Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen
Jeden Tag war diese Frau für ihre Tochter da. Morgens, mittags und nachmittags brachte sie ihr Kind zur Schule. Sie war eine feste Größe in Honorines Leben. Als ihre Mutter starb, verlor die heute 20-Jährige jedoch den Halt. „Durch ihren Verlust verlor die Welt für mich jeden Sinn. Nichts existierte mehr, nichts spielte mehr eine Rolle“, erinnert sie sich.
Die Trauer war so groß, dass Honorine zeitweise nicht mehr daran glaubte, ihre Schulausbildung fortsetzen und ihre Ziele erreichen zu können. In dieser schweren Zeit standen ihre Familie und ihre Lehrkräfte ihr zur Seite. Sie machten ihr Mut und bestärkten sie darin, an sich selbst zu glauben.
Bildung trotz finanzieller Sorgen
Honorine wuchs in der Region Kara im Norden von Togo auf. Um ihre Schulausbildung fortsetzen zu können, musste ihre Familie die Kosten für Schulgebühren und Bücher aufbringen. Schon zuvor war das eine finanzielle Herausforderung. Nach dem Tod von Honorines Mutter lag die Verantwortung für den Lebensunterhalt der Familie und die Ausbildung seiner Tochter allein bei ihrem Vater.
„Mein Vater hat viele Rollen übernommen“, erzählt Honorine. Um für die Familie zu sorgen, verließ er das Haus früh am Morgen und kehrte erst spät am Abend zurück. Trotz der finanziellen Belastung setzte er alles daran, seiner Tochter den weiteren Schulbesuch zu ermöglichen. „Er kämpfte Tag und Nacht, um meine Schulgebühren und meine Schulbücher zu bezahlen, die sehr teuer waren.“
Eine Gemeinschaft, die ihr Mut machte
Auch in der Schule fand Honorine Menschen, die ihr in dieser schweren Zeit zur Seite standen. Ihre Lehrkräfte erinnerten sie an ihre Fähigkeiten und ermutigten sie, trotz ihrer Trauer weiterzulernen. „Anstatt in Depressionen zu versinken, fand ich in diesem Schmerz die Kraft, weiterzumachen, nicht nur für mich selbst, sondern auch, um für sie erfolgreich zu sein“, sagt Honorine über ihre Mutter.
Rückblickend erzählt Honorine, wie sehr die Menschen in ihrem Umfeld sie auf ihrem Lebensweg unterstützt und gestärkt haben. „Ich würde sagen, dass meine Gemeinschaft die Person geprägt hat, die ich nun bin, denn meine Gemeinschaft ist meine Schule. Sie hat mir Selbstvertrauen und die Geduld beigebracht, immer weiterzumachen. Es gibt ein Sprichwort: ‚Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.‘ Ich bin der lebende Beweis dafür.“
„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen. Ich bin der lebende Beweis dafür.“
Junge Menschen sollen eine Stimme haben und Gehör finden
Die Unterstützung, die Honorine selbst erfahren hat, möchte sie heute anderen jungen Menschen zukommen lassen. Als Studentin engagiert sie sich dafür, dass Kinder und Jugendliche gehört werden und bei jenen Entscheidungen mitreden können, die ihr Leben betreffen.
Als Beraterin des Kara-Jugendgremiums setzt sie sich dafür ein, dass die Anliegen und Ideen junger Menschen Gehör finden. Das von den lokalen Behörden anerkannte Gremium bringt junge Menschen aus Jugendorganisationen zusammen, die von Plan International unterstützt werden. Gemeinsam vertreten sie die Interessen von Kindern und Jugendlichen und bringen ihre Sichtweisen in Vorhaben ein, die ihre Lebensbedingungen betreffen.
Darüber hinaus ist Honorine Rechnungsprüferin des Nationalen Jugendgremiums von Togo. Als Koordinatorin unterstützt sie außerdem Programme, die junge Menschen darin stärken, Verantwortung zu übernehmen, Führungsaufgaben zu übernehmen und sich aktiv in ihrer Gemeinschaft einzubringen.
Junge Menschen stärken
Durch ihr Engagement hat Honorine an Selbstvertrauen gewonnen und gelernt, öffentlich zu sprechen. Diese Erfahrung möchte sie an andere junge Menschen weitergeben. Sie ermutigt sie, ihre Meinung zu äußern, sich für ihre Anliegen einzusetzen und mitzugestalten, was ihre Zukunft betrifft. „Es ist wichtig, dass junge Menschen den Raum haben, sich auszudrücken und die Initiative zu ergreifen, denn indem sie ihre Meinung sagen, erkennen sie, dass ihre Stimmen zählen“, sagt sie.
Für Honorine bedeutet Mitgestaltung auch, Verantwortung für die Umwelt zu übernehmen. Sie ist überzeugt, dass junge Menschen einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten können. Besonders die Wiederaufforstung liegt ihr am Herzen. „Das Pflanzen von Bäumen ist eine wichtige Maßnahme, denn es ist ein Akt der bürgerlichen Verantwortung und trägt dazu bei, die globale Erwärmung zu bekämpfen“, erklärt sie.
Auch in Honorines Gemeinde wird sichtbar, welchen Beitrag junge Menschen leisten. Gnamgnam, Sekretär im Lenkungsausschuss des des Gemeindeprojekts, beobachtet, dass sie zunehmend Verantwortung übernehmen und das Zusammenleben aktiv mitgestalten.
„Junge Menschen spielen eine Schlüsselrolle dabei, andere zu ermutigen, sich zu Wort zu melden und die Führung zu übernehmen. Das wirkt sich positiv auf die Gemeinde aus, denn es sind die jungen Menschen, die die Aktivitäten organisieren, durchführen und der Gemeinde darüber Bericht erstatten“, sagt er.
Mädchen sollen ihre Stärken erkennen
Honorine möchte, dass Mädchen diese Anerkennung auch für sich selbst erkennen und Vertrauen in ihre Fähigkeiten entwickeln. Sie sollen ihre eigenen Ziele verfolgen und sich nicht durch gesellschaftliche Erwartungen davon abhalten lassen, Verantwortung zu übernehmen. „Mädchen sind nicht wertlos“, sagt sie nachdrücklich. „Sie können Führungspositionen bekleiden, die Leitung übernehmen und fundierte Entscheidungen treffen.“
„Mädchen sind nicht wertlos. Sie können Führungspositionen bekleiden, die Leitung übernehmen und fundierte Entscheidungen treffen.“
Mit ihrer Biografie Hoffnung schenken
Honorine möchte später als Personalmanagerin arbeiten. Doch sie hat auch ein persönliches Anliegen: Sie möchte anderen Mädchen und Kindern in ihrer Gemeinde zeigen, dass schwierige Erfahrungen nicht über ihre Zukunft entscheiden müssen. Sie hofft, dass ihr eigener Weg ihnen Mut macht, an sich selbst zu glauben und ihre Träume zu verfolgen.
„Ich möchte, dass die Menschen in meiner Gemeinde, insbesondere junge Mädchen und Kinder, mich sehen und Hoffnung schöpfen“, sagt sie. „Ich möchte, dass sie sich von meiner Geschichte inspirieren lassen, damit sie Vertrauen in sich selbst haben und sich sagen können: ‚Ich schaffe das.‘“
Die Geschichte von Honorine wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Togo aufgeschrieben.