Freie Fahrt für neue Chancen
Die 26-jährige Clarisse wuchs in einer ländlichen Gemeinde in Ruanda auf. Wenn sie in die Stadt oder an weiter entfernte Orte wollte, war sie auf Motorräder angewiesen. Doch die Fahrer, denen sie begegnete, waren fast immer Jungen oder Männer. Auch die 22-jährige Sophie kannte aus ihrer ländlichen Heimat vor allem Männer am Steuer. Frauen auf Motorrädern oder hinter dem Lenkrad zu sehen, war für beide etwas Ungewöhnliches.
Ein Traum nimmt Fahrt auf
Auf ihren Fahrten beobachtete Clarisse die Motorradfahrer. „Ich fragte die Fahrer, warum ich nie Mädchen auf Motorrädern sah. Oft sagten sie mir, dass Mädchen diesen Beruf nicht ausüben könnten. Diese Antwort habe ich nie akzeptiert“, erzählt sie.
Trotz der Vorbehalte in ihrem Umfeld gab Clarisse ihren Wunsch nicht auf. „Wenn man durch mein Dorf geht, sieht man kein einziges Mädchen auf einem Motorrad. Ich hätte nie erwartet, dass ich in meiner Gemeinde die Chance bekommen würde, Motorradfahren zu lernen.“
Als sich diese Möglichkeit schließlich bot, wusste sie, dass sie sie nutzen wollte. „Ich durfte diese Chance nicht verpassen. Es war ein Traum, der wahr wurde“, erinnert sich Clarisse.
Sophie dachte über neue Vorbilder nach
Auch Sophie hatte schon früh darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn mehr Frauen Auto fahren würden. „Als Mädchen fühlen wir uns manchmal davon abgehalten, in männerdominierte Berufe einzusteigen. Aber oft stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn mehr Mädchen Berufskraftfahrerinnen würden. Das wäre eine echte Wende“, sagt sie.
Für beide Frauen geht es dabei um mehr als ums Fahren. In ihren Gemeinden gelten Autofahren und Motorradfahren traditionell als Männerdomäne. Mädchen und Frauen haben dadurch weniger Möglichkeiten, technische Fähigkeiten zu erwerben, eigenes Einkommen zu verdienen und sich selbstständig fortzubewegen.
„Als Mädchen fühlen wir uns manchmal davon abgehalten, in männerdominierte Berufe einzusteigen.“
Eine Entscheidung gegen die Zweifel
Als Clarisse und Sophie sich für die Ausbildung anmeldeten, stießen sie zunächst auf Skepsis. Familienmitglieder und Nachbar:innen rieten ihnen, Berufe zu wählen, die traditionell eher als passend für Mädchen gelten. Doch die beiden Frauen blieben bei ihrer Entscheidung.
Sechs Monate lang lernten sie das Fahren und übten, Kupplung und Bremse zu bedienen, das Gleichgewicht zu halten und sicher zu manövrieren. Mit jeder Unterrichtsstunde wuchs ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Für Clarisse veränderte sich dabei nicht nur ihre eigene Sicht auf das, was möglich ist. Auch ihre Mutter begann, die Entscheidung ihrer Tochter mit anderen Augen zu sehen.
Als aus Skepsis Unterstützung wurde
Clarisses Mutter hatte zunächst ähnliche Bedenken wie andere Menschen in der Gemeinde. Dann besuchte sie eine Fahrstunde ihrer Tochter. „Meine Mutter kam, um mir bei einer meiner Fahrstunden zuzusehen. Sie war so glücklich. Als wir nach Hause kamen, gratulierte sie mir dazu, dass ich an mich geglaubt hatte, und sagte mir, sie sei stolz auf das, was ich erreicht hatte“, erinnert sie sich.
Heute gehört ihre Mutter zu Clarisses größten Unterstützerinnen. Sie ermutigt ihre Tochter, ihren beruflichen Weg weiterzugehen. Auch Sophie sieht darin ein Zeichen dafür, dass sich Vorstellungen innerhalb einer Gemeinschaft verändern können.
„Von Mädchen in ländlichen Gemeinden wird oft erwartet, dass sie sich hauptsächlich auf Hausarbeiten konzentrieren, so wie es bei mir der Fall war. Wenn sich Möglichkeiten wie diese bieten, beginnen die Gemeinden, die Talente und das Potenzial zu erkennen, die schon immer da waren“, erzählt sie.
„Von Mädchen in ländlichen Gemeinden wird oft erwartet, dass sie sich hauptsächlich auf Hausarbeiten konzentrieren.“
Mit neuen Fähigkeiten in die Zukunft
Nach sechs Monaten Ausbildung hielten Clarisse und Sophie ihre dauerhaften Führerscheine in den Händen. Für Clarisse ist damit ein wichtiger Schritt in Richtung beruflicher Selbstständigkeit getan. „Ich habe sechs Monate lang gelernt, Motorrad zu fahren, und jetzt habe ich meinen endgültigen Führerschein der Klasse A. Diese Fähigkeit zu erlernen, hat mich als Mädchen gestärkt. Sie gibt mir die Möglichkeit, mir eine bessere Zukunft aufzubauen.“
Nun möchte Clarisse ihre neuen Fähigkeiten nutzen, um sich beruflich selbstständig zu machen. Sie plant, ein eigenes Motorradunternehmen zu gründen und Fahrgäste oder Güter zu transportieren.
Ein neuer Weg beginnt
Auch Sophie blickt nach ihrer Ausbildung über die Grenzen ihrer Gemeinde hinaus. „Vor der Ausbildung wusste ich nichts über das Autofahren. Heute blicke ich zuversichtlich in die Zukunft, weil ich erfolgreich meinen unbefristeten Führerschein erworben habe. Ich träume davon, mir einen guten Job außerhalb meiner Gemeinde zu sichern.“
Für Sophie zeigt ihre eigene Geschichte, was möglich wird, wenn Mädchen Zugang zu Wissen und beruflichen Fähigkeiten erhalten. „Wenn Mädchen durch Wissen und Fähigkeiten gestärkt werden, gewinnen sie das Selbstvertrauen, ihr Leben selbst zu gestalten und sich eine sicherere, hoffnungsvollere Zukunft aufzubauen. Ich plädiere für mehr Investitionen in solche Möglichkeiten, insbesondere für Mädchen in ländlichen Gemeinden“, sagt sie.
Die Geschichten von Sophie und Clarisse wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Ruanda aufgeschrieben.
Über das Projekt
Clarisse und Sophie nahmen an einem Ausbildungsprogramm für junge Menschen im Bezirk Nyaruguru in Ruanda teil. Das Programm unterstützt Jugendliche dabei, berufliche Fähigkeiten zu erlernen, eigenes Einkommen zu verdienen und sich langfristig eine berufliche Perspektive aufzubauen. Umgesetzt wird es von Dream Village mit Unterstützung von Plan International.
Im Rahmen des Programms können junge Menschen verschiedene Berufe erlernen. Dazu gehören unter anderem das Autofahren und Motorradfahren, aber auch andere handwerkliche und praktische Tätigkeiten. Ergänzend lernen die Teilnehmenden, wie sie ein eigenes kleines Unternehmen aufbauen und mit ihrem Einkommen umgehen können.
80 junge Menschen absolvierten eine sechsmonatige Fahrausbildung. 57 von ihnen erwarben anschließend einen dauerhaften Führerschein, darunter 31 Mädchen und junge Frauen. Insgesamt erhielten 180 junge Menschen im Rahmen des Programms eine berufliche Ausbildung.