Shayma’a dachte, dass Azraq nur eine Zwischensation für sie sei. Mittlerweile lebt sie seit fünf Jahren in dem Camp für Geflüchtete. © Plan International/Ahmad Naim
Shayma’a dachte, dass Azraq nur eine Zwischensation für sie sei. Mittlerweile lebt sie seit fünf Jahren in dem Camp für Geflüchtete. © Plan International/Ahmad Naim
15.03.2021 - von Pia Arndt

10 Jahre Syrien-Konflikt: Interviews aus dem jordanischen Geflüchtetencamp Azraq

In Jordanien beherbergt das Geflüchtetencamp Azraq mittlerweile mehr als 35.000 Geflüchtete aus Syrien. Seit 2016 unterstützt Plan International einige der am meisten gefährdeten syrischen Mädchen und Frauen, sowohl in Jordanien als auch im Libanon. Dazu gehören psychosoziale Unterstützung, Betreuung von Eltern und Kleinkindern sowie Programme zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit.

Aber wie sieht das Leben für junge Mädchen in Azraq aus, was beschäftigt sie und was sind ihre Träume? Wir haben mit Shayma’a und Fatima darüber gesprochen.


Shayma’a,kannst du einen typischen Tag beschreiben?

Nach dem Aufwachen streite ich mich meistens mit meinen Brüdern, damit sie ihren Schlafplatz aufräumen. Ich bin die Älteste, also müssen sie auf das hören, was ich ihnen sage. Ich helfe meiner Mutter bei der Hausarbeit, dann nehme ich am Online-Unterricht teil, entweder über die öffentliche Plattform oder die WhatsApp-Gruppen. Dann gehe ich auf Duolinggo (eine mobile Sprach-App), um etwas Englisch zu lernen. Manchmal filme ich ein paar Videos und bearbeite sie mit einer App, die ich auf das Handy meiner Mutter heruntergeladen habe.

Wie hat COVID-19 dein Leben verändert?

Seit dem Beginn der Pandemie haben sich viele Dinge verändert. Ich bin viel mehr zu Hause geblieben, als ich es gewohnt bin. Ich fühle mich isoliert, aber kann mich gut ablenken. Es ist eine sehr seltsame Zeit!

Mehr zu unserer Arbeit während Corona im Camp.

Du hast über WhatsApp am Himayati-Projekt teilgenommen. Kannst du dazu etwas erzählen?

Ich nehme an den Kursen teil und tausche mich mit den Leuten und meinen Mitschüler:innen aus. Manchmal kann ich nicht teilnehmen, weil die Internetverbindung schlecht ist oder weil meine Mutter nicht im Haus ist und ich immer ihr Telefon benutze, um an den Sitzungen teilzunehmen.

Über was sprecht ihr dann und inwiefern hilft dir der Austausch?

Wir sprechen über viele Dinge; es hängt von der Sitzung ab. Wenn ich also an einer Sitzung zu Lebenskompetenzen teilnehme, bedeutet das, dass wir besprechen, wie wir am besten mit unserer neuen Lebenssituation zurechtkommen, wie wir Stress reduzieren und unsere Zeit im Camp am besten nutzen können. Wenn ich an einer Bastelstunde teilnehme, reden wir darüber, wie wir einige der Materialien, die wir bereits zu Hause haben, verwenden können, um zum Beispiel neue kreative Dinge zu basteln.

Warum ist es wichtig, in den Sitzungen mit anderen Mädchen zu interagieren?

Man muss doch mit jemandem in Kontakt bleiben, oder? Man kann nicht einfach isoliert bleiben. Es ist gut, über Dinge zu reden, und manchmal ist es eine Erleichterung zu wissen, dass jemand anderes das durchmacht, was man gerade durchmacht.

Was glaubst du, welche Auswirkungen der kommende Winter haben wird?

Der Winter hier im Camp ist schrecklich. Es ist kalt und windig. Wenn es regnet, wird alles so schlammig. Es wird schwer für uns, uns innerhalb des Camps zu bewegen und Dinge zu erledigen.

Was dachtest du als du hier ankamst, wie lange du bleiben wirst?

Wir sind 2016 hierher gekommen, meine Eltern haben mir gesagt, dass es nur für ein paar Monate sein sollte, also habe ich nicht erwartet, dass ich fünf Jahre später immer noch hier bin.

Was vermisst du am meisten an Syrien?

Meine Onkel, ich liebe sie und sie waren ständig bei uns zuhause. Ich vermisse auch meine Freunde, wir haben immer herumgealbert und uns gegenseitig Streiche gespielt.

Was wünscht du dir für die Zukunft?

Ich möchte Englischlehrerin und Fotografin werden. Ich hoffe, dass der Konflikt in Syrien bald zu Ende geht, damit ich in Syrien unterrichten und fotografieren kann. Ich möchte einfach nur zurück!

Fatima, wie war deine Flucht von Syrien nach Jordanien?

Ich erinnere mich lebhaft daran; es war ein langer Weg. Es war hart und brutal. Wir sind viel gelaufen und ich erinnere mich, dass gegen Ende der letzten Reisetage das Essen knapp wurde. Als ich hier ankam, war ich in der zweiten Klasse, jetzt bin ich in der achten Klasse. Ich bin im Camp aufgewachsen.

Wie hat COVID-19 dein Leben beeinflusst?

Vor COVID-19 nahm die Schule den größten Teil unserer Zeit im Camp in Anspruch. Die Teilnahme am Unterricht und das Erledigen der Hausaufgaben bedeutete, dass wir den Großteil unseres Tages entweder in der Schule oder mit Schularbeiten verbrachten. Jetzt wird alles online erledigt und wir bleiben die ganze Zeit zu Hause. Es gibt nicht viel, was wir tun können. Natürlich hat sich diese ganze Situation negativ auf mich ausgewirkt, ich bin es nicht gewohnt, den ganzen Tag zu Hause zu bleiben, jetzt fühle ich mich isoliert und eingesperrt.

Was machst du zur Zeit, um dich abzulenken?

Nun, ich habe beschlossen, das Beste aus dieser freien Zeit zu machen. Ich habe an Online-Kursen wie Kunsthandwerk teilgenommen und habe beschlossen, eine gute Köchin zu werden, aber nach Aussage meiner Familie habe ich noch einen langen Weg vor mir (lacht).

Du hast über WhatsApp am Himayati-Projekt teilgenommen. Kannst du dazu etwas erzählen?

Nun, die Online-Sitzungen haben sicherlich geholfen, ich habe an den Champions of Change-Sitzungen und am Kunsthandwerk teilgenommen. Das sind alles wichtige Themen, besonders die Champions of Change, aber ehrlich gesagt, finde ich, dass das Wichtigste ist, mit meinen Freunden in Kontakt zu bleiben.

Über was sprecht ihr während der Online-Sessions?

In den Champions of Change-Sitzungen sprechen wir immer über recht frustrierende Dinge und kollektive Verhaltensweisen, wie Belästigung, Diskriminierung und geschlechtsspezifische Gewalt. Wir sprechen darüber, wie wir diese Themen angehen und positive Veränderungen in unserer Gemeinschaft bewirken können. Das macht Mut!

Was dachtest du als du hier ankamst, wie lange du bleiben wirst?

Wir kamen 2014 aus Syrien hierher, das ist also etwa sieben Jahre her. Ich hätte nie gedacht, dass wir so lange hier sein würden, es sollte eine vorübergehende Sache für ein paar Monate sein, nicht sieben Jahre.

Wo siehst du dein Zuhause?

Syrien, ich glaube nicht, dass ich die Camps jemals als Heimat sehen werde. Es wird immer Syrien sein.

Was vermisst du am meisten an Syrien?

Eine Menge Dinge, meine Familie, mein Zuhause, meine Schule, meine Freunde. Alles, was ich zurückgelassen habe, vermisse ich.

Was wünscht du dir für die Zukunft?

In der Zukunft hoffe ich, Polizeibeamtin zu werden. Wenn ich helfen und Teil dessen sein könnte, was Syrien wieder zur Normalität bringt, wäre das mein Traum.

 

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