Erdbeben in Venezuela: Was Kindern jetzt hilft
Am Abend des 24. Juni haben zwei schwere Erdbeben Venezuela erschüttert: Ein Beben der Stärke 7,2, gefolgt nur 39 Sekunden später von einem weiteren mit der Stärke 7,5. Das Epizentrum lag im Bundesstaat Yaracuy. Massive Erschütterungen wurden in zentralen und nördlichen Regionen des Landes gemeldet, darunter Caracas, La Guiara, Yaracuy, Carabobo, Aragua und Miranda. In mehreren Städten stürzten Gebäude ein, wichtige Dienstleistungen wurden unterbrochen und der internationale Flughafen Maiquetía musste nach Schäden geschlossen werden. Die Behörden riefen den nationalen Notstand aus und leiteten Such- und Rettungsmaßnahmen ein. Genaue Angaben zu Todesopfern und Verletzten liegen bislang nicht vor.
Nach schweren Erdbeben sind Kinder besonders gefährdet. Sie brauchen Schutz, verlässliche Informationen und schnelle humanitäre Hilfe. Plan International arbeitet mit mehreren Partnerorganisationen in Venezuela zusammen. Unsere Teams stehen in engem Austausch mit lokalen Partnern, um die Lage kontinuierlich zu beobachten und den Bedarf an Unterstützung zu bewerten.
Dr. Unni Krishnan, Globaler Direktor für humanitäre Hilfe bei Plan International, hat in diversen Krisengebieten an vorderster Front gearbeitet – auch in den ersten Stunden nach starken Erdbeben, unter anderem in Indien, Nepal, Japan, China, der Türkei und Haiti. Während er dabei Schulter an Schulter mit den örtlichen Hilfskräften stand, hat er Tipps von den lokalen Gemeinschaften, Regierungsvertretungen und oft auch von Kindern erhalten. Seine Erkenntnisse darüber, wie man nach einem Erdbeben reagieren sollte, fasst er in zehn Punkten zusammen:
1. Warum lokales Wissen nach einem Erdbeben Leben retten kann
Freiwillige Helfende vor Ort sind immer die Ersten, manchmal die Einzigen, die reagieren. Sie sind die wahren Held:innen bei jedem Erdbeben. Die Rolle der lokalen Gemeinschaften bei der Rettung von Leben in den ersten Stunden und Tagen in einem Erdbebengebiet ist entscheidend.
Die Menschen vor Ort wissen nach Naturkatastrophen oft schneller, welche Brücken eingestürzt und welche Straßen blockiert sind, als Satelliten und Navigationssysteme.
Gerade in einer akuten Lage wie nach dem Erdbeben in Venezuela ist dieses Wissen entscheidend, um Hilfe schnell und sicher dorthin zu bringen, wo sie am dringendsten gebraucht wird.
2. Warum Kinder nach einer Katastrophe an erster Stelle stehen müssen
Kinder sind in Erdbebengebieten oft am stärksten gefährdet. Kinder, die ihre Eltern verloren haben, die von ihren Familien und Freund:innen getrennt und aus ihren Häusern vertrieben wurden, sowie insbesondere Mädchen und queere Kinder sind besonders anfällig für Missbrauch und Ausbeutung.
Bei den Hilfsbemühungen müssen Kinder daher an erster Stelle stehen.
Das gilt auch für die ersten Schritte der Nothilfe: Kinder brauchen Schutz, sichere Räume, psychosoziale Unterstützung und Erwachsene, die ihre Bedürfnisse gezielt mitdenken.
3. Nachbeben nicht unterschätzen
Sie können Gebäude zum Einsturz bringen, die instabil oder bereits beschädigt sind, und weitere Todesfälle verursachen.
4. Auch die „unsichtbaren“ Bedürfnisse beachten
Such- und Rettungsmaßnahmen müssen oberste Priorität haben, ebenso wie lebensrettende medizinische Hilfe, Nahrungsmittel, sauberes Wasser und sanitäre Anlagen sowie Decken, um etwa eisigen Wetterbedingungen in den ersten Stunden und Tagen zu trotzen.
Einige Bedürfnisse sind jedoch weniger sichtbar – etwa die psychische Gesundheit. Wenn man sich nicht um sie kümmert, können psychische Belastungen bleibende Narben hinterlassen, insbesondere bei Kindern. Es ist daher wichtig, sich vom ersten Tag an um die psychischen Bedürfnisse (junger) Überlebender zu kümmern.
Darüber hinaus können Erdbeben Knochenbrüche verursachen – etwa in der Wirbelsäule, in Beinen und Hüften –, die unbehandelt zu dauerhaften Behinderungen führen können. Physiotherapeutischen Angebote auf Gemeindeebene können die Lebenssituation von Erdbebenüberlebenden nachhaltig verbessern.
5. Warum richtige Informationen in Krisen lebenswichtig sind
Richtige Informationen zur richtigen Zeit können Hilfsbemühungen unterstützen. Dr. Unni Krishnan beobachtete etwa während seiner Arbeit in Sendai in Japan nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami im Jahr 2011, wie eine Gruppe von Studierenden einen Info-Kiosk betrieb. Auf ihrer Pinnwand standen Informationen darüber, wo man Heizungen und Decken bekommen kann. „Ein Rettungsanker für viele“, so Krishnan.
Gerade für Kinder und ihre Familien sind verlässliche Informationen wichtig: Wo gibt es Schutz? Wo medizinische Hilfe? Welche Wege sind sicher?
6. Schnelle Entscheidungen in der Nothilfe entscheiden über Erfolg oder Misserfolg der Rettungsmaßnahmen
Jeder Moment in einer Krisensituation ist ein Test für die Entscheidungsträger:innen. Jeder Moment in einer Krisensituation ist auch ein neuer Anfang – und kann den Verlauf der Hilfsmaßnahmen ändern. Schnelligkeit ist ein Qualitätsmerkmal in der Krisenhilfe. Die Regierungen müssen bei der Ausarbeitung von Hilfs- und Wiederaufbauplänen auf die Überlebenden hören.
7. Hilfe muss auf die Würde der Menschen achten
„Ein Erbebengebiet ist nicht die richtige Adresse, um alte Kleidung und abgelaufene Medikamente hinzuschicken“, so Krishnan. „Bei einem prinzipiengeleiteten humanitären Ansatz geht es darum, auf die tatsächlichen ungedeckten Bedürfnisse der Überlebenden einzugehen, und nicht darum, das zu liefern, was man im Überfluss hat.“
Bargeld und Gutscheine haben sich in den meisten Hilfssituationen als die bevorzugte und wirksamere Form der Hilfe erwiesen, denn so können die Betroffenen selbst ihre Ressourcen verwalten und entscheiden, was am dringendsten benötigt wird. Manchmal haben die Überlebenden einfache Bedürfnisse, wie beispielsweise die Beschaffung einer Ersatzbrille, wenn die alte zerstört wurde.
Der Plan-Experte betont: „Wenn Sie feststellen, dass die eigenen Bemühungen und Fähigkeiten nicht mit den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen vor Ort übereinstimmen, sollten Sie in Erwägung ziehen, diese Aufgabe anderen, die sie auch tatsächlich bewältigen können, zu überlassen.“
8. Warum Katastrophenvorsorge so viele Leben retten kann
Jeder Euro, der in die Katastrophenvorsorge investiert wird, ist unbezahlbar, wenn eine Katastrophe eintritt. Regierungen und Geber müssen stärker in widerstandsfähige Gemeinschaften investieren. Instabile oder marode Gebäude töten Menschen. Es ist entscheidend, Schulen und Krankenhäuser in Risikogebieten widerstandsfähiger gegen Naturkatastrophen und damit sicherer zu machen.
Benachteiligte Gemeinschaften sind von Krisen am stärksten betroffen und Armut vervielfacht das Leid. Langfristige Investitionen, die bei den Ursachen der Armut ansetzen, sind der Schlüssel zum Aufbau widerstandsfähiger Gemeinschaften.
9. Auch Helfende brauchen Schutz und Unterstützung
Fachkräfte vor Ort sind in erster Linie Menschen und in zweiter Linie Hilfskräfte. Sie gehören oft zu denjenigen, die inmitten unmöglicher Fristen und konkurrierender Prioritäten die geringste Aufmerksamkeit erhalten. Pflege und Unterstützung, sicherer Zugang und Transport sowie das Wohlergehen der Helfenden sind von entscheidender Bedeutung.
10. Erholung ist ein Marathon, kein Sprint
Die Erholung wird Zeit brauchen. Tausende von Menschen haben ihr Leben verloren, das Leben Tausender weiterer Menschen hat sich unwiderruflich verändert.
Auch nach den ersten Such- und Rettungsmaßnahmen bleibt humanitäre Hilfe unverzichtbar: für Schutz, Versorgung, Stabilität und den Weg zurück in einen Alltag, der für viele Familien nicht mehr derselbe ist. Besonders Kinder brauchen langfristige Unterstützung, damit aus einer akuten Katastrophe keine dauerhaft Krise für ihre Entwicklung wird. Über ein Jahr nach dem schweren Erdbeben in Myanmar im März 2025 beispielsweise zeigt sich, dass schnelle Nothilfe gepaart mit langfristigen Wiederaufbaumaßnahmen eine lebenswichtige Unterstützung für die Betroffenen darstellt.
Dieser Artikel wurde am 25.06.2026 aktualisiert.