Fortbildung mit Stil
Sie ist Dreh- und Angelpunkt für Reisegruppen aus aller Welt: Siem Reap, die vielbesuchte Großstadt im Nordwesten von Kambodscha. Hier, nur wenige Kilometer von den sagenumwobenen Tempelanlagen von Angkor entfernt, finden die meisten Reisenden Quartier. Das schafft vielerlei Jobs.
In den ruhigen Vororten von Siem Reap sind die Beschäftigungsmöglichkeiten indes begrenzt, und viele junge Frauen verlassen ihr Zuhause, um schlecht bezahlte Arbeit in der Provinzhauptstadt anzunehmen. Eine von ihnen ist Lina, die sich mittlerweile ein Leben aufgebaut hat, das sie einst für unerreichbar hielt.
„Ich habe die Schule abgebrochen, weil meine Familie arm war.“
Als Teenagerin hatte Lina das Gefühl, überhaupt keine Perspektive zu haben. „Ich habe die Schule in der achten Klasse abgebrochen, weil meine Familie arm war“, erinnert sie sich. „Wir leben in einer ländlichen Gegend, also müssen wir rausgehen und für andere arbeiten, um ein bisschen Geld zu verdienen.“
Eine Chance für eine chancenlose Frau
Wie viele Mädchen in Kambodscha wuchs Lina in dem Bewusstsein auf, dass Bildung oft hinter den Bedürfnissen der Familie zurückstehen muss. Als ihre Tante – eine Friseurin – sie fragte, ob sie dieses Handwerk erlernen wolle, sah Lina darin eine Chance, um ihre Zukunft selbst zu gestalten. „Ich liebte schon damals diese Arbeit, also sagte ich, ich wolle mitmachen“, schildert sie die Anfänge ihrer beruflichen Laufbahn.
Lina lernte vier Jahre lang an der Seite ihrer Tante und half in deren Salon mit. Schließlich beherrschte die junge Frau alle relevanten Tätigkeiten – vom Haareschneiden und Stylen bis hin zur Stilberatung sowie Pflege von engen Beziehungen, die eine Friseurin zu ihrer Kundschaft aufbaut. Lina war bereit, ihren ersten eigenen Salon zu eröffnen.
Das Geschäft war klein, stickig und laut – alles andere als ideal, um ungestört arbeiten zu können. Aber immerhin: Der Salon gehörte ihr.
Wenn für den wirtschaftlichen Erfolg wichtiges Fachwissen fehlt
Mit wachsendem Selbstvertrauen wuchsen auch Linas Ambitionen. Sie mietete einen besseren Raum, erweiterte ihr Leistungsangebot und begann damit, jüngere Frauen zu unterrichten – ganz so, wie sie selbst einst ihre Karriere begonnen hatte. Spätestens jetzt musste sich die junge Unternehmerin jedoch eingestehen, dass sie Wissenslücken hatte, die sie allein nicht schließen konnte, insbesondere im Bereich Betriebswirtschaft.
Bei der Suche nach einer geeigneten Fortbildungsmöglichkeit stieß Lina schließlich auf das Projekt „Förderung junger Unternehmerinnen“, das Plan International mit finanzieller Unterstützung globaler Kooperationspartner durchführt. Das Vorhaben fördert junge Frauen in ganz Kambodscha dabei, ein eigenes Unternehmen aufzubauen oder zu stärken, insbesondere im Bereich Finanzkompetenz, Geschäftsplanung und Service – allesamt wesentliche Faktoren für langfristigen Erfolg.
„Es gibt viele Leute, denen mein Angebot gefällt.“
Eine Fortbildung in diesen Bereichen trug dazu bei, Linas kleines Unternehmen regelrecht zu einer anerkannten lokalen Marke auszubauen. Dank besserer Planung versteht sie nun saisonale Trends und weiß, wie sie ihre Dienstleistungen und Preise anpassen kann. Durch verbesserte Werbekompetenz kann sie als Ladeninhaberin zudem Kundinnen weit über ihr Dorf hinaus erreichen: „Ich habe gelernt, wie man einen Geschäftsplan erstellt, die Einnahmen und Ausgaben im Blick behält, neue Techniken erlernt und Werbung auf Social Media macht.“
Mehr Sicherheit bei der Unternehmensführung
Für Lina bedeutet finanzielle Unabhängigkeit mehr als nur ein Zahlenwerk. In ruhigeren Monaten, zum Beispiel während der Regenzeit im Sommer, verdient sie zwischen 50.000 und 60.000 kambodschanische Riel pro Tag (11 bis 13 Euro). In Zeiten vermehrter Feste und Feierlichkeiten oder bei Hochzeiten können ihre Einnahmen jedoch bis zu 600.000 Riel (128,- Euro) am Tag ausmachen – ein Einkommensniveau, das ihr einst unvorstellbar erschien.
Dieser Erfolg hat auch mit verbesserter Werbung zu tun. „Wenn ich etwas auf Social Media poste, gibt es viele Leute, denen mein Angebot gefällt. Sie wollen zu mir kommen und meine Dienstleistung ausprobieren“, sagt sie stolz.
Hinter ihrem Erfolg steht indes auch viel familiärer Zuspruch. „Die Unterstützung meiner Familie und der Menschen um mich herum ist wichtig und eine große Kraftquelle“, sagt Lina. Ihre Eltern, die einst unsicher waren, welcher berufliche Weg sich für ihre Tochter anbieten würde, feiern nun jeden Meilenstein gemeinsam mit ihr.
Das bisher Erreichte spornt die Kambodschanerin an, von noch Größerem zu träumen. Sie möchte ihren Salon abermals erweitern, mehr Auszubildende annehmen und weitere junge Frauen inspirieren, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Frauen, die mit denselben Zweifeln aufgewachsen sind, wie einst Lina sie hatte.
„Wenn ihr euer eigenes Einkommen habt, könnt ihr euch und eure Familie versorgen.“
„Ich rate jungen Menschen, geduldig und entschlossen zu sein“, sagt Lina. „Lernt fleißig, um Fertigkeiten zu bekommen, mit denen ihr euer eigenes Geschäft eröffnen könnt. Wenn ihr euer eigenes Einkommen habt, könnt ihr euch und eure Familie versorgen – und das ist das Beste.“
Marc Tornow hat Südostasien-Wissenschaften studiert, Kambodscha mehrfach bereist und diese Geschichte mit Material aus dem örtlichen Plan-Büro aufgeschrieben.