Mehr Anerkennung für Care-Arbeit
In Caaguazú, einer ländlichen Region im Osten Paraguays, ist Care-Arbeit lange weitgehend unsichtbar geblieben. Dazu zählen vor allem Kinderbetreuung, die Pflege älterer Angehöriger, Haushaltsarbeit und die Unterstützung von Familienmitgliedern im Alltag. Diese Arbeit findet meist im privaten Bereich statt, etwa in Haushalten, Küchen oder kommunalen Betreuungseinrichtungen, und wird überwiegend von Frauen geleistet. Sie bleibt oft unbezahlt oder gering entlohnt und ist kaum sozial abgesichert.
„Die wichtigste Arbeit der Welt ist die Pflege“, sagt Marie-Eve Rouleau, leitende Mitarbeiterin bei Global Affairs Canada im Bereich internationale Entwicklungszusammenarbeit. „Sie ist die Grundlage allen Lebens. Ohne Pflegearbeit könnten Kinder nicht aufwachsen, Familien nicht funktionieren und Gesellschaften sich nicht weiterentwickeln.“
Trotz ihrer wichtigen Rolle bleibt Care-Arbeit in Paraguay vielerorts prekär. Kinderbetreuungsprogramme erreichen aufgrund begrenzter öffentlicher Mittel nicht alle Familien. Vielen Frauen, die in der frühkindlichen Förderung oder häuslichen Pflege tätig sind, fehlen berufliche Weiterbildungsmöglichkeiten, formelle Arbeitsverträge und soziale Absicherung. Hinzu kommt, dass es bislang nur wenige verlässliche Daten über Beschäftigte im Pflegesektor gibt und ihre Bedürfnisse dadurch häufig unbeachtet bleiben.
„Die wichtigste Arbeit der Welt ist die Pflege.“
Ein Projekt für bessere Arbeitsbedingungen
Als Reaktion auf diese Situation wurde das Projekt „Mehr Rechte, bessere Betreuung“ ins Leben gerufen. Die Initiative wird von Plan International gemeinsam mit Global Affairs Canada umgesetzt und läuft voraussichtlich bis 2028. Das Programm unterstützt Frauen, die in der frühkindlichen Förderung und Betreuung tätig sind, dabei, bessere Arbeitsbedingungen einzufordern und ihre Arbeit als Beruf stärker anzuerkennen. Es ist in mehreren Regionen in Paraguay aktiv, darunter San Pedro, Guairá, Central und Asunción.
„Das Hauptziel des Projekts ist es, die Arbeitsbedingungen von Frauen im Pflegesektor zu verbessern“, sagt Fátima Aliende, Projektkoordinatorin bei Plan International. „Aber es geht auch darum, ihren Lebensgeschichten, ihren Erfahrungen und den Erkenntnissen zuzuhören, die sie bereits durch diesen Prozess gewinnen.“
Pflege als Beruf anerkennen
Ein zentraler Bestandteil der Initiative sind Schulungen für Pflegekräfte. Dort erhalten die Teilnehmerinnen praktische Informationen zu Kindergesundheit, frühkindlicher Förderung sowie zu Arbeitsrechten und sozialer Absicherung. Für viele Frauen ist es das erste Mal, dass sie ihre Tätigkeit nicht nur als Teil der Familienarbeit, sondern auch als berufliche Tätigkeit wahrnehmen.
Zudem bringt die Initiative Frauen zusammen, damit sie Erfahrungen austauschen und sich gemeinsam organisieren können. „Durch dieses Projekt diskutieren wir über Arbeit, die zuvor übersehen wurde“, sagt Alicia Amarilla von der Nationalen Koordinierungsstelle ländlicher und indigener Frauenorganisationen. „Wir erkennen unseren Wert an.“
Geschlechterrollen hinterfragen
Die Workshops richten sich nicht nur an Frauen, sondern auch an Männer und Familienangehörige. Dabei geht es darum, traditionelle Rollenbilder zu hinterfragen, in denen Fürsorge als alleinige Aufgabe von Frauen gesehen wird. Väter werden ermutigt, sich stärker an Haushaltsaufgaben und Kinderbetreuung zu beteiligen.
Eine gerechtere Verteilung der Care-Arbeit soll Frauen entlasten und ihnen dadurch mehr Zeit und Möglichkeiten eröffnen, eine Ausbildung zu verfolgen, berufliche Rollen zu übernehmen und einer formellen Beschäftigung nachzugehen.
Pflege als gesellschaftliche Verantwortung
Neben der Arbeit in den Gemeinden kooperiert die Initiative auch mit staatlichen Institutionen, darunter dem paraguayischen Frauenministerium und dem Arbeitsministerium. Ziel ist es, die nationale Pflegepolitik umzusetzen, die Care-Arbeit stärker als öffentliche Aufgabe zu verankern und nicht allein den Familien zu überlassen.
Bis zum Ende des Projekts sollen rund 2.650 Pflegekräfte direkt erreicht werden. Weitere 9.100 Menschen sollen indirekt profitieren, etwa durch Gemeindeaktivitäten, Schulungen und Familienworkshops. Gemeinsam mit lokalen Organisationen soll die Arbeit dabei eng an den Erfahrungen und Bedürfnissen von Frauen und Familien vor Ort ausgerichtet bleiben.
Der Artikel wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Paraguay aufgeschrieben.