Schwangeres Mädchen, das ihren Baby-Bauch hält
Ungefähr 90 Prozent der frühen Schwangerschaften von heranwachsenden Mädchen finden im Rahmen einer Ehe statt. Das heißt, wenn die Mädchen später heiraten, werden sie auch später schwanger. Dafür setzt Plan International sich mit dem 18+-Projekt in mehreren Ländern Afrikas ein, das während der gesamten Pandemie fortgeführt wurde. © Plan International
11.03.2021 - von Claudia Ulferts

Ein Jahr Covid-19: Mehr Frühverheiratungen und -schwangerschaften

Die Corona-Pandemie und die getroffenen Maßnahmen zu ihrer Eindämmung haben viele Auswirkungen auf die Menschen weltweit. Aufgrund ihres Alters und Geschlechts sind heranwachsende Mädchen und junge Frauen besonders von der Krise betroffen. Was die Pandemie mit mehr Frühschwangerschaften und -Heiraten zu tun hat, erklärt unsere Expertin Alissa Ferry im Interview.


Wie hoch war die Zahl ungewollter Schwangerschaften von Mädchen vor Covid-19?

Vor der Corona Pandemie wurden jedes Jahr schätzungsweise zwei Millionen Mädchen unter 15 Jahren schwanger und etwa 3,9 Millionen Mädchen unterzogen sich unsicheren Abtreibungen. Eine frühe und ungewollte Schwangerschaft ist für junge Mädchen und Frauen extrem gefährlich. Schwangerschaft und Geburt sind die häufigste Todesursache bei Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren. 

Was hat sich durch die Pandemie verändert?

Die Corona-Pandemie hat zu Schulschließungen geführt, sie hat die Armut erhöht und für viele Mädchen und Frauen den Zugang zu Gesundheitsdiensten erschwert. 2020 waren deshalb schätzungsweise eine Million mehr heranwachsende Mädchen dem Risiko einer Schwangerschaft ausgesetzt als vor der Pandemie. In den nächsten fünf Jahren werden fast 2,5 Millionen mehr Mädchen von Kinder-, Früh- und Zwangsheirat bedroht sein. Das wird wiederum zu mehr frühen und ungeplanten Schwangerschaften führen. Schätzungsweise 767 Millionen Mädchen konnten während der Pandemie nicht zur Schule gehen, und schätzungsweise 11 Millionen Kinder werden vielleicht nie mehr zurückkehren. Die Pandemie hat auch zu einem Anstieg von geschlechtsspezifischer Gewalt und zu mehr Genitalverstümmelungen bei Mädchen geführt. Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen schätzt, dass bis 2030 weitere zwei Millionen Mädchen als direkte Folge der Pandemie verstümmelt werden könnten.

Konnte Plan mit seiner Nothilfe etwas bewirken? Hast Du ein Beispiel?

Wir arbeiten vor Ort mit Mädchen und ihren Familien zusammen, um sicherzustellen, dass Kinder und Jugendliche das notwendige Wissen erlangen, um ungeplante Schwangerschaften zu verhindern. Wir versuchen außerdem, die Ursachen für zu frühe Schwangerschaften wie z.B. geschlechtsspezifische Rollenerwartungen und Armut zu bekämpfen.

Ein gutes Beispiel dafür ist unser 18+-Projekt in Sambia, Simbabwe, Tansania und Malawi. Das setzt sich dafür ein, dass Mädchen erst ab der Volljährigkeit heiraten und führt dadurch zu einer Verringerung von Kinder-, Früh- und Zwangsarbeit. Ungefähr 90 Prozent der Geburten von heranwachsenden Mädchen finden im Rahmen einer Ehe statt. Das heißt, wenn die Mädchen später heiraten, werden sie auch später schwanger. Unser 18+-Projekt wurde während der gesamten Pandemie fortgeführt.

Ein weiteres Beispiel ist unsere Arbeit zur Menstruationsgesundheit. Die Corona-Pandemie hat die Menstruation für viele Mädchen und junge Frauen deutlich komplizierter gemacht, da Produkte teurer geworden sind und Informationen fehlten. Der Anstieg der Periodenarmut hat dazu geführt, dass sich junge Mädchen zum Teil sogar prostituieren müssen, um Geld für Menstruationsprodukte zu verdienen. Dadurch steigt wiederum das Risiko für ungeplante Schwangerschaften. Plan International hat deshalb in vielen Gemeinden Menstruationsprodukte an Mädchen und Frauen verteilt und in Zusammenarbeit mit Jugendorganisationen Aufklärungsarbeit geleistet.

Wie wird sich die Pandemie weiterhin auf die Situation der Kinder auswirken?

Das Wissen und Verständnis über sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte ist entscheidend. Wir werden uns mehr denn je dafür einsetzen, Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, dass sie die Kontrolle über ihr Leben und ihren Körper haben. Plan International arbeitet deshalb mit jungen Menschen und Jugendorganisationen auf der ganzen Welt zusammen, um sich mit ihnen auszutauschen und sie mit Gesundheitsdiensten in Kontakt zu bringen. Wir stehen ihnen zur Seite, um für ihre sexuellen und reproduktiven Rechte einzutreten und die Faktoren zu bekämpfen, die das Risiko einer ungeplanten Schwangerschaft erhöhen. Das Leben und die Zukunft zahlreicher Mädchen und junger Frauen auf der ganzen Welt hängt davon ab.


Alissa

Alissa Ferry arbeitet als Spezialistin für sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte (SRGR) bei Plan International Deutschland. Sie ist eine leidenschaftliche Verfechterin der reproduktiven Gerechtigkeit und des Rechts von Jugendlichen und marginalisierten Bevölkerungsgruppen auf Zugang zu qualitativ hochwertiger und respektvoller Gesundheitsversorgung. Alissa hat in den letzten 10 Jahren für viele Organisationen gearbeitet, davon vier Jahre in Afrika südlich der Sahara.


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