Der Mut der Maasai-Mädchen in Kenia
Die Soitamurt-Grundschule liegt in Ewuaso. Das ist mitten im Maasai-Land gelegen und etwa 80 Kilometer von der Stadt Kajiado im gleichnamigen Bezirk entfernt. Fast immer ist es hier trocken und heiß. Doch die Regenfälle der vergangenen Wochen haben das Gras wachsen lassen und die rote Erde für kurze Zeit in sattes Grün verwandelt.
Schulleiterin Mary wartet am Eingangstor auf Cecilia, eine Gesundheitshelferin, die für Plan International Mädchen und Jungen in den umliegenden Schulen über die Folgen von Frühverheiratung und Genitalverstümmelung aufklärt. „Plan wollte eine Person, die offen und direkt über solche Themen sprechen kann – und das tue ich“, lacht Cecilia, die in ihrer traditionellen roten Maasai-Kleidung gekommen ist.
„Lasst uns darüber reden, was es bedeutet, wenn ein Mädchen mit 14 Jahren heiraten soll!“
Etwa 15 Mädchen und Jungen sitzen in der Schule dicht nebeneinander auf Holzbänken und schauen Cecilia erwartungsvoll an.
„Haben Kinder Rechte?“, fragt die 40-Jährige in die Runde. Einige nicken zaghaft. Die Maasai schreibt die verschiedenen Kinderrechte an die Tafel. „Was bedeutet das Recht auf Schutz?“, fragt sie. Ein Mädchen antwortet so leise, dass es kaum zu hören ist. Cecilia gibt ihr ein „High Five“, fünf ausgestreckte Finger. „Richtig! Kinderheirat ist verboten.“ Cecilia lässt das im Chor wiederholen, klatscht dabei rhythmisch in die Hände. „Lasst uns darüber reden, was es bedeutet, wenn ein Mädchen mit 14 Jahren heiraten soll!“
„Ich will nicht, dass irgendein Mädchen durchmachen muss, was ich erlebt habe.“
Befreiung von Kinderrechtsverletzungen
Cecilias Eltern starben früh. Sie wuchs bei ihrem polygamen Onkel auf, der mit mehreren Frauen über 100 Kinder hat. „Ich glaube nicht, dass er sie alle mit Namen kennt“, sagt Cecilia. Viele Maasai-Männer hätten auch heute noch zwei oder drei Frauen, von denen viele minderjährig sind. „Ich wollte kein solches Leben“, sagt sie und ihre braunen Augen blitzen entschlossen.
Neben der Frühverheiratung gibt es eine weitere Verletzung der Menschenrechte: Mädchen werden zu Beginn ihrer Pubertät gemäß der Tradition beschnitten – so auch Cecilia: „Das war eine sehr schmerzhafte und traurige Erfahrung. Ich will nicht, dass irgendein Mädchen durchmachen muss, was ich damals erlebt habe.“
Manche mögen Cecilias direkte Art nicht. „Ich habe keine Angst, öffentlich über Beschneidung oder Kondome zum Schutz vor Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten zu sprechen, muss aber aufpassen, zu wem ich was sage, sonst hören sie mir nicht zu“, betont die Gesundheitshelferin.
Plan International hat in den kenianischen Maasai-Provinzen Kajiado, Tana River und Tharaka mit anderen Organisationen vor fünf Jahren das Gemeinschaftsprogramm „Break Free“ („befreie dich“) aufgebaut – mit dem Ziel, Mädchen vor Genitalverstümmelung und Frühverheiratung zu schützen.
Beides ist eng miteinander verknüpft: Kommen Mädchen in die Pubertät, ist das der Moment, um sie zu beschneiden. Ein beschnittenes Mädchen gilt wiederum als zur Ehe bereit und wird oft schon als Kleinkind innerhalb seines Maasai-Clans einem Mann versprochen. Weltweit sind rund 230 Millionen Mädchen und Frauen von „female genital mutilation/cutting“ (FGM/C), weiblicher Genitalverstümmelung, betroffen.
Die Zahl der Beschneidungen bei Maasai-Frauen geht zurück
Genitalverstümmelung ist seit 2011 in Kenia illegal. Ebenso ist Kinderheirat seit 2013 in dem ostafrikanischen Land verboten. Dort sank die Rate von weiblicher Genitalverstümmelung von 38 Prozent im Jahr 1998 auf 15 Prozent 2022. Doch hier bei den Maasai sind die Zahlen höher. In Kajiado ist es aufgrund des „Break Free“-Programms gelungen, innerhalb weniger Jahre die Zahl von 78 auf 63 Prozent zu senken.
Die verbesserte Situation der Menschenrechte ist auch und gerade dem Engagement der Maasai-Ältesten zu verdanken, die allerhöchsten Respekt innerhalb ihrer Kultur genießen und deren Wort quasi Gesetz ist.
Im Ort Najile, auf dem Vorplatz einer Kirche, hat sich der Ältestenrat im Halbkreis auf Plastikstühlen unter dem breiten Schirm einer knorrigen Akazie versammelt. Die „elders“, die Ältesten und traditionellen Autoritäten ihrer Gemeinschaft, sind Teil des von Plan International initiierten örtlichen Kinderschutzkomitees. Fast alle Männer tragen einen Hirtenstab sowie rote Kleidung, die Mut symbolisiert und auf die jeder Maasai sehr stolz ist.
Der Ältestenrat der Maasai stärkt die Frauenrechte
Bishop Joseph eröffnet die Versammlung in Maa, der Sprache der Maasai. Es geht um zunehmende Dürreperioden, die die traditionelle Rinderzucht und Versorgung der Menschen bedrohen. Dann spricht Kinderrechtsaktivistin Jacintha, die wie ihre Freundin Cecilia regelmäßig Schulungen im Auftrag von Plan International durchführt, vor den Ältesten über die gesundheitlichen Folgen der Beschneidung.
Mädchen sind nach der Prozedur verblutet oder an Infektionen gestorben. Auch können viele nicht mehr natürlich gebären, sondern bräuchten aufgrund des vernarbten Gewebes einen Kaiserschnitt. Die „chiefs“ des Najile Ältestenrates wissen, dass Beschneidung und Frühverheiratung den Mädchen Bildungschancen rauben, die für den Fortbestand der Maasai-Kultur wesentlich sind.
Echter Gesinnungswandel kommt von innen
Kitayeyi Ole Sayo, ein Maasai, der in ziviler Kleidung gekommen und Distriktleiter ist, arbeitet eng mit der lokalen Kinderschutzbehörde zusammen. Aus Erfahrung weiß er, dass es weniger die Gesetze sind, die die stolzen Maasai überzeugen: „Erst, wenn alle verstehen, warum Beschneidung und Frühverheiratung schlecht für uns sind, werden sie es für immer sein lassen.“ Er erzählt, dass er seine mittlerweile erwachsenen Töchter nie einer solchen Prozedur ausgesetzt habe, obwohl er damals für diese Entscheidung stark angefeindet wurde.
„Erst, wenn alle verstehen, warum Beschneidung und Frühverheiratung schlecht für uns sind, werden sie es für immer sein lassen.“
Chief Sayo kooperiert zudem mit Grace Nakaya. Die heute 64-jährige Kinderschutzbeauftragte sollte als Mädchen von ihren Eltern verheiratet werden. Doch sie wollte auf eine weiterführende Schule gehen – ihr älterer Bruder rettete sie, indem er seine Schwester zu Missionaren brachte, die sie aufnahmen und ihr den Unterricht ermöglichten. Seit vielen Jahren arbeitet Grace nun ihrerseits in einem Schutzzentrum, das von Frühverheiratung bedrohte Maasai-Mädchen aufnimmt.
Einmal rettete sie eine 14-Jährige in einer heimlichen Nachtaktion. „Ich betete darum, dass die Hunde nicht anschlagen würden, als wir zu dem Haus schlichen, um das Mädchen fortzubringen. Die Rettung gelang, doch ich wurde wochenlang von der Familie bedroht“, erinnert sie sich.
„Die Rettung gelang, doch ich wurde wochenlang bedroht.“
Die Abkehr von weiblicher Genitalverstümmelung ist nicht immer einfach. Margreth, eine 68-jährige ehemalige Beschneiderin, war einst eine angesehene Frau in ihrer Gemeinde. Cecilia übersetzt ihre stockende Erzählung: „Ich galt als geschickt und mutig, konnte die Wunden der Mädchen gut versorgen. Deshalb wurde ich zur Beschneiderin ernannt.“ Für ihre Arbeit bekam sie Ziegenfleisch – bis es vor zehn Jahren zu einem Eklat kam. Jemand hatte sie angezeigt, die Polizei kam zu ihr ins Haus. Seither hat sie niemals mehr ein Mädchen angerührt.
Die Beschneiderin hat niemals mehr ein Mädchen angerührt
Heute weiß Margreth um die fatalen gesundheitlichen und psychischen Folgen dieser Praktik und gesteht ein, dass es „gut sei, damit aufzuhören“. Ihr Einkommen verdient sie heute damit, traditionellen Perlenschmuck herzustellen und Milch zu verkaufen. Was bleibe, sei die Scham, sagt Margreth – blickt zu Boden und knetet ihre Hände. „Ich wünsche mir, nicht mehr dafür verurteilt zu werden“, sagt sie leise.
Cecilia, die ihre eigene schmerzhafte Beschneidung niemals vergessen wird, nimmt versöhnlich Margreths magere Hände in die ihren und streichelt sie. So sitzen die alte und die junge Maasai eine Weile schweigend nebeneinander. Ihr Blick geht über die offene Savanne, das Maasai-Land im Süden von Kenia.
Claudia Ulferts, Pressereferentin im Hamburger Plan-Büro, hat diese Geschichte in Kenia recherchiert und für die Plan Post aufgeschrieben.