Wandel in Liberia

Foto: Plan International

Trotz gesetzlichem Verbot ist weibliche Genitalverstümmelung in Teilen Liberias noch immer Realität. Doch immer mehr Frauen wie Catherine brechen mit dieser Tradition – und kämpfen für eine andere Zukunft ihrer Töchter.

In vielen Gemeinden Liberias prägen tief verwurzelte Traditionen noch immer das Leben von Mädchen und jungen Frauen. Eine davon ist die weibliche Genitalverstümmelung, die historisch eng mit den sogenannten Bush Schools verbunden ist – informellen Initiationsschulen, die als Orte des Übergangs ins Erwachsenenleben gelten. Was dort geschieht, bleibt oft verborgen. Catherine weiß, was es bedeutet, diesen Weg gegangen zu sein – und warum ihre Töchter ihn niemals gehen werden.

Unter sozialem Druck 

Catherine war erst 15, als sie in die Bush School ging. Es war keine Entscheidung aus Überzeugung – sondern aus Angst. In ihrer Gemeinde wurden Mädchen, die nicht teilnahmen, ausgegrenzt, verspottet und als respektlos beschimpft. Sie galten als „unvollständig“.
Der Druck war so groß, dass Catherine das Gefühl hatte, keine Wahl zu haben.

Catherine im Gespräch. Sie sitzt im Freien. Hinter ihr sind Bäume zu erkennen.
Catherine (44) verkörpert eine neue Generation von Müttern Plan International
Schulmädchen in Liberia beteiligen sich am Unterricht, sitzen an Tischen und arbeiten gemeinsam im Klassenraum.
Immer mehr Familien in Liberia entscheiden sich dafür, ihre Töchter zur Schule zu schicken Plan International

Catherine hoffte, dort endlich dazuzugehören, stattdessen verbrachte sie fast sechs Monate in strenger Disziplin, Einschüchterung und psychischer Belastung – unter der Autorität der traditionellen „Mask“, einer spirituellen und disziplinarischen Instanz innerhalb der Schule.
 

Erinnerungen, die bleiben

Die Erfahrungen dieser Monate prägen Catherine bis heute. Zwar lernte sie auch etwas über Respekt und soziales Verhalten. Doch die traumatischen Erlebnisse überlagern alles andere.

„Ich fühlte mich wie eine Geisel“, erinnert sich Catherine, die heute im Bomi County lebt. „Ich konnte kaum essen. Die Anspannung war ständig da. Manchmal wurden wir geschlagen und danach wieder belehrt. Diese Erinnerungen haben mich nie verlassen.“

Trotz eines landesweiten Verbots von FGM in Liberia hält sich die Praxis in manchen Regionen weiterhin. Soziale Normen, Stigmatisierungsängste und gemeinschaftlicher Druck tragen dazu bei, dass sie fortbesteht – besonders in ländlichen Countys wie Bomi und Grand Cape Mount. Laut der Liberia Demographic and Health Survey haben dort rund 38 % der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren FGM erfahren.

Heute ist Catherine 44 Jahre alt – und Mutter. Für ihre Kinder hat sie bewusst einen anderen Weg gewählt. Sie hat sich ein Leben aufgebaut, das auf den Werten basiert, die sie sich selbst als Kind gewünscht hätte: Bildung, Sicherheit und Würde.

Für sie steht fest: Keines ihrer Kinder wird eine Bush School besuchen.

Zwar erkennt sie an, dass dort auch positive Werte vermittelt wurden. Doch sie ist überzeugt, dass kulturelle Traditionen niemals auf Kosten des Wohlergehens von Mädchen und jungen Frauen gehen dürfen.

„Ich selbst konnte nicht zur Schule gehen – und spüre die Auswirkungen bis heute.“

Bendu Karbbah, möchte eine bessere Zukunft für ihre Kinder

Wenn Gemeinschaften umdenken

Catherines Stimme ist Teil eines wachsenden Dialogs innerhalb ihrer Gemeinde – über Mädchenrechte, Tradition und wirtschaftliche Alternativen.

Lokale Führungspersonen gestalten diesen Wandel aktiv mit. So berichtet Bendu Hayes, eine sogenannte Zoe-Frau (traditionelle Initiationsleiterin), von ihrem Perspektivwechsel:

„Ich nehme die Mädchen heute für drei oder vier Wochen mit, um mit ihnen über Disziplin und Respekt zu sprechen. An schädlichen Praktiken bin ich nicht mehr beteiligt.“

Auch Bendu Karbbah, Präsidentin der Frauen des Dorfes, betont die Bedeutung von Bildung:

„Die Bush School lehrt Respekt, aber die reguläre Schule ist der richtige Ort. Ich selbst konnte nicht zur Schule gehen – und spüre die Auswirkungen bis heute. Wenn meine Töchter gebildet sind, haben sie eine bessere Zukunft.“

Bendu Hayes sitzt Porträt auf einem roten Gartenstuhl
Die lokale Führungspersönlichkeit Bendu Hayes bietet heute ausschließlich konstruktive Betreuung an Plan International
Vier Menschen sitzen nebeneinander auf einer Bank vor einem Baum
Von links: Bendu Hayes, ein nicht identifizierter Mann, Catherine (44) und Bendu Karbbah Plan International

Bildung braucht wirtschaftliche Perspektiven

Immer deutlicher wird: Nachhaltiger Wandel braucht auch wirtschaftliche Alternativen. Viele Gemeinden fordern Unterstützung beim Aufbau von Einkommensmöglichkeiten – etwa durch Spargruppen, berufliche Qualifizierungen oder von Frauen geführte Kleinunternehmen.

Solche Initiativen schaffen neue Lebensgrundlagen – und ersetzen Einkommen, die zuvor mit Bush School-Aktivitäten verbunden waren.

Die Arbeit von Plan International im Bomi County zeigt bereits Wirkung. Durch Aufklärungsarbeit, Dialogformate mit traditionellen und religiösen Führungspersonen, Bildungsförderung sowie Programme für alternative Einkommensquellen konnte die Verbreitung von FGM spürbar reduziert werden.

Doch Catherine weiß: Der Weg ist noch nicht zu Ende.

Ihre eigene Geschichte verleiht ihrem Engagement besondere Glaubwürdigkeit. Sie setzt sich heute für stärkeren Schutz von Mädchen sowie für mehr wirtschaftliche Chancen für Frauen ein.

Hoffnung für die nächste Generation

Catherine steht stellvertretend für eine wachsende Generation von Müttern und Gemeindemitgliedern, die schädliche Praktiken hinter sich lassen wollen – ohne dabei positive kulturelle Werte aufzugeben. Ihre Geschichte zeigt: Veränderung ist möglich.

Wenn Gemeinden auf Dialog setzen, wenn Aufklärung Wissen schafft und wenn wirtschaftliche Perspektiven entstehen, können Mädchen frei von Gewalt aufwachsen – und selbstbestimmt über ihre Zukunft entscheiden.

 

Die Geschichte der Friedenshütten wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Liberia erstellt.

Menschen versammeln sich auf einem Dorfplatz in einem Dorf in Liberia und gehen alltäglichen Aktivitäten nach.
Auf dem Dorfplatz spielt sich das tägliche Leben ab. Hier treffen sich Familien, tauschen Neuigkeiten aus und sprechen über Themen, die ihre Gemeinschaft bewegen Plan International

Ihre Spende für die Plan-Projekte

Sie möchten dabei helfen, die Lebensumstände von Kindern – insbesondere Mädchen und jungen Frauen – sowie ihren Familien in Afrika, Asien und Lateinamerika zu verbessern? Plan International setzt sich in seinen Programmländern dafür ein, den Menschen Zugang zu Einkommen, sauberem Trinkwasser und Sanitäreinrichtungen, Bildung, Gesundheitsdiensten, Kinderschutz, Nothilfe sowie Gleichberechtigung zu ermöglichen.

Helfen Sie dabei mit und spenden Sie jetzt in den Sonderprojekt-Fonds von Plan International!

Jetzt unterstützen

Sie mögen diesen Artikel? Teilen Sie ihn gerne.