Amina – die Hoffnung für die Kinder von Ura

Foto: Michael Rauhe

Die 22-Jährige ist vor der Gewalt in Sudan geflohen. Im äthiopischen Camp Ura engagiert sie sich als Lehrerin, um Kindern eine Perspektive für eine gute Zukunft zu verschaffen.

Wenn Amina* über ihren Unterricht mit Kindern spricht, dann lächelt die 22-Jährige. „Ich liebe es, als Lehrerin zu arbeiten“, sagt die junge Frau in nahezu perfektem Englisch. „Wenn die Kinder glücklich sind, dann vergesse ich, was ich erlebt habe.“

Doch wenn sie über das Erlebte spricht, dann bricht ihre Stimme und sie wechselt ins Arabische. Als ob die Sudanesin nur in ihrer Muttersprache Worte finden könnte für das Grauen, das sie auf ihrer Flucht vor dem Krieg im eigenen Land nach Äthiopien erlebt hat. Dann spricht sie davon, dass ihre Tante und ihr Onkel bei Angriffen auf das Haus der Familie in Sudans Hauptstadt Khartum ums Leben kamen. Davon, dass ihre Großmutter wegen des Mangels an Medikamenten starb. Davon, dass sudanesische Soldaten sie mehrfach vergewaltigt haben.

* Name zum Schutz der Identität geändert

Eine junge Frau verdeckt mit ihren Händen das Gesicht
Amina* (22) hat auf ihrer Flucht vor dem Krieg in Sudan Schreckliches erlebt – und in ihrer Heimat Familienangehörige verloren Michael Rauhe
Blick auf eine sandige Straße umgeben von Hütten
Größte Vertreibungskrise der Welt: Unter anderem im äthiopischen Geflüchtetencamp Ura suchen Menschen aus Sudan Schutz Michael Rauhe

Amina lebt seit anderthalb Jahren in dem Geflüchtetencamp Ura im Westen von Äthiopien, rund zwei Autostunden entfernt von der Grenze zu Sudan. Sie ist eine von zwölf Millionen Menschen, die vor der Gewalt im sudanesischen Krieg geflüchtet sind. Das sind doppelt so viele Menschen wie Dänemark Einwohner:innen hat. Es ist die größte Vertreibungskrise der Welt.

Seit 1.000 Tagen tobt die Unmenschlichkeit in Sudan

Aminas Schicksal steht stellvertretend für das, was Millionen von Menschen in dem nordostafrikanischen Land auf der Flucht erleben. Sexualisierte Gewalt, Hunger, Tod – seit 1.000 Tagen tobt die Unmenschlichkeit in Sudan. Am 15. April 2023 begann der Konflikt mit Schießereien unter anderem in verschiedenen Teilen der Hauptstadt Khartum. Auslöser hierfür ist eine Auseinandersetzung um die politische Macht zwischen rivalisierenden Fraktionen – der regulären sudanesischen Armee und den sogenannten „Rapid Support Forces“ (RSF).

„Der Krieg hat mein Leben komplett verändert.“

Amina (22), aus Sudan nach Äthiopien geflohene Medizinstudentin
Kinder stehen an einem offenen Wasserhahn und befüllen gelbe Kanister mit Wasser
Geflüchtete Kinder aus Sudan holen für ihre Familien Wasser Michael Rauhe
Mehrere Personen stehen an einer Anlage zur Wasserversorgung und befüllen gelbe Kanister mit Wasser
Wer in einer der Hütten im Geflüchtetencamp Ura lebt, holt sein Wasser im Kanister von einer zentralen Verteilerstation Michael Rauhe

„Der Krieg hat mein Leben komplett verändert“, sagt Amina. Sie erzählt von dem gutbürgerlichen Leben ihrer Familie in Khartum. Ein großes Haus, ein Auto, das Studium der Medizin. All das ist Vergangenheit.

Das Leben spielt sich draußen auf den Wegen und Plätzen des Camps ab

Nun sitzt sie in einem rosa Hijab gehüllt auf einem schmalen Bett in einer mit weißer Folie umwickelten Hütte mit Wellblechdach, die auf roter Erde errichtet ist. Ein aus Holzstangen und Stroh errichteter Zaun um die Hütte schützt vor Blicken.

Doch richtige Privatheit gibt es hier nicht. Das Leben spielt sich draußen auf den Wegen und Plätzen des Camps ab. Lärm, Wind und Staub dringen ins Innere. Rund 14.500 Menschen leben in Ura, das in drei Zonen (A, B, C) unterteilt ist, gut 8.400 davon sind Kinder. Mehr als die Hälfte der Geflüchteten ist weiblich.

Vor Hütten aus Stroh und Blech laufen Personen
Die geflüchteten Menschen leben im äthiopischen Ura in Hütten Michael Rauhe
Eine Gruppe Mädchen in bunten Kleidern schaut lachend in die Kamera
Momente der Freude: Im Rahmen des Plan-Projekts „Ein Platz für Leben“ besuchen diese Mädchen die Schule in Ura Michael Rauhe

Weil Regierungen weltweit massiv die Ausgaben für die humanitäre Hilfe kürzen, gibt es von allem zu wenig: Nahrung, Wasser, Schutz, Gesundheit, Hygiene, Würde. Angesichts des Mangels hat Plan International Deutschland in Ura das Projekt „Ein Platz für Leben – Wir bauen auf Menschlichkeit“ gestartet.  Es geht darin um Sicherheit, Bildung, Hygiene, Ernährung.

In Ura geht es um Sicherheit, Bildung, Hygiene und Ernährung

Das Besondere: Der Ort Ura selbst hat 3.500 Einwohner:innen. Das Camp wurde etwas abseits davon errichtet. Ziel des Projektes „Ein Platz für Leben“ soll sein, dass Einheimische und Geflüchtete gleichermaßen davon profitieren. So hat Plan International die in Ura bestehende Schule ausgebaut, in der auch Amina als Lehrerin Englisch unterrichtet. Derzeit erhalten dort mehr als 2.000 geflüchtete und gut 1.000 einheimische Kinder Unterricht. Ziel ist es, 7.000 Kinder verlässlich Zugang zu Bildung zu verschaffen.

Blick auf ein wei-blau lackiertes Gebäude an einem sandigen Hof
Die Schule von Ura steht geflüchteten und einheimischen Kindern offen Michael Rauhe
Ein Junge schmiegt sich in die Arme einer Kindergärtnerin mit dem blaueb Plan-Logo auf einer Weste
Im sogenannten Child Friendly Space sorgt Plan International für Schutz und Sicherheit für Mädchen und Jungen Michael Rauhe

Es ist zudem ein sogenannter Child Friendly Space entstanden – das Herzstück des Camps. Dieser bietet Schutz, Erholung – und Freiraum dafür, einfach „Kind zu sein“. Diese Einrichtung ist von einer gut zwei Meter hohen Mauer und einem Wachman gesichert. Auf dem Grundstück stehen zwei große Gebäudekomplexe, ein Kindergarten sowie eine Vorschule. An diesem sicheren Ort können Mädchen und Jungen spielen, malen, basteln, sich Geschichten erzählen lassen. Hier lernen sie auf Englisch das Alphabet und die Zahlen bis 100. Auf dem weitläufigen Gelände spielen sie auf Rutschen und Schaukeln. Alles ungestört vom Stress des Alltags draußen im Geflüchtetencamp.

Räume, in denen Kinder Kind sein können

Zu „Ein Platz für Leben“ gehört auch ein neu errichtetes Gesundheitszentrum. Erkrankte Menschen erhalten hier medizinische Hilfe. Es gibt eine Mutter-Kind-Abteilung. Ein Schwerpunkt der Einrichtung ist die Versorgung von Opfern sexueller Gewalt. Denn es sind keine Einzelfälle, um die es hier geht. Geschlechtsspezifische Gewalt wird in Sudan als Kriegswaffe eingesetzt.

Kinder sitzen in einer Schulbanl mit Schulheften auf dem Schreibtisch
Im geschützen Raum können Kinder malen, basteln und spielen Michael Rauhe
Blick auf einen Spielplatz mit Rutsche
Spielplatz im Geflüchtetencamp Ura Michael Rauhe

„Beende das Schweigen. Beende das Stigma“ – mit diesem Appell sollen die vielen Geflüchteten in Ura ermutigt werden, psychosoziale Unterstützung von Fachleuten in Anspruch zu nehmen. Um das Erlebte verarbeiten zu können für ein hoffentlich stabileres Leben.

Erlebtes verarbeiten, stabiler leben

Dieser Appell ist wichtig, weil es ohnehin sehr schwierig für Betroffene ist, über das Erlebte zu sprechen. Erschwerend kommt hinzu, dass die sudanesische Gesellschaft konservativ geprägt ist. Schon vor dem Bürgerkrieg war es ein großes Tabu, über Vergewaltigungen zu sprechen. Heute ist es noch schwieriger geworden. Betroffene laufen Gefahr, von ihrem sozialen Umfeld stigmatisiert oder ausgegrenzt zu werden. Doch Amina war im Gesundheitszentrum, hat das Unterstützungsangebot angenommen. „Nach vielen Gesprächen ging es mir ein wenig besser“, sagt sie.

Eine Frau mit Logo von Plan International auf der Weste dreht sich lächelnd in die Kamera
Geflüchtete Mädchen und Jungen bekommen im Kindergarten Geschichten aus ihrer Heimat erzählt Michael Rauhe
Blick auf das Tor zu einem Geflüchteten-Camp
Eine Mauer schützt die Schul-, Spiel- und Bildungseinrichtungen in Ura Michael Rauhe

Darüber hinaus verteilt Plan International Lernmaterial, organisiert die Schulweg-Begleitung von Kindern durch Müttergruppen und baut Toiletten und Waschblöcke. Demnächst sollen Unterkünfte mit festen Wänden, Fenstern und Türen das Leben der Menschen im Camp ein wenig würdevoller machen.

Allerdings fehlen die Mittel, allen Menschen im Camp gleichermaßen die Unterstützung zukommen zu lassen, auf die sie ein Recht haben. Wenn Regierungen Milliarden von Dollar in der humanitären Hilfe aus dem Budget streichen, dann ist das ein abstrakter Vorgang. Im Geflüchtetencamp Ura entfaltet er jedoch seine unbarmherzige Wirkung: Wegen Geldmangels sind die monatlichen Essensrationen pro Familie von 15 Kilogramm Mehl, Hirse, Öl und Salz auf fünf Kilogramm gekürzt worden. Gerade deshalb engagiert sich Plan International auch in der Nahrungsmittelhilfe.

Blick in eine Schulklasse mit Jugendlichen
In Ura gibt es Bildungsangebote und feste Schulklassen, außerhalb des Geflüchtetencamps nicht Michael Rauhe

Ein Camp für geflüchtete Menschen macht den Unterschied

Trotz allen Mangels macht Ura den entscheidenden Unterschied in der Region. Zum Vergleich: Rund 17.000 weitere Geflüchtete (mehr als die Hälfte davon Kinder) leben in den umliegenden Gemeinden oder selbst gebauten Hütten direkt an der Grenze zu Sudan. Anders als die Menschen im Geflüchtetencamp Ura haben sie keinen Zugang zu irgendeiner Hilfe oder Unterstützung. Nicht ein einziges dieser Kinder hat Zugang zu Schutz. Um überleben zu können, werden außerhalb des Camps Mädchen und Jungen zur Arbeit in einer der vielen Goldminen der Umgebung gezwungen oder gar zur Prostitution – negative Bewältigungsmechanismen wird dieses Phänomen beschönigend genannt.

Gibt es so etwas wie Hoffnung? Amina zumindest scheint sie zu haben – im Engagement für die Kinder von Ura. Zwar habe sie ihren Uni-Abschluss nicht mehr machen können. Aber umso mehr sollten zumindest die Kinder hier Unterricht bekommen, erzählt sie. „Ich sage ihnen, wenn sie lernen, dann können sie alles werden. Fahrer oder Ärztin, egal was. Hauptsache, sie lernen.“

Sascha Balasko, Referent Media Relations im Hamburger Plan-Büro, hat diese Geschichte in Äthiopien recherchiert und für die Plan Post aufgeschrieben.

Ein Platz für Leben

In der Ortschaft Ura in Äthiopien entsteht mit Unterstützung von Plan International eine Siedlung für 30.000 geflüchtete Menschen. Doch es fehlt an vielem, vor allem an Schutz und Sicherheit. Am meisten leiden die Kinder, besonders die Mädchen. Mit Ihrer Spende helfen Sie dabei, betroffene Kinder, Mädchen und ihre Familien zu unterstützen.

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