Schulwege verändern Leben

Foto: Plan International

Was passiert, wenn ein einfacher Schulweg zum täglichen Kraftakt wird? In Kambodschas ländlichen Regionen entscheidet sich Sonitas Zukunft nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch auf dem Weg dorthin.

Im Nordosten Kambodschas beginnt ein Schultag für viele Kinder mit einem langen Fußmarsch. In Ratanakiri, einer ländlichen Provinz abseits der großen Städte, ist der Weg ins Klassenzimmer oft weiter als der Unterricht selbst. Zwar besuchen heute mehr Kinder als früher die Schule, doch viele Familien stehen täglich vor ganz eigenen Hürden. Der Alltag wird durch lange Schulwege, begrenzte Ressourcen und die Schwierigkeit, Bildungsangebote mit dem familiären Tagesablauf zu vereinbaren, wesentlich beeinflusst.

Viele Dörfer liegen weit voneinander entfernt. Ein zentral ausgewiesenes Schulzentrum bedeutet für viele Kinder einen mühsamen Schulweg, der je nach Witterung und Jahreszeit zusätzliche Zeit und Kraft kostet. Der Alltag von Familien in ländlichen Regionen, wie im Bezirk Voeun Sei, wo Sonita zu Hause ist, ist häufig von landwirtschaftlicher Arbeit, saisonalen Beschäftigungen und solidarischen Verpflichtungen bestimmt. Bildung ist ein hohes Gut, konkurriert aber mit unmittelbaren Anforderungen des täglichen Lebens.

Sonita mit einem aufgesetzten Rucksack in der Grundschule
Sonita (12) möchte Grundschullehrerin werden, wenn sie älter ist Plan International

Alltag zwischen Verantwortung und Lernen

Sonita lebt mit ihren Eltern und drei Schwestern zusammen. Ihr Vater arbeitet als Motorradmechaniker, das Einkommen reicht nur für das Nötigste. Die Mutter versorgt Familie und Haushalt. So wie viele Kinder in der Region unterstützt auch Sonita morgens ihre Mutter, bevor sie sich auf den vier Kilometer langen Weg zur Schule macht. 

„Manchmal kam ich zu spät zum Unterricht“, erinnert sich Sonita. Gründe dafür sind nicht nur die Entfernung, sondern auch die Erwartungen an die Kinder, Verantwortung im Haus zu übernehmen. In Familien, in denen Zeit, Arbeitskraft und Transportmittel knapp sind, verhandeln Eltern und Kinder immer wieder neu, wie Schule in den Tagesablauf passt, gerade für Mädchen, die oft besonders viele Aufgaben zuhause übernehmen.

Der Schulleiter Herr Vansin beschreibt die strukturellen Hürden: Viele Kinder wohnen weit entfernt, und wenn Transportmittel fehlen, ist der regelmäßige Schulbesuch schwierig. Hinzu kommt, dass nicht alle Eltern einen direkten Zugang zu den Schulen oder den Wert formaler Bildung als alltägliches Ziel erkennen. Kommunikationswege, wie Telefon oder persönliche Besuche, sind durch die geografische Zerstreuung und unzureichende Infrastruktur oft eingeschränkt. All diese Faktoren führen dazu, dass Kinder zu spät kommen, dem Unterricht fernbleiben oder ihren Schulbesuch abbrechen, aus Sicht der Familien oftmals keine bewusste Entscheidung, sondern pragmatischer Umgang mit den vorhandenen Möglichkeiten.

Sonita lernt am Tisch in ihrer Grundschule in Ratanakiri
Sonita lernt in Schule in der Ratanakiri Provinz Plan International
Sonita schaukelt und träumt davon, Lehrerin zu werden
Dank Unterstützung kann Sonita regelmäßig zur Schule gehen und träumt davon, Lehrerin zu werden Plan International

Bildung als Balanceakt 

Dass Bildung in Kambodscha häufig im Spannungsfeld von Notwendigkeit und Gelegenheit steht, wird bei Sonitas Geschichte besonders greifbar. Die Entscheidung, die Schule weiter zu besuchen, ist keine Selbstverständlichkeit. Unterstützung aus der Familie, aber auch gesellschaftliche Wertschätzung von Bildung, sind zentrale Faktoren. 

Gerade in entlegenen Provinzen wie Ratanakiri bleibt der Zugang zu Bildungsangeboten eine Herausforderung, die nicht losgelöst von geografischen, sozialen und ökonomischen Realitäten gelesen werden kann. Vielfach sind es gemeinschaftliche Lösungen, etwa geteilte Schulwege, gegenseitige Nachhilfe oder flexible Alltagsgestaltung, die sicherstellen, dass Lernen integriert werden kann.

Das Gemeinschaftsprojekt von Plan International “Kinder ohne Schulzugang in Kambodscha” setzt darauf, die Lebenswelten der Kinder und Familien genau zu betrachten. In engem Austausch mit Gemeinden und Lehrkräften legt die Initiative Wert darauf, langfristige Strukturen zu schaffen, die nicht an die bloße Verteilung von Hilfsmitteln gekoppelt sind, sondern an nachhaltigen Wandel.

Es geht um praktische Hilfen wie Fahrräder und Schulmaterialien, um die Situation der Lehrkräfte vor Ort, aber auch um die Arbeit mit Eltern, damit Bildung als Gemeinschaftsaufgabe wahrgenommen wird. Die Mitarbeitenden sensibilisieren dafür, wie Schule mit Alltag und Kultur verbunden werden kann. Durch Fortbildungen für Lehrkräfte und die bewusste Einbindung von Eltern und Gemeinde gelingt es zunehmend, Bildung in den Alltag unterschiedlichster Familien zu integrieren.

Sonita und ihr neues Fahrrad von Plan
Sonita liebt ihr neues Fahrrad und fährt jeden Tag damit zur Schule Plan International

„Ich bin glücklich, weil ich nicht mehr so weit zur Schule laufen muss.“

Sonita (12), Projektteilnehmerin „Kinder ohne Schulzugang"

Unterstützung mit lokalem Bezug

So bekam Sonita ein Fahrrad, Lernmaterialien und mehr Flexibilität im Schulalltag: „Ich bin glücklich, weil ich nicht mehr so weit zur Schule laufen muss“, sagt sie. „Ich liebe mein Fahrrad und fahre jeden Tag mit meiner Freundin damit.“ Regelmäßiger Unterricht, weniger Erschöpfung und mehr Zeit für ihre Lieblingsfächer Khmer-Literatur und Mathematik. Noch wichtiger ist, dass Sonita so Mitschüler:innen unterstützen kann, wenn sie gemeinsam lernen. 

Bildung als Türöffner

Sonitas Geschichte ist exemplarisch für viele Kinder im ländlichen Kambodscha. Die Wege zur Schule sind lang, Unterrichtsmaterialien nicht selbstverständlich, und familiäre Verpflichtungen fordern Flexibilität und Kompromissbereitschaft. Gerade Mädchen sind oft mit Erwartungen konfrontiert, im Haushalt oder der Landwirtschaft mitzuarbeiten.

Dass Sonita zu den besten Schülerinnen ihrer Klasse gehört und inzwischen andere beim Lernen unterstützt, ist auch Ausdruck eines Wandels im Land: Bildung wird mehr und mehr als gemeinsamer Wert verstanden, der vom Engagement vieler abhängt und damit schrittweise neue Möglichkeiten schafft. Ihr nächstes Ziel liegt bereits in Reichweite, die weiterführende Schule ist fast 20 Kilometer entfernt. Sonita ist entschlossen: „Ich möchte Grundschullehrerin werden, damit ich Kinder in meiner Gemeinde unterrichten kann."

Die Geschichte von Sonita wurde mit Material aus dem kambodschanischen Plan-Büro aufgeschrieben. 

Mit einer Patenschaft helfen

In Kambodscha setzt sich Plan International vor allem für die Bedürfnisse von benachteiligten Kindern, Mädchen und ethnischen Minderheiten ein. Die Kinderechtsorganisation unterstützt unter anderem die frühkindliche Förderung, sichere und inklusive Bildung, gute Ernährung sowie den Ausbau des Gesundheitswesens. Mit einer Patenschaft helfen Sie, das Leben der Kinder und ihrer Familien in Kambodscha nachhaltig zu verbessern.

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