Risiken reduzieren, Leben schützen
Naturereignisse wie Starkregen, Erdrutsche, Stürme, Fluten oder Überschwemmungen können nicht verhindert werden. Die Menschen in besonders gefährdeten Gebieten können jedoch von Hilfsorganisationen wie Plan International darauf vorbereitet – und dadurch schädliche Folgen für ihre Gemeinden minimiert werden.
Wie das bei Plan International organisiert wird und auf welcher Basis die Kinderrechtsorganisation tätig wird, lesen Sie im nachfolgenden Interview:
Plan Post: Was ist unter Katastrophenvorsorge zu verstehen?
Björn Klüver: Wenn wir über Katastrophenvorsorge sprechen, meinen wir Maßnahmen, die Menschen und Gemeinden dabei unterstützen, Risiken frühzeitig zu erkennen, Gefahren zu minimieren und ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber zukünftigen Krisen zu stärken.
Das Ziel bei Plan International ist es, Katastrophen nicht nur besser zu bewältigen, sondern ihre Auswirkungen bereits im Vorfeld deutlich zu reduzieren. Deshalb investieren wir in Schulungen, funktionierende Frühwarnsysteme, klare Evakuierungspläne und eine robuste, klimaresiliente Infrastruktur.
„Katastrophenvorsorge gehört zu den wirksamsten Investitionen.“
Diese Elemente ermöglichen es Gemeinschaften, im Ernstfall schneller, sicherer und koordinierter zu reagieren. Und Vorsorge lohnt sich: Laut Vereinte Nationen spart jeder investierte US-Dollar das bis zu 15-Fache an Wiederaufbaukosten. Katastrophenvorsorge gehört damit – gerade angesichts wachsender klimabedingter Risiken – zu den wirksamsten öffentlichen Investitionen überhaupt.
Plan International sollte also noch mehr in Katastrophenvorsorge und vorausschauende Maßnahmen investieren?
Der aktuelle Report der Vereinten Nationen zeigt sehr deutlich, wie dramatisch sich die Lage verändert hat: Die weltweiten wirtschaftlichen Schäden durch Katastrophen wie Fluten, Stürme oder Dürren belaufen sich auf rund 2,3 Billionen US Dollar jährlich – und damit auf ein Ausmaß, das frühere Schätzungen um ein Vielfaches übersteigt. Gleichzeitig fließt weniger als ein Prozent der öffentlichen Mittel in Maßnahmen der Katastrophenvorsorge. Dieses Missverhältnis macht sichtbar, dass wir global immer noch mehr Geld in die Reaktion auf Krisen investieren als in deren Vermeidung. Dabei nehmen humanitäre Notlagen in Häufigkeit und Schwere zu – und die verfügbaren Mittel erreichen die betroffenen Menschen oft erst, wenn es bereits zu spät ist.
Genau hier setzt die Arbeit von Plan International an: Indem wir vorausschauende Maßnahmen und Katastrophenvorsorge systematisch in die Programme integrieren, können wir gefährdete Bevölkerungsgruppen frühzeitig schützen, die Auswirkungen künftiger Krisen deutlich verringern und zeigen, wie proaktive, kinderfreundliche humanitäre Hilfe in der Praxis aussieht.
„Mit vorausschauenden Programmen schützen wir proaktiv gefährdete Bevölkerungsgruppen.“
In der Öffentlichkeit wird oft von „Naturkatastrophe“ gesprochen, Fachleute plädieren jedoch dafür, dies anzupassen. Warum?
Um zu verstehen, wie Katastrophen entstehen, müssen wir uns zunächst von der Vorstellung lösen, sie seien „natürlich“ oder unvermeidbar. Naturgefahren wie Überschwemmungen oder Stürme können zwar natürlichen Ursprungs sein, ob sie jedoch zu einer Katastrophe werden, hängt maßgeblich von menschlichen Faktoren ab: von der Anfälligkeit von Infrastruktur, der Vorbereitung einer Gemeinde, funktionierenden Abläufen im Krisenfall oder der Fähigkeit von Einsatzkräften, schnell zu reagieren.
„Katastrophen sind immer das Ergebnis menschlicher oder unterlassener Entscheidungen.“
Genau deshalb unterstützen wir die internationale Bewegung #NoNaturalDisasters, die betont, dass Katastrophen immer das Ergebnis menschlicher Entscheidungen sind – oder unterlassener Entscheidungen. Wenn politische Rahmenbedingungen, Planung und nachhaltige Entwicklungspraktiken vernachlässigt werden, steigt das Risiko für die Bevölkerung deutlich. Sehen wir Katastrophen hingegen als menschengemachte Risiken, wird klar, dass Vorsorge, Risikominderung und Resilienz zentrale Werkzeuge sind, um Schäden zu verhindern. Dabei kommt den Medien eine entscheidende Rolle zu: Sie prägen das öffentliche Verständnis dafür, wo Risiken entstehen, wie sie reduziert werden können und welche Entscheidungen Katastrophen unwahrscheinlicher machen. Dieses Bewusstsein ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu wirkungsvoller Prävention.
Hätten Sie ein konkretes Beispiel, wo politischen Fehlentscheidungen oder Versäumnisse eine Gefahr zu einer Katastrophe gemacht haben?
Ein sehr eindrückliches Beispiel ist die Aufarbeitung der Flutkatastrophe im Ahrtal im Jahr 2021, bei der mehr als 280 Menschen ums Leben kamen. Die Untersuchungen zeigen, dass die hohe Zahl der Todesopfer nicht allein auf die extremen Niederschläge zurückzuführen war. Entscheidend war vielmehr eine Kombination aus gravierenden Versäumnissen im lokalen Warn- und Krisenmanagement, unzureichender behördlicher Kommunikation und einer deutlichen Fehleinschätzung der Gefahr. Obwohl Warnungen bereits Tage zuvor vorlagen, erreichten viele von ihnen die Bevölkerung zu spät, zu unpräzise oder gar nicht – und notwendige Evakuierungen wurden nicht rechtzeitig eingeleitet.
„Extreme Niederschläge waren zwar der Auslöser für die Flut, doch das verheerende Ausmaß der Katastrophe ist auf strukturelle Schwächen zurückzuführen.“
Hinzu kam, dass offizielle Gefahrenkarten das tatsächliche Risiko erheblich unterschätzten: Ein Großteil der Todesopfer befand sich außerhalb der ausgewiesenen Gefahrenzonen, was zeigt, dass Szenarien nicht ausreichend unter Einbezug aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse modelliert oder kommuniziert wurden.
Die extremen Niederschläge waren zwar der Auslöser, doch das verheerende Ausmaß der Katastrophe ist vor allem auf strukturelle Schwächen im Krisenmanagement, unzureichende Warnsysteme und Fehlentscheidungen auf lokaler Ebene zurückzuführen. Diese Mischung aus technischen, organisatorischen und kommunikativen Defiziten hat letztlich maßgeblich dazu beigetragen, dass die Katastrophe so dramatische Folgen hatte.
Inwiefern stehen Katastrophenvorsorge und Risikominderung mit dem Kernauftrag von Plan International als jugend- und kinderorientierte Organisation in Verbindung?
Für Kinder und Jugendliche ist das Versagen, Klimaziele einzuhalten und ausreichend in Katastrophenvorsorge zu investieren, keine abstrakte Debatte – es betrifft ihr Leben unmittelbar. Eine ganze Generation wächst weltweit inmitten wiederkehrender Krisen auf: Sie erlebt, wie ihre Schulen überschwemmt werden, wie Hitzeextreme zunehmen, Wasser knapper wird und Häuser oder Lernräume einstürzen. Diese Verluste sind nicht nur das Ergebnis extremer Naturereignisse, sondern auch Ausdruck menschlicher Versäumnisse im Umgang mit Risiken.
Als Kinderrechtsorganisation trägt Plan International eine besondere Verantwortung und hat zugleich einen einzigartigen Hebel bei der globalen Katastrophenvorsorge. Unser Fokus auf Kinder, insbesondere Mädchen und marginalisierte Jugendliche, ermöglicht es uns, vorausschauendes Handeln und Risikominderung konsequent zu fördern und damit Lebensgrundlagen, Bildungschancen und Zukunftsperspektiven nachhaltig zu schützen.
„Die Stimmen junger Menschen sind unverzichtbar.“
Junge Menschen sind dabei nicht nur Betroffene – sie sind wichtige Akteur:innen für Geschlechtergerechtigkeit, Inklusion und sozialen Wandel. Bei unseren Programmen bringen sie Führungsstärke, Wissen und Engagement ein. Genau deshalb legt auch unsere globale Strategie fest, dass Programme immer gemeinsam mit und für junge Menschen entwickelt werden. Ihre Stimmen sind unverzichtbar, wenn wir eine widerstandsfähigere und gerechtere Zukunft gestalten wollen.
Inwiefern stehen Katastrophenvorsorge und Risikominderung bei Plan International mit dem Auftrag für Geschlechtergerechtigkeit in Verbindung?
Die Klimakrise ist die zentrale Frage der Generationengerechtigkeit unserer Zeit. Nach UN-Angaben sind rund eine Milliarde Kinder – nahezu jedes zweite Kind weltweit – einem extrem hohen Risiko durch die Folgen des Klimawandels ausgesetzt. Für Mädchen und Jungen sind diese Risiken besonders gravierend: Aufgrund ihrer körperlichen Konstitution und ihrer stärkeren Abhängigkeit von Erwachsenen sind sie bei Katastrophen verletzlicher und haben ein höheres Risiko, ihr Leben zu verlieren. Hinzu kommt, dass Klimaextreme den Zugang zu sauberem Trinkwasser beeinträchtigen – mit einem deutlichen Anstieg von Krankheiten, von denen vor allem Kinder betroffen sind.
Gleichzeitig verschärfen Dürren und Überflutungen die globale Ernährungskrise, und gerade Mädchen gehören dann oft zu den Ersten, die nicht ausreichend Nahrung erhalten. Werden Schulen durch klimabedingte Katastrophen geschlossen, kehren viele Mädchen nicht mehr zurück – Früh- und Zwangsheiraten nehmen nachweislich zu.
Und wenn junge Menschen durch Extremereignisse zur Flucht gezwungen werden, steigen die Risiken von Gewalt, Ausbeutung, Kinderarbeit oder Menschenhandel erheblich. Die Klimakrise trifft also nicht alle gleich – sie trifft Kinder, insbesondere Mädchen und marginalisierte Jugendliche, am härtesten. Deshalb ist es entscheidend, Klimaschutz, Prävention und kindgerechte Katastrophenvorsorge zusammenzudenken.
Was unternimmt Plan International, um zukünftige Katastrophen zu verhindern?
Plan International arbeitet bereits heute sehr gezielt daran, zukünftige Katastrophen zu verhindern oder ihre Auswirkungen deutlich zu verringern. Unser Ansatz kombiniert Katastrophenvorsorge, Klimaanpassung und vorausschauende Maßnahmen – damit Gemeinden besser vorbereitet sind und frühzeitig handeln können.
Konkret führen wir gemeinsam mit lokalen Partnern Risikoanalysen durch, stärken Frühwarn- und Evakuierungssysteme – etwa in Südamerika – und unterstützen den Ausbau klimaresilienter Infrastruktur, zum Beispiel bei Schulen, Gesundheitsstationen oder Hygieneeinrichtungen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der aktiven Einbindung von Kindern und Jugendlichen, deren Perspektiven für wirksame und inklusive Vorsorge entscheidend sind.
Darüber hinaus nutzen wir wissenschaftliche Vorhersagen, um geeignete Maßnahmen bereits vor dem Eintritt einer Krise zu starten – zum Beispiel Schutzvorkehrungen vor Stürmen, Überschwemmungen oder Dürren. Unsere langfristige Präsenz in den Gemeinden durch Patenschaftsprogramme sowie Partnerschaften mit lokalen Akteuren stellt sicher, dass diese Maßnahmen vor Ort verankert sind und nachhaltig wirken.
Gleichzeitig verfügen wir über globale Mechanismen, die die Einsatzbereitschaft unserer Länderbüros erhöhen – darunter Notfallplanungen, die Vorabpositionierung wichtiger Ressourcen und die Nutzung von Prognosedaten, um rechtzeitig aktiv werden zu können. Auf diese Weise stärken wir systematisch die Widerstandsfähigkeit von Gemeinden und reduzieren Katastrophenrisiken, bevor sie zu humanitären Krisen werden.
„Vorsorgemaßnahmen beim Katastrophenschutz sind auch wirkungsvolle Instrumente für Geschlechter-, Generationen- und Klimagerechtigkeit.“
Welches sind aktuell die größten Herausforderungen bei der Katastrophenvorsorge?
Wenn Hilfsgelder gekürzt werden – wie durch die erneuten Reduzierungen im deutschen Bundeshaushalt für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit – trifft dies schutzbedürftige Kinder weltweit besonders hart. Genau deshalb ist es so dringend notwendig, dass Regierungen die Rechte von Kindern konsequent in den Mittelpunkt ihrer Klima- und Entwicklungspolitik stellen: durch ausreichende Klimafinanzierung, klare kindgerechte Indikatoren und Budgets in nationalen Anpassungsplänen sowie die Förderung nachhaltiger Entwicklungsstrategien. Nur so lässt sich verhindern, dass klimabedingter Landverlust, Ernährungsunsicherheit sowie häufigere Katastrophen Kinder in einen dauerhaften Kreislauf aus Armut und Ausgrenzung drängen.
Und wir müssen unseren Blick weiten. Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel sind essenziell, aber sie erklären nur einen Teil der Herausforderungen. Die Klimakrise ist ebenso eine soziale und politische Krise. Es braucht ein Gleichgewicht zwischen individuellen Verhaltensänderungen, die oft auf einzelnen Menschen lasten, und einem systemischen Ansatz, der die Verantwortung von Regierungen und Unternehmen anerkennt – insbesondere im Bereich Klimaschutz und Katastrophenvorsorge. In diesem Zusammenhang dürfen wir Vorsorgemaßnahmen nicht lediglich als technische Interventionen betrachten. Sie sind auch ein wirkungsvolles Instrument für Geschlechter-, Generationen- und Klimagerechtigkeit. Richtig eingesetzt können sie dazu beitragen, strukturelle Ungleichheiten abzubauen und sicherzustellen, dass alle Menschen innerhalb der planetaren Grenzen geschützt leben und sich entfalten können.