"Bevor ich andere verändere, muss ich bei mir anfangen"

Foto: Fabricio Morales

Ob im staubtrockenen Großstadtvorort oder kargen Anden-Hochland: Die Menschen in Peru erleben viele Herausforderungen. Claudia Ulferts, Lateinamerikaexpertin und Pressereferentin bei Plan International Deutschland, hat sie besucht und für die Plan Post eine spannende Reportage aufgeschrieben.

Die Millionenmetropole Lima zwängt sich entlang eines Küstenstreifens am Pazifik. Gleich hinter der peruanischen Hauptstadt im meist diesigen Nirgendwo schimmern die Ausläufer der mächtigen Anden. Ozean im Westen und Hochgebirge im Osten – Lebensraum für ärmere Familien bleibt da kaum. Sie weichen zum Beispiel nach Norden aus. San Pedro de Carabayllo ist solch eine Region gleich vor den Toren Limas. Ein heißer, staubiger, grauer Wüstenort, an dem sich Menschen irgendwann einfach niedergelassen und sich das Land zu Eigen gemacht haben. Heute leben etwa eine Million Menschen hier. Die Gegend hat nichts mit der schmucken Altstadt oder dem schicken Stadtteil Miraflores zu tun, in dem die Reichen leben. Im Carabayllo-Distrikt ist alles von einer dicken Staubschicht überzogen. An der Seite eines Platzes stehen zwei Polizeiwagen – mit zerstochenen Reifen. Fast so, als hätten Recht und Gesetz den Ort vor Langem verlassen.

Vor sieben Jahren startete Plan International in San Pedro das Projekt „Sichere Städte für Mädchen“. Eine Befragung zum Thema Sicherheit hatte ergeben, dass sich über 90 Prozent der Mädchen in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie auf Straßen unsicher fühlten und fast jedes Mädchen bereits sexuelle Belästigungen und Übergriffe erlebt hatte. Das wollen die Teilnehmer:innen dieses Plan-Projekts ändern. Im Jugendclub „Lujuxi“ engagieren sich rund 40 Mädchen und Jungen – unter ihnen Kimberly, Maria, Meylin und Gonzalo. Heute unternehmen sie einen „Safety-Walk“, einen „Sicherheitsspaziergang“, auf dem sie die bedrohlichsten Ecken im Viertel erkunden. Zuerst geht es zur Plaza, wo die kaputten Polizeiwagen stehen. Die Mädchen rollen eine selbst gemalte Karte aus, auf der sie die aus ihrer Erfahrung unsichersten Orte eingezeichnet haben. „Hier hingen üble Typen herum, Betrunkene oder Drogensüchtige“, sagt Meylin (14). „Wir mussten immer auf der Hut sein, deshalb haben wir diesen Park gemieden.“

„Seit ich klein bin, wünsche ich mir, dass ich ohne Angst auf die Straße gehen kann“

Maria (15)
Plan-Aktivistin im Projekt "Sichere Städte für Mädchen"

Nächster Stopp ist ein Kiosk, vor dem oft Betrunkene herumlungern. Sie machen sich einen Sport daraus, Mädchen und Frauen anzumachen. „Das ist Machismo“, sagt Gonzalo. Mit drei anderen Jungen gehört er zum Plan-Jugendclub. Als der 15-Jährige seinen Freunden von dem Projekt erzählte, belächelten sie ihn. „Sie sagten: Anmache sei völlig normal. So sei das nun mal hier in Peru.“ Doch Gonzalo sieht das anders: „Bevor ich andere verändere, muss ich bei mir selbst anfangen“, sagt er.

Maria (15) und er sind ein Paar. Sie erzählt, dass er sich geändert habe, seit er hier mitmache. Er höre ihr besser zu, respektiere ihre Meinung und sei weniger eifersüchtig. „Seit ich klein bin, wünsche ich mir, dass ich ohne Angst auf die Straße gehen kann. Dass ich keinen Gedanken daran verschwenden muss, dass mich jemand blöd anquatscht, festhält oder begrapscht.“

Portrait von Maria und Gonzalo.
Maria und Gonzalo lernten sich beim Projekt „Sichere Städte für Mädchen“ kennen.Foto: Plan International

Mehr Sicherheit

Ein paar Minuten zu Fuß vom Kiosk entfernt befindet sich eine enge Gasse. Wer hier läuft, hat keine Fluchtmöglichkeit, ist von hohen Lehmwänden umgeben. Kimberly: „Obwohl dies der kürzeste Weg von der Schule nach Hause ist, gehe ich hier niemals durch.“ Meylin nickt: „Ich habe Angst davor, hier vergewaltigt zu werden.“ Um die Menschen in San Pedro für ihr Thema zu gewinnen, haben die Jugendlichen ein Wandgemälde erstellt: „Gemeinsam für die Rechte von Frauen“, steht dort geschrieben. Damit wollen sie ihre Mitmenschen ermutigen, Zivilcourage zu zeigen und einzugreifen, wenn Mädchen in Gefahr sind – auch an der Haltestelle oben an der Hauptstraße. Die Mädchen und Jungen haben nach Gesprächen mit dem Bürgermeister erreicht, dass der Busstopp sicherer gemacht wurde. Es gibt dort jetzt einen Unterstand und bunt bemalte Bänke. Außerdem patrouilliert regelmäßig ein Polizist, was den dahinter liegenden Park ebenfalls sicherer gemacht hat. „Neuerdings kommen sogar wieder Mütter mit kleinen Kindern zum Spielen hierher“, sagt Meylin.

Maria und Gonzalo führen zu einem überdachten Pavillon, unter dem sich zehn Clubmitglieder mit Trommeln versammelt haben. Aufrecht stehen sie dort für eine „Batucada“, eine rhythmische Trommelaktion, die ursprünglich aus Brasilien kommt. Sie wollen nicht mehr schweigen, solange Mädchen und Frauen Opfer werden, ihnen Gewalt angetan wird. Dazu singen sie ein eindringliches Protestlied. Niemand zweifelt an dem Veränderungswillen dieser jungen Menschen, die sich hier Gehör verschaffen und mit den lokalen Politiker:innen von San Pedro nach Lösungen suchen, damit sich Mädchen am Fuße der Anden frei und sicher bewegen können.

Kinder hocken auf dem Boden vor Karte.
Die Mitglieder des Plan-Jugendclubs erstellen Karten mit den gefährlichen Ecken von San Pedro de Carabayllo, um gegen Übergriffe und Belästigungen vorzugehen.Anika Büssemeier

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