Wenn die Dürre Rollen verschiebt
Wo früher Weideland war, ist die Erde heute staubig, rissig, hart wie Stein. Wasserstellen sind vertrocknet. Vieh – für viele Familien die wichtigste Lebensgrundlage – verendet auf ausgetrockneten Feldern. Mit jedem Tier, das stirbt, geht den Menschen nicht nur Nahrung verloren, sondern auch Einkommen, Sicherheit und Zukunft. Seit 2020 herrscht in Somalia Dürre. Akut sind etwa 4,8 Millionen Menschen in dem ostafrikanischen Land von einer Ernährungskrise betroffen.
Die Dürre beraubt Kinder ihrer Kindheit
Immer früher müssen Kinder Verantwortung übernehmen – Mädchen bleiben zu Hause, wenn das Geld für Schulgebühren fehlt, helfen im Haushalt oder laufen weite Wege, um Wasser zu finden. Gleichzeitig wächst der Druck auf die Eltern, ihre Töchter früh zu verheiraten, um eine Mahlzeit weniger stemmen zu müssen. Oft verbunden mit der Hoffnung, dass die Ehe ihrem Kind neuen Zugang zu Nahrung verschafft. Jungen arbeiten dagegen vermehrt unter gefährlichen Bedingungen oder suchen einen Ausweg in Flucht und Migration, was häufig mit großen Risiken für ihre Unversehrtheit einhergeht.
Immer mehr Familien werden gleichzeitig von der Dürre aus ihrer Heimat vertrieben. In provisorischen Camps für Binnenvertriebene leben sie gedrängt, meist ohne ausreichende sanitäre Einrichtungen, ohne sichere Schlafplätze und ohne Privatsphäre. Insbesondere für Mädchen und Frauen bedeutet das: ein erhöhtes Risiko für Belästigung und sexualisierte Gewalt.
Die Wucht, mit der gleich mehrere Faktoren – anhaltende Trockenheit, bewaffnete Konflikte, insgesamt steigende Preise und eine fragile Infrastruktur – auf die Menschen einwirken, hat im vergangenen Jahr deutlich zugenommen. Ein aktueller Bericht von Plan International zeigt: Die Krise verschärft nicht nur die Not, sie verschiebt auch das soziale Gefüge. Inmitten von Hunger und Vertreibung entstehen so gleichwohl Chancen für mehr Geschlechtergerechtigkeit.
Überleben hat Priorität – aber nicht überall gleich
In den sechs untersuchten Distrikten Baidoa, Beledweyne, Bosaso, Eil-Afweyn, Lughaya, Zaylac zeigt sich, dass für die meisten Haushalte elementare Bedürfnisse im Vordergrund stehen: Nahrung, Wasser und medizinische Versorgung. Doch je nach Region verschieben sich die Prioritäten. Während in städtischen Camps für Binnengeflüchtete wie in Baidoa Bargeld und Lebensmittel überlebenswichtig sind, dominiert in Beledweyne der Schutz vor Gewalt durch bewaffnete Konflikte. In abgelegenen Küstenregionen wie Lughaya und Zaylac ist der Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung so gravierend, dass sie für über 60 Prozent der Menschen das dringendste Problem darstellt.
Diese Unterschiede zeigen: Humanitäre Hilfe muss lokal zugeschnitten sein und die unterschiedlichen Lebensrealitäten von Frauen, Männern und Kindern mitdenken.
„Die Krise bietet eine einzigartige Gelegenheit, die Geschlechterverhältnisse grundlegend zu verändern.“
Frauen halten Familien am Leben, werden aber weiterhin ausgeschlossen
In vielen Haushalten sind Frauen heute die wichtigsten Ernährerinnen. Während Männer ihre Einkommensquelle in Viehzucht und Landwirtschaft durch die Dürre verloren haben, sichern Frauen das tägliche Überleben durch Kleinhandel oder das Sammeln und Verkaufen von Brennholz. Was früher als ergänzender Beitrag galt, ist heute oft die einzige Einkommensquelle. Trotz ihrer wachsenden wirtschaftlichen Rolle werden Frauen weiterhin nicht in Entscheidungsprozesse einbezogen und haben nur eingeschränkten Zugang zu Finanzmitteln. Gleichzeitig übernehmen Frauen den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit – eine extreme Doppelbelastung.
Programme der humanitären Hilfe können helfen, die zentrale Rolle von Frauen in der Wirtschaft zu stärken. Wenn Frauen Zugang zu Einkommen und Finanzmitteln, beispielsweise über Spargruppen, haben, profitiert die ganze Familie. Die ganze Gemeinschaft profitiert, wenn Frauen in Entscheidungen eingebunden werden. Wichtig in der Programmarbeit ist: Wirtschaftliche Stärkung muss damit einhergehen, dass Frauen und Mädchen sichere Bewegungsräume haben, sie in der Care-Arbeit entlastet werden – etwa durch Betreuungsangebote – und dass Männer eingebunden werden, um familiäre Konflikte zu vermeiden.
„Die Krise bietet eine einzigartige Gelegenheit, die Geschlechterverhältnisse grundlegend zu verändern. Wenn humanitäre und Entwicklungsorganisationen gezielt in die wirtschaftliche Führung von Frauen, die Perspektiven für junge Menschen und gemeindebasierte Schutzsysteme investieren, könnte die derzeitige Notlage in Somalia zu einem Wendepunkt führen – hin zu gerechteren und widerstandsfähigeren Geschlechterverhältnissen“, erklärt Sadia Allin, Landesdirektorin von Plan International in Somalia.
Männer zwischen Verlust und Neuorientierung
Für viele Männer bedeutet die Krise einen tiefen Einschnitt in ihre Identität. Die traditionelle Rolle als Versorger ist weggebrochen. Dies sorgt für Frust und psychosozialen Stress. Einige Männer greifen auf Khat zurück, einen Baum, dessen Blätter beim Kauen eine aufputschende und Euphorie auslösende Wirkung haben. Andere sehen den einzigen Auswig darin, Richtung Libyen oder Dschibuti zu migrieren – mit hohem Risiko für Gewalt und Ausbeutung. Wirtschaftliche Not und Stress haben zu Spannungen im häuslichen Umfeld und zu vermehrter Gewalt in Paarbeziehungen beigetragen.
Gleichzeitig entstehen neue Bilder von Männlichkeit. In Orten wie Beledweyne helfen Männer beim Kochen oder Wasserholen, treffen Entscheidungen gemeinsam mit ihren Partnerinnen. Diese Beispiele zeigen: Beteiligung an Sorgearbeit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Anpassungsfähigkeit. Programme, die solche positiven Rollenbilder stärken, können Gewalt vorbeugen und Familien stärken.
Mädchen zahlen den höchsten Preis
Mädchen sind von der Krise besonders hart betroffen. Bildung wird zur Nebensache, wenn Hunger, Armut und Unsicherheit den Alltag bestimmen. Frühe Ehen scheinen ein Ausweg aus der wirtschaftlichen Not zu sein. Fehlende Unterstützung für Menstruationshygiene verschärft die Situation zusätzlich. Diese Faktoren führen zu alarmierenden Schulabbruchsquoten: Fast die Hälfte der Mädchen (49,6 Prozent) verlässt die Schule vorzeitig.
Doch der Plan-Bericht zeigt auch einen Hoffnungsschimmer: Viele Familien erkennen Bildung zunehmend als Schutz vor Armut. Hier setzen Programme von Plan International an: Wenn wirtschaftliche Hürden abgebaut werden, etwa durch Schulernährungsprogramme oder Angebote für Menstruationshygiene, lassen sich Schulabbrüche verhindern und frühe Heiraten verzögern.
Plan International arbeitet zudem daran, Schutzstrukturen für Mädchen und Frauen zu stärken – etwa durch sichere, beleuchtete Wasser- und Sanitäranlagen, Schutzteams in Camps und die Zusammenarbeit mit lokalen Akteur:innen, um Hilfe für Überlebende von Gewalt zugänglicher zu machen.
Krise als Wendepunkt?
Die aktuelle Krise hat traditionelle Normen in Somalia nicht aufgehoben, aber sie hat sie ins Wanken gebracht. Diese Veränderungen sind nicht automatisch von Dauer. Sie müssen unterstützt werden, um langfristig verankert zu bleiben und den Weg für weitere Veränderungen zu ebnen. Wenn humanitäre Hilfe kurzfristige Not lindert und gleichzeitig langfristige Chancengleichheit fördert, kann aus der Krise ein Wendepunkt entstehen.