Alphabetisierung eröffnet neue Wege

Foto: Plan International

Elizabeth lernte als Erwachsene lesen und schreiben. Karen konnte ihre Schulbildung trotz finanzieller Hürden fortsetzen. Ihre Geschichten zeigen, welche Chancen Bildung eröffnet – und warum sichere und erreichbare Lernangebote für alle wichtig sind.

Eine Stelle in der Verwaltung einer Schule – diese Möglichkeit war für Elizabeth lange nicht erreichbar. Als sie vor über zehn Jahren aus dem nigerianischen Bundesstaat Borno nach Kamerun floh, konnte sie nicht lesen und schreiben. Bewaffneten Männern hatten ihr Dorf angegriffen und ihr Zuhause zerstört. Mit ihrer Familie fand sie Schutz im Geflüchtetencamp Minawao im Norden Kameruns.

Eine Frau steht vor einer Lehmhütte mit Wellblechtüren
Elizabeth lernte erst im Erwachsenenalter Lesen und Schreiben Plan International

Dort arbeitete sie als Reinigungskraft an der ersten Grundschule des Camps, zunächst freiwillig, später mit einem kleinen Gehalt. Um ihre Möglichkeiten zu verbessern, entschied sich Elizabeth 2016, an einem kostenlosen Alphabetisierungskurs für Erwachsene teilzunehmen. Der Kurs gehörte zu einem Bildungs- und Schutzprogramm von Plan International, das vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR finanziert wurde. Drei Jahre später hielt sie ihren Abschluss in der Hand. Damit es den Kindern im Camp später nicht so ergehen würde wie ihr, schloss sich Elizabeth einer Kampagne von Plan International an und ermutigte Eltern, ihre Kinder wieder zur Schule zu schicken. Dieses Engagement fiel auch der damaligen Schulleitung auf – die sie einlud, sich auf eine Stelle in der Verwaltung zu bewerben. „Ich bin sehr stolz auf mich als Frau und Mutter“, blickt Elizabeth einige Jahre später auf ihren Weg zurück. 

Was bedeutet Analphabetismus?

Der Begriff Analphabetismus wird oft für Menschen verwendet, die nicht oder nur wenig lesen und schreiben können. Fachleute sprechen auch von „geringer Literalität“ oder „geringen Lese- und Schreibkenntnissen“. Literalität bedeutet, geschriebene Informationen lesen, verstehen und nutzen zu können. Dazu gehört mehr, als einzelne Buchstaben oder Wörter zu erkennen. Lese- und Schreibkenntnisse helfen zum Beispiel dabei, einen Brief zu verstehen, ein Formular auszufüllen oder Informationen zur Gesundheit zu lesen.

Nicht alle Menschen mit geringer Literalität haben die gleichen Kenntnisse. Manche Menschen können ihren Namen schreiben und kurze Sätze lesen. Längere Texte bereiten ihnen aber Schwierigkeiten. Andere hatten nie die Möglichkeit, lesen und schreiben zu lernen. Das sagt nichts über ihre Fähigkeiten und ihr Wissen in anderen Lebensbereichen aus.

Nach Angaben des UNESCO Institute for Statistics (UIS) verfügen weltweit rund 739 Millionen Menschen ab 15 Jahren über keine grundlegenden Lese- und Schreibkenntnisse. Etwa zwei Drittel aller betroffenen Personen weltweit sind weiblich.

Bildung ist ein Menschenrecht

Der Weltalphabetisierungstag findet jedes Jahr am 8. September statt. Die UNESCO rief ihn 1966 ins Leben. Der Tag macht darauf aufmerksam, wie wichtig Lesen und Schreiben für ein selbstbestimmtes Leben sind. Bildung ist ein Menschenrecht. Das Recht auf Bildung steht unter anderem in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und in der UN-Kinderrechtskonvention.

Warum lernen manche Menschen nicht lesen und schreiben?

Die Gründe für geringe Lese- und Schreibkenntnisse sind vielfältig. Manche Kinder können keine Schule besuchen. Andere müssen den Unterricht abbrechen oder die Schule früher verlassen. Laut UNESCO-Weltbildungsbericht 2026 besuchten im Jahr 2024 rund 273 Millionen Kinder und Jugendliche keine Schule. Das entspricht etwa jedem sechsten Kind weltweit. Einen großen Teil der Kinder, die nicht zur Grundschule gehen, machen Mädchen aus, da sie oft mit zusätzlichen Hindernissen konfrontiert sind – wie ungleich verteilte Aufgaben im Haushalt, geschlechtsspezifische Gewalt, unsichere und lange Schulwege, frühe Schwangerschaft oder frühe Heirat. 

Armut kann den Schulbesuch ebenfalls erschweren. Auch wenn der Unterricht kostenlos ist, entstehen oft weitere Kosten. Familien müssen zum Beispiel Bücher und Schulkleidung bezahlen. Manche Kinder müssen arbeiten oder Aufgaben im Haushalt übernehmen. 

Auch Konflikte und Vertreibung können Bildung unterbrechen. Etwa, wenn Familien ihre Heimat verlassen müssen. Am neuen Ort gibt es möglicherweise keinen freien Schulplatz. Der Unterricht kann zudem in einer Sprache stattfinden, die das Kind noch nicht versteht. In Konflikten werden Schulen zudem oftmals beschädigt oder geschlossen. 

Ein Stapel Schulmaterial in den Händen einer jungen Person
Die Kosten für das Schulmaterial kann für manche Familien ein Grund sein, weshalb sie den Schulbesuch für ihre Kinder nicht sicherstellen können Geoffrey Buta

Welche Folgen haben geringe Lese- und Schreibkenntnisse?

Wer nicht oder nur wenig lesen und schreiben kann, kann im Alltag auf Hindernisse stoßen. Das betrifft zum Beispiel Briefe, Verträge, Fahrpläne und schriftliche Informationen auf dem Handy. Auch Informationen von Schulen, Behörden oder Gesundheitseinrichtungen sind oft nur als Text verfügbar. 

Viele betroffene Menschen entwickeln eigene Wege, um ihren Alltag zu gestalten. Sie merken sich Informationen, nutzen Bilder oder fragen vertraute Personen. Für Elizabeth veränderte der Kurs damals auch den Alltag mit ihren sieben Kindern: „Die Alphabetisierungskurse haben mir sehr geholfen. Heute kann ich lesen und schreiben. Dadurch habe ich erkannt, wie wichtig es ist, alle meine sieben Kinder zur Schule zu schicken, um ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen“, sagte sie rückblickend.

Eine Frau sitzt mit sieben Kindern unterschiedlichen Alters zusammen und spricht mit ihnen
2022 sprach Elizabeth mit ihren Kindern darüber, wie wichtig es ist, zur Schule zu gehen und lesen und schreiben zu lernen Plan International

Wie lässt sich verhindern, dass Bildung unterbrochen wird?

Elizabeth konnte als Erwachsene nachholen, was ihr zuvor nicht möglich gewesen war. Ebenso wichtig ist es, Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, ihre Schulbildung fortzusetzen. Karen aus Simbabwe weiß, wie schwer das sein kann.

Sie ist 20 Jahre alt und lebt in einer ländlichen Region. Ihre Familie sichert einen Teil ihres Lebensunterhalts durch den Anbau von Nutzpflanzen und die Haltung von Hühnern. Mit dem Geld aus dem Verkauf versuchte sie, auch Karens Schulgebühren zu bezahlen. Das Einkommen aus der Landwirtschaft war jedoch nicht sicher. Wasser fehlte, wodurch die Familie nicht genug anbauen und verkaufen konnte. Wenn die Schulgebühren nicht bezahlt waren, schickte die Schule Karen zeitweise nach Hause. Jeder Tag, an dem sie Unterricht verpasste, drohte sie noch weiter zurückzuwerfen – und die Schule möglicherweise ganz abzubrechen.

Eine junge Frau aus Simbabwe schaut lächelnd in die Kamera
Karen konnte die weiterführende Schule trotz finanzieller Hindernisse abschließen und träumt jetzt von einem Jura-Studium Tafadzwa Ufumeli

Über ein Programm von Plan International erhielt Karen daher Unterstützung für ihre Schulgebühren – so konnte sie die weiterführende Schule abschließen. Nun möchte sie Rechtswissenschaften studieren. „Mein Traum, Jura zu studieren, hätte verhindert werden können“, sagt sie. „Hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt, zur Schule zu gehen, hätte mein Leben ganz anders verlaufen können. Ich hätte verheiratet sein und Kinder großziehen können. Meine Träume hätten der Vergangenheit angehören können.“

Karen hat selbst erlebt, wie finanzielle Sorgen den Schulbesuch gefährden können. Heute setzt sich die 20-Jährige deshalb für andere Mädchen ein, nimmt an Bildungskampagnen in ihrer Region teil und spricht mit Mädchen über ihre Erfahrungen. Gemeinsam suchen sie nach Lösungen für Probleme, die ihre Bildung gefährden. 

Wie Plan International Bildung unterstützt

Plan International arbeitet in den Programmländern mit Kindern, Familien, Schulen und lokalen Partnerorganisationen zusammen, um Hindernisse beim Zugang zu Bildung abzubauen. Diese Angebote richten nach dem jeweiligen Kontext. Dazu gehören zum Beispiel Alphabetisierungskurse für Erwachsene, die Unterstützung bei Bildungskosten sowie sichere Lernorte für Kinder und Jugendliche. Plan International setzt sich außerdem dafür ein, dass Regierungen und internationale Geldgeber ausreichend und langfristig in Bildung investieren.

Zwei Frauen, zwei Geschichten – was haben sie gemeinsam?

Elizabeth und Karen haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Elizabeth hatte als Kind nicht die Möglichkeit, lesen und schreiben zu lernen und holte als Erwachsene grundlegende Bildung nach. Karen konnte ihre Schulzeit mit Unterstützung abschließen. Ihre Wege machen deutlich: Ob ein Mensch lernen kann, hängt nicht allein von der eigenen Motivation ab. 

Der Weltalphabetisierungstag erinnert daran, dass Lesen und Schreiben wichtige Grundlagen für Information, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe sind. Alle Menschen sollten die Möglichkeit haben, diese Fähigkeiten zu erwerben – als Kinder, Jugendliche oder Erwachsene.

Der Artikel wurde unter anderem mit Material aus den Plan-Büros in Kamerun und Simbabwe erstellt.

Mädchen gezielt stärken

Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung. Doch Armut, Konflikte, Vertreibung und Klimakatastrophen können den Schulbesuch unterbrechen. Mädchen stoßen oft auf zusätzliche Hindernisse. Mit einer Spende für den Mädchen-Fonds unterstützen Sie Projekte für Bildung, Schutz und Chancengleichheit. Plan International arbeitet dabei mit Kindern, Familien, Lehrkräften, Gemeinden und lokalen Partnerorganisationen zusammen. So können Mädchen ihre Rechte kennenlernen, ihre Fähigkeiten stärken und eigene Entscheidungen über ihre Zukunft treffen. 

Jetzt unterstützen

Sie mögen diesen Artikel? Teilen Sie ihn gerne.