Mädchen können nicht frei über Sex sprechen

Foto: Plan International

Bereits seit 15 Jahren begleitet Plan International in neun Ländern das Leben von Mädchen. Diese sind nun mitten in der Pubertät. Doch in Sachen Sexualerziehung sieht die Studie im jüngsten Bericht ein großes Defizit: Um die Rechte, Gesundheit und Bildung der Mädchen geht es darin nur selten.

Die Sexualerziehung von Mädchen im Teenageralter wird in vielen Ländern noch immer von starren, konservativen sozialen Normen bestimmt, stellt die Studie „Real Choices, Real Lives“ von Plan International fest. Seit 15 Jahren begleitet die Kohortenstudie Mädchen in neun Ländern: Benin, Togo, Uganda, Kambodscha, Vietnam, den Philippinen, El Salvador, Brasilien und der Dominikanische Republik. Um ein detailliertes Bild von der Lebenswirklichkeit der Mädchen, die alle im Jahr 2006 geboren wurden, zu zeichnen, stützt sich die Studie auf Interviews mit den Mädchen und den Betreuungspersonen sowie Fokusgruppendiskussionen.

Ergebnisse der Studie

Der diesjährige Bericht konzentriert sich auf die sexuelle und reproduktive Gesundheit und die damit verbundenen Rechte (Sexual and Reproductive Health and Rights, SRHR). Das Ergebnis: Sexualerziehung konzentriert sich zu sehr auf die Vermeidung von Schwangerschaften und weniger auf die Rechte, die Gesundheit und die Bildung der Mädchen.

Forschungsleiterin Isobel Fergus: „Die Studie zeigt, dass Mädchen im frühen Jugendalter immer noch als zu jung angesehen werden, um über sexuelle und reproduktive Themen aufgeklärt zu werden. Wenn sie ihre erste Periode haben, wird die Aufklärung über sexuelle und reproduktive Gesundheit ausschließlich als Mittel zur Vermeidung negativer Folgen von Sex betrachtet. Selbst jetzt, wo die Mädchen in die späte Pubertät übergehen, gilt es für sie noch immer als Tabu, über Sex zu sprechen.“

„Der Abstinenz wird ein hoher Stellenwert beigemessen. Im Falle einer Vergewaltigung oder Schwangerschaft im Teenageralter wird den Mädchen dadurch die Schuld zugeschoben.“

Isobel Fergus, Forschungsleitung der Kohortenstudie

Im Jahr 2021 nahmen 118 Mädchen und ihre Familien, die alle aus ländlichen oder halbländlichen Gemeinden stammen, an der Studie teil, die noch bis 2024 durchgeführt wird – dann werden die Mädchen 18 Jahre alt. Die Studie gibt somit einen einzigartigen Einblick in den Lebenszyklus von Mädchen und in die Möglichkeiten, Entscheidungen und Realitäten, die ihre Leben prägen.

„Diese Regulierung der Sexualität von heranwachsenden Mädchen geht mit einer konservativen gesellschaftlichen Einstellung einher, die es ablehnt, dass Mädchen vor der Ehe sexuell aktiv werden“, erklärt Fergus. „Der Abstinenz wird ein hoher Stellenwert beigemessen, da sie im Allgemeinen dem Schutz der Mädchen dient. Im Falle einer Vergewaltigung oder Schwangerschaft im Teenageralter wird den Mädchen dadurch die Schuld zugeschoben.“

„Der wichtigste Ratschlag der Eltern oder Betreuungspersonen ist, dass die Mädchen den Jungen aus dem Weg gehen und sich von niemandem 'anfassen' lassen sollen“, fügt Fergus hinzu. „Damit liegt es in der Verantwortung des Mädchens, sich vor ungewollten Schwangerschaften und sogar vor Vergewaltigung und anderen Formen sexueller Gewalt zu schützen.“

Stimmen der Mädchen

Die Mädchen werden zu Hause unterschiedlich behandelt, auch in den Gemeinden gibt es unterschiedliche Regeln und Erwartungen an sie. In allen Gemeinschaften, wo die Kohortenstudie durchgeführt wird, herrschen jedoch schädliche Geschlechterklischees vor, die die Sexualität der Mädchen kontrollieren und patriarchale Ideale der Weiblichkeit aufrechterhalten. So wird die erste Menstruation von den Eltern oder Betreuungspersonen als unmittelbarer Übergang vom Mädchen zur Frau gesehen. Sie markiert den Moment, in dem sie glauben, dass die Sexualität und das Verhalten der Mädchen streng kontrolliert werden müssen.

„Wenn ich meine Menstruation habe, dann sollte ich nicht mehr mit Jungen spielen. Wir sind dann erwachsen und müssen uns kultiviert verhalten.“

Dolores (12), von den Philippinen

„Es ist peinlich, wenn dir gesagt wird: 'Du bist schon eine junge Frau, aber du spielst noch draußen.' Dann hören es andere. Das ist peinlich.“

Rosamie (15), von den Philippinen

Die Studie ergab auch, dass die Überzeugungen und Einstellungen der Eltern oder Betreuungspersonen in Bezug auf die sexuelle und reproduktive Gesundheit häufig von den Mädchen selbst aufgegriffen werden. Verstoßen sie gegen diese Erwartungen, werden soziale Sanktionen in Form von Scham und Tabuisierung durchgesetzt. Die Mädchen beginnen, ihr eigenes Verhalten und das ihrer Altersgenossinnen zu beobachten und wiederholen die Narrative darüber, wie sich ein Mädchen verhalten sollte.

„Ich finde, meine Tante, bei der ich wohne, sollte mit mir über diese Dinge sprechen. Auch die Eltern sollten mit ihren Kindern sprechen, damit sie keine falschen Informationen von anderen Menschen erhalten.““

Margaret (15), aus Benin

„Mädchen sollten über Sex und Pubertät unterrichtet werden, damit sie keinen Fehler machen, der in einer Schwangerschaft endet, was sie wiederum davon abhalten würde, die Schule weiter zu besuchen – so wie bei mir.“

Folami (15), Mutter im Teenageralter aus Togo

Nicht nur die Mädchen wünschen sich mehr Informationen von ihren Eltern oder anderen Betreuungspersonen – auch diese wünschen sich mehr Unterstützung, „damit sie mit den heranwachsenden Mädchen effektiv über das Thema kommunizieren können“, erklärt die Forschungsleiterin. Sie fühlen sich schlecht gerüstet, was wiederum dazu führt, dass ausführliche und sinnvolle Gespräche sowohl in der Schule als auch zu Hause fehlen. Den Mädchen fehlen dementsprechend die nötigen Informoationen, um mit ihrer sexuellen und reproduktiven Gesundheit sicher umzugehen, was sie oft anfälliger für ungewollte Schwangerschaften, frühe Eheschließungen sowie geschlechtsbezogene Gewalt macht. „Ein Ausgangspunkt für die Verbesserung der Aufklärung ist die Normalisierung offener und ehrlicher Diskussionen über sexuelle und reproduktive Gesundheit, sowohl im formalen und nicht-formalen Bildungsbereich als auch im gesellschaftlichen Diskurs, auch mit Vätern und männlichen Gleichaltrigen.“

Hier gibt es den vollständigen Bericht.

Projekt-Komponente SRHR

Als Kinderrechtsorganisation mit dem Fokus auf Mädchen und junge Frauen und ihre Rechte fordern wir eine offene Diskussion und Kommunikation über Sex und sexuelle Gesundheit, damit sichergestellt ist, dass die Sicherheit von Mädchen bei diesem Thema im Mittelpunkt steht. In vielen unserer Projekte spielt der Bereich sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte daher eine Rolle. Einige Beispiele gibt es hier:

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