Sohen und gelebter Kinderschutz
Siem Pang liegt im äußersten Nordosten Kambodschas, nahe der Grenze zu Laos. Die Dörfer der Region sind weit voneinander entfernt, viele Wege werden in der Regenzeit unpassierbar. Für die Menschen vor Ort bedeutet das nicht nur geografische Abgeschiedenheit, sondern auch einen Alltag, der auf familiäre Netzwerke, gemeinschaftliche Arbeit und lokal verankertes Wissen angewiesen ist.
In vielen Haushalten übernehmen Kinder früh Verantwortung: Sie helfen bei der Wasserbeschaffung, kümmern sich um jüngere Geschwister oder arbeiten auf den Feldern mit. Entscheidungen über Bildung, Heirat oder Arbeit werden dabei meist innerhalb der Familie getroffen und folgen langfristig etablierten sozialen Erwartungen. Schulbildung, insbesondere für Mädchen, galt lange nicht als Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben, sondern als etwas, das dem familiären Gefüge untergeordnet wurde. Frühe Heirat war Teil dieser Ordnung, ebenso wie Erziehungspraktiken, die auf Strenge und Gewalt setzten.
In diesem Umfeld engagiert sich Sohen seit Jahren für Kinder und Familien in ihrer Gemeinde. Als Mitglied des Gemeindekomitees für Frauen und Kinder ist sie regelmäßig zwischen den Dörfern unterwegs, oft auf Wegen, die bei Regen kaum passierbar sind. Stürze mit dem Motorrad gehören ebenso zu ihrem Alltag wie Gespräche mit Eltern, Freiwilligen und Kindern.
Frühe Herausforderungen
Als Sohen ihre Arbeit begann, stieß sie häufig auf Ablehnung. Viele Eltern sahen keinen Anlass, etablierte Erziehungsmuster zu hinterfragen. Körperliche Gewalt wurde als notwendiges Mittel verstanden, um Respekt durchzusetzen. Mädchen sollten früh heiraten, Jungen früh arbeiten, so lautete die verbreitete Erwartung.
Wenn Sohen versuchte, Alternativen aufzuzeigen, etwa einen gewaltfreien Umgang mit Kindern oder den Schulbesuch von Mädchen, blieb ihre Stimme oft ungehört. „Sie sagten mir, Gewalt sei notwendig, damit Kinder gehorchen, und Bildung für Mädchen lohne sich nicht“, erinnert sie sich. Ohne formale Schulungen und ohne institutionelle Rückendeckung waren ihre Handlungsspielräume begrenzt.
„Sie sagten, Gewalt sei notwendig, damit Kinder gehorchen.“
Neue Impulse durch gemeinschaftliche Projekte
Mit dem Start des Projekts „Neue Generation“ von Plan International erhielten lokale Akteur:innen wie Sohen erstmals systematische Unterstützung. Ziel des Projekts war es, bestehende Strukturen zu stärken und Kinderrechte, darunter Schutz, Beteiligung sowie sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte, auf Gemeindeebene zu verankern.
Für Sohen bedeutete das vor allem eines: Zugang zu Wissen. In Schulungen zu Kinderschutz, Kinderrechten und Gesundheit konnte sie ihre Erfahrungen einordnen und erweitern. Vor allem aber gewann sie Sicherheit darin, Gespräche mit Eltern, Freiwilligen und lokalen Behörden zu führen. Mit Unterstützung des Gemeindekomitees initiierte sie Kinderclubs, Elterngruppen und dörfliche Kinderschutzkomitees. „Ich kann nicht überall gleichzeitig sein“, sagt Sohen. „Aber diese Gruppen können hinschauen, zuhören und reagieren.“
Zwischen Engagement und alltäglichen Grenzen
Der Aufbau dieser Strukturen war mit erheblichen Herausforderungen verbunden. Viele Dörfer liegen weit auseinander, Wege werden während der Regenzeit unpassierbar. Treffen mussten verschoben, Materialien improvisiert werden. Nicht selten legte Sohen lange Strecken zurück, um an Versammlungen teilzunehmen oder Gespräche zu führen. Fahrtkosten oder Verpflegung für Freiwillige standen nicht zur Verfügung; mehrfach unterstützte sie Kinder aus eigenen Mitteln, damit sie weiterhin zur Schule gehen konnten.
Doch organisatorische Strukturen allein reichten nicht aus. Gewalt in Familien, Vernachlässigung oder frühe Verheiratung blieben reale Risiken. Gemeinsam mit Projektmitarbeitenden organisierte Sohen daher zusätzliche Schulungen für Freiwillige, mit Fokus auf Meldemechanismen, Umgang mit Verdachtsfällen und Zusammenarbeit mit lokalen Behörden. „Wenn wir wollen, dass Kinder zur Schule gehen und gesund aufwachsen, müssen wir hinschauen“, sagte sie bei einem Treffen mit Eltern und Freiwilligen.
Beteiligung als sozialer Lernprozess
Mit der Zeit veränderte sich die Rolle der Beteiligten. Eltern begannen, Erfahrungen über Erziehung, Schulbesuch oder wirtschaftliche Zwänge auszutauschen. Freiwillige übernahmen Vermittlungsrollen zwischen Familien und lokalen Behörden. Kinder nutzten die Clubs als Räume, um Fragen zu stellen, die sie zuvor nicht aussprechen konnten.
Besonders sichtbar wurde dieser Wandel dort, wo Kinder selbst aktiv wurden. Jugendliche organisierten Informationsrunden zu Kinderrechten, Geschlechterrollen und Gesundheit, sprachen mit Gleichaltrigen und suchten den Austausch mit Erwachsenen. Dabei ging es weniger um formale Aufklärung als um das gemeinsame Aushandeln dessen, was als akzeptabel gilt – und was nicht.
Diese Prozesse verliefen nicht konfliktfrei. Manche Eltern blieben skeptisch, andere zogen sich zeitweise zurück. Doch die Gespräche fanden statt, und sie wiederholten sich. Veränderung zeigte sich nicht in einzelnen Entscheidungen, sondern in der Art, wie über Kinder gesprochen wurde: Als Teil der Gemeinschaft mit eigenen Bedürfnissen und Rechten.
Bildung und lokale Aushandlung
In Siem Pang ist Bildung eng mit sozialen Erwartungen verknüpft. Viele indigene Familien verfügen über umfangreiches Wissen zu Landwirtschaft, Natur und gemeinschaftlicher Organisation. Formale Schulbildung wurde lange als Ergänzung betrachtet, nicht als Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben.
Die Arbeit der Kinderclubs und Elterngruppen setzt genau hier an. Schulbildung wurde nicht gegen bestehende Praktiken ausgespielt, sondern in Beziehung zu ihnen gesetzt. Eltern diskutierten, wie Lernen und familiäre Verantwortung vereinbar sein können. Mädchen, die weiterhin zur Schule gingen, blieben Teil des Haushalts und der Gemeinschaft. Langfristig eröffnet das neue Handlungsspielräume. Mädchen können Bildungswege fortsetzen, ohne sich von ihrer Familie zu entfremden. Jungen lernen, Care-Arbeit und Verantwortung nicht ausschließlich als weibliche Aufgaben zu betrachten.
„Es gibt weniger Gewalt, weniger frühe Heiraten. Aber das heißt nicht, dass die Arbeit getan ist.“
Wachsamkeit im Alltag
Trotz sichtbarer Veränderungen bleibt Sohen zurückhaltend, wenn es um Bewertungen geht. Fälle von Missbrauch oder Vernachlässigung treten weiterhin auf, wenn auch seltener und offener thematisiert.
Für Sohen ist entscheidend, dass die bestehenden Strukturen erhalten bleiben und weiterentwickelt werden. Sie nimmt weiterhin an Schulungen teil, tauscht sich mit anderen Gemeinden aus und begleitet Freiwillige in ihrer Arbeit. Kinderschutz, sagt sie, sei keine Kampagne, sondern Teil des Alltags.
Ausblick
Die Entwicklungen in Siem Pang zeigen, wie lokale Initiativen Handlungsspielräume eröffnen können, wenn sie auf bestehenden sozialen Beziehungen aufbauen. Der Wandel verläuft schrittweise und bleibt abhängig von den Menschen, die ihn tragen.
Sohen sieht ihre Rolle dabei nicht als abgeschlossen. „Solange Kinder Unterstützung brauchen, werde ich weitermachen“, sagt sie. Nicht als Einzelne, sondern gemeinsam mit Eltern, Freiwilligen und Kindern, die begonnen haben, Verantwortung zu teilen.
Die Geschichte von Sohen wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Kambodscha aufgeschrieben.