Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ist im Laufe ihres Lebens direkt von der Menstruation betroffen. Trotzdem ist die Periode immer noch stark tabuisiert und mit Vorurteilen besetzt. Das muss sich ändern. © Plan International/ Nyani Quarmyne
Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ist im Laufe ihres Lebens direkt von der Menstruation betroffen. Trotzdem ist die Periode immer noch stark tabuisiert und mit Vorurteilen besetzt. Das muss sich ändern. © Plan International/ Nyani Quarmyne
28.05.2021 - von Anne Rütten

Menstruelle Gesundheit und Hygiene ist ein Menschenrecht

Der 28. Mai ist der internationale Tag der Menstruationshygiene (Menstrual Hygiene Day). Er wurde 2014 ins Leben gerufen, um auf die Menstruation und die Schwierigkeiten aufmerksam zu machen, mit denen Menstruierende weltweit immer noch konfrontiert sind – beispielsweise aufgrund von Vorurteilen, Stigmatisierungen und damit einhergehender Diskriminierung. Was das für Konsequenzen hat und wie Plan International in den Programmländern dazu arbeitet, erklärt Alissa Ferry, Expertin für sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte bei Plan International Deutschland, im Interview.


Der 28. Mai ist Weltmenstruationstag – warum ist es auch 2021 immer noch so wichtig, dem Thema Menstruation breite Aufmerksamkeit zu verschaffen?

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ist irgendwann in ihrem Leben direkt von der Menstruation betroffen. Trotzdem ist die Periode immer noch stark tabuisiert und mit Vorurteilen besetzt, wodurch Menstruierende gezwungen werden, diese natürliche Funktion ihres Körpers als etwas zu sehen, für das sie sich schämen und es verstecken müssten – auch bei uns in Deutschland! Jüngstes Beispiel dafür war das umstrittene, von zwei Männern erdachte Produkt „Pinky Gloves“: Rosafarbene Plastikhandschuhe, die es Frauen ermöglichen sollten, ihre benutzten Tampons zu entfernen, ohne sich selbst zu berühren und versteckt zu entsorgen. Diese "Innovation" implizierte, dass Menstruation und Vaginas von Natur aus schmutzig oder unrein sind, und darüber hinaus versteckt und unsichtbar bleiben sollten.

Daran sieht man, wie tief diese Stigmatisierung noch immer in unserer Gesellschaft verankert ist. Der Tag der Menstruationshygiene ist daher entscheidend, um mit dem Tabu und den Mythen rund um die Periode zu brechen und die Aufmerksamkeit auf die besonderen Bedürfnisse und Herausforderungen von Menstruierenden zu lenken. Dazu gehören unter anderem der Zugang zu häufig unerschwinglichen Menstruationshygieneprodukten sowie die Scham, die oft mit der Menstruation verbunden ist. Diese Herausforderungen sind Realität für die meisten Menschen, die auf der ganzen Welt menstruieren, auch hier in Deutschland, und der Tag der Menstruationshygiene ist wichtig, um diese Herausforderungen hervorzuheben, Menschen, die menstruieren, zu unterstützen und eine Diskussion darüber zu eröffnen, wie unsere Gesellschaften sich weiterentwickeln können, während sie unsere unterschiedlichen Bedürfnisse anerkennen.

Welche Auswirkungen hat eine solche Stigmatisierung auf und für Menschen, die menstruieren, insbesondere in unseren Programmländern?

Die Stigmatisierung von Menstruation und Menschen, die menstruieren, hat weitreichende Folgen. Sie verhindert beispielsweise, dass Menschen die richtigen Informationen darüber erhalten, was dabei in ihrem Körper vorgeht, aber auch über Möglichkeiten, ihre Periode und beispielsweise auch die damit verbundenen Symptome wie Schmerzen sicher und mit Würde zu bewältigen.

In Niger haben zum Beispiel schätzungsweise nur 30 Prozent der Mädchen überhaupt von ihrer Periode gehört, bevor sie sie bekamen. Aber selbst in Großbritannien wussten 26 Prozent der Mädchen nicht, was sie tun sollten, als sie ihre Periode bekamen. Stigma führt dementsprechend zu Unwissenheit und das führt nicht selten zu Angst, Verlegenheit und Fehlinformationen.

Abgesehen von solchen direkten Folgen, hält das Stigma, das die Menstruation umgibt, uns als Gesellschaft auch davon ab, ehrliche Diskussionen darüber zu führen und ist dadurch auch Hindernis für eine Verbesserung der Situation.

Gerade wenn es um unsere Programmländer geht, ist die Stigmatisierung von Menstruation häufig nicht das einzige Problem. Warum kann es für Menstruierende schwierig sein, ihre Periode würdevoll zu managen?

Es gibt viele Barrieren, mit denen Menschen konfrontiert sind, wenn es um die Bewältigung ihrer Menstruation geht. Der mangelnde Zugang zu Periodenprodukten ist häufig eine große Herausforderung – und das kann entweder an den hohen Kosten der Produkte oder an der fehlenden Verfügbarkeit insgesamt liegen. In unseren Programmländern ist häufig auch der Zugang zu sauberem Wasser begrenzt, wodurch Frauen und Mädchen vor dem Problem stehen, sich selbst und ihre Kleidung zu waschen, was eine besondere Herausforderung darstellt, wenn Menstruationsmaterialien nicht verfügbar sind. In Gebieten mit begrenzten sanitären Einrichtungen haben Frauen und Mädchen nicht immer den Vorteil der Privatsphäre, um ihre Menstruation in Würde zu bewältigen.

Was macht Plan, um die Stigmatisierung rund um die Menstruation aufzubrechen und sicherzustellen, dass Mädchen und Frauen ihre Periode in Würde bewältigen können?

Menstruation ist ein Kernthema, das wir im Rahmen dieser Arbeit ansprechen. Plan International setzt sich für die Verbesserung der Menstruationsgesundheit und -hygiene ein, indem die Organisation an drei wichtigen Grundvoraussetzungen arbeitet:
Erstens stellen wir Informationen rund um sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte bereit und stärken und fördern die Aufklärung und den Dialog, um das Tabu zu bekämpfen. Denn das hält Menschen oft davon ab, offen über diese Themen zu sprechen und ihren Körper und ihre Rechte zu verstehen und auch einzufordern. Deshalb arbeitet Plan International vor allem mit Jugendlichen selbst, aber auch mit ihren Eltern, Gemeinden und Lehrkräften. So unterstützen wir junge Menschen auch dabei, für sich selbst einzutreten und soziale Normen zu hinterfragen und zu ändern, die sie zum Beispiel für ihre Menstruation beschämen.

Zweitens arbeiten wir auf unterschiedliche Weise daran, Mädchen und Frauen besseren Zugang zu Menstruationsprodukten zu verschaffen, das ist ein Kernstück unserer Arbeit im Bereich der menstruellen Gesundheit und des Hygienemanagements. Jede Person, die menstruiert, hat das Recht auf Zugang zu Produkten ihrer Wahl, die für sie akzeptabel und bequem sind. Je nach Kontext stellen wir den Menschen Menstruationsbinden zur Verfügung, in manchen Fällen auch Menstruationstassen. In einigen unserer Projekte unterstützt Plan International junge Menschen bei der Herstellung von wiederverwendbaren Binden, die entweder für den Eigenbedarf genutzt oder verkauft werden können, um ein Einkommen zu erzielen.

Und drittens verbessern wir die Infrastruktur – sprich, wir bauen insbesondere an Schulen sichere Toiletten und sorgen für eine bessere Wasser- und Sanitärversorgung –, um sicherzustellen, dass Frauen und Mädchen die Privatsphäre haben, um ihre Menstruation zu regeln. Das ist besonders wichtig, da die Menstruation ohne die nötige Infrastruktur dazu führen kann, dass Mädchen den Unterricht verpassen und langfristig dadurch die Schule ohne Abschluss verlassen. In ganz Afrika versäumen bis zu 10 Prozent der Mädchen aufgrund ihrer Periode die Schule, in Äthiopien verpassen 51 Prozent der Mädchen zwischen einem und vier Tagen im Monat die Schule, weil sie ihre Periode dort nicht richtig bewältigen können oder keinen Zugang zu Hygieneartikeln haben. In Kenia trifft letzteres auf etwa 50 Prozent der Mädchen im schulpflichtigen Alter zu.

Was sind besondere Herausforderungen für Mädchen und junge Frauen in Krisensituationen wie der Pandemie, in einer Konfliktregion oder im Kontext von Migration? Und wie geht Plan auf diese Herausforderungen ein?

Mädchen und junge Frauen sind aufgrund ihres Geschlechts und Alters grundsätzlich stärker von Krisensituationen betroffen als Jungen und Männer. Der Grund dafür ist, dass Krisen ohnehin schon bestehende Ungleichheiten verstärken. Während die Ursachen und Folgen vielfältig sind, stehen Menschen, die menstruieren, in humanitären Krisen vor besonderen Herausforderungen. Begrenzte sanitäre Einrichtungen zwingen Menstruierende oft dazu, ihre Periode entweder ohne Privatsphäre zu bewältigen oder in Einrichtungen, die ihren Bedürfnissen nicht gerecht werden. Darüber hinaus müssen sie, bei begrenzten Ressourcen oft die schwierige Entscheidung treffen, ob sie Lebensmittel oder Menstruationsprodukte kaufen oder ob sie das begrenzte Wasser zum Trinken, Kochen oder Waschen gebrauchter Menstruationstücher verwenden sollen. Wassermangel, besonders während der Menstruation, kann zu Infektionen der Geschlechtsorgane oder der Harnwege führen. 

Plan unterstützt Menschen, die menstruieren und gleichzeitig von Vertreibung oder humanitären Krisen betroffen sind. Im Sudan arbeiten wir beispielsweise mit südsudanesischen Geflüchteten sowie mit sudanesischen Gastgemeinden zusammen, um die Informationslage und den Dialog über sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte, einschließlich der Menstruation, zu verbessern. Darüber hinaus arbeiten wir mit Gesundheitseinrichtungen zusammen, um sicherzustellen, dass ihre sanitären Anlagen für Menschen, die menstruieren, angemessen und sicher sind, damit sie ihre Periode in Würde bewältigen können. Darüber hinaus unterstützen wir vor allem heranwachsende Mädchen mit Menstruationsprodukten.

Periodenarmut ist eine große Herausforderung für Mädchen und Frauen auf der ganzen Welt, wie Plan UK in einer Untersuchung vor einigen Jahren bewiesen hat. Welche wirtschaftlichen Herausforderungen gibt es für Menschen, die menstruieren und welche Auswirkungen hat die Periodenarmut auf ihre Gesundheit und ihr soziales Leben?

Menstruationsarmut ist weltweit ein großes Problem, sowohl in den Ländern, in denen Plan International Programme durchführt, als auch in Deutschland und anderen Ländern in Europa und darüber hinaus. In einer aktuellen Umfrage von Plan UK gaben 40 Prozent der befragten Mädchen an, dass sie Toilettenpapier benutzen mussten, weil sie sich keine angemessenen Hygieneartikel leisten konnten. In den Vereinigten Staaten waren Menstruationsprodukte bis 2018 nicht einmal in Gefängnissen kostenlos. Hier in Deutschland wurden Menstruationsprodukte bis zum 1. Januar 2020 mit 19 Prozent Mehrwertsteuer besteuert – ein Satz, der normalerweise Luxusartikeln vorbehalten ist. Dadurch wurden für Menstruierende lebensnotwendige Produkte höher besteuert als Goldfische, Schnittblumen oder sogar Kaviar.

Das hat insbesondere weitreichende Folgen für Menschen, die bereits in Armut oder anderen prekären Situationen leben, denn gerade für sie können die Kosten für Menstruationsprodukte unerschwinglich sein. Ohne den Zugang zu Menstruationsprodukten, die sie sich leisten können, sind sie häufig gezwungen, die Schule oder die Arbeit zu verpassen, was den Kreislauf der Armut weiter aufrecht erhält. Fehlender Zugang zu Menstruationsprodukten kann auch die Gesundheit und Sicherheit von Menschen, die menstruieren, gefährden, insbesondere von heranwachsenden Mädchen. Um sich diese Produkte leisten zu können, sind Menstruierende unter Umständen gezwungen, Opfer zu bringen, die ihre Gesundheit gefährden. Deshalb fordert Plan International, dass alle Menschen Zugang zu Menstruationsprodukten bekommen, die sie sich leisten können.

Schottland hat in dieser Frage eine enorme Führungsrolle bewiesen, indem es als erstes Land der Welt das Recht auf freien Zugang zu Menstruationsprodukten gesetzlich verankert hat. Dies ist ein riesiger Schritt in der Anerkennung der Ungerechtigkeit, Menstruationsprodukte (und damit unverhältnismäßig viele Menschen, die menstruieren) mit einem höheren Steuersatz zu belegen. Menstruation ist weder eine Wahl noch ein Luxus. Sie ist eine natürliche Körperfunktion, die nicht dazu führen sollte, dass die Hälfte der Bevölkerung wirtschaftlich benachteiligt wird.

Im Laufe ihres Lebens müssen Menstruierende durchschnittlich 20.000 Euro für Periodenprodukte ausgeben – in anderen Worten: Insbesondere Mädchen und Frauen müssen mehr Geld ausgeben als Männer, obwohl sie weniger verdienen. Ist Menstruationshygiene also ein politisches Thema?

Menstruelle Gesundheit und Hygiene ist ein Menschenrechtsthema. Es ist auch ein Thema der reproduktiven Gesundheit und Rechte und ist eng mit Gesundheit, Würde, Bildung, Arbeit und anderen Rechten verbunden. Es ist auch ein politisches Thema, da Politik und Gesetze, die von Politiker:innen erlassen werden, einen großen Einfluss auf die Erfahrungen von Menschen haben, die menstruieren. Die Politik muss eine Rolle bei der Reduzierung der Periodenarmut spielen und sicherstellen, dass die Erfahrungen der Hälfte der Weltbevölkerung berücksichtigt und verbessert werden. Zum Beispiel diktieren politische Entscheidungen die Höhe der Steuern, die auf Periodenprodukte erhoben werden, und damit die wirtschaftliche Belastung durch die Menstruation, und es bedarf des politischen Willens, diese institutionalisierte geschlechtsspezifische Diskriminierung zu beseitigen.

Viele Länder sind uns da bereits voraus: Kenia und Indien haben beispielsweise die Besteuerung von Menstruationsprodukten ganz abgeschafft – ähnlich wie übrigens Kanada. Zum Vergleich: In Europa können Binden und Tampons nicht geringer als 5 Prozent besteuert werden. Einige Länder, darunter Taiwan und Sambia, haben zusätzliche Schritte unternommen, um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Menstruation auf andere Weise anzugehen, indem sie Frauen gesetzlich dazu berechtigen, jeden Monat Menstruationsurlaub zu nehmen, wenn sie aufgrund ihrer Periode nicht arbeiten können. Kein europäisches Land hat ein nationales Gesetz oder eine Politik zum Menstruationsurlaub.

Was kann jede:r einzelne von uns tun, um dazu beizutragen, das Tabu um die Menstruation aufzubrechen?

Redet darüber! Stigma gedeiht durch Schweigen und Fehlinformationen. Jeder von uns kann sicherstellen, dass wir über die Themen informiert sind, mit denen Menstruierende konfrontiert sind. Wir alle haben auch die Aufgabe, Diskussionen über die Menstruation zu normalisieren. Sie sind nicht schmutzig, beschämend oder ein Geheimnis, und wir alle haben die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie nicht auf diese Weise behandelt werden.


Alissa Ferry arbeitet als Spezialistin für sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte (SRGR) bei Plan International Deutschland. Sie ist eine leidenschaftliche Verfechterin der reproduktiven Gerechtigkeit und des Rechts von Jugendlichen und marginalisierten Bevölkerungsgruppen auf Zugang zu qualitativ hochwertiger und respektvoller Gesundheitsversorgung. Alissa hat in den letzten 10 Jahren für viele Organisationen gearbeitet, davon vier Jahre in Afrika südlich der Sahara.


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