Weibliche Genitalverstümmelung: Ein Ritual mit irreversiblen Folgen

von Annika Best

90 Prozent der Frauen und Mädchen in Mali sind oder waren Opfer weiblicher Genitalverstümmelung. Alle Formen weiblicher Genitalbeschneidung sind irreversibel und sowohl unmittelbar als auch langfristig mit seelischen und körperlichen Schädigungen verbunden. Aminata führt seit 30 Jahren Beschneidungen durch. Ihr Beruf stirbt aus, sagt sie.

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Die Messer, die sie früher für die Beschneidungen benutzte, hatte sie von ihrer Mutter. Heute nimmt sie Einweg-Rasierklingen. © Ilvy Njiokiktjien

Der 6. Februar ist der „International Day of Zero Tolerance for Female Genital Mutilation“, der Internationale Tag gegen Genitalverstümmelung: 200 Millionen Mädchen und Frauen sind weltweit von weiblicher Genitalverstümmelung ( Genital Mutilation – FGM) betroffen. Die meisten leben in Afrika und im Mittleren Osten, der westafrikanische Staat Mali gehört mit knapp 90 Prozent beschnittenen Mädchen und Frauen zu den Ländern mit der höchsten Rate.

Aminata ist 48 Jahre alt und führt seit fast 30 Jahren Beschneidungen durch. „Ich habe von meiner Mutter gelernt, wie man Mädchen beschneidet“, erzählt sie. Das Wissen wird schon seit Generationen in ihrer Familie weitergegeben. Sie selbst kann sich kaum an den Tag erinnern, als sie beschnitten wurde. „Ich weiß nur, dass ich zwölf oder 13 Jahre alt war.“ Wenig später begleitet sie ihre Mutter bei den Beschneidungen anderer Mädchen. Als sie 15 Jahre alt ist, wird sie die Assistentin ihrer Mutter. Ihr Job ist es, während der Beschneidung die Mädchen festzuhalten und dafür zu sorgen, dass sie ruhig bleiben. Mit 20 führt sie erstmals selbst Beschneidungen durch.

„Damals wurden 20 Mädchen mit derselben Klinge beschnitten“

Die weibliche Genitalverstümmelung umfasst alle Verfahren, die die teilweise oder vollständige Entfernung der weiblichen äußeren Genitalien oder deren Verletzung zum Ziel haben, sei es aus kulturellen oder anderen nicht-therapeutischen Gründen.

Aminata öffnet eine lilafarbene Tasche und platziert zwei flache Klingen auf ihrer Handfläche. „Dies sind die Messer, die ich früher benutzt habe“, sagt sie. „Ich habe sie von meiner Mutter, auch sie benutzte sie.“ Damals wurden bis zu 20 Mädchen nacheinander mit derselben Klinge beschnitten. Heute nimmt Aminata Einweg-Rasierklingen. An ihrem Rocksaum hängt eine schwarze Plastiktüte: „In dieser bewahre ich einen Puder auf, der traditionell auf die Wunden aufgetragen wird.“ Das schwarze Pulver wird aus verkohlten und pulverisierten Blättern hergestellt.

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Aminata, 48, führt seit fast 30 Jahren Beschneidungen durch. Die Eltern der Mädchen bezahlen sie mit Geld, Schafen oder Reis. © Ilvy Njiokiktjien

„Ich benutze nie ein Anästhetikum“

Sie empfindet kein Mitleid mit den Mädchen, die sie beschneidet, sagt sie. Es ist schließlich ihr Job, und sie macht es nur, weil sie die Eltern der Mädchen dafür bezahlen. „Ich benutze nie ein Anästhetikum, niemand, der Beschneidungen durchführt, tut das.“

Während ihre Assistentin das Kind festhält, führt Aminata die Beschneidung durch. Sie habe noch nie Schamlippen zusammengenäht (Anmerkung: Auch FGM Typ 3 oder Infibulation genannt), sagt sie. Sie schneide den äußeren, überstehenden Teil der Klitoris gemeinsam mit den Teilen der Schamlippen weg, die die Klitoris bedecken. Sie nennen diesen Teil auch die „Hülle“. „Nach der Beschneidung blutet die Wunde sehr stark, ich trage dann den schwarzen Puder auf. Sind die Schmerzen des Mädchens sehr schlimm, bekommt es Schmerztabletten aus der Apotheke.“

Blutverlust, Kollaps, Infektionen, Schmerzen, Tod

Die Verbreitung, das Ausmaß und die kulturelle Bedeutung von weiblicher Genitalbeschneidung unterscheiden sich von Land zu Land erheblich. Aber: Alle Formen sind irreversibel und sowohl unmittelbar als auch langfristig mit seelischen und körperlichen Schädigungen verbunden. Neben akuten Komplikationen wie Blutverlust, Kollaps, Infektionen und Schmerzen sind schwere Schädigungen der reproduktiven und sexuellen Organe, die erhöhte Gefahr einer HIV-Infektion, vermindertes sexuelles Empfinden und psychische Störungen als Langzeitfolgen bekannt. In manchen Fällen kann der Eingriff zum Tod führen.

Für Aminata ist es nur ein Job, für viele Mädchen hat eine Beschneidung jedoch schwerwiegende Folgen. Sanaba ist heute 24 Jahre alt, sie kann sich aber noch genau daran erinnern, wie sie beschnitten wurde. „Es geschah, als ich zehn Jahre alt war. Ich hatte furchtbare Schmerzen, und es hat sehr stark geblutet”, erzählt sie. Die Beschneiderin nutzte keine Einweg-Rasierklingen, sondern tat es mit einem traditionellen Messer. Doch Sanaba hatte großes Glück. Heute hat sie vier Kinder und es traten keiner Probleme bei den Geburten auf. Die Mädchen, die mit ihr beschnitten worden waren, hatten jedoch mit ernsthaften Spätfolgen zu kämpfen. Sanaba: „Viele zogen sich schlimme Infektionen zu, andere haben heute noch wulstige Narben. Ein Mädchen starb sogar. Es wurde danach aber einfach nicht mehr darüber gesprochen.“

Mädchen werden immer jünger

Die Mädchen, die Aminata beschneidet, sind mit den Jahren immer jünger geworden, heute sind sie selten älter als sechs Jahre. Aminata vermutet: „Die Eltern befürchten, dass, wenn sie es später machen, sich die Mädchen dagegen zu Wehr setzen.“ Denn das Bewusstsein für die negativen Auswirkungen weiblicher Genitalbeschneidung steigt. Viele Frauen und auch viele Männer sprechen sich inzwischen für die Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung aus. Eine positive Entwicklung, denn wenn sich die Denkweise der Menschen in den praktizierenden Ländern nicht ändert, sind 30 Millionen Mädchen in den kommenden zehn Jahren gefährdet, vor ihrem 15. Geburtstag beschnitten zu werden. „Beschneidungen werden definitiv weniger nachgefragt“, sagt auch Aminata. „Der Beruf stirbt aus.“

Plan International setzt sich in mehreren Ländern Afrikas dafür ein, dass weibliche Genitalverstümmelung abgeschafft wird. Um nachhaltige Erfolge zu sichern, wird das Thema in zahlreichen Projekten integriert. Dabei werden beispielsweise Aufklärungsveranstaltungen durchgeführt oder auch Lobbyarbeit auf politischer Ebene betrieben, damit das Verbot der Beschneidung von Mädchen auf allen Ebenen durchgesetzt wird.

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Ein Kommentar zu „Weibliche Genitalverstümmelung: Ein Ritual mit irreversiblen Folgen“
Silvia sagt:

Es ist ein langer Weg, archaische Traditionen zu beenden. Für uns Europäer erscheinen sie brutal und sinnlos. Für Afrika ist es normal. Ihre Kultur ist diametral verschieden von der unseren. Auch das Verhältnis zu Krankheit und Tod ist ein anderes, das soziale Gefüge in der Gruppe wiegt stärker als die Gesundheit des eigenen Kindes. Wer ausschert, wird geächtet.
Ja, es wird ein langer Weg sein dahin, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer und Entscheidungsträger in der Politik begreifen, dass es Zeit ist, diese grausamen Traditionen abzulegen. Und nicht nur in Afrika, nein, auch in Deutschland, einem aufgeklärten Land, in welchem Beschneidung, Schwimmverbot für Frauen, Schächten, Zwangsverheiratung, Polygamie und „Ehrenmord“ wieder Einzug gehalten haben.

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