Der Wert indigenen Wissens
Während sie sorgfältig ein weißes Tuch bestickt, denkt Verónica an ihren eigenen Weg zurück. Jeder Stich erinnert sie daran, wie viel Geduld und Ausdauer es brauchte, um ihre Ziele zu erreichen. Die traditionelle Stickkunst ist für sie mehr als ein Handwerk: Sie verbindet sie mit ihrer Herkunft und mit Erfahrungen, Fähigkeiten und Geschichten, die innerhalb ihrer Gemeinschaft über Generationen weitergegeben wurden.
Am Internationalen Tag der indigenen Bevölkerungen zeigt Verónicas Geschichte, wie wertvoll unterschiedliche Formen von Wissen sein können. Als erste Person ihrer Familie beginnt sie ein Universitätsstudium und verlässt dafür ihre ländliche Heimat in Ecuador. Später verbindet sie die Erfahrungen aus ihrer Gemeinschaft mit ihrer Ausbildung als Tierärztin und Forscherin.
Doch der Weg an die Universität bringt neue Herausforderungen mit sich. Neben finanziellen Sorgen muss sie sich an ein völlig neues Umfeld gewöhnen und erlebt, wie stark ihre Herkunft ihren Alltag beeinflusst.
Zwischen zwei Welten
Der Weg an die Universität ist für Verónica mit vielen Veränderungen verbunden. Sie verlässt ihre Familie und ihr gewohntes Umfeld und zieht in die Stadt. Dort muss sie sich nicht nur an ein neues Leben gewöhnen, sondern auch finanzielle Hürden und den Studienalltag bewältigen.
„Der Übergang war schwierig“, erinnert sie sich. „Der Zugang zur Universität, die Lebenshaltungskosten und die Trennung von meiner Familie waren große Herausforderungen. Selbst das Essen war ungewohnt. Man kommt aus einer anderen Lebenswelt, und die Anpassung an das Stadtleben ist nicht immer einfach.“
Doch die größten Herausforderungen erlebt sie an der Universität selbst. Weil sie einer indigenen Gemeinschaft angehört, erfährt sie Ausgrenzung und Diskriminierung. Aus Angst vor negativen Reaktionen verzichtet sie zeitweise sogar darauf, ihre traditionelle Kleidung zu tragen.
„Ich konnte meine traditionelle Kleidung nicht tragen, weil ich von Lehrenden und Mitstudierenden diskriminiert wurde“, erzählt sie.
Trotz dieser Erfahrungen gibt Verónica nicht auf. Sie schließt ihr Studium der Tiermedizin erfolgreich ab und wird als erste Person ihrer Familie Hochschulabsolventin. „Meine Familie ist sehr stolz“, sagt sie. „Jetzt sehen meine jüngeren Cousins und Cousinen, dass es möglich ist, an die Universität zu gehen. Wenn ich es geschafft habe, können sie es auch.“
„Ich konnte meine traditionelle Kleidung nicht tragen, weil ich von Lehrenden und Mitstudierenden diskriminiert wurde.“
Wo unterschiedliche Wissensformen zusammenfinden
Nach ihrem Studienabschluss beginnt Verónica, als Tierärztin und Forscherin zu arbeiten. Dabei beschäftigt sie sich mit Themen wie Tierwohl, Nachhaltigkeit und der Entwicklung ländlicher Gemeinden. Ihr Ziel ist es, Erkenntnisse zu gewinnen und dieses Wissen mit den Menschen vor Ort zu teilen.
Gleichzeitig bleibt sie ihren Wurzeln verbunden. Bis heute pflegt sie die traditionelle Stickkunst, die in vielen indigenen Gemeinschaften nicht nur kulturelle Bedeutung hat, sondern auch Wissen, Geschichten und Fähigkeiten sichtbar macht. Für zahlreiche Frauen ist sie zudem eine wichtige Einkommensquelle.
Mit der Zeit wird Verónica immer deutlicher, dass nachhaltige Lösungen nicht allein durch neue Ideen entstehen. Entscheidend ist, dass die Erfahrungen und Perspektiven der Menschen vor Ort einbezogen werden und Projekte langfristig begleitet werden.
„Manchmal reicht die Finanzierung nur für wenige Monate“, sagt sie. „Doch in dieser Zeit lassen sich Gewohnheiten nicht verändern und Gemeinden nicht nachhaltig stärken. Dafür braucht es Zeit.“
Wissen weitergeben und neue Perspektiven schaffen
Auf der Suche nach neuen Impulsen nimmt Verónica an einer Fortbildung des Projekts „Grüne Kompetenzen für die Zukunft” teil. Dort tauscht sie sich mit jungen Menschen und Fachkräften aus verschiedenen Bereichen darüber aus, wie Wissen über Nachhaltigkeit weiterentwickelt und in der Praxis angewendet werden kann. „Es war wichtig zu sehen, dass dieses Wissen strukturiert und zertifiziert werden kann und so mehr Menschen erreicht“, sagt sie. „Oft tun wir vieles aus Erfahrung. Umso wichtiger sind Angebote, die dieses Wissen sichtbar machen und weitergeben.“
Die Fortbildung bestätigt Verónica in ihrem Engagement. Gleichzeitig zeigt sie ihr, dass viele junge Menschen ähnliche Ziele verfolgen: Sie möchten sich für Umwelt- und Klimaschutz einsetzen, finden aber oft nur schwer Zugang zu passenden Ausbildungen oder beruflichen Perspektiven. Für Verónica bedeutet nachhaltige Entwicklung deshalb weit mehr als den Schutz der Umwelt. Sie bedeutet auch, lokale Erfahrungen wertzuschätzen, neue Möglichkeiten zu schaffen und Wissen weiterzugeben.
„Oft tun wir vieles aus Erfahrung. Umso wichtiger sind Angebote, die dieses Wissen sichtbar machen und weitergeben.“
Mit Wissen Zukunft gestalten
Heute möchte Verónica vor allem eines: junge Menschen darin bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen und ihr Wissen für die Zukunft ihrer Gemeinden einzusetzen.
Sie ist überzeugt, dass nachhaltige Entwicklung dort entsteht, wo unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen und wissenschaftliche Erkenntnisse mit Erfahrungen verbunden werden, die in Gemeinschaften über viele Generationen weitergegeben wurden.
„Es wäre gut, wenn junge Menschen die Welt erkunden, lernen und dann in ihre Gemeinden zurückkehren würden“, sagt sie. „Dort können sie neue Ideen einbringen und dazu beitragen, nachhaltige Lösungen zu entwickeln. Das Wichtigste ist, daran zu glauben, dass es möglich ist.“
Die Geschichte von Verónica wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Ecuador erstellt.
Über das Projekt
Das Projekt „Grüne Kompetenzen für die Zukunft“ unterstützt junge Menschen in Ecuador dabei, Kompetenzen für nachhaltige Berufsfelder zu erwerben und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Gemeinsam mit dem ecuadorianischen Berufsbildungsdienst fördert Plan International Schulungen, Wissensaustausch und Zertifizierungen, die den Zugang zu grünen Berufen erleichtern.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt darauf, junge Menschen auf die Anforderungen einer sich wandelnden Arbeitswelt vorzubereiten und ihnen Perspektiven in Bereichen wie Umwelt- und Klimaschutz sowie nachhaltiger Entwicklung zu eröffnen. Dabei verbindet das Projekt neue Fachkenntnisse mit den Erfahrungen und Perspektiven der Teilnehmenden, um nachhaltige Lösungen in ihren Gemeinden zu fördern.