Der Wert indigenen Wissens

Foto: Plan International

Als erste Person ihrer Familie wagt Verónica den Schritt aus ihrer ländlichen Heimat an eine Universität. Auf ihrem Weg begegnet sie finanziellen Hürden, Diskriminierung und persönlichen Zweifeln. Diese Erfahrungen motivieren sie heute, sich für nachhaltige Perspektiven junger Menschen einzusetzen.

Während sie sorgfältig ein weißes Tuch bestickt, denkt Verónica an ihren eigenen Weg zurück. Jeder Stich erinnert sie daran, wie viel Geduld und Ausdauer es brauchte, um ihre Ziele zu erreichen. Die traditionelle Stickkunst ist für sie mehr als ein Handwerk: Sie verbindet sie mit ihrer Herkunft und mit Erfahrungen, Fähigkeiten und Geschichten, die innerhalb ihrer Gemeinschaft über Generationen weitergegeben wurden.

Am Internationalen Tag der indigenen Bevölkerungen zeigt Verónicas Geschichte, wie wertvoll unterschiedliche Formen von Wissen sein können. Als erste Person ihrer Familie beginnt sie ein Universitätsstudium und verlässt dafür ihre ländliche Heimat in Ecuador. Später verbindet sie die Erfahrungen aus ihrer Gemeinschaft mit ihrer Ausbildung als Tierärztin und Forscherin.

Doch der Weg an die Universität bringt neue Herausforderungen mit sich. Neben finanziellen Sorgen muss sie sich an ein völlig neues Umfeld gewöhnen und erlebt, wie stark ihre Herkunft ihren Alltag beeinflusst.

Verónica hält ein weißes Tuch in den Händen und arbeitet mit Nadel und Faden an einer Stickarbeit
Verónica (32) bewahrt mit der traditionellen Stickkunst Wissen und Fähigkeiten, die über Generationen weitergegeben wurden Plan International

Zwischen zwei Welten

Der Weg an die Universität ist für Verónica mit vielen Veränderungen verbunden. Sie verlässt ihre Familie und ihr gewohntes Umfeld und zieht in die Stadt. Dort muss sie sich nicht nur an ein neues Leben gewöhnen, sondern auch finanzielle Hürden und den Studienalltag bewältigen.

„Der Übergang war schwierig“, erinnert sie sich. „Der Zugang zur Universität, die Lebenshaltungskosten und die Trennung von meiner Familie waren große Herausforderungen. Selbst das Essen war ungewohnt. Man kommt aus einer anderen Lebenswelt, und die Anpassung an das Stadtleben ist nicht immer einfach.“

Doch die größten Herausforderungen erlebt sie an der Universität selbst. Weil sie einer indigenen Gemeinschaft angehört, erfährt sie Ausgrenzung und Diskriminierung. Aus Angst vor negativen Reaktionen verzichtet sie zeitweise sogar darauf, ihre traditionelle Kleidung zu tragen. 

Indigenes Wissen

Indigenes Wissen entsteht durch die Erfahrungen, Beobachtungen und Weiterentwicklungen indigener Gemeinschaften über viele Generationen hinweg. Es umfasst zum Beispiel Kenntnisse über Natur, Landwirtschaft, Gesundheit, Handwerk, soziale Beziehungen und den Umgang mit Ressourcen.

Dieses Wissen ist lebendig: Es wird weitergegeben, verändert und an neue Herausforderungen angepasst. Es ist ein wichtiger Teil der kulturellen Identität vieler Gemeinschaften und prägt bis heute ihre Lebensweisen und Lösungen für alltägliche Herausforderungen.

Gleichzeitig werden indigene Perspektiven vielerorts noch immer nicht ausreichend anerkannt oder einbezogen. Historische und bis heute wirkende Ungleichheiten haben dazu beigetragen, dass dieses Wissen häufig weniger sichtbar ist. Dabei kann es wichtige Beiträge leisten, etwa beim Schutz der Umwelt, beim Umgang mit Veränderungen des Klimas und bei der Entwicklung nachhaltiger Lösungen.

Nahaufnahme einer Stickarbeit mit Nadeln, Garn und Stoffen, auf denen ein Muster mit einem Baummotiv zu sehen ist
Die Stickarbeiten greifen Motive aus der Natur auf und verbinden kunstvolle Gestaltung mit traditionellem Handwerk Plan International
Verónica steht auf einem Balkon vor der Kulisse eines dicht besiedelten Wohngebiets mit vielen Hochhäusern
Verónica blickt auf ihren Weg zurück und setzt sich heute dafür ein, dass junge Menschen ihre Möglichkeiten nutzen können Plan International

„Ich konnte meine traditionelle Kleidung nicht tragen, weil ich von Lehrenden und Mitstudierenden diskriminiert wurde“, erzählt sie.

Trotz dieser Erfahrungen gibt Verónica nicht auf. Sie schließt ihr Studium der Tiermedizin erfolgreich ab und wird als erste Person ihrer Familie Hochschulabsolventin. „Meine Familie ist sehr stolz“, sagt sie. „Jetzt sehen meine jüngeren Cousins und Cousinen, dass es möglich ist, an die Universität zu gehen. Wenn ich es geschafft habe, können sie es auch.“

„Ich konnte meine traditionelle Kleidung nicht tragen, weil ich von Lehrenden und Mitstudierenden diskriminiert wurde.“

Verónica (32), indigene Tierärztin und Forscherin aus Ecuador

Wo unterschiedliche Wissensformen zusammenfinden

Nach ihrem Studienabschluss beginnt Verónica, als Tierärztin und Forscherin zu arbeiten. Dabei beschäftigt sie sich mit Themen wie Tierwohl, Nachhaltigkeit und der Entwicklung ländlicher Gemeinden. Ihr Ziel ist es, Erkenntnisse zu gewinnen und dieses Wissen mit den Menschen vor Ort zu teilen.

Gleichzeitig bleibt sie ihren Wurzeln verbunden. Bis heute pflegt sie die traditionelle Stickkunst, die in vielen indigenen Gemeinschaften nicht nur kulturelle Bedeutung hat, sondern auch Wissen, Geschichten und Fähigkeiten sichtbar macht. Für zahlreiche Frauen ist sie zudem eine wichtige Einkommensquelle.

Verónica hält Stoff in den Händen und arbeitet mit Nadel und Faden an einer Stickarbeit mit traditionellen Mustern
Beim Nähen widmet sich Verónica einer Handarbeit, die sie bis heute begleitet Plan International
Eine bestickte Stoffarbeit zeigt farbenfrohe Blumen und einen Baum mit Früchten als dekorative Motive
Die Stickmotive greifen Elemente der Natur auf und zeigen detailreiche Darstellungen von Pflanzen und Bäumen Plan International
Verschiedene bestickte Stoffarbeiten mit farbenfrohen Mustern, Texten und Symbolen
Mit ihren Stickarbeiten verbindet Verónica traditionelle Gestaltung mit persönlichen Botschaften und Symbolen Plan International

Mit der Zeit wird Verónica immer deutlicher, dass nachhaltige Lösungen nicht allein durch neue Ideen entstehen. Entscheidend ist, dass die Erfahrungen und Perspektiven der Menschen vor Ort einbezogen werden und Projekte langfristig begleitet werden.

„Manchmal reicht die Finanzierung nur für wenige Monate“, sagt sie. „Doch in dieser Zeit lassen sich Gewohnheiten nicht verändern und Gemeinden nicht nachhaltig stärken. Dafür braucht es Zeit.“

Wissen weitergeben und neue Perspektiven schaffen

Auf der Suche nach neuen Impulsen nimmt Verónica an einer Fortbildung des Projekts „Grüne Kompetenzen für die Zukunft” teil. Dort tauscht sie sich mit jungen Menschen und Fachkräften aus verschiedenen Bereichen darüber aus, wie Wissen über Nachhaltigkeit weiterentwickelt und in der Praxis angewendet werden kann. „Es war wichtig zu sehen, dass dieses Wissen strukturiert und zertifiziert werden kann und so mehr Menschen erreicht“, sagt sie. „Oft tun wir vieles aus Erfahrung. Umso wichtiger sind Angebote, die dieses Wissen sichtbar machen und weitergeben.“

Die Fortbildung bestätigt Verónica in ihrem Engagement. Gleichzeitig zeigt sie ihr, dass viele junge Menschen ähnliche Ziele verfolgen: Sie möchten sich für Umwelt- und Klimaschutz einsetzen, finden aber oft nur schwer Zugang zu passenden Ausbildungen oder beruflichen Perspektiven. Für Verónica bedeutet nachhaltige Entwicklung deshalb weit mehr als den Schutz der Umwelt. Sie bedeutet auch, lokale Erfahrungen wertzuschätzen, neue Möglichkeiten zu schaffen und Wissen weiterzugeben.

„Oft tun wir vieles aus Erfahrung. Umso wichtiger sind Angebote, die dieses Wissen sichtbar machen und weitergeben.“

Verónica (32), Projektteilnehmerin über die Weitergabe von Wissen in Gemeinschaften
Verónica hält ein selbst besticktes Tuch mit einem Schriftzug in den Händen
Verónica zeigt ein selbst besticktes Tuch mit der Botschaft „Der Kampf von heute ist das Leben von morgen" Plan International
Verónica steht im Freien vor einer Wasserquelle in einer ländlichen Umgebung und blickt in die Kamera
Verónica setzt sich für bessere Chancen junger Menschen in nachhaltigen Berufsfeldern ein Plan International

Mit Wissen Zukunft gestalten

Heute möchte Verónica vor allem eines: junge Menschen darin bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen und ihr Wissen für die Zukunft ihrer Gemeinden einzusetzen.

Sie ist überzeugt, dass nachhaltige Entwicklung dort entsteht, wo unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen und wissenschaftliche Erkenntnisse mit Erfahrungen verbunden werden, die in Gemeinschaften über viele Generationen weitergegeben wurden.

„Es wäre gut, wenn junge Menschen die Welt erkunden, lernen und dann in ihre Gemeinden zurückkehren würden“, sagt sie. „Dort können sie neue Ideen einbringen und dazu beitragen, nachhaltige Lösungen zu entwickeln. Das Wichtigste ist, daran zu glauben, dass es möglich ist.“

Die Geschichte von Verónica wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Ecuador erstellt. 

Über das Projekt

Das Projekt „Grüne Kompetenzen für die Zukunft“ unterstützt junge Menschen in Ecuador dabei, Kompetenzen für nachhaltige Berufsfelder zu erwerben und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Gemeinsam mit dem ecuadorianischen Berufsbildungsdienst fördert Plan International Schulungen, Wissensaustausch und Zertifizierungen, die den Zugang zu grünen Berufen erleichtern.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt darauf, junge Menschen auf die Anforderungen einer sich wandelnden Arbeitswelt vorzubereiten und ihnen Perspektiven in Bereichen wie Umwelt- und Klimaschutz sowie nachhaltiger Entwicklung zu eröffnen. Dabei verbindet das Projekt neue Fachkenntnisse mit den Erfahrungen und Perspektiven der Teilnehmenden, um nachhaltige Lösungen in ihren Gemeinden zu fördern.

Mit einer Patenschaft Perspektiven schaffen

In Ecuador engagieren wir uns überwiegend in ländlichen Gebieten, die besonders von Armut geprägt sind. Mit einer Patenschaft für ein Kind helfen Sie nicht nur ihrem Patenkind und dessen Familie, sondern der gesamten Gemeinde. 

So können mit Ihrer Unterstützung wichtige Hilfsmaßnahmen umgesetzt werden, unter anderem im Bereich Bildung, Gesundheit oder unternehmerische Fähigkeiten von Mädchen und jungen Frauen. Plan International klärt über die Folgen von früher Schwangerschaft sowie sexuelle und reproduktive Rechte auf. Auf diese Weise helfen wir Kindern und Jugendlichen, selbst über ihre Zukunft zu entscheiden.

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