Weltflüchtlingstag: Ein Ort zum Ankommen
„Ich wollte die Sprache lernen, unbedingt“, erzählt Rabani Ramish. Erst vor drei Jahren ist er in Hamburg angekommen, heute spricht er fließend Deutsch. Seine Flucht aus Afghanistan führte Ramish nach Deutschland. Seit letztem Sommer arbeitet er für Plan als Pädagogische Fachkraft mit Jugendlichen in einer Unterkunft im Hamburger Stadtteil Billbrook. Wie Ramish mussten die Mädchen und Jungen ihr Heimatland verlassen, oft noch als kleine Kinder. Viele von ihnen leben bereits mehrere Jahre mit ihren Familien in der Unterkunft.
Abgeschnitten von der Welt
Dunkelrote und hellblaue Blöcke aus zweistöckigen Containern reihen sich in der Hamburger Berzeliusstraße aneinander, dazwischen wächst Grün. Mehrere hundert Menschen leben in der Unterkunft von Fördern & Wohnen.
Ruhig ist es hier an diesem Abend, sehr ruhig, vor allem für Jugendliche, die etwas erleben wollen. Hamburg scheint weit entfernt. Die Berzeliusstraße befindet sich mitten in einem Industriegebiet, in das sich allenfalls LKWs verirren. „Die Möglichkeiten für Jugendliche sind hier sehr eingeschränkt“, bestätigt Ramish. „Genau deswegen sind wir hier.“ Er steuert auf einen hellblauen Wohnblock zu und öffnet die Tür: Willkommen im MYRA-Jugendtreff! Hier und einige hundert Meter entfernt in einer weiteren Unterkunft im Billstieg führen er und seine Kollegin Madlen durch das Nachmittagsprogramm – für alle, die Lust haben, mitzumachen.
Picknicken und Party machen
Gleich am Eingang steht ein Kicker, weiter hinten gibt es eine kuschelige Ecke mit bunten Kissen: Raum für Begegnung und Austausch, aber auch zum Rückzug. An der Pinnwand hängen farbige Kärtchen mit Vorschlägen der Mädchen und Jungen für das Freizeitprogramm: „Schlittschuhfahren, Picknicken, Eis essen, Playstation spielen oder nach Dubai fliegen“ – die Wünsche sind frei. „Das Meiste davon setzen wir auch um“, berichtet Ramish. „Gemeinsam mit den Jugendlichen gestalten wir das Programm. Vieles machen wir zusammen, aber auch Treffen nur für Mädchen und nur für Jungen wurden eingefordert, und haben sich auch etabliert.“
Zu den Highlights zählen neben Kochsessions und Filmnachmittagen insbesondere Ausflüge, die aus dem verlassenen Stadtteil führen: etwa zum Minigolfen oder auf die Eislaufbahn.
„Die Zentralbibliothek hat mir eine neue Welt eröffnet.“
Zentralbibliothek als zweites Zuhause
Er selbst habe auch nach einem Rückzugsort gesucht, als er noch in der Unterkunft lebte, so Ramish. Einen Ort, um in Ruhe zu lesen und Deutsch zu lernen. Ramish bekam den Tipp, die Zentralbibliothek aufzusuchen, Hamburgs größte öffentliche Bücherei in der Innenstadt. „Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich nur mein Handy gehabt, um Deutsch zu lernen“, erinnert er sich. „In der Zentralbibliothek hat sich für mich eine neue Welt geöffnet. Es gab Computer, an die ich mich setzen und arbeiten konnte, und unzählige Bücher zu allen möglichen Themen. Das war einfach nur wow!“ Ramish blieb von morgens bis abends, las und recherchierte, bis die Bücherei schloss. Besonders interessierte ihn Geschichte. Infolge dieser Möglichkeit zum Rückzug beherrscht Ramish inzwischen fünf Sprachen.
„Die eigenen Träume niemals aufgeben.“
Der Name ist Programm
So wie Ramish in der Zentralbibliothek einen Ort gefunden hat, der ihm half, Fuß zu fassen, möchte er Jugendliche in vergleichbarer Situation dabei unterstützen, ihren Weg zu finden. Seit letztem Sommer gehört er zum Team des MYRA-Projekts. Der Name ist Programm: „MYRA steht für My Space, Your Rights, Our Agency“, erläutert Projektleiterin Anna Rennwald. Das Modellprojekt wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ durch das Bundesfamilienministerium (BMBFSFJ) gefördert – und nicht nur in Hamburg, sondern auch in Leipzig umgesetzt. „Wir möchten schutzsuchende Jugendliche motivieren, ihre Lebensumgebung aktiv mitzugestalten – sowohl in ihrer Unterkunft als auch im sozialen Umfeld.“ Teil des Projekts ist auch der Austausch mit den Youth Advocates von Plan International in Deutschland. Sie sind eine Gruppe junger Erwachsener (18–27), die sich ehrenamtlich für die Belange von geflüchteten Jugendlichen einsetzt. „Unabhängig vom Wohnort“, ergänzt Anna. „Die Gruppe ist digital vernetzt, trifft sich jedoch auch persönlich.“
„Wir möchten die Jugendlichen motivieren, ihr Umfeld aktiv mitzugestalten.“
Von einem Tag auf den anderen das Zuhause verlassen
Zu den Youth Advocates gehört auch die neunzehnjährige Robina, die vor zwei Jahren mit ihrer Familie aus Afghanistan geflüchtet ist. „Gerade für uns Mädchen war das Risiko zu hoch“, berichtet sie. „Aufgrund der wachsenden Einschränkungen beschlossen meine Eltern, schnellstmöglich das Zuhause zu verlassen. Wir hatten keine Zeit mehr, unsere Sachen zu packen.“ Für Robina ein sehr einschneidendes Erlebnis. Umso wichtiger findet sie es, nicht aufzugeben und sich nun von Deutschland aus für die Rechte von Mädchen zu engagieren. Gleichzeitig wirbt sie für mehr Toleranz: „Unabhängig von Hautfarbe, Nationalität oder Sprache sollten die Menschen einander unterstützen und die Vielfalt als Bereicherung sehen.“
Von der Vielfalt lebt auch das MYRA-Projekt in Billbrook. Jugendliche aus mehr als acht Ländern kommen hier zusammen. Und fühlen sich offensichtlich wohl. Abends, so Ramish, würden viele gerne noch länger bleiben: „Sie wollen gar nicht mehr weg.“