Frauen gestalten Katastrophenvorsorge im Südpazifik
Seit 30 Jahren lebt Evah (54) an der abgelegenen Küste von Nggatokae, einer Insel der Salomonen. Wenn sich das Wetter plötzlich verändert und das Meer gefährlich wird, muss es schnell gehen. Früher wurden Warnungen vor allem von Mensch zu Mensch weitergegeben. Die Menschen wussten, dass eine Gefahr kommen konnte, doch feste Abläufe für den Ernstfall gab es kaum.
Am Internationalen Tag für Katastrophenvorsorge wird weltweit darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig es ist, Menschen und Gemeinschaften besser auf Naturkatastrophen vorzubereiten. Auch auf Nggatokae hat sich der Umgang mit den Gefahren verändert.
Evah erinnert sich an eine besondere Form der Warnung: „Früher habe ich gehört, dass man eine Muschel benutzte, um die Menschen vor Gefahren zu warnen. Aber jetzt, da wir an dem Programm teilnehmen, haben wir gelernt, wie man die Menschen vorbereitet. Zum Beispiel machen wir den Menschen klar, was sie im Katastrophenfall tun und wohin sie sich begeben sollen.“
Aus Warnungen werden Pläne
Evah ist heute Mitglied des örtlichen Komitees für Katastrophenvorsorge. Gemeinsam mit anderen Frauen und jüngeren Menschen arbeitet sie daran, die Gemeinde besser auf mögliche Katastrophen vorzubereiten. Dabei geht es um ganz konkrete Fragen: Wo können Menschen im Ernstfall Schutz suchen? Welche Wege müssen bekannt sein? Und was braucht die Gemeinde, um auch während und nach einer Katastrophe möglichst selbstständig zu bleiben?
Die Menschen auf Nggatokae sind an wechselhaftes Wetter und Naturkatastrophen gewöhnt. Phänomene wie El Niño können die Wetterbedingungen in der Region zusätzlich beeinflussen und zu ungewöhnlich trockenen oder nassen Bedingungen führen. Umso wichtiger ist es, dass die Menschen wissen, wie sie sich im Katastrophenfall schützen können.
Ein Vorhaben ist der Bau eines Evakuierungszentrums. Auch die Wasserversorgung soll verbessert werden. Beides könnte der Gemeinde helfen, im Katastrophenfall unabhängiger zu sein.
Doch noch ist nicht jeder Plan Realität. Das Evakuierungszentrum ist zwar Teil des gemeinsam erarbeiteten Katastrophenschutzplans, aber bislang noch nicht einsatzbereit. „Es stimmt, dass die Menschen mittlerweile besser darüber im Klaren sind, was zu tun ist. Wir haben ihnen gesagt, sie sollen auf den Katastrophenfall vorbereitet sein, damit sie wissen, wie sie sich verhalten müssen. Allerdings ist die Notunterkunft noch nicht einsatzbereit“, erzählt Evah.
Zur Katastrophenvorsorge gehört mehr als Wissen über die richtige Reaktion im Ernstfall. Auch die notwendige Infrastruktur muss geschaffen werden, und das braucht Zeit.
Vorsorge muss alle erreichen
Bei einer Evakuierung stehen nicht alle Menschen vor den gleichen Herausforderungen. Für ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen kann es schwieriger sein, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Manche können Warnungen nicht gut hören, andere sind in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt und brauchen Unterstützung, um höher gelegene Gebiete zu erreichen.
„Manche haben Hörprobleme, andere Mobilitätsprobleme, wie zum Beispiel Knieschmerzen. Es gibt auch ältere Menschen in der Gemeinde. Die Familienangehörigen müssen daher wissen, wie sie diesen Menschen helfen können, sich in höher gelegene Gebiete zu begeben“, sagt Evah.
Deshalb ist es wichtig, dass Familien wissen, wer im Ernstfall Hilfe braucht und wie sie diese Unterstützung leisten können. Für Evah ist das eine Aufgabe der ganzen Gemeinde. Frauen und Männer, ältere Menschen und die jüngere Generation müssen zusammenarbeiten und ihr Wissen und ihre Erfahrungen teilen.
Wissen weitergeben
Dass auch junge Menschen Verantwortung übernehmen, ist Evah besonders wichtig. Eine von ihnen ist Jayleen. Mit 22 Jahren gehört sie zu den jüngsten Mitgliedern des Komitees und ist dort die einzige junge Frau. Für Evah bedeutet ihre Beteiligung, dass Wissen und Erfahrungen nicht bei ihrer Generation bleiben. Sie selbst hat durch die Schulungen gelernt, wie sie Menschen in ihrer Gemeinde für Katastrophenvorsorge sensibilisieren kann.
„Als ich an diesen Schulungsprogrammen teilnahm, habe ich mehr darüber gelernt, wie man das Bewusstsein der Menschen schärft. Ich freue mich auch sehr, dass junge Menschen wie Jayleen an diesen Programmen teilgenommen haben“, sagt Evah.
„Die älteren Menschen werden nicht ewig hier sein. Es wird an uns jungen Menschen liegen, Verantwortung zu übernehmen.“
Auch Jayleen sieht in den Schulungen mehr als eine Vorbereitung auf den Katastrophenfall. Für sie sind sie eine Möglichkeit, als junge Frau Verantwortung in ihrer Gemeinde zu übernehmen. „Für junge Mädchen ist das wichtig, denn wenn sie an diesen Programmen teilnehmen, erwerben sie Wissen, das es ihnen ermöglicht, sich in der Gemeinschaft einzubringen.“
Jayleen weiß, dass diese Verantwortung künftig stärker bei ihrer Generation liegen wird: „Die älteren Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, werden nicht ewig hier sein. Es wird an uns, den jungen Menschen, liegen, Verantwortung zu übernehmen und uns in der Gemeinschaft zu engagieren“, sagt sie.
„Wenn eine Katastrophe eintritt, werden wir nicht in Panik geraten und weglaufen. Wir werden gut vorbereitet sein.“
Wenn der Ernstfall kommt
Für Jayleen ist ihre Rolle im Komitee mit Verantwortung, aber auch mit Stolz verbunden. „Ich bin glücklich, weil ich meiner Gemeinschaft helfen werde, und ich bin stolz auf mich“, sagt sie.
Noch ist nicht alles geschafft. Das geplante Evakuierungszentrum ist nicht einsatzbereit, und die Gemeinde muss ihre Vorsorge weiter ausbauen. Doch Jayleen weiß, dass ihre Generation dabei eine wichtige Rolle spielen wird. „Wenn eine Katastrophe eintritt, werden wir nicht in Panik geraten und weglaufen. Wir werden gut vorbereitet sein“, sagt sie.
Die Geschichte von Jayleen und Evah wurde mit Material aus dem salomonischen Plan-Büro erstellt.
Über das Projekt
Das Programm „Disaster ready“ (dt.: katastrophenvorbereitet) unterstützt Gemeinden und Schulen auf den Salomonen dabei, sich besser auf die Folgen des Klimawandels und Naturkatastrophen vorzubereiten. Frauen, Mädchen, junge Menschen und Menschen mit Behinderungen sollen dabei eine aktive Rolle übernehmen.
Auf der Insel Nggatokae arbeitet das Programm derzeit mit acht Gemeinden an Plänen für den Katastrophenfall. Dazu gehören unter anderem Evakuierungspläne und -karten, Informationen über Gefahren sowie Schulungen für den Notfall. Auch sechs Schulen entwickeln gemeinsam mit ihren Lehrkräften eigene Notfall- und Katastrophenschutzpläne.
Auf Gemeindeebene unterstützen sogenannte „Disaster ready“-Komitees die Planung und informieren die Bevölkerung darüber, wie sie sich im Katastrophenfall verhalten und wohin sie sich in Sicherheit bringen kann. Dabei arbeitet das Programm auch mit lokalen Organisationen und Behörden zusammen.