Erdbeben: 10 Dinge, die jetzt beachtet werden sollten

Foto: Alejandra Otero

Plan-Experte Dr. Unni Krishnan erläutert, wie eine frühzeitige Erdbebenhilfe den Schaden für viele Menschen minimieren kann.

Am Morgen des 10. August 2026 ereignete sich im kolumbianischen Chocó ein Erdbeben der Stärke 7,4. Das Epizentrum lag etwa 20 km von San José del Palmar – im Departement Chocó – entfernt und war landesweit in 16 Provinzen zu spüren. In mehreren Gemeinden, etwa Valle del Cauca und Risaralda, wurden Gebiete evakuiert. Die Regierung rechnet mit erheblichen Zerstörungen an der Infrastruktur, Dutzende Todesfälle sind bereits dokumentiert. Plan International bereitet sich auf Schutz- und Vorsorgemaßnahmen in den kolumbianischen Programmgebieten vor.

Bereits am 24. Juni 2026 hatten zwei schwere Erdbeben das benachbarte Venezuela erschüttert: Ein Beben der Stärke 7,2, gefolgt von einem weiteren der Stärke 7,5. Das Epizentrum lag dort im Bundesstaat Yaracuy. In mehreren Städten und Gemeinden stürzten Gebäude ein, wichtige Dienstleistungen wurden unterbrochen, darunter in Caracas, La Guiara, Yaracuy, Carabobo, Aragua und Miranda. Plan International beteiligt sich in dem südamerikanischen Land an Schutz- und Nothilfemaßnahmen.

Nach schweren Erdbeben sind Mädchen und Jungen besonders gefährdet. Sie brauchen altersgerechten Schutz, verlässliche Informationen und schnell humanitäre Hilfe. Plan International arbeitet im Katastrophenfall mit Partnerorganisationen zusammen, um dies zu leisten – etwa in Venezuela. Die Fachteams der Kinderrechtsorganisation stehen in engem Austausch mit lokalen Partnern und Behörden, um die Lage kontinuierlich zu beobachten und den Bedarf an Unterstützung zu bewerten.

Kinder sind besonders gefährdet

Dr. Unni Krishnan, Globaler Direktor für humanitäre Hilfe bei Plan International, hat in diversen Krisengebieten gearbeitet – unter anderem auch unmittelbar nach starken Erdbeben in Indien, Nepal, Haiti, Japan, China und der Türkei. Während er Hand in Hand mit den örtlichen Hilfskräften arbeitete, hat er Tipps von den lokalen Gemeinschaften, Regierungsvertretungen und den Kindern selbst erhalten. Seine langjährigen Erfahrungen, wie man nach einem Erdbeben reagieren sollte, fasst er in zehn Punkten zusammen:

Humanitäre Hilfe mit Plan

Plan International unterstützt weltweit Maßnahmen für eine effektive Katastrophenvorsorge. Dadurch sollen die Menschen besser auf künftige Notfälle vorbereitet und deren Folgen verringert werden. In Krisenfällen wie nach einem Erdbeben reagiert die Kinderrechtsorganisation mit abgestimmten Maßnahmen:

1. Die Soforthilfe setzt während oder kurz nach einer Katastrophe ein. Oberste Priorität dabei ist, Menschenleben zu retten, Erstversorgung zu leisten und akute Not zu lindern – etwa durch Material für Notunterkünfte oder psychosoziale Unterstützung.

2. Die Nothilfe umfasst Maßnahmen bei andauernden Krisenlagen. Ein Ziel ist, den lebensnotwendigen Bedarf der betroffenen Bevölkerung so gut wie möglich zu decken – etwa durch Ernährungssicherung, Schutz- und Hygienemaßnahmen sowie Schulbildung.

3. Die Übergangshilfe ist mittelfristig angelegt und umfasst eine Fortführung der geleisteten Sofort- und Nothilfe. In dieser Phase schaffen wir die Grundlagen für eine nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit.

Eine zerstörte Hütte nach einem Erdbeben
Am 10. Juni 2026 erschütterte ein schweres Erdbeben die Philippinen. Dabei wurden unter anderem Häuser, Schulen und weitere Gebäude sowie wichtige Infrastruktur, etwa die sichere Wasserversorgung, zerstört Lhirry Demin
In den Trümmern eines eingestürzten Hauses liegen eine Gitarre und weitere Gegenstände der Menschen, die in dem Gebäude gelebt haben
Eine Gitarre und weitere Überbleibsel in den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes in Caracas, Venezuela CESVI / Régulo Gómez

1. Warum lokales Wissen nach einem Erdbeben Leben retten kann

Freiwillige Helfende vor Ort sind immer die Ersten, manchmal die Einzigen, die reagieren. Sie sind die wahren Held:innen bei jedem Erdbeben. Die Rolle der lokalen Gemeinschaften bei der Rettung von Leben in den ersten Stunden und Tagen in einem Erdbebengebiet ist entscheidend.

Die Menschen vor Ort wissen nach Naturkatastrophen oft schneller, welche Brücken eingestürzt und welche Straßen blockiert sind, als Satelliten und Navigationssysteme.

Gerade in einer akuten Lage wie nach dem Erdbeben in Venezuela ist dieses Wissen entscheidend, um Hilfe schnell und sicher dorthin zu bringen, wo sie am dringendsten gebraucht wird.

2. Warum Kinder nach einer Katastrophe an erster Stelle stehen müssen

Kinder sind in Erdbebengebieten oft am stärksten gefährdet. Kinder, die ihre Eltern verloren haben, die von ihren Familien und Freund:innen getrennt und aus ihren Häusern vertrieben wurden, sowie insbesondere Mädchen und queere Kinder sind besonders anfällig für Missbrauch und Ausbeutung.

Bei den Hilfsbemühungen müssen Kinder daher an erster Stelle stehen.

Das gilt auch für die ersten Schritte der Nothilfe: Kinder brauchen Schutz, sichere Räume, psychosoziale Unterstützung und Erwachsene, die ihre Bedürfnisse gezielt mitdenken.

Eine eingestürzte Brücke über einem Fluss
Bei dem Erdbeben 2025 in Myanmar wurde auch Infrastruktur zerstört: So stürzte etwa die historische Ava-Brücke, die Sagaing mit Mandalay verbindet, in den Irrawaddy-Fluss. Der Verkehr war dadurch stark eingeschränkt und wichtige Lieferketten, auch für die humanitäre Hilfe, unterbrochen Plan International

3. Nachbeben nicht unterschätzen

Sie können Gebäude zum Einsturz bringen, die instabil oder bereits beschädigt sind, und weitere Todesfälle verursachen.

4. Auch die „unsichtbaren“ Bedürfnisse beachten

Such- und Rettungsmaßnahmen müssen oberste Priorität haben, ebenso wie lebensrettende medizinische Hilfe, Nahrungsmittel, sauberes Wasser und sanitäre Anlagen sowie Decken, um etwa eisigen Wetterbedingungen in den ersten Stunden und Tagen zu trotzen.

Einige Bedürfnisse sind jedoch weniger sichtbar – etwa die psychische Gesundheit. Wenn man sich nicht um sie kümmert, können psychische Belastungen bleibende Narben hinterlassen, insbesondere bei Kindern. Es ist daher wichtig, sich vom ersten Tag an um die psychischen Bedürfnisse (junger) Überlebender zu kümmern.

Darüber hinaus können Erdbeben Knochenbrüche verursachen – etwa in der Wirbelsäule, in Beinen und Hüften –, die unbehandelt zu dauerhaften Behinderungen führen können. Physiotherapeutischen Angebote auf Gemeindeebene können die Lebenssituation von Erdbebenüberlebenden nachhaltig verbessern.

Ansicht aus der Vogelperspektive auf fünf Kinder, die auf dem Boden puzzlen
In Myanmar richtete Plan International nach der Katastrophe 2025 kindersichere Räume ein, in denen Kinder spielen konnten und psychosoziale Hilfe erhielten Plan International
Menschen verteilen Wasserkanister unter einem Zelt
Auf den Philippinen laufen die Hilfsmaßnahmen: Plan International verteilt unter anderem wichtige Hilfsgüter wie zum Beispiel Trinkwasserkanister Glaiza Calero

5. Warum richtige Informationen in Krisen lebenswichtig sind

Richtige Informationen zur richtigen Zeit können Hilfsbemühungen unterstützen. Dr. Unni Krishnan beobachtete etwa während seiner Arbeit in Sendai in Japan nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami im Jahr 2011, wie eine Gruppe von Studierenden einen Info-Kiosk betrieb. Auf ihrer Pinnwand standen Informationen darüber, wo man Heizungen und Decken bekommen kann. „Ein Rettungsanker für viele“, so Krishnan.

Gerade für Kinder und ihre Familien sind verlässliche Informationen wichtig: Wo gibt es Schutz? Wo medizinische Hilfe? Welche Wege sind sicher?

6. Schnelle Entscheidungen in der Nothilfe entscheiden über Erfolg oder Misserfolg der Rettungsmaßnahmen

Jeder Moment in einer Krisensituation ist ein Test für die Entscheidungsträger:innen. Jeder Moment in einer Krisensituation ist auch ein neuer Anfang – und kann den Verlauf der Hilfsmaßnahmen ändern. Schnelligkeit ist ein Qualitätsmerkmal in der Krisenhilfe. Die Regierungen müssen bei der Ausarbeitung von Hilfs- und Wiederaufbauplänen auf die Überlebenden hören.

7. Hilfe muss auf die Würde der Menschen achten

„Ein Erbebengebiet ist nicht die richtige Adresse, um alte Kleidung und abgelaufene Medikamente hinzuschicken“, so Krishnan. „Bei einem prinzipiengeleiteten humanitären Ansatz geht es darum, auf die tatsächlichen ungedeckten Bedürfnisse der Überlebenden einzugehen, und nicht darum, das zu liefern, was man im Überfluss hat.“

Bargeld und Gutscheine haben sich in den meisten Hilfssituationen als die bevorzugte und wirksamere Form der Hilfe erwiesen, denn so können die Betroffenen selbst ihre Ressourcen verwalten und entscheiden, was am dringendsten benötigt wird. Manchmal haben die Überlebenden einfache Bedürfnisse, wie beispielsweise die Beschaffung einer Ersatzbrille, wenn die alte zerstört wurde.

Der Plan-Experte betont: „Wenn Sie feststellen, dass die eigenen Bemühungen und Fähigkeiten nicht mit den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen vor Ort übereinstimmen, sollten Sie in Erwägung ziehen, diese Aufgabe anderen, die sie auch tatsächlich bewältigen können, zu überlassen.“

Ein riesiger, tiefer Spalt klafft mitten in einer zweispurigen Straße.
Nach schweren Erdbeben bleiben oft immense Schäden an der Infrastruktur zurück, wie hier in der ecuadorianischen Provinz Manabí 2016 Fabricio Morales
Eine Frau erhält Hilfsgüter von Freiwilligen
Eine Frau in Syrien erhält nach dem Erdbeben 2023 von Hilfskräften eine Box mit wichtigen Hygiene-Utensilien wie Zahnbürste, Seife und Periodenprodukte Hope Center

8. Warum Katastrophenvorsorge so viele Leben retten kann

Jeder Euro, der in die Katastrophenvorsorge investiert wird, ist unbezahlbar, wenn eine Katastrophe eintritt. Regierungen und Geber müssen stärker in widerstandsfähige Gemeinschaften investieren. Instabile oder marode Gebäude töten Menschen. Es ist entscheidend, Schulen und Krankenhäuser in Risikogebieten widerstandsfähiger gegen Naturkatastrophen und damit sicherer zu machen.

Benachteiligte Gemeinschaften sind von Krisen am stärksten betroffen und Armut vervielfacht das Leid. Langfristige Investitionen, die bei den Ursachen der Armut ansetzen, sind der Schlüssel zum Aufbau widerstandsfähiger Gemeinschaften.

9. Auch Helfende brauchen Schutz und Unterstützung

Fachkräfte vor Ort sind in erster Linie Menschen und in zweiter Linie Hilfskräfte. Sie gehören oft zu denjenigen, die inmitten unmöglicher Fristen und konkurrierender Prioritäten die geringste Aufmerksamkeit erhalten. Pflege und Unterstützung, sicherer Zugang und Transport sowie das Wohlergehen der Helfenden sind von entscheidender Bedeutung.

10. Erholung ist ein Marathon, kein Sprint

Die Erholung wird Zeit brauchen. Tausende von Menschen haben ihr Leben verloren, das Leben Tausender weiterer Menschen hat sich unwiderruflich verändert.

Auch nach den ersten Such- und Rettungsmaßnahmen bleibt humanitäre Hilfe unverzichtbar: für Schutz, Versorgung, Stabilität und den Weg zurück in einen Alltag, der für viele Familien nicht mehr derselbe ist. Besonders Kinder brauchen langfristige Unterstützung, damit aus einer akuten Katastrophe keine dauerhaft Krise für ihre Entwicklung wird. Über ein Jahr nach dem schweren Erdbeben in Myanmar im März 2025 beispielsweise zeigt sich, dass schnelle Nothilfe gepaart mit langfristigen Wiederaufbaumaßnahmen eine lebenswichtige Unterstützung für die Betroffenen darstellt

Dieser Artikel wurde am 11.08.2026 aktualisiert.

Jetzt zählt jede Hilfe!

Nach den Erdbeben in Venezuela und Kolumbien steht für Plan International der Schutz von Kindern und ihren Familien im Mittelpunkt. Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen organisiert die Kinderrechtsorganisation Nothilfe – unter anderem die Verteilung von Trinkwasser, Nahrungsmitteln und anderen lebenswichtigen Gütern sowie der Aufbau von Schutzräumen für Kinder. Unterstützen Sie diese Arbeit mit Ihrer Spende:

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