„Als die Flut kam, rannten wir“
Hinweis: Der Artikel enthält Augenzeugenberichte vom Verlust enger Angehöriger.
Das Tal gleicht einer Mondlandschaft und kaum ein Stein steht noch auf dem anderen. Am 26. August 2026 fegte im Norden von Nepal eine schwere Sturzflut durch die Gemeinden entlang der Flussläufe von Bhote Koshi und Trishuli und verwüstete Teile von Nuwakot sowie benachbarte Distrikte. Häuser, Schulen, Straßen und andere wichtige Infrastruktur wurden zerstört, wodurch Tausende Menschen ihr Leben verloren, Familien obdachlos wurden – und viele Kinder in Notunterkünfte umziehen mussten.
In einer Notunterkunft in Nuwakot teilen sich Mädchen und Jungen aus verschiedenen Dörfern einen Raum. Sie kommen aus unterschiedlichen Gemeinden, doch die Überschwemmungen haben all ihre Leben auf unerwartete Weise miteinander verbunden. Einige können nicht nach Hause zurückkehren, weil es zerstört oder stark beschädigt wurde. Andere haben keine Schule mehr, in die sie gehen könnten.
Ein Morgen im Himalaja, der alles veränderte
„Es gibt keine Schule und kein Zuhause“, fasst Sajan, Schüler der 3. Klasse, das Ausmaß dessen zusammen, was verloren gegangen ist. Mit seinem Zuhause wurde auch sein Vater von den Fluten weggespült. „Die Flut kam, als es Zeit war, zum Unterricht zu gehen“, erinnert sich Sajan an den Moment, der alles änderte, und fügt hinzu, dass er auf höher gelegenem Gelände Schutz suchte, bis das Schlimmste vorbei war. Anschließend machte er sich zunächst zu Fuß und dann mit einem Auto auf den Weg zu der Notunterkunft, in der er nun mit seiner Tante untergekommen ist. Rund 130 Kinder besuchten die Schule vor der Sturzflut, doch nun herrscht Ungewissheit darüber, wo sie ihre Ausbildung fortsetzen können.
„Die Flut kam, als es Zeit war, zum Unterricht zu gehen.“
Für andere Kinder ist es noch schwerer, ihren Verlust in Worte zu fassen. Reshma (13), aus einer 7. Klasse, ist mit einer ähnlichen Situation konfrontiert. Auch ihre Schule wurde durch die Flutwelle zerstört, und sowohl ihre Mutter als auch ihre Schwester wurden von den Wassermassen mitgerissen. Sie hat noch ihren Vater – und blickt in eine ungewisse Zukunft. Eine Möglichkeit wäre ein Umzug in die Hauptstadt Kathmandu, wo eine weitere Schwester studiert.
Auch die neunjährige Sanjina, Schülerin der 3. Klasse, erinnert sich daran, wie Menschen vor ihren Augen von den Wassermassen mitgerissen wurden. Unter ihnen war ihre Mutter. Sie lebt nun bei ihrem Vater und versucht, das Geschehene zu verarbeiten.
Als die Brücke verschwand, verschwand auch Anitas Lebensgrundlage
Neben zahlreichen Wohnhäusern und Schulen riss die Flutwelle auch andere Infrastruktur fort, darunter Brücken wie die im Distrikt Dhading – mit weitreichenden Folgen für die Bevölkerung. Anita (35) betrieb bis zum 26. August 2026 ein kleines Hotel und Restaurant, in dem Gäste rasteten, die auf der Durchgangsstraße und über die Brücke unterwegs waren.
Eine große Flutwelle ist im Anmarsch.
An jenem Morgen war Anita gerade mit einer Freundin auf der Brücke zu Fuß unterwegs, als ihr Mann anrief. Er ist lokal als Fahrer tätig und rief sie von unterwegs aus an. „Er sagte mir, ich solle ein paar Sachen zusammenpacken und sofort den Berg hinaufrennen, da er die Information habe, dass eine große Flut im Anmarsch sei“, erinnert sich Anita.
Zunächst schenkte sie der Warnung keinen Glauben. Hochwasseralarm ist in ihrer Gemeinde nichts Neues. In den vergangenen Jahren hatten die Menschen bereits mehrmals Warnungen vor Flutwellen erhalten, die aus China in Richtung Nepal kam – nur, um dann zu erleben, wie der Fluss zwar anstieg, sich die Lage aber schnell wieder normalisierte. „Ich dachte, es würde wieder so sein“, sagt sie bitter.
Dieses Mal sollte die Katastrophe kommen
Plötzlich trafen Soldaten und Polizisten ein und warnten die Menschen. Sie begannen damit, die Brücke und die ganze Umgebung zu evakuieren. Auch Anita eilte nun nach Hause, um ihre Schwiegereltern zu informieren. Sie wohnten in Räumen unterhalb des Hauses, was es besonders schwierig machte, sich bei einer Überschwemmung in Sicherheit zu bringen. Zunächst weigerten sie sich, das Haus zu verlassen. „Ich musste die Armee um Hilfe bitten, um sie den Hang hinaufzubringen“, sagt sie. Währenddessen ließ ihr Mann seinen Wagen auf der anderen Seite der Brücke zurück. Nur zehn Minuten, nachdem er die Brücke rennend überquert hatte, riss die Flut diese mit sich.
Vor der Flut verliefen Anitas Tage in einem vertrauten Rhythmus. Ihr Hotel war mehr als nur ein Ort zum Rasten und Essen, es war die Haupteinnahmequelle ihrer Familie. Denn Hunderte Menschen überquerten jeden Tag die benachbarte Brücke, und viele von ihnen machten in Anitas Hotel Halt, um etwas zu essen oder zu nächtigen. Auch die Arbeit ihres Mannes als lokaler Fahrer trug zum Lebensunterhalt der Familie bei. Ihre beiden Töchter studieren in Kathmandu: Die Ältere ist im zweiten Jahr ihres Bachelorstudiums, während die Jüngere die 12. Klasse besucht.
Von einem belebten Hotel zu einer leeren Straße
Als das Hochwasser zurückging und die Bewohner kurz zurückzukehren konnten, um ihre Habseligkeiten zu holen, war Anita schockiert. „Unser Haus war bis zum ersten Stockwerk von Trümmern bedeckt. Wir konnten nicht einmal den Abstellraum erreichen, in dem ich Reis, Linsen und andere Lebensmittel für das Hotel aufbewahrte“, sagt sie. „Ich habe geweint, als ich sah, dass die Brücke verschwunden war. Sie war unsere Einkommensquelle.“
„Dieser schöne Ort hat sich in einen Friedhof verwandelt. Es herrscht nur noch Stille.“
Derzeit müssen die Menschen zu Fuß zu einer Hängebrücke gehen, um den Fluss zu überqueren. Manche Schüler brauchen jetzt etwa eine Stunde, um zur Schule zu gelangen. Obwohl die Fernstraße wieder befahrbar ist, fällt es den Menschen von der anderen Seite immer noch schwer, Anitas Seite des Flusses und damit ihr Restaurant zu erreichen. „Dieser schöne Ort hat sich in einen Friedhof verwandelt. Es herrscht nur noch Stille“, sagt sie.
Blick in eine ungewisse Zukunft trotz humanitärer Hilfe
Ähnlich erleben es die Kinder in der Notunterkunft von Nuwakot. Alle haben ein Familienmitglied verloren und wenn sich auch ihre Erfahrungen voneinander unterscheiden, verbinden sie doch dieselben Fragen: Wann können sie nach Hause zurückkehren? Wann gehen sie wieder normal zur Schule? Wie wird das Leben nach den Überschwemmungen aussehen?
Für die Mädchen und Jungen, die sich im Auffangzentrum versammelt haben, ist es mehr als nur eine vorübergehende Unterkunft. Es ist ein Ort, an dem sie beginnen, die tiefgreifenden Veränderungen in ihrem Leben zu verarbeiten, während sie Trost in der Gegenwart ihrer Familie und anderer Kinder finden.
Derweil gehen um sie herum die humanitären Hilfsmaßnahmen weiter. Plan International unterstützt den Aufbau von sicheren Orten, psychosoziale Betreuung sowie Bildungs- und Schutzangebote.
Beim anstehenden Wiederaufbau geht es nicht nur darum, Häuser, Schulen und Infrastruktur wiederherzustellen. Es geht auch darum, den Kindern dabei zu helfen, sich sicher genug zu fühlen, um sich eine Zukunft jenseits der Katastrophe vorstellen zu können.
„Wir möchten uns bei den Organisationen bedanken, die uns unterstützen.“
Hotelbesitzerin Anita hofft unterdessen, dass die Brücke schnell wiederhergestellt werden kann, denn ihr Lebensunterhalt und der vieler anderer Geschäftsfrauen im Tal hängt vom funktionstüchtigen Straßennetz ab. Derzeit leben sie von den Lieferungen humanitärer Hilfsorganisationen wie Plan International. „Wir möchten uns bei den Organisationen bedanken, die vorbeigekommen sind, um nach uns zu sehen und uns zu unterstützen“, sagt sie.
Der Bericht aus dem nepalesischen Katastrophengebiet ist mit Material aus dem örtlichen Plan-Büro aufgeschrieben worden.