Unabhängig durch Nadel und Faden
Schon in der vierten Klasse brach Anicette die Schule ab – nicht freiwillig, vielmehr hatte die heute 17-Jährige keine andere Wahl, weil ihre Mutter sich die weiterführende Schulbildung ihrer Tochter nicht leisten konnte. Die Kindheit des Mädchens war neben den Emotionen auch finanziell überschattet von der Scheidung ihrer Eltern.
Die Trennung wurde vor rund zwölf Jahren vollzogen, und die Familie blieb seitdem auf sich allein gestellt. Anstatt sich an einer Schule weiter zu qualifizieren, musste Anicette ihrer Mutter beim Nähen aushelfen – immer verbunden mit der leisen Hoffnung, irgendwann das Schneiderhandwerk richtig erlernen zu können.
Viel mehr als das Nötigste verdient die Familie mit den Näharbeiten der Mutter indes nicht. Denn ohne eine eigene Werkstatt, in der Platz und Ausstattung für eine Schneiderei wäre, bleib nur wenig für ihr Leben und Überleben übrig. „Trotz der Schwierigkeiten meiner Familie habe ich immer davon geträumt, eine professionelle Schneiderin zu werden, aber es gab nirgendwo eine Möglichkeit dafür“, erzählt Anicette.
„Ich habe immer davon geträumt, eine professionelle Schneiderin zu werden.“
Wo Armut Lebenschancen minimiert
Offiziell sind in Benin nur rund drei Prozent der Bevölkerung arbeitslos. Doch in dem westafrikanischen Land fehlt es an formellen, gut bezahlten Beschäftigungsmöglichkeiten – auch und gerade für die überwiegend junge Bevölkerung. Benin ist einer der ärmsten Staaten der Welt: Laut dem Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen rangiert das Land auf Platz 173 von 193. Zum Vergleich: Deutschland Rang 5 und Österreich Rang 22.
Unterbeschäftigung ist in Benin verbreitet, insbesondere bei Frauen und in ländlichen Gebieten. Viele Mädchen haben dort aufgrund sozialer Normen nur eingeschränkt Zugang zu Bildung, so auch im zentral gelegenen Bezirk Dodji-Bata, in dem Anicette aufgewachsen ist.
Entschlossen, nicht aufzugeben, suchte die junge Frau nach Möglichkeiten für eine Ausbildung – sie würde ihr die notwendigen Fähigkeiten vermitteln, um wirtschaftlich unabhängig zu werden, war Anicette überzeugt.
Eine solche Chance sollte sich tatsächlich für Anicette ergeben – im Rahmen eines Plan-Projekts, das speziell jungen Frauen eine berufliche Qualifizierung sowie Startkapital für ein eigenes Unternehmen verschafft. Neben einer Berufsausbildung trägt das Vorhaben dazu bei, den Teilnehmerinnen wichtige Lebenskompetenzen zu vermitteln und dadurch Frühschwangerschaft, Zwangsehe und geschlechtsspezifische Diskriminierung zu reduzieren. Jugendliche sollen mit ihrer Teilnahme an Selbstvertrauen gewinnen und sich aktiv in ihrer Gemeinschaft einbringen. Um das zu realisieren, werden in dem Projekt schädliche Geschlechternormen hinterfragt.
Vor allem aber steht der berufliche Erfolg der Teilnehmerinnen im Vordergrund, weshalb diese nach erfolgreichem Abschluss eines Lehrgangs eine Erstausstattung und/oder Startkapital erhalten. Diese helfen ihnen dabei, den Wunschjob aufzunehmen und finanziell unabhängig zu werden.
Zu ihrer großen Freude bekam Anicette auf ihre Bewerbung eine positive Rückmeldung. Sie wurde Teil des Programms von Plan International und nahm an einem Kurs teil, bei dem der Umgang mit einer Nähmaschine ebenso auf dem Lehrplan stand, wie verschiedene Techniken für Säume, Reißverschlüsse und Nähte. Schließlich kamen auch Schnittmuster dazu – und der Traum, eine professionelle Schneiderin zu werden, rückte näher.
„Eine Schulung hilft mir, mich besser zu schützen und über meine Zukunft zu entscheiden.“
Neben den praktischen Fertigkeiten lernte Anicette lebenswichtige Kompetenzen kennen, die ihr Selbstvertrauen stärkten und ihr Verständnis für dringende Lebensfragen verbesserten, zum Beispiel zum Thema Familienplanung. „Wir haben eine Schulung zu sexueller und reproduktiver Gesundheit erhalten, was mir hilft, mich besser zu schützen und über meine Zukunft zu entscheiden“, sagt sie.
Praktische Fertigkeiten und lebenswichtige Kompetenzen erlernen
Anstatt noch als Teenagerin zu heiraten, verwirklicht Anicette inzwischen ihren Traum als selbstständige Unternehmerin. Ausgestattet mit einer eigenen Nähmaschine, Nadeln, Garn und Stoff, startete sie erfolgreich ins Berufsleben. „Damit konnte ich meine eigene Werkstatt eröffnen“, sagt sie jubelnd und hofft, dass das Ausbildungsprojekt noch weiteren jungen Menschen neue Chancen und Perspektiven bietet. Und noch ein Ziel hat sie vor Augen: „Ich möchte meine Werkstatt vergrößern und effizientere Geräte anschaffen, wie eine Doppelfunktionsnähmaschine.“
Dieser Artikel wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Benin erstellt.