Wie Kandy es schaffte, sich selbst zu befreien
Dieser Artikel beinhaltet folgende Themen: Einsamkeit, Vernachlässigung, Häusliche Gewalt, Fehlgeburt
Eines der ersten Gefühle, das Kandy* erfährt, ist Ablehnung. Als sich ihre Eltern trennen und neue Familien gründen, lassen sie ihre Tochter bei der Großmutter zurück. Obwohl sie dort mit ihrem Onkel und seinen Kindern lebt, ist sie auf sich allein gestellt, wird emotional vernachlässigt – und erfährt schon in sehr jungen Jahren häusliche Gewalt. Über Kandy wird extreme Kontrolle ausgeübt: „Ich durfte das Haus nicht verlassen. Ich durfte nicht draußen spielen, mich mit Freundinnen treffen. Alles war verboten“, erinnert sich die heute 29-Jährige aus Guayas, Ecuador. Dieses einengende Umfeld prägt ihre Kindheit zutiefst. „Ich habe mich immer gefragt, ob meine Mutter mich liebt, denn sie hat mich verlassen. Sie sagte, sie hätte andere Verpflichtungen und es sei das Beste so.“
*Name zum Schutz der Identität geändert
„Er versprach, der Vater zu sein, den wir beide nie hatten.“
Die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit
Ein weiteres Gefühl, das Kandy seit ihrer Kindheit begleitet, ist die Einsamkeit. Ihren 15. Geburtstag feiert sie ganz allein. In dieser Zeit trifft sie einen Jungen, der ihr Aufmerksamkeit und Zuwendung schenkt. Sie fangen an, sich regelmäßig zu sehen. In ihrem Kopf formt sich schon bald eine Idee: Sie will in ihrem Partner die Familie finden. „Er versprach, der Vater zu sein, den wir beide nie hatten“, erzählt die junge Frau. Als ihre Mutter sie aufsucht und sie zwingen will, die Beziehung zu beenden, klammert sich Kandy an die Sehnsucht nach einer glücklichen Familie und entscheidet sich, zu ihrem Partner zu ziehen. Doch bereits in den ersten Monaten erlebt sie dort häusliche Gewalt.
Kandy ist auf sich allein gestellt
„Von da an änderte sich alles“, erinnert sich die 29-Jährige. „Er wurde aggressiv.“ Obwohl sie vereinbart hatten, dass Kandy weiterhin zur Schule gehen kann, wird es ihr von ihrem Partner verwehrt. Kandy sucht Wege, die Beziehung zu beenden, doch dann erfährt sie, dass sie schwanger ist – da ist sie gerade 16 Jahre alt. „Ich hatte keine andere Wahl, als zu bleiben“, sagt sie heute. „Ich wollte das nicht. Ich wusste, es würde noch mehr Misshandlung geben.“ Und doch sieht sie damals keine andere Möglichkeit.
Ihre Befürchtungen bestätigen sich rasch: Auch während der Schwangerschaft erfährt sie Gewalt durch ihren Partner. Gleichzeitig vernachlässigt er Kandy, ist häufig abwesend – sogar die Geburt des gemeinsamen Kindes muss sie eigenständig bewältigen. Wenige Monate später erleidet sie zwei Fehlgeburten. Sie erlebt sie allein, zuhause. Die junge Frau führt sie auf die Gewalt zurück, die sie weiterhin erdulden muss: „Ich glaube, dass die Misshandlungen und Probleme zumindest die erste verursacht haben“, sagt sie.
„Wenn er arbeiten war, ging ich heimlich zur Schule.“
Stärke durch eigene Entscheidungen
Und doch findet Kandy – bei allem, was ihr widerfahren ist – die Kraft, für sich selbst einzustehen. Sie geht trotz Verbots ihres Partners heimlich zur Schule. „Wenn er arbeiten war, zog ich schnell meine Uniform an und ging los. Ich wusste, ich muss bis Mittag zurück sein. So schlich ich mich hinaus, bis ich es geschafft hatte.“
Als ihr Partner in eine andere Stadt zieht, baut sich Kandy zunächst neben dem Haus seiner Familie eine Unterkunft. Dort bringt sie ihr zweites Kind zur Welt – mit der Hoffnung, dass ihr Partner diesmal sein Versprechen hält. Doch stattdessen lehnt er sein Kind ab. Als Kandy wieder beginnt, zu arbeiten, kauft sie sich von ihrem Verdienst Baumaterial. Und packt ihre Sachen. Sie trennt sich von ihrem Partner, nimmt alles mit zu ihrer Großmutter und baut dort ein neues Zuhause für sich und ihre Kinder auf.
„Was hätte ich einem Mann noch bieten können, der nie zufrieden war und mir gezeigt hat, dass seine Träume nicht mit meinen übereinstimmen?“
Doch noch kann sie sich nicht gänzlich von ihm befreien. Immer wieder besucht er sie – und sie wird zum dritten Mal schwanger. Die Mutterschaft bewältigt sie auch diesmal allein.
Als in dieser Zeit Kandys Schwester plötzlich stirbt, beginnt die junge Frau, tief über das Leben nachzudenken. Endlich schafft sie es, die Beziehung zu ihrem Ex-Partnern endgültig zu beenden. „Ich habe unzählige Male versucht, uns zu retten. Ich habe ihm so viele Jahre meines Lebens geschenkt. Was hätte ich einem Mann noch bieten können, der nie zufrieden war und mir gezeigt hat, dass seine Träume nicht mit meinen übereinstimmten?“
Beeindruckende Widerstandsfähigkeit
Kandys Geschichte zeigt, was für eine beeindruckende Widerstandsfähigkeit in ihr steckt: Trotz wiederholter Gewalterfahrungen, mehreren Schwangerschaften und Alleinseins gelang es ihr, ihre Ausbildung fortzusetzen, ein Zuhause für sich und ihre Kinder zu schaffen und sich letztlich von ihrem gewalttätigen Partner zu lösen.
Heute hat Kandy einen Schulabschluss und studiert an einer Universität, um Lehrerin zu werden. Sie träumt davon, ein Stück Land zu kaufen, und sich dort niederzulassen. „Ich möchte meinen Kindern zeigen, welchen Sinn und Wert es hat, neu anzufangen“, sagt sie stolz.
Wie Plan International junge Menschen in Ecuador unterstützt
Die Biografie von Kandy zeigt indes die Notwendigkeit, Gewalt und frühe Ehen bzw. eheähnliche Partnerschaften zu verhindern und sicherzustellen, dass Jugendliche, insbesondere Mädchen und junge Frauen, die Mittel haben, fundierte Entscheidungen über ihr Leben und ihre Zukunft zu treffen.
Plan International setzt sich in Ecuador gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen dafür ein, dass Mädchen sicher aufwachsen und ihre Rechte wahrnehmen können. In den Programmen der Kinderrechtsorganisation stehen der Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt, die gezielte Aufklärung in Gemeinden sowie der Zugang zu Bildung im Mittelpunkt. Plan International unterstützt junge Menschen dabei, sich über ihre Rechte zu informieren, Selbstvertrauen zu entwickeln und eigenständige Entscheidungen für ihre Leben zu treffen.
Der Artikel wurde mit Material aus dem ecuadorianischen Plan-Büro erstellt.