Nach Erdbeben: Kinderschutz an erster Stelle
Es war ein ganz normaler Nachmittag. Die zwölfjährige Alexa lag in ihrer Wohnung und telefonierte mit ihrer Mutter. Plötzlich spürte sie eine Bewegung. „Ich dachte, mein kleiner Bruder springt auf mein Bett“, erinnert sie sich. Doch der achtjährige Ibrahim saß in seinem Zimmer und schaute Cartoons. „Ich dachte, jemand rüttelt an meinem Bett“, sagt er. „Aber als ich mich umsah, war niemand da.“
Sekunden später wurde beiden klar, was wirklich passierte: ein Erdbeben. „Ich konnte sehen, wie die Wände Risse bekamen“, sagt Ibrahim. „Ich habe nach Alexa gerufen und bin nach draußen gerannt.“ Fast wäre er zurück in das vom Einsturz bedrohte Gebäude gelaufen, um seine Schwester zu suchen. „Doch dann sah ich sie rauskommen.“
Auf der Straße herrschte Chaos: Trümmer fielen von den Fassaden, Menschen strömten nach draußen. „Alle waren verängstigt“, erinnert sich Ibrahim. „Alle Kinder weinten.“ Die beiden Geschwister schlossen sich Nachbar:innen an, die die Straße hinunterliefen, um der Gefahr zu entkommen.
Alexa, Ibrahim und ihre Mutter blieben körperlich unverletzt. Sie verbrachten mehrere Nächte im Freien, weil sie nicht wussten, ob ihr Zuhause sicher war. Erst als Feuerwehrleute es kontrolliert und für sicher erklärt hatten, kehrte die Familie zurück. Die Erschütterung wirkt noch Tage später nach: „Wenn ich jetzt Dinge anschaue, habe ich das Gefühl, dass sie sich bewegen“, erzählt Alexa.
Warum sind Kinder nach Katastrophen besonders gefährdet?
Die Geschichte der beiden Geschwister steht für das, was Tausende Kinder in Venezuela nach dem Erdbeben am 24. Juni 2026 erlebt haben. Doch die unmittelbare Gefahr ist nicht die einzige: Plan International warnt, dass Kinder in unübersichtlichen Situationen oft die ersten sind, die übersehen werden und so deutlich erhöhten Risiken ausgesetzt sind – von Menschenhandel über sexuelle Ausbeutung bis hin zu Gewalt und anderen Formen von Missbrauch.
Yesica Serrano ist regionale Beraterin für Kinderschutz in humanitären Einsätzen bei Plan International. Sie erklärt aus der venezolanischen Hauptstadt Caracas, wie das schützende Umfeld für Kinder in Notlagen zusammenbricht:
„In Notfällen wird das schützende Umfeld für Kinder brüchig. Betreuungspersonen stehen unter enormem Stress, suchen nach Wegen, mit ihrer Situation fertig zu werden, und verlieren möglicherweise ein gewisses Maß an Wachsamkeit und Aufmerksamkeit bei der Betreuung der Kinder. Und genau diese Lücke nutzen Netzwerke für illegalen Menschenhandel und andere Täter aus, um Kinder im Moment der Verletzlichkeit ins Visier zu nehmen und anzuwerben.“
Kriminelle Netzwerke suchen gezielt nach Mädchen und Jungen, die allein sind, deren Bezugspersonen vermisst werden oder die den Kontakt zur Familie verloren haben. Erschwerend kommt hinzu, dass kriminelle Gruppen Kinder und Jugendliche über soziale Medien ansprechen – eine weit verbreitete Methode in Lateinamerika. Bei einer Notlage sind viele Kinder vermehrt online – sei es, um Kontakt zur Familie zu suchen oder einfach, weil andere soziale Strukturen wegfallen. Gleichzeitig haben Betreuungspersonen in Krisenzeiten weniger Kapazitäten, darauf zu achten, welche Inhalte Kinder konsumieren oder mit wem sie kommunizieren.
Carmen Elena Alemán, Regionaldirektorin von Plan International für Lateinamerika und die Karibik, betont: „Notfälle betreffen nicht alle Kinder gleichermaßen. Mädchen und jugendliche Mädchen sind einem erhöhten Risiko von sexueller Ausbeutung, Gewalt und Kinderarbeit ausgesetzt – insbesondere im Zusammenhang mit Hausarbeit. Jugendliche laufen allgemein größerer Gefahr, von kriminellen Gruppen rekrutiert zu werden.“
Wie hilft Plan International?
Plan International setzt sich mit lokalen Partnerorganisationen dafür ein, Kinderschutzrisiken vorzubeugen. Dazu gehören psychosoziale Unterstützung in Gruppen für Betreuungspersonen – zur Stärkung des schützenden familiären Umfelds und zur Vorbeugung von Gewalt – sowie die persönliche Begleitung von Kindern, um die Risikofaktoren in ihrem Umfeld zu verringern und die psycho-emotionale Genesung zu unterstützen. Darüber hinaus verteilt Plan International mit lokalen Partnern Hygieneartikel und wichtige Hilfsgüter wie Decken an betroffene Familien, schafft sichere Räume und führt Notfallbildungsmaßnahmen sowie medizinische Grundversorgung durch. Bei allen Hilfsleistungen liegt ein besonderer Fokus auf dem Schutz von Mädchen sowie der Unterstützung von Alleinerziehenden und Menschen mit Behinderung.
Was braucht es jetzt – und wer muss handeln?
Plan International richtet klare Forderungen an die verschiedenen Akteur:innen in Venezuela: Kinderschutz muss von Anfang an Teil jeder Nothilfemaßnahme sein. Konkret fordert die Kinderrechtsorganisation: Verfahren zur Familienzusammenführung in Abstimmung mit den zuständigen Behörden, verstärkte Aufsicht in Notunterkünften und Gemeinschaftsunterkünften sowie Meldemechanismen, die an die Bedürfnisse von Kindern angepasst sind.
Dieser Artikel wurde mit Material aus dem Regionalbüro von Plan International für Lateinamerika und die Karibik erstellt.