sehr lebendiger, abwechslungsreicher Unterricht: mit viel Bewegung wie Aufstehen, Hinsetzen, Tanzen, Klatschen und Singen …. Ich war begeistert! Dann besuchten wir eine Arztpraxis (Bedürftige werden hier in allen medizinischen Einrichtungen umsonst behandelt) und die kleine gynäkologische Klinik. In der Nacht war ein Kind zur Welt gekommen, erzählte die Ärztin glücklich. Sie arbeitete seit 24 Stunden ohne Unterbrechung.

Kleines Mädchen ganz vorn

Doch nun kam der Besuch bei meinem Patenkind Ristana und ihrer Familie, dem ich mit besonderer Spannung entgegensah – nun war es endlich soweit. Wir näherten uns langsam dem hübschen, flachen, hufeisenförmig angelegten Lehmhaus, umgeben mit einer Ziegelmauer. Schon von weitem sah ich, dass sich dort vor dem Eingang zum Innenhof eine größere Menschenmenge versammelt hatte. Als ich näher kam, sah ich vor all diesen vielen Menschen allein ein kleines Mädchen stehen. Ein Begleiter raunte mir zu: „Das ist Ristana!“ Sie trennte sich von der Menge und ging auf mich zu, ohne jede Verlegenheit und ohne jede Aufregung. Sie hielt eine Blumenkette in den Händen, die sie mir umhängte.

Überragender Gast

Das war nicht so einfach, denn ich bin 1,94 m groß, und ich musste all meine Beweglichkeit aufwenden, um mich so weit herunter zu neigen. Dann nahm sie mich bei der Hand, führte mich ruhig und sicher auf den Eingang zu, die Menschenmenge trat auseinander, wir gingen hindurch in den Innenhof. Die Menschen folgten uns, wir setzten uns an einen großen hölzernen  Tisch und wurden bewirtet mit Milchreis, Obst, Bananen vom eigenen Baum und Süßigkeiten. Ich verteilte die Geschenke, die ich mitgebracht hatte – sie wurden mit freundlichem, würdigem Ernst entgegen genommen. Ich war tief bewegt von diesem respektvollen, aber auch sehr herzlichen Empfang. Ich freute mich, dass Ristana im Mittelpunkt stand und nicht, wie sonst üblich in diesen Landen, ausschließlich der Vater, und nur der Vater. Die Eltern blieben freundlich und bescheiden im Hintergrund. Es war eindeutig Ristanas Tag – und meiner. Als wir uns verabschieden mussten, nahm mich Ristana wieder bei der Hand, führte mich hinaus, und dann den langen Lehmpfad bis zum Auto. Als wir abfuhren, war ich sehr traurig.

In Gedanken bei Ristana

Jetzt bin ich wieder zu Hause, Tausende von Kilometern entfernt von Chirir Bandar. Ich denke oft an dieses einzigartige Erlebnis in Bangladesch, ich denke oft an dieses bezaubernde kleine Mädchen, das mein Patenkind ist. Ich freue mich, dass sie gesund ist, dass sie gut versorgt ist, dass sie an fünf Tagen in der Woche zur Schule geht (1. Klasse Grundschule), dass sie eine gute Erziehung und Ausbildung erhalten wird, dass sie eine gute Chance hat auf ein menschenwürdiges, selbstbestimmtes und hoffentlich glückliches Leben. Ich bin froh, dass ich ein wenig dazu beitragen kann. Diese Reise hat mir gezeigt, dass es Hoffnung gibt auf eine bessere Welt, auch in Chirir Bandar im Norden von Bangladesch. Irgendwann, in nicht allzu ferner Zukunft, werde ich dorthin zurückkehren.

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