Weltweit für Kinderrechte – auch in Deutschland
Plan International ist vor allem für seine Arbeit im Globalen Süden bekannt. Doch auch in Deutschland erleben Kinder und Jugendliche Benachteiligung, fehlenden Schutz und ungleiche Chancen. Deshalb engagiert sich die Kinderrechtsorganisation auch hier mit Projekten und Angeboten in verschiedenen Bereichen. Im Interview spricht Claudia Meyerhöfer, Abteilungsleitung Deutsche und Innereuropäische Programmarbeit, über:
→ Den Anfang der Deutschlandarbeit
→ Die Zielgruppen und Themen des Deutschlandprogramms
→ Partnerschaften, die neue Wege ermöglichen
→ Die Wirkung der Projekte im Alltag
→ Was sich für Kinder in Deutschland ändern muss
Wie die Deutschlandarbeit begonnen hat
Seit wann gibt es das Deutschlandprogramm von Plan International und wie hat es begonnen?
Claudia Meyerhöfer: Plan International hat 2016 entschieden, auch in Deutschland tätig zu werden. Am Anfang lag der Fokus auf geflüchteten Kindern in Unterkünften. Wir wollen Kinder dort besser schützen, Eltern unterstützen und Jugendliche stärken.
Seitdem hat sich unsere Arbeit in Deutschland stetig weiterentwickelt. Nach der Flut in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz haben wir zum Beispiel auch dort Kinder, Jugendliche und Familien unterstützt.
Warum engagiert sich Plan International auch in Deutschland?
Wir sehen auch in Deutschland die Notwendigkeit, unsere Programmarbeit in den Bereichen Kinderschutz und Kinderrechte, Teilhabe und Partizipation sowie psychosoziale Gesundheit umzusetzen. Unser Ziel ist es, allen Kindern und Jugendlichen eine positive Lebens- und Entwicklungsumgebung zu ermöglichen und Ungleichheiten, insbesondere geschlechtsspezifische, abzubauen.
Welche Zielgruppen und Themen umfasst das Deutschlandprogramm heute?
Wir unterstützen weiterhin geflüchtete Kinder und ihre Familien, etwa mit kinderfreundlichen Räumen in Unterkünften oder mit psychosozialen Angeboten in Zusammenarbeit mit Psychosozialen Zentren in Deutschland. Gleichzeitig setzen wir Projekte um, die die mentale Gesundheit von allen Kindern und Jugendlichen in Deutschland stärken, weil der Bedarf auch hier groß ist.
Unser Deutschlandprogramm umfasst vor allem Projektarbeit und Modellvorhaben, also Projekte, in denen neue Lösungswege zunächst im kleinen oder begrenzten Rahmen getestet werden, mit dem Ziel herauszufinden, ob der Ansatz wirkt und später auch anderswo eingesetzt werden kann. Hinzu kommen Beratungs- und Schulungsangebote. Dabei richten wir uns an Kinder und Jugendliche in all ihrer Diversität, mit einem besonderen Fokus auf benachteiligte Gruppen, insbesondere Mädchen und junge Frauen. Gleichzeitig beziehen wir auch das soziale Umfeld der Kinder ein, also zum Beispiel Eltern, Erziehungsberechtigte, Fachkräfte sowie Verwaltungen, Vereine und Unternehmen.
Außerdem arbeiten wir seit vielen Jahren auch in Deutschland zum Thema FGM/C, also weibliche Genitalverstümmelung, und bieten dazu Beratung und Schulungen an.
„Auch in Deutschland sind wir noch weit davon entfernt, dass die Kinderrechte für alle Kinder vollständig durchgesetzt werden.“
Warum verfolgt Plan International inzwischen einen breiteren Ansatz?
Die Kinderrechte gelten weltweit – und damit natürlich auch für alle Kinder, die in Deutschland leben. Gleichzeitig sind wir auch hier noch weit davon entfernt, dass diese Rechte für alle Kinder vollständig durchgesetzt werden. Deshalb sehen wir die Relevanz und den Bedarf, unsere Arbeit auszuweiten und nicht nur einzelne Gruppen, sondern Kinder und Jugendliche insgesamt sowie ihr Umfeld in den Blick zu nehmen.
Unsere Projekte sind darauf ausgerichtet, Kinder und Jugendliche vor Gewalt zu schützen, ihre Beteiligung zu stärken und sie dabei zu unterstützen, am gesellschaftlichen und politischen Leben teilzunehmen. Dabei wissen wir: Es gibt verschiedene Faktoren, die Kinder in ihren Chancen benachteiligen oder daran hindern, ihre Rechte zu verwirklichen. Dazu gehören zum Beispiel geschlechtsspezifische Ungleichheiten, Diskriminierung und andere Formen von Benachteiligung.
Deshalb setzen wir uns für positive und schützende Lebens- und Entwicklungsbedingungen für Kinder und Jugendliche ein und stärken selbstbestimmte und gleichberechtigte Formen der Beteiligung.
Kannst du erklären, was das konkret heißt?
Zum Beispiel, dass Fachkräfte, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, wissen, wie sie diese in Entscheidungsprozessen einbeziehen und ihr Feedback einholen. Dass Kinder ihre Rechte kennen und wissen, wohin sie sich wenden können, wenn sie übergriffiges Verhalten erleben. Dass Jugendliche in Selbstvertretungsgruppen politisch aktiv werden. Dass Organisationen und Vereine starke Strukturen und Meldewege haben, um Kinder in der eigenen Institution zu schützen. Dass Rechte- und Schutzkonzepte oder Verhaltenscodexe nicht als Papiere in Schubladen liegen, sondern in der Praxis von Fachkräften und der Zielgruppe verstanden und gelebt werden. Dass Fachkräfte in Bildung, Betreuung und Beratung von Kindern und Jugendlichen in ihrer Arbeit sensibilisiert sind für zum Beispiel Geschlechtergerechtigkeit und Inklusion. Dass Eltern in schwierigen Lagen Unterstützung finden. Dass Kinder und Jugendliche Bezugspersonen in ihrem Leben haben, denen sie sich anvertrauen können und professionelle Hilfe erhalten, wenn nötig.
Wenn wir Benachteiligungen abbauen, profitieren davon nicht nur einzelne Gruppen, sondern alle Kinder – und damit auch die Gesellschaft insgesamt.
„Gerade in Zeiten, in denen für soziale Vorhaben oft zu wenig Geld zur Verfügung steht, sind Partnerschaften wie mit der Postcode Lotterie besonders wertvoll.“
Partnerschaften, die neue Wege ermöglichen
Wie finanziert Plan International seine Projekte in Deutschland?
Unsere Projekte in Deutschland finanzieren wir vor allem über öffentliche Mittel. Zusätzlich werden wir von Stiftungen, Unternehmen und auch neuen Partnern wie Soziallotterien unterstützt.
Können Spender:innen gezielt das Deutschlandprogramm unterstützen?
Aktuell können Spender:innen uns gezielt für das Projekt „Stark in die Zukunft“ unterstützen. Das ist ein Projekt im Bereich mentale Gesundheit, das sich an Grundschulkinder, ihr soziales Umfeld und Fachkräfte an Hamburger Grundschulen richtet. Darüber hinaus werden wir sehr bald weitere Spendenmöglichkeiten eröffnen, über die unsere Arbeit in Deutschland künftig gezielt unterstützt werden kann.
Du hast eben erwähnt, dass Plan International neuerdings auch mit Soziallotterien zusammenarbeitet. Wie kommt es dazu?
Soziallotterien wie zum Beispiel unser Partner Postcode Lotterie können einen wichtigen Beitrag leisten, weil sie gemeinwohlorientierte Arbeit fördern und damit die Zivilgesellschaft stärken. Gerade in Zeiten, in denen für soziale Vorhaben oft zu wenig Geld zur Verfügung steht, sind solche langfristigen Partnerschaften besonders wertvoll.
Sind Soziallotterien seriöse Partner?
Bei allen unseren Partnern legen wir großen Wert auf Seriosität und Integrität. Bevor es zu einer Zusammenarbeit kommt, prüfen wir potenzielle Partner sehr sorgfältig, zum Beispiel durch Ethik-Prüfungen. Für uns ist in einer Partnerschaft wichtig, dass wir ähnliche Werte teilen und uns für die gleichen Ziele einsetzen.
Wie genau fördert die Postcode Lotterie die Deutschlandarbeit von Plan International?
Die Unterstützung durch die Postcode Lotterie ist für unsere Deutschlandarbeit ein großer Mehrwert. Wirklich besonders an der Postcode Lotterie ist für uns ihre Art der Förderung, die auf großem Vertrauen in uns und unsere Arbeit basiert und die uns ermöglicht flexibel zu agieren, sowie eine langfristige Partnerschaft, in der wir uns über die erzielte Wirkung austauschen und gemeinsame Ziele verfolgen.
Die Förderung hilft uns dort, wo sonst entscheidende Mittel fehlen, und versetzt uns in die Lage, mutig in unseren Arbeitsfeldern wirken zu können – da wo wir die größten Bedarfe sehen und mit unserer Expertise einen Mehrwert bieten. Sie ermöglicht uns unsere Arbeit in Deutschland weiter auszubauen – ganz konkret zum Beispiel für mehr Schutz und Beteiligung von Kindern in Sportvereinen.
Was die Projekte im Alltag bewirken
Welches Projekt steht beispielhaft für die Deutschlandarbeit von Plan International?
Es gibt viele Beispiele, die zeigen, welchen Unterschied unsere Arbeit macht.
Da ist zum Beispiel die jugendliche Person, die sich in einer Krise oder Notsituation per Chat an kompetente Berater:innen wendet und dort Hilfe findet – etwa im Projekt „I see you“.
Oder das Kind, das nach seiner Ankunft in Deutschland in einer Unterkunft einen Raum hat, in dem es spielen, zur Ruhe kommen und einfach Kind sein kann. Gleichzeitig finden auch die Eltern dort Ansprechpersonen für ihre Sorgen. Das ist zum Beispiel bei „My Safe Space“ wichtig.
Ein anderes Beispiel sind Jugendliche in Unterkünften, die in unseren Mitarbeitenden Menschen finden, die sie ernst nehmen und ihnen Wege zeigen, sich aktiv einzubringen – in ihrer Unterkunft und darüber hinaus. Das erleben wir etwa im Projekt „MYRA: My Space, Your Rights, Our Agency“.
Auch geflüchtete Kinder und Familien, die therapeutische Unterstützung erhalten, profitieren direkt von unserer Arbeit, zum Beispiel im Projekt „YTC - YouthTraumaCare“.
Wie wirkt diese Arbeit im Alltag von Kindern, Jugendlichen und Fachkräften?
Hier können wir uns als Beispiel das Projekt „Stark in die Zukunft“ anschauen: Dort lernen Grundschulkinder in Workshops, mit Gefühlen umzugehen, Herausforderungen besser zu bewältigen, eigene Stärken zu erkennen und sich gegenseitig zu unterstützen. Gleichzeitig gewinnen Lehrkräfte mehr Sicherheit im Umgang mit mentaler Gesundheit im Schulalltag.
Hinzu kommen viele Fachkräfte, die wir durch Beratung und Schulungen in ihrer Arbeit stärken – etwa zu Schutz- und Beteiligungskonzepten für Kinder und Jugendliche oder auch zum Thema FGM/C, also weibliche Genitalverstümmelung.
Was sich für Kinder in Deutschland ändern muss
Was würdest du dir von Politik und Gesellschaft wünschen, damit Kinder in Deutschland wirklich gleiche Chancen auf Bildung, Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben haben?
Ich würde mir wünschen, dass strukturelle Ungleichheiten abgebaut werden – zum Beispiel in Bezug auf Armut, Bildungschancen, Integration und Inklusion.
Kinder und Jugendliche brauchen außerdem einen guten Zugang zu Versorgung, sowohl gesundheitlich als auch psychosozial. Ebenso wichtig sind Räume, in denen sie gehört und ernst genommen werden und mitgestalten können.
Darüber hinaus braucht es verlässliche Strukturen, die Kinder und Jugendliche vor Gewalt schützen – sowohl im analogen als auch im digitalen Raum. Und wir müssen schädliche Geschlechternormen und geschlechtsspezifische Ungleichheiten stärker abbauen.
Manche sagen: „Deutschland ist ein reiches Land, hier sollte niemand auf Unterstützung angewiesen sein.“ Wie reagierst du auf diese Kritik?
Natürlich nehmen auch wir die politischen Entscheidungsträger:innen in die Verantwortung. Es ist ihre Aufgabe, gute Rahmenbedingungen für Kinder und Familien zu schaffen.
Gleichzeitig sehen wir in unserer täglichen Arbeit, dass Kinder und ihre Familien an vielen Stellen weiterhin Unterstützung brauchen. Unsere Arbeit in Deutschland besteht dabei nicht aus finanzieller Hilfe. Wir stärken Schutz und Beteiligung, zeigen neue Wege auf, teilen unsere Expertise und arbeiten gemeinsam mit Behörden, Ministerien, Trägern der Kinder- und Jugendhilfe und weiteren Organisationen.
Unsere Arbeit verknüpft unterschiedliche Ebenen miteinander – die direkte Arbeit in Projekten mit der Zielgruppe und ihrem Umfeld wie Eltern, Fachkräften und so weiter, die Advocacy-Arbeit, um auf strukturelle Probleme aufmerksam zu machen und gesellschaftliche und politische Themen voranbringen sowie die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Anliegen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland.
Vielen Dank für das Gespräch!