Mädchen gehören in die Schule

Foto: Plan International

Im westafrikanischen Mali gehen zahlreiche Mädchen nicht zur Schule. Die Gründe dafür sind vielfältig: Armut, geschlechtsspezifische Ungleichheiten, Frühverheiratung, die Folgen der Corona-Pandemie. Plan International setzt mit verschiedenen Maßnahmen an, um Mädchen zu helfen, ihr Recht auf Bildung wahrzunehmen.

Für Mariam* war der Schulbesuch noch nie eine Selbstverständlichkeit. Häufig verpasste sie den Unterricht, weil sie ihren Eltern auf dem Feld helfen musste. Als sie 15 Jahre alt war, wurde sie zu einer frühen Heirat gezwungen. Ihre neuen Schwiegereltern legten keinen Wert auf die Bildung von Mädchen und so musste die heute 18-Jährige die Schule ganz abbrechen.

„Ich kannte den Mann nicht, niemand hat mich nach meiner Meinung gefragt“, berichtet Mariam. Meist sind es finanzielle Gründe, warum Eltern ihre Töchter verheiraten. Zum einen erhalten sie für die Tochter eine Mitgift, zum anderen hoffen sie, dass sie in der Familie ihres Ehemannes finanziell besser abgesichert ist.

„Ich kannte den Mann nicht, niemand hat mich nach meiner Meinung gefragt.“

Mariam (18), wurde gegen ihren Willen verheiratet

Kinderheirat ist ein weit verbreitetes Problem für Mädchen in Mali

In dem westafrikanischen Land Mali werden 16 Prozent der Mädchen verheiratet, bevor sie 15 Jahre alt sind, und 54 Prozent, bevor sie 18 Jahre alt sind.  Die frühe Verheiratung hat jedoch schwerwiegende Folgen für die Mädchen. So kann sie unter anderem zu einer frühen Schwangerschaft führen und einen frühen Schulabbruch, was die Aussichten auf ein produktives und erfülltes Leben stark beeinträchtigt.

Um diesen Umständen entgegenzuwirken und Mädchen wie Mariam den Zugang zu Bildung zu verschaffen, hat Plan International das „Break Free!“-Projekt (deutsch: losreißen, befreien) ins Leben gerufen. Geschulte Gemeindeleiter und Freiwillige klären junge Menschen über die negativen Folgen von Kinderheirat und Teenagerschwangerschaft auf und bieten Mädchen, die bereits davon betroffen oder bedroht sind, Wege zurück zur Bildung. Ein weiterer Projektbestandteil ist die Förderung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte junger Menschen, um nachhaltig die Gleichstellung der Geschlechter zu stärken und Jugendliche zu befähigen, fundierte Entscheidungen über ihre Zukunft treffen zu können.

Ein Lehrer steht an einer Tafel und spricht mit Jugendlichen, die mit dem Rücken zur Kamera an ihren Schultischen sitzen.
Bildung ist für viele Mädchen in Mali keine Selbstverständlichkeit. Plan International

Mariam findet Hilfe bei den Verantwortlichen der örtlichen Gemeinschaft

Inzwischen ist Mariam Mutter einer zweijährigen Tochter und ihr Mann ist auf der Suche nach Arbeit ins benachbarte Libyen gezogen. Sie pendelt zwischen ihrer Familie und der ihres Mannes hin und her und hat einiges in Bewegung gesetzt, um ihren Traum vom Schulabschluss doch noch zu realisieren. Die junge Frau wandte sich an ihren Gemeinderat und bat ihn um Hilfe. „Ich musste eine Lösung finden, um den Unterricht wiederaufzunehmen oder zumindest meine Prüfungen zu bestehen", erklärt Mariam.

Stadtrat Djinesira nahm Mariams Fall mit zu einem von „Break Free!“ organisierten Treffen, wo er gemeinsam mit den anderen Freiwilligen einen Plan schmiedete. „Ich und andere einflussreiche Personen in der Gemeinde, darunter der Schulleiter und die Mitarbeiter des Lernzentrums, trafen sich mit der Familie. Mariams Eltern mussten mit ihren Schwiegereltern verhandeln. Wie wir erfahren haben, steht der Schwiegervater der Ausbildung von Mädchen nicht positiv gegenüber, das ist eine Herausforderung“, sagt Stadtrat Djinesira.

 

Eine junge Frau schreibt an eine Tafel.
Mariam hat vieles in Bewegung gesetzt, damit sie wieder am Unterricht teilnehmen kann. Plan International
Eine junge Frau sitzt an einem Schulpult. Vor ihr liegt ein aufgeschlagenes Heft.
Freiwillige Unterstützer:innen aus einem Plan Projekt sprachen mit ihrer Familie. Plan International

Dank ihrer Vermittlung stimmten Mariams Familie und Schwiegereltern aber schließlich zu, dass sie wieder zur Schule gehen darf. Mariam hofft nun, trotz der Schwierigkeiten, denen sie sich als junge Mutter gegenübersieht, ihre Abschlussprüfungen zu bestehen und sich für die Sekundarstufe II zu qualifizieren. Die Unterstützung ihres Schulleiters motiviert sie, und sie hat seitdem an keinem Tag den Unterricht verpasst. Sie ist auch entschlossen, sich gegen Kinder-, Früh- und Zwangsehen zu engagieren, damit anderen Mädchen diese Hürde nicht im Weg steht.

Fatoumata kehrte nach Covid-Schließungen nicht in den Unterricht zurück

Ein weiterer Grund, der Mädchen aus den Klassenzimmern fernhält, sind die immer noch spürbaren Effekte der globalen Covid-19-Pandemie. Wie überall auf der Welt wurden auch in Mali die Schulen geschlossen, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Viele Kinder waren sich selbst überlassen, und auf der Suche nach Arbeit wanderten viele vom Land in die Städte ab. Eine von ihnen ist Fatoumata, die im Bezirk Bougouni im Süden des Landes wohnt.

„Als die Schulen geschlossen wurden bin ich mit Hilfe einer meiner Tanten in die Hauptstadt Bamako gegangen“, sagt die 14-Jährige. „Ich habe dort fast zwei Jahre lang gearbeitet. Meine Arbeit bestand hauptsächlich daraus, am Straßenrand Eis zu verkaufen.“ Die Probleme im Zusammenhang mit der Abwanderung von Kindern und Jugendlichen vom Land in die Stadt sind in Mali nicht neu. Kinder verlassen ihr Zuhause oft ohne die Erlaubnis ihrer Eltern und sind damit dem Risiko von Ausbeutung oder Missbrauch ausgesetzt.

Fatoumatas Mutter sucht Hilfe bei Plan Projekt

Auch Fatoumatas Eltern hatten ihrem Umzug nicht zugestimmt und waren heilfroh, als ihre Tochter nach zwei Jahren in ihr Dorf zurückkehrte. „Ich verstehe immer noch nicht, was sie dazu gebracht hat, nach Bamako zu gehen. Ich glaube, sie wollte einigen ihrer Freunde nacheifern, die das Gleiche taten. Für mich, der ich nie zur Schule gegangen bin, weiß ich, welche Konsequenzen das haben kann. Ohne Bildung kann man nichts erreichen“, erzählt ihre Mutter Salimata.

Salimata versuchte, einen Weg zu finden, damit ihre Tochter wieder zur Schule gehen konnte. Dabei erhielt sie Unterstützung vom „Break Free“-Projekt und der Freiwilligen Diakaridia Coumaré: „Ich wurde von Fatoumatas Mutter angesprochen. Sie erzählte mir von ihrer Tochter, die seit ihrer Rückkehr aus Bamako nicht mehr zur Schule gegangen war. Nach mehreren Treffen konnte sie wieder zur Schule gehen“, berichtet diese.

Ein Mädchen schüttet Wasser ein zwei große Wannen, die in einem Innenhof stehen.
Fatoumata brach während der Corona-Pandemie die Schule ab, um in der Hauptstadt zu arbeiten. Plan International
Eine junge Frau sitzt an einem Schulpult und strahlt in die Kamera.
Fatoumata ist nach zwei Jahren in die Schule zurückgekehrt. Plan International

Jetzt, da Fatoumata wieder am Unterricht teilnimmt, kann sie sich eine bessere Zukunft vorstellen – auch wenn sie viel dafür arbeiten muss. „Heute bin ich wieder in der Schule. Ich hinke den anderen Schülern hinterher, aber ich versuche aufzuholen.“ Nach Abschluss ihrer Ausbildung möchte sie ein eigenes Geschäft eröffnen.

Jungen werden bevorzugt zur Schule geschickt

Die 11-jährige Diatou hat sechs Geschwister. Bis letztes Jahr hatte sie noch nie eine Schule besucht, da ihre Mutter sich nur die Bildung ihrer beiden Söhne leisten konnte. „Ich habe sieben Kinder, fünf davon sind Mädchen“, erzählt Diatous Mutter, die ihre Kinder allein erzieht. „Wir haben nicht die Mittel, um alle Kinder zur Schule zu schicken. Um die Kinder zu ernähren, stelle ich Holzkohle her, arbeite in der Landwirtschaft und übernehme Gelegenheitsjobs.“

Zwei Mädchen zertampfen etwas in einem großen Mörser.
Diatou und ihre Schwester helfen bei der Hausarbeit. Plan International

Mädchen wie Diatou können oft nicht zur Schule gehen, auch wenn sie es gern tun würden, da viele Familien die Ausbildung von Jungen gegenüber der von Mädchen bevorzugen, gerade wenn das Geld knapp ist. Eltern und Gemeindevorsteher sehen oft keinen Wert in der Ausbildung von Mädchen, da sie glauben, dass sie für ihre Hauptaufgaben im Leben als Ehefrau und Mutter unnötig ist.

Diatou kann mithilfe von Speed Schools Unterricht nachholen

Um Kindern, die nicht zur Schule gehen, den Weg zurück in den Unterricht zu ebnen, hat Plan International beschleunigte Lernzentren, so genannte „Speed Schools“ (deutsch: beschleunigte Schulen) eingerichtet. Dort erhalten Mädchen und Jungen im Alter von 6 bis 12 Jahren neun Monate lang intensiven Unterricht, damit sie in das formale Schulsystem integriert werden können.

Ein Mädchen steht vor einer Tafel und zeigt mit dem Lineal auf Wörter, während sie sie vorliest.
Nachdem sie eine sogenannte Speed School besucht hat, kann Diatou den regulären Unterricht besuchen. Plan International
Ein Mädchen schreibt konzentriert in ein Schulheft.
Diatou gehört inzwischen zu den besten Schüler:innen ihrer Klasse. Plan International

Diatou lebt in einem der Dörfer im Bezirk Bougouni, in dem Plan ein Zentrum eröffnet hat. Als festgestellt wurde, dass sie Unterstützung benötigt, um in die Schule zu gehen, wurde sie im Jahr 2022 in die Speed School aufgenommen. Diese hat sie vor kurzem mit Bravour abgeschlossen und besucht nun eine Regelschule, wo sie ihre Lehrer:innen mit ihren herausragenden Leistungen beeindruckt. „Diatou ist eine der besten Schülerinnen in meiner Klasse. Für ein Mädchen, das noch nie eine Schule besucht hat, ist das außergewöhnlich“, berichtet Schulleiter Yaya Koné.

Diatou weiß auch schon genau, was sie später einmal werden will: „Ich will ein Studium abschließen und Ärztin werden. Dann kann ich anderen helfen und meine Mutter unterstützen.“ Ihre Lehrer:innen haben keinen Zweifel, dass sie diesen Traum angesichts ihrer bemerkenswerten schulischen Leistungen erfüllen kann.

*Der Name wurde zum Schutz der Identität geändert.

Die Geschichten von Mariam, Fatoumata und Diatou wurden mit Material aus dem malischen Plan-Büro aufgeschrieben.

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Mit der Übernahme einer Patenschaft unterstützen Sie nicht nur Ihr Patenkind, sondern auch seine Familie und die gesamte Gemeinde. Dank Ihrer Spende können wir unter anderem Kinderschutz- und Bildungsprojekte vor Ort umsetzen, von denen viele Kinder profitieren. Mehr Infos zu unserer Arbeit in Mali gibt es hier.

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