Ein Neuanfang nach der Flucht
Lucia (18) lebt in der Provinz Cabo Delgado im Norden Mosambiks. Als bewaffnete Gewalt ihre Heimat erreicht, muss sie fliehen. Während der Flucht verliert sie den Kontakt zu ihren Eltern. Monatelang weiß sie nicht, ob sie noch am Leben sind.
Die Ungewissheit begleitet sie jeden Tag. Erst Monate später erhält sie die Nachricht, auf die sie so lange gehofft hat. „Der glücklichste Tag meines Lebens“, erinnert sie sich, „war der Tag, an dem ich erfahren habe, dass meine Eltern noch am Leben sind und sich an einem anderen Ort in Sicherheit befinden.“
Lucias Geschichte steht stellvertretend für viele Kinder und Jugendliche in Cabo Delgado. Der bewaffnete Konflikt hat zahlreiche Familien auseinandergerissen und den Alltag vieler Kinder grundlegend verändert. Viele mussten ihre Heimat verlassen, ihre Schulbildung unterbrechen und fern von ihrem Zuhause einen neuen Alltag beginnen.
„Der glücklichste Tag meines Lebens war der Tag, an dem ich erfahren habe, dass meine Eltern noch am Leben sind.“
Wie Familien Unterstützung finden
Für viele Kinder endet die Flucht nicht, sobald sie einen sicheren Ort erreicht haben. Neben dem Verlust ihres Zuhauses müssen sie sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden und belastende Erfahrungen verarbeiten. Gleichzeitig fehlen vielerorts Angebote, die ihnen Schutz, Orientierung und einen geregelten Alltag ermöglichen.
Um Kinder und ihre Familien auf diesem Weg zu unterstützen, arbeitet Plan International gemeinsam mit den lokalen Partnerorganisationen Helpcode und PROMURA. Familien werden wieder zusammengeführt, sichere Lern- und Begegnungsorte geschaffen und Angebote aufgebaut, die Kinder schützen und sie im Alltag begleiten. Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen nach der Flucht wieder Stabilität und Zukunftsperspektiven zu geben.
Die Suche nach den Angehörigen
Wenn Kinder während der Flucht von ihren Angehörigen getrennt werden, beginnt oft eine lange und belastende Suche. Gemeinsam mit den Sozialdiensten und den Gemeinden unterstützen geschulte Fachkräfte dabei, Familien ausfindig zu machen und wieder zusammenzuführen.
Ist das zunächst nicht möglich, werden Kinder vorübergehend in geeigneten Pflegefamilien oder anderen sicheren Betreuungsformen untergebracht. Gleichzeitig arbeiten die beteiligten Stellen daran, Angehörige zu finden und eine sichere Rückkehr in die Familie zu ermöglichen. Auch Lucia findet auf diesem Weg ihre Eltern wieder. Nach Monaten der Ungewissheit kann sie endlich wieder nach vorn blicken.
Mehr als ein Ort zum Lernen
Für die 14-jährige Sara bedeutet der Besuch eines sicheren Begegnungsortes vor allem eines: Endlich kann sie wieder lernen. „Lange Zeit hatte ich keine Mittel für die Schule, nicht einmal Hefte“, erzählt sie. „Aber jetzt hat uns das Projekt mit Schulmaterial versorgt.“
Die Angebote vermitteln jedoch weit mehr als Unterricht. Kinder und Jugendliche können dort lernen, spielen, kreativ sein und Zeit mit Gleichaltrigen verbringen. Gleichzeitig erhalten sie Informationen zu Themen, die sie in ihrem Alltag stärken und ihnen helfen, informierte Entscheidungen für ihre Zukunft zu treffen. Für Sara gehören dazu auch Gespräche über die Risiken von Frühehen und frühen Schwangerschaften. „Wir sollten nicht heiraten, solange wir noch Kinder sind“, sagt sie. „Wenn wir als Kinder schwanger werden, ist die Geburt eine große Herausforderung.“
„Wir sollten nicht heiraten, solange wir noch Kinder sind.“
Wie Familien neuen Halt finden
Kinder brauchen nach belastenden Erfahrungen nicht nur Unterstützung außerhalb der Familie, sondern auch ein stabiles familiäres Umfeld. Deshalb begleitet das Projekt Eltern und Jugendliche dabei, ihre Beziehungen zu stärken und den Familienalltag gemeinsam neu zu gestalten. In Gesprächen und Workshops lernen Familien, besser miteinander zu kommunizieren, Konflikte gemeinsam zu lösen und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. So können Eltern und Kinder Schritt für Schritt wieder Orientierung und Stabilität im Alltag gewinnen.
Damit Familien auch langfristig Unterstützung erhalten, arbeiten geschulte Fachkräfte eng mit Gemeinden und Sozialdiensten zusammen. Gemeinsam stärken sie lokale Anlaufstellen, an die sich Familien wenden können, wenn Kinder besonderen Schutz oder Hilfe benötigen.
„Wir arbeiten mit Familien daran, ihre Beziehungen zu stärken und Kindern wieder ein sicheres Umfeld zu geben“, sagt Leila Nhantumbo, Projektleiterin der lokalen Partnerorganisation PROMURA.
Neue Perspektiven für Teresa
Kinder und Jugendliche erleben Krisen auf ganz unterschiedliche Weise. Manche benötigen deshalb eine besonders intensive Begleitung. Dazu gehört auch Teresa*. Mit 13 Jahren bekommt sie ein Kind und fühlt sich in dieser Zeit häufig allein. Regelmäßige Gespräche mit Sozialarbeiter:innen geben ihr Halt. „Sie haben mir sehr geholfen und mich unterstützt, als ich mich einsam fühlte“, erinnert sie sich.
Neben der psychosozialen Begleitung erhält Teresa individuelle Unterstützung, damit sie sich um ihr Kind kümmern und ihren Alltag Schritt für Schritt wieder selbst gestalten kann. Heute richtet sich ihr Blick vor allem auf die Zukunft ihres Sohnes. „Ich hoffe, dass mein Sohn später einmal Krankenpfleger wird und der ganzen Gemeinschaft hilft“, sagt sie.
*Name zum Schutz der Identität geändert.
Mit Zuversicht nach vorn
Die Folgen des bewaffneten Konflikts prägen das Leben vieler Familien in Cabo Delgado bis heute. Die Geschichten von Lucia, Sara und Teresa zeigen zugleich, wie wichtig verlässliche Unterstützung für Kinder und Jugendliche sein kann.
Für viele beginnt der Weg zurück in den Alltag mit kleinen Schritten. Dazu gehören das Wiedersehen mit der Familie, die Rückkehr in die Schule oder die Gewissheit, in schwierigen Situationen nicht allein zu sein. Diese Erfahrungen geben Kindern und Jugendlichen Orientierung und helfen ihnen dabei, ihren Alltag Schritt für Schritt wieder selbst zu gestalten.
Die Geschichten von Lucia, Sara und Teresa* wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Mosambik erstellt.
Über das Projekt
Das Projekt PROTEGE unterstützt Kinder und Familien, die vom bewaffneten Konflikt im Norden Mosambiks betroffen sind. Gemeinsam mit den Partnerorganisationen Helpcode und PROMURA stärkt Plan International den Kinderschutz in den Distrikten Nangade, Mueda, Muidumbe und Macomia.
Zu den Maßnahmen gehören die Familienzusammenführung, sichere Lern- und Begegnungsorte für Kinder sowie psychosoziale Unterstützung für besonders gefährdete Mädchen und Jungen. Darüber hinaus arbeitet das Projekt mit Familien und Gemeinden daran, Schutzstrukturen langfristig zu stärken und Kindern den Zugang zu Bildung und Unterstützung zu ermöglichen. Das Projekt wird durch die Europäische Union über die Generaldirektion für europäische Katastrophenschutz- und humanitäre Hilfsmaßnahmen (ECHO) finanziert.