Nein zur Beschneidung
Die äthiopische Region Afar wirkt surreal: eine karge und ausgedörrte Landschaft aus Sandebenen und einem Horizont, der in der Hitze zu verschwimmen scheint. Inmitten des Sandes und der trockenen Bäume, wo Nomadengemeinschaften durch die Leere ziehen, tauchen kleine Dörfer und farbenfrohe Städte auf. Es ist ein wunderschöner Ort, aber hinter dieser Schönheit verbirgt sich eine harte Realität für Mädchen: Oft wird ihre Zukunft schon wenige Tage nach ihrer Geburt entschieden.
FGM in Äthiopien: Alltag für Mädchen
Die weibliche Genitalverstümmelung (FGM/C = Female Genital Mutilation/Cutting) ist eine tief verwurzelte und schädliche Praxis, die seit Generationen als Norm gilt. Doch immer mehr Eltern in der äthiopischen Region Afar wagen es, „Nein“ zu sagen und entscheiden sich dafür, ihre Töchter frei und ohne FGM aufwachsen zu lassen. Diese stille Revolution, die auch von Plan International vorangetrieben wird, zeigt, dass Hoffnung stärker sein kann als Tradition.
„Ich wusste, dass Kinder bei der Beschneidung verbluten können.“
Warum Eltern Nein sagen
Als eine der ersten Eltern ihrer Gemeinde entschied die 34-jährige Shishig, ihre Tochter Eman nicht beschneiden zu lassen. „Es wird kaum darüber gesprochen, aber ich wusste, dass Kinder bei der Beschneidung verbluten können und dass es lebenslange Folgen hat“, erklärt sie. „Frauen haben Probleme während der Menstruation, Schwierigkeiten beim Wasserlassen und ein hohes Infektionsrisiko. Es ist extrem gefährlich. Deshalb habe ich beschlossen, meine Tochter zu schützen.“
Die weibliche Genitalverstümmelung ist eine der schädlichsten Praktiken weltweit. Dabei werden die äußeren weiblichen Genitalien teilweise oder vollständig entfernt, oft ohne Betäubung und gegen den Willen des Mädchens. In einigen Fällen wird anschließend die Vaginalöffnung zugenäht. Die Auswirkungen von FGM können Mädchen und Frauen ihr ganzes Leben lang begleiten.
Gemeinsam gegen FGM
Obwohl FGM in Äthiopien gesetzlich verboten ist, ist die Praxis nach wie vor weit verbreitet: Schätzungsweise 65 Prozent der Frauen sind betroffen. In den abgelegenen Dörfern von Afar, wo traditionelle Führer und Dorfälteste nach wie vor einen erheblichen Einfluss haben, war das Bewusstsein für die mit dieser Praktik verbundenen Gesundheitsrisiken viele Jahre lang kaum vorhanden. Auch heute noch werden über 95 Prozent der Mädchen in der Region Afar genital beschnitten. Philipos Petros, Experte für sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte bei Plan International Äthiopien, erklärt: „Viele Menschen glauben, dass die Genitalverstümmelung von Frauen einfach zum Leben dazugehört und ihren Töchtern hilft, später zu heiraten. Hinter dieser Praxis stehen strenge Vorstellungen darüber, wie sich Mädchen zu verhalten haben: Sie sollen keusch und jungfräulich bleiben. Eltern fürchten Klatsch und soziale Ausgrenzung, wenn sie von diesen Erwartungen abweichen.“
Laut Petros ist Veränderung nur möglich, wenn die Menschen erkennen, dass sie nicht allein sind. „Um der weiblichen Genitalverstümmelung ein Ende zu setzen, müssen genügend Menschen davon überzeugt sein, dass auch andere die Veränderung unterstützen. Darüber hinaus müssen sowohl die Risiken der Beschneidung von Frauen als auch die Vorteile der Abschaffung dieser Praxis klar verstanden werden.“
Aufklärung statt Tradition
Diese Veränderung beginnt mit mutigen Eltern in Afar, die als erste beschlossen haben, ihre Töchter nicht der Genitalverstümmelung zu unterziehen. In von Plan International organisierten Schulungen erhalten sie praktische Hilfsmittel, um Widerstände in ihren Gemeinden zu überwinden und gemeinsam Netzwerke aufzubauen, die sich aktiv für Veränderungen einsetzen.
Zehara (37) ist Lehrerin und Gemeindepädagogin. Sie weiß, wie schwierig es ist, den Status quo zu durchbrechen. „Die ältere Generation übt großen Druck aus, Mädchen beschneiden zu lassen. Manche sagen: ‚Das ist unsere Kultur.‘ Aber etwas, das Mädchen schadet, ist keine Kultur, das sage ich ihnen.“
Ihre Mission ist klar: anderen zu zeigen, was die tatsächlichen Folgen von FGM sind. „Als ich anderen Eltern erzählte, dass unsere Kinder verstümmelt werden, löste das eine große Debatte aus. Eine Frau fragte mich: ‚Wollen Sie mich dazu bringen, meinem Glauben untreu zu werden?‘ Nein, sagte ich. Dann erzählte ich ihnen von einem siebzehnjährigen Mädchen mit einem geschwollenen Bauch. Ihr Vater dachte, sie sei schwanger, aber im Krankenhaus stellte sich heraus, dass sich aufgrund ihrer Beschneidung Menstruationsblut angesammelt hatte. Sie war mit lebensbedrohlichen Komplikationen konfrontiert. Das brachte die Eltern dazu, innezuhalten und nachzudenken.“
Eltern wie Zehara hoffen, dass ihre Entscheidung nicht nur ihren Altersgenossen, sondern auch einer neuen Generation als Vorbild dienen wird. Ihre vierzehnjährige Tochter Fatuma setzt diese Hoffnung bereits in die Tat um: Als Mitglied des Mädchenclubs spricht sie sich gegen FGM aus und inspiriert andere Mädchen, es ihr gleichzutun. Diese Clubs, die von Plan International an verschiedenen Schulen gegründet wurden, sind eine wichtige Säule im Kampf gegen diese schädliche Praxis. Die Kinder lernen die Gesundheitsrisiken der weiblichen Genitalverstümmelung kennen und kämpfen gemeinsam gegen das Stigma, das immer noch an Mädchen haftet, die nicht beschnitten wurden.
„Wir beziehen religiöse Führer mit ein, da weibliche Genitalverstümmelung oft fälschlicherweise mit Religion in Verbindung gebracht wird.“
Warum Männer entscheidend sind
Die Zusammenarbeit mit Eltern und Kindern ist eine der Kernstrategien von Plan International, um schädliche Praktiken wie FGM einzudämmen. Aber die Organisation geht noch weiter, erklärt Petros: „Wir führen Dialoge mit Dorfältesten, Gemeindevorstehern, Gesundheitspersonal, Strafverfolgungsbeamten, Vertretern der lokalen Medien und sogar mit den Beschneiderinnen selbst. Wir beziehen auch religiöse Führer mit ein, da weibliche Genitalverstümmelung oft fälschlicherweise mit Religion in Verbindung gebracht wird. In Wirklichkeit hat sie nichts mit Glauben zu tun.“
Ali (48) und Shimelis (38) sind zwei der ersten Männer, die sich offen gegen FGM aussprechen. Shimelis empfindet große Verantwortung, schädliche Praktiken in seiner Gemeinschaft anzusprechen. Ali räumt ein, dass Väter in Afar oft noch das letzte Wort in der Familie haben, und genau deshalb glaubt er, dass Männer Stellung beziehen müssen. Beide haben beschlossen, ihre Töchter dieser Praxis nicht zu unterziehen, und ermutigen nun andere Väter, es ihnen gleichzutun. „Weibliche Genitalverstümmelung wird oft als fester Bestandteil unserer Gesellschaft angesehen“, sagt Ali, „aber tatsächlich ist sie etwas, das sich im Laufe der Zeit entwickelt hat. Etwas, das zu einem bestimmten Zeitpunkt begonnen hat, kann auch beendet werden.“
Fragile Fortschritte
Die Zahlen zeigen, dass die Bemühungen von Eltern, Mädchen und Plan International langsam Früchte tragen: In Gemeinden, in denen sie sich zusammentun, sinkt die Zahl der Mädchen, die FGM unterzogen werden, langsam aber stetig. Der größere Zusammenhang zeigt jedoch, wie fragil der Fortschritt sein kann. In anderen Teilen Äthiopiens, wo Konflikte und Armut das tägliche Leben bestimmen, greifen Eltern wieder auf diese schädliche Praxis zurück.
Während der von Plan International organisierten Sensibilisierungsveranstaltungen verpflichten sich die Eltern, ihre Töchter und Enkelinnen auch in Krisenzeiten, in denen alte Bräuche wieder aufleben können, weiterhin zu schützen.
Seyida, die vierzehnjährige Tochter von Ali, weiß, dass sich nicht alles in einer einzigen Generation ändern lässt. Aber jeder Schritt bringt sie einer Gesellschaft näher, die frei von FGM ist. „Es ist ein schwieriger Prozess“, sagt sie, „aber gemeinsam können wir die weibliche Genitalverstümmelung beenden.“
Hinweis: Sollten Sie von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen oder gefährdet sein, finden Sie in unserer Broschüre in vier Sprachen Informationen und Anlaufstellen in Deutschland. Außerdem können Sie sich bei dem Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen rund um die Uhr in einer von 18 Sprachen kostenlos und anonym beraten lassen: 116 016